Donnerstag, 31. März 2011, 10.02 Uhr

"Mädchen kommen in unserem Schulsystem besser klar"

Florian Regensburger

Florian Regensburger in den Rubriken Leben und Lernen

Mädchen ziehen früher zu Hause aus als Buben. Warum eigentlich? Die Familienpsychologin und Pädagogin Sabine Walper glaubt, einen Grund zu kennen: "Unser Schulsystem ist so ausgelegt, dass Mädchen darin besser klarkommen."

Durchschnittsalter, mit dem junge Menschen bei ihren Eltern ausziehen, im europäischen Vergleich; Grafik: BR / Henrik Ullmann

Diagramm: Durchschnittliches Alter, mit dem Männer und Frauen aus dem Elternhaus ausziehen

Die Statistik zeigt: In allen 27 EU-Staaten, die für eine Studie der Europäischen Union untersucht wurden, liegt das durchschnittliche Auszugsalter der Männer über dem der Frauen: Rumänien mit drei oder Bulgarien mit sogar gar knapp vier Jahren Unterschied führen die Liste an. In Frankreich oder Großbritannien ist die Differenz mit rund einem Jahr kleiner, aber dennoch deutlich - wie auch in Deutschland. 

Bildungssystem für Mädchen?

Walper, Professorin für Pädagogik an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, erklärt die Werte aus der Studie "Youth in Europe" vor allem mit längeren Ausbildungszeiten der Männer - bedingt bislang einerseits durch die Wehrpflicht, aber auch dadurch, dass sich das weibliche Geschlecht einfach besser in unserem Bildungs- und Ausbildungssystem zurechtfände. Das zeigten Erfahrungswerte: Buben säßen häufiger "in Förderklassen" und drehten ihre Schleifen in "berufsvorbereitenden Jahren". Sie bräuchten länger, bis sie ihren Weg fänden. Frauen dagegen seien "besser organisiert" und kämen in ihrer Bildungsbiographie früher an den Punkt, an dem sie wüssten, "was sie wirklich wollen".

Mit 18 zu Hause ausziehen

Das bestätigen Beispiele unserer Blogger: Julius ist unschlüssig was er werden möchte: Lehrer, Journalist oder doch Psychologe? Flo will zwar irgendwie Kameramann werden, aber erst freiwillige Arbeit im Ausland leisten und Praktika machen, um sich weiter zu orientieren. Für Vanessa dagegen steht fest: Sie will Journalistik studieren. Auch Julia, Janna und Riccarda, die in Regensburg eine gemeinsame WG planen, haben schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was sie studieren möchten. Und: Mit 18 ziehen sie von zu Hause aus.

Die drei Fränkinnen liegen damit weit unter dem Durchschnitt: Demnach machen Frauen in Deutschland mit knapp 24 Jahren den Schritt in einen eigenen Haushalt, Männer mit 25. Diese Zahlen erfassen jedoch alle Bildungsschichten, dass Abiturienten mit Studienwunsch früher ausziehen, ist normal: Die Hochschulstandorte liegen oft weit vom Elternhaus entfernt. Dazu bieten Wohnheime Zimmer, die meist auch ein Studentengeldbeutel stemmen kann. Studienkredite geben zusätzlichen Handlungsspielraum. Mit dem Gehalt eines Auszubildenden ist eine Wohnung auf dem freien Mietmarkt dagegen oft kaum zu finanzieren.

Altersgefälle von Südost nach Nordwest

Der starke Anstieg des Auszugsalters, je weiter man in Europa Richtung Süd-Osten blickt (siehe Diagramm oben), erklärt sich laut Walper durch drei Faktoren. Erstens: Die Arbeitsmarktsituation. In vielen südeuropäischen Staaten, allen voran Italien, herrsche eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit; Zweitens: Die sozialstaatliche Absicherung. Etwa in Schweden bekomme jeder Student ein "Staatsstipendium" spendiert. Auch in Deutschland kommen Studierende relativ leicht an staatliche Fördergelder oder zumindest ein Studiendarlehen; Drittens: Soziale Normen. Während die Abnabelung junger Leute vom Elternhaus etwa in Skandinavien ein hohes ideelles Gut darstelle, sei es in großen Teilen Italiens oder auch der Türkei weit weniger gesellschaftlich akzeptiert, dass junge Leute als Single alleine wohnen.

3 Kommentare

  1. avatar Franz Georg Fuchs sagt:

    Zwei Fragen:

    1. Wieso sollten Studenten mehr Geld zur Verfügung haben als Azubis? Wer zahlt den im Endeffekt das alles? Doch auch wieder die Eltern. Es soll auch noch so altmodische Menschen geben, die sich nicht schon in jüngsten Jahren als Schuldsklaven der Banken auf die Zinsgaleere begeben wollen.

    2. Dass junge Menschen in Bulgarien länger zu Hause leben, hat natürlich nur mit der Unselbstständigkeit der dortigen jungen Leute zu tun und nichts mit deutlich niedrigeren Einkommen. Aber Ideologen empfinden solche Fakten wohl eher als störend. Wenn Welt und Theorie nicht zusammenpassen, dann muss sich die Welt ändern, die Theorie ist keinesfalls falsch.

  2. avatar Florian Regensburger sagt:

    1. "Wieso sollten Studenten mehr Geld zur Verfügung haben als Azubis?" --> Das wird im Artikel weder vom Autor noch von der Professorin behauptet. Es wird lediglich gesagt, dass Studenten leichter an staatliche Fördergelder und Studienkredite sowie gleichzeitig an günstige Wohnheimzimmer kommen können. Azubis müssen sich dagegen auf dem freien Mietmarkt umsehen.

    2. Es wird ja auf die teilweise prekäre Arbeitsmarktsituation (und damit implizit auf finanzielle Gründe für das Länger-zu-Hause-Wohnen) hingewiesen und auch darauf, dass es in Deutschland und anderen nord- / mitteleuropäischen Ländern mehr Geld für Studenten gibt. Dass die jungen Menschen z.B. in Bulgarien unselbstständig seien, wird auch nicht gesagt, sondern nur, dass gesellschaftliche Konventionen einem frühen Ausziehen aus dem Elternhaus entgegenstehen.

  3. avatar DJH sagt:

    Naja, also wenn ich mich so umsehe, gibt es bei den jungen Männern 2 verschiedene Typen:
    1. die, die möglichst schnell „raus“ wollen, ihr eigenes Leben in ihren eigenen Konventionen führen wollen
    und 2. die, die es doch ganz bequem finden, ein wenig länger daheim bei den Eltern zu wohnen, sich Miete und diverse Nebenkosten zu sparen und dafür kleine Einschränkungen in der „Freiheit“ (kommt natürlich auch auf die Eltern an) akzeptieren.

    Ich glaube einfach, viele junge Männer (mehr als Frauen) sind schlichtweg zu bequem, um Ausbildung / Studium und eigenen Haushalt auf einmal anzufangen. Wozu unnötig Stress machen, wenns auch einfacher geht. Und das ist eine Tendenz, die ich allgemein beim Männer-Frauen-Vergleich immer wieder beobachte.
    Und DAS kann übrigens auch das Verhältnis der Förderklassenschüler erklären: Die Ansprüche an sich selbst sind eben einfach im Schnitt niedriger angesetzt („Vier gewinnt“), das macht das Leben nämlich einfacher – geht halt auch ab und zu schief.

    Woher diese unterschiedliche Einstellung dann kommt, das ist eigentlich die interessante Frage…