Michelle Klein weiß, wie sich der Moment anfühlt, den ein angehender Student eigentlich nicht erleben möchte. Die Schrecksekunde wenn ein Mitarbeiter der Universität die Papiere zur Einschreibung durchblättert und feststellt: Da fehlt doch was! Michelle hatte das Wichtigste im 800 Kilometer entfernten Rostock gelassen: Ihre Eltern.
Denn zum Zeitpunkt ihrer Einschreibung an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) war Michelle erst 17 Jahre alt. Und Minderjährige müssen auch mit dem Abiturzeugnis in der Tasche noch das Einverständnis ihrer Eltern nachweisen.
Michelle erzählt, wie es doch noch mit der Einschreibung geklappt hat:
Nicht ohne meine Eltern
Das ist jetzt gut drei Jahre her. Damals hatte Michelle gerade ihr G8-Abitur bestanden – in Mecklenburg-Vorpommern. Nun gibt es das verkürzte, achtjährige Gymnasium auch in Bayern und damit mehr minderjährige Studenten. Schüler etwa, die mit fünf Jahren eingeschult wurden oder, wie Michelle, die erste Klasse übersprungen haben. Inzwischen studiert die 20-Jährige im siebten Semester Chemie und ist eine der Geschäftsführerinnen der Studierendenvertretung der LMU.
Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass es mit der elterlichen Unterschrift für die Einschreibung noch nicht getan ist. Gerade die ersten Schritte an der Uni sind für Minderjährige oft schwierig, sagt Michelle. „Zum Beispiel brauchen U-18-Studenten die Zustimmung der Eltern auch bei der Wohnungssuche, in manchen Bibliotheken oder wenn man eine EC-Karte beantragt. Auf Erstsemesterpartys, oder wenn man bei einer der Ersti-Fahrten mitmacht, müsste eigentlich jemand die Minderjährigen beaufsichtigen. Das sind viele kleine Sachen, die einigen Aufwand verursachen.“
Was die Uni-Partys angeht: dort gilt ohnehin der Jugendschutz. Da sie öffentlich sind, Eintritt kosten und Alkohol ausgeschenkt wird, müssen die Veranstalter dafür sorgen, dass Minderjährige bei Cocktails und Co. leer ausgehen und um Mitternacht das Gelände verlassen. Alterskontrollen sind also Pflicht. Denn 15-, 16-, 17-jährige Partybesucher könnte es immer geben, ob sie Studenten sind oder nicht.
Wohnung ja, Kredit nein
Vor allem beim Finanziellen hängt für die minderjährigen Studenten alles an der Unterschrift der Eltern. Ob Mietvertrag oder BAfÖG-Antrag, keinen Schritt können sie allein machen. Studienkredite, wie sie etwa die staatliche Förderbank KfW anbietet, gibt es sogar nur, wenn neben den Eltern auch noch das Familiengericht zustimmt. Der einfachste Weg zum Studienkredit bleibt bis dato die Volljährigkeit.
Aber wie viele Studierende betrifft das alles nun genau und sind die Universitäten für sie gerüstet? Ist eine U-18-Studienberatung nötig oder eine Campus-Aufsicht und werden bald alle Computer in der Bibliothek mit einer Sperre für jugendgefährdenden Internetseiten ausgestattet?
Tausende Erstsemester …
Genau weiß das alles niemand. Aus dem Bayerischen Wissenschaftsministerium heißt es vage, mit einer großen Masse Minderjähriger rechne man nicht. Es fehlen genaue Zahlen. Erst in diesen Tagen enden die Nachrückverfahren an den Universitäten.
Eines allerdings zeigen bereits die vorläufigen Daten: Wie erwartet hat der doppelte Abiturjahrgang die Gesamtzahl der „Erstis“ nach oben schnellen lassen. Vor einem Jahr zählte die LMU in München 7.935 Studienanfänger. 2011 ist die 9.000er Marke zum Wintersemester schon geknackt. Ein ähnliches Bild an der Universität Nürnberg-Erlangen. Sie verzeichnet bisher 6.768 Erstsemester, rund 1.400 mehr als im Vorjahr. Auch in Passau ein deutlicher Anstieg: 10.173 neue Studenten kommen im Wintersemester dazu; vor einem Jahr waren es 9.177.
Bayernweit hatte schon das sonst weniger beliebte Sommersemester alle Rekorde gebrochen: Rund 13.000 Studienanfänger meldete das Statistische Landesamt. 2010 waren es gerade einmal 5.000. Naheliegend, dass bei dieser Masse auch einige dabei sind, die mit fünfeinhalb eingeschult wurden und jetzt erst 17 sind.
… und immer mehr unter 18
Einige Universitäten haben die Minderjährigen unter den Erstsemester bereits ermittelt. Und auch wenn sie nur einen kleinen Teil der Studentenschaft ausmachen - ihr Anteil ist überproportional gestiegen. Vier Minderjährige waren es vor einem Jahr in Nürnberg-Erlangen, in diesem Wintersemester sind es 14. Die Universität Passau hat nun elf minderjährige Erstsemester, zwei waren es im Winter 2010/2011. An der LMU beginnen sogar 93 Minderjährige ein Studium, vor einem Jahr waren es 26. Allerdings ist die Anzahl nur kurze Zeit so hoch - bis zum Jahresende werden 63 von ihnen volljährig werden. An der Fachhochschule München haben in den vergangenen Jahren manchmal gar keine Unter-18-Jährigen angefangen, in diesem Jahr wird ihr Anteil voraussichtlich im einstelligen Prozentbereich liegen.
Informieren und fordern
Am Montag also beginnt das neue Semester. Noch ist es ruhig in der Studierendenvertretung der LMU. Michelle Klein würde aber gerne sehen, dass es mehr Service für die Jüngsten gibt.
Was sie sich von der Universität wünscht:
Auch der Gesetzgeber sei gefragt, so Michelle. "Es gibt gute Gründe dafür, die Geschäftsfähigkeit minderjähriger Studenten auszudehnen, so wie es etwa bei minderjährigen Auszubildenden längst der Fall ist."
Deutschlandweit wird die Zahl der U-18-Studenten wohl weiter wachsen. Noch fünf Jahre, dann ist das achtjährige Gymnasium in 13 Bundesländern eingeführt. Dass der Altersdurchschnitt in Vorlesungen und Seminaren weiter sinkt müsse auf die Lehre keinen negativen Einfluss haben, findet Michelle Klein. "Wenn man sich mit 17 Jahren reif genug fühlt, an die Uni zu kommen, denke ich schon, dass man auch reif genug ist Verantwortung zu übernehmen. Und dann sollte man die Leute auch entsprechend fordern.“


















8 Kommentare
In Amerika gibt es 5 Grundschuljahre und 8 Sekundar Jahre, da kommt man genau auf 13 Jahre Schule und die Jugendlichen sind so 18 Jahre alt wenn sie ins college eintreten. 18 Jahre -Volljaehrigkeit, das ist sehr wichtig fuer das Studentendasein.
In Frankreich gibt es ebenfalls 5 Grundschuljahre und anschliessend 8 Sekundarjahre und der Grund liegt offensichtlich in der Volljaehrigkeit. Warum Probleme schaffen fuer Minderjaehrige an der Uni wenn man dies durch ein Gesetz aendern kann?
grade 12 ist der Abschluss des Abiturs in den meisten Laendern, warum sind die Deutschen da im Nachteil oder Vorteil, je nach dem, von welcher Seite man die Sache angeht? Man sollte ein Jahr mehr fuer die Grundschule anhaengen, den meisten Kindern taeten dieses Jahr mehr gut zum Vertiefen der Grundkenntnisse.Auf diese Weise waeren dann die meisten Studienanfaenger 18 bei ihrem Studienbeginn.
Ich finde den Artikel sehr gelungen. Schön multimedial umgesetzt mit den Bildern, dem Text und den Audiodateien (davon könnten es meiner Meinung nach ruhig noch etwas mehr sein).
Ich hab 2002 auch mit 17 angefangen zu studieren und es war wirklich extrem nervig. Wenigstens waren meine Eltern in der selben Stadt, so dass es kein so großes Problem war. Aber man braucht selbst für die lächerlichsten Sachen deren Unterschrift.
Und was bringt uns das Ganze? Dass wir schon aus Kindern kleine Erwachsene basteln. Niemand mehr die Gelegenheit hat, ein wenig Lebenserfahrung vor dem Beruf zu sammeln. Bisher war unser Bildungsstandard in Europa doch auch sehr ordentlich, und es ging noch menschlich zu. Nur noch Leistung, Leistung, Leistung, und dann wundern wir uns, wenn heute schon 14-Jährige einen Burnout erleben. Übrigens: Diese Michelle im Beitrag: Hat die auch noch andere Interessen außer Lernen? Ich fürchte, die junge Dame ist, das, was wir früher einen Streber nannten.
@karlo
100%v agree
@Karlo:
Du kennst diese Person doch überhaupt nicht. Jemanden als "Streber" zu bezeichnen, nur aufgrund der Tatsache als Minderjähriger ein Studium aufgenommen zu haben, finde ich echt traurig.
@Karlo: Solche unsachlichen Kommentare sind hier im Abi-Blog unerwünscht. Deshalb unterbrechen wir diese Diskussion an der Stelle. Kommentare zum Thema sind aber immer willkommen.