Warum lassen wir Anschläge viral gehen?

Von Michael Bartlewski Anschläge oder Amokläufe: Wenn etwas passiert, haben wir das Handy in der Hand. Livestream auf Periscope oder Facebook, Rätselraten auf Twitter, Gerüchte über Whatsapp. Meistens wenig sachlich, manchmal sogar falsch – trotzdem geraten wir in den krassen Sog von Gewalt und Voyeurismus. Was macht das mit uns? Und warum können wir nicht anders, als doch draufzuhalten und draufzuklicken? Die Frage gibt es auch zum Download als Podcast.

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Mein Fazit

Es ist kompliziert. Einerseits gehen diese Anschlags-Videos viral, weil wir natürlich wissen wollen, was da abgeht, in was für einer Welt wir leben. Wer die Bösen sind.Die Frage Reporter Michael Bartlewski 2

Ich habe gelernt, dass unser Gehirn so funktioniert, dass wir negativen Ereignissen mehr Aufmerksamkeit schenken. Das ist sogar evolutionsbiologisch so: Wir müssen wissen, was uns bedroht…damit wir zum Beispiel unser Verhalten ändern. Also ziehen wir uns alle Infos dazu rein, was wir finden können.

Viele von uns können sich das alles einfach anschauen, aber bei einigen bleibt dann was hängen, sie können davon traumatisiert werden. Meint die Psychologin Pam Ramsden, die eine Studie über Gewaltvideos in Social Media gemacht hat.

Es ist doch wie alles andere, was gefährlich sein kann – wie Rauchen oder Alkohol. Wir also aufpassen, dass wir uns diese Bilder nicht andauernd reinziehen. Die Bilder haben eindeutig Auswirkungen und uns muss klar sein, dass sie uns Schaden können.“ – Pam Ramsden

Die Likes und Viewzahlen bei Facebook und YouTube führen dazu, dass sich Leute angestachelt fühlen so etwas zu produzieren. Und was die Social Media Hysterie bei solchen krassen Ereignissen wie dem Münchner Amoklauf angeht, das ist es einfach wichtig zu schauen, wem wir dann vertrauen. Dass wir vielleicht ein, zwei Momente nachdenken: Was lese ich hier auf Twitter? Stimmt das? Lasse ich mich davon anstecken….

Die Amoknacht auf Twitter

Die Amoknacht auf Twitter

Und deshalb ist es so wichtig, dass es auch dort offizielle Stellen wie die Polizei sind und einen guten Job macht. Jemand muss Ruhe und Sachlichkeit reinbringen. Weil: Wir reagieren im Ausnahmezustand einfach über.

Markus Ellmeier, Social Media der Polizei MünchenMan sollte sein eigenes Verhalten reflektieren und überprüfen, ob man sich zum Angstverbreiter macht. In dem Moment, in dem es um könnte, hätte, sollte geht, dass man sich da zurücknimmt und die Spekulationsschiene rausnimmt.“ – Markus Ellmeier, Social Media der Polizei München

Weniger spekulieren führt zu weniger Panik. Am dramatischsten finde ich aber tatsächlich den Nachahmungs-Effekt. Wir klicken die Videos…und machen das was die Täter wollen…Ein paar französische Zeitungen haben schon aufgehört Bilder von den Attentätern zu zeigen, damit sie nicht noch mehr Fame bekommen.

Denn Terroristen wollen mit den Bildern zu ihren Anschlägen, dass wir in Zukunft Angst auf der Strandpromenade haben oder im Zug. Das sagt auch Chris, der ein Forum über Amokläufe betreibt.

Chris - Betreiber eines Forums über AmokläufeJeder Dschihadist weiß auch, dass danach etwas passiert, dass sich die Gesellschaft verändert. Dass Menschen Angst haben und dadurch drei Mal nachdenken, ob sie zum Beispiel zu einem Konzert gehen oder nicht. Das Wichtige in dem Moment ist, zu sagen, egal, ich mach genau so weiter wie vorher.“ – Chris, Betreiber eines Forums über Amokläufe

Denn sonst haben die Täter gewonnen.