Samstag, 11. Februar 2012, 00.54 Uhr

Horizontale Blickrichtung

Miriam Buchmann

Miriam Buchmann in den Rubriken Leben und Lieben

Ich hatte noch nie besonders weit in meinen Zukunftshorizont geblickt. Das mag wohl weniger an meiner Kurzsichtigkeit als an meiner chronisch bedingten Unentschlossenheit liegen. Mit dem Abi 2011 hatte ich mein letztes festgesetztes Ziel erreicht. Dann ist plötzlich alles vorbei, mein streicht das letzte TO-DO aus seinem Terminplaner und lässt sich von der leeren Freiheit angähnen. Im ersten Moment genießt man einfach dieses phänomenale Vakuum aus Entspannung und völliger Unbeschwertheit.  Doch dann mit seinem Abiturzeugnis hält man den Schlüssel für die nächste Tür in den Händen. Man hat so viele Möglichkeiten und würde am liebsten über jede einzelne einmal mit der Hand drüber streichen, nur um zu erfahren wie sie sich anfühlt. Und dann muss man feststellen, dass einem dazu gar nicht die Zeit gelassen wird. Irgendwann wird diese Vakuumblase von außen mit vielen Fragezeichen bombardiert und man erkennt, dass man sich nicht ewig so schön im Kreis drehen kann, weil es gerade so schön ist und so einfach. Man steht an dieser riesigen Kreuzung ohne Schilder und weiß einfach nicht, in welche Richtung man den ersten Schritt setzten soll. So ging es mir, da kamen plötzlich Entscheidungen auf mich zu, für die ich mich viel zu klein fühlte. Keine 50/50 Chance, kein Pro und Contra, nur man selbst mit sich allein.

 

Von heute auf morgen muss man sich so Fragen stellen wie: Was will ich eigentlich? Wo will ich hin? Was kann ich mit mir überhaupt anfangen?

Absurderweise hatte ich noch nie eine klare Linie. Meine Interessen hatten sich stets in alle Richtungen gestreckt, ohne eine erkennbare Präferenz, ganz so als hätte ich gleich mehrere Pole in mir, die sich ping-pong-artig ihre Launen zuspielen. Eines wusste ich jedoch sicher, ich wollte studieren. Nach Umwegen über Physik und Psychologie bin ich zu dem sagenhaften Entschluss gekommen Politikwissenschaft studieren zu wollen. Nein, ich denke nicht, dass das mit einer unterbewussten Vorliebe für den Buchstaben P zusammenhing. Vielleicht war es die rebellische Ader in mir, die wegen meines 1-er-Schnitts mal so richtig alternativ sein wollte...ich weiß es gar nicht mehr. Jedenfalls, nachdem meine Oma mir stolz verkündet hat, dass sie dann einmal für mich wählen gehen wird, wusste ich, dass ich das richtige mache. Natürlich will ich keine Politikerin werden, dafür müsste schon noch sehr viel schief gehen. Es ist mehr diese optimistische Haltung! Auch, wenn dieser Weg eine vermeintliche Brotlosigkeit prophezeit, es ist immerhin ein "nach vorne Gehen" und es ist gerade diese Offenheit, in der ich mich wohl fühle. Auch, wenn es seltsam klingt, ich finde es ungemein beruhigend, nicht zu wissen, wo ich in zehn Jahren stehen werde. Was aber nicht heißen soll, dass ich keine Ziele hätte. Im Gegenteil ich will ganz nach vorne, nur hab ich die Richtung dabei noch nicht ganz klar definiert.

In der Regel, lass ich mich von den Dingen gerne überrennen, einfach abwarten und gucken, wohin es mich verschlägt, daran wird sich wohl in der Zukunft auch nichts ändern. Schließlich ist es ganz gleich wohin man geht die Hauptsache ist doch, dass am Ende die Aussicht stimmt. Na, ihr wisst schon, was ich meine -  Glück, Freiheit, Zufriedenheit und  all diese ganzen netten Sachen.

An dieser Stelle danke ich auch euch allen, die ihr meinen Weg in dem ganzen letzten Jahr begleitet habt. Abi 2011 - die Expedition war für mich wirklich eine einmalige Erfahrung. Egal, wohin es euch verschlägt, welche Richtung ihr für eure Zukunft wählt,  wichtig ist nur, dass man nie zu lange stehen bleibt, oder sich im Kreis dreht. Immer eine horizontale Blickrichtung bewahren - davon bin ich überzeugt (mit meinen aufrichtigen zarten 19 Jahren.) Macht es gut! :)

3 Kommentare

  1. avatar silva schlonski sagt:

    Hallo!
    Ich habe gerade Eure Sendung auf B2 gehört und möchte Euch mit meinem Kommentar mitteilen, dass ich das im Radio Gehörte sehr traurig und arm finde! Im Leben eines Menschen geht es um mehr als um Abi, Studium , Job- Karriere und Geld. Es geht um die Entwicklung einer Persönlichkeit , welche das eigene Leben ergreift und lebt mit allen Höhen und Tiefen. Doch was im Radio zu hören war, sind junge Menschen , welche sich zu Rädchen, indem eigentlich recht menschenfeindlichen Gesellschafts - und Wirtschaftssystem, machen lassen. Ja , natürlich! Das ist ja auch so gewollt, denn wirkliche Persönlichkeiten, die sich nicht anpassen und nicht alles mitmachen,sondern Dinge hinterfragen, will das System ja gar nicht haben. Trotzdem wünsche ich Euch für den weiteren Lebensweg viel Gutes, doch Selbstbestimmung sieht anders aus!

  2. avatar Augsburger sagt:

    Thumbs up, Silva!

  3. avatar Julius Mayer sagt:

    Vielen Dank für den Tipp, mir kommt es tatsächlich auch so vor mit den "Rädchen", die wir geworden sind. Deswegen mache ich ja jetzt erst mal ein Pausensemester und breche aus dem Hamsterrad aus! :-)