Ist man an Armut selbst schuld?

Wenn die Kohle nicht reicht, muss man sich halt mehr anstrengen. Vorwürfen wie diesem begegnen arme Menschen jeden Tag. Dabei sind fast 20 Millionen Menschen in Deutschland armutsgefährdet. Ist man an Armut selbst schuld? Diese Frage klären wir in unserer TV-Sendung.

In unsere Sendung sind wir auch immer wieder auf Vorurteile über Arme gestoßen. Vorurteile, mit denen wir aufräumen wollen.

Warum wir falsch über arme Menschen denken

5 Vorurteile über Arme im Check

Faul, betrügerisch, zu anspruchsvoll? Solche Vorurteile über arme Menschen halten sich hartnäckig. Dabei ist das Gegenteil oft näher an der Realität. Wir haben 5 Vorurteile über Arme überprüft – und auch mit der Lebenssituation von Heidi und Dave verglichen, die wir im Feature „Ist man an Armut selbst schuld?“ begleitet haben.

"Arme Leute wollen nicht arbeiten"

Den ganzen Tag chillen und dafür genug Geld einstreichen, dass es sogar noch für Kippen reicht: Klingt doch nach einem ganz annehmbaren Lebensentwurf. Für manche eben so annehmbar, dass sie gar nicht erst Arbeit suchen. Oder?

Heidi und Dave entsprechen nicht dem Klischee. Heidi macht eine Ausbildung zur Siebdruckerin: Sie arbeitet Vollzeit, verdient aber nur ein besseres Taschengeld – 300 Euro im Monat. Auch Dave arbeitet für seine Koch-Ausbildung richtig viel: Er fängt jeden Tag vor elf Uhr morgens an und macht erst nach Mitternacht Feierabend – keine Seltenheit in der Gastro. Trotzdem verdient er als Kochlehrling im ersten Lehrjahr nur 550 Euro im Monat.

Das deckt sich mit den Statistiken: Die meisten armen Menschen arbeiten – sogar viele, die Hartz IV beziehen: 1,2 Millionen Menschen und damit fast ein Drittel aller Hartz-IV-Bezieher arbeiten als sogenannte Aufstocker, 75.000 arbeiten in einem 1-Euro-Job. Und die, die keine Arbeit haben, wünschen sich in der großen Mehrzahl welche und bemühen sich auch, eine zu finden – denn ein Leben ohne Arbeit macht nicht selten depressiv.

"Wer sich in Deutschland richtig reinhängt, der schafft‘s auch"

Ob nach einer bestandenen Prüfung oder beim Weiterkommen im Job: Fast alle haben schonmal die Erfahrung gemacht, dass sich Anstrengung am Ende doch lohnt. Und können sich deshalb gar nicht vorstellen, dass es anderen nicht so geht – oder dass es für andere vielleicht viel schwieriger ist. In Deutschland bleiben aber immer noch drei Viertel aller Kinder, deren Eltern aus der Unterschicht kommen, in der Unterschicht. Das liegt vor allem an den ungleichen Bildungschancen: Fast die Hälfte aller Hauptschüler haben auch Eltern mit einem Hauptschulabschluss. Und nur 23 Prozent der Kinder aus Nichtakademikerfamilien schaffen es an die Uni. Bei Kindern mit Akademikereltern sind es 77 Prozent.

 
Dazu kommt die soziale Komponente – also die Frage, inwieweit das eigene Umfeld einen motiviert und fördert. Bei Heidi gab’s weder Motivation noch Förderung – und damit hat sie bis heute zu kämpfen: „Im Heim hat es von Anfang an geheißen: Ich kann ja nichts! Und ich finde es schon schwer, diese Meinung einfach links liegen zu lassen und zu sagen: Ich mach das jetzt, ich kann das jetzt!“ Arme Menschen haben es auch aus solchen Gründen oft sehr viel schwerer, höhere Qualifikationen zu erreichen.

Und selbst mit Qualifikation kann es nicht jeder schaffen, bei konstant knapp 3 Millionen Arbeitslosen. Die Jobs sind einfach nicht da. Auch einen Ausbildungsplatz kann nicht jeder finden: Momentan gibt es zwar mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. Die sind aber regional ungleich verteilt, außerdem gibt es oft fachliche oder qualifikatorische Anforderungen, die nicht jeder Bewerber erfüllt. Dazu kommt, dass zuerst Gymnasiasten und Realschüler eingestellt werden – und Hauptschüler kaum Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Es fallen also immer Menschen durchs Netz – egal, wie sehr sie sich anstrengen.

"Obdachlose haben sich ihr Leben so ausgesucht"

Wer die Miete nicht mehr bezahlen kann, soll sich halt beim Arbeitsamt melden. Wer seine Wohnung verliert, kann doch bei Freunden unterkommen und sich dann eine neue besorgen. Aber auf der Straße leben muss doch in Deutschland nun wirklich keiner. So die landläufige Meinung über Obdachlose. Hat man keine Familie und Freunde, die einem in einer Krise helfen, sitzt man aber doch schneller auf der Straße, als man meint.

Auch bei Dave ging es schnell: Nach einem Streit warf ihn die Ex-Freundin aus der Wohnung. Für eine Weile kam er bei einem Kumpel auf der Couch unter. Kurz darauf verlor er aber auch noch seinen Job – und landete daraufhin im Obdachlosenheim. Das ist alles andere als ein Schullandheim für Erwachsene: Dave vergleicht es mit dem Frankfurter Bahnhof – weil so viele junge Leute mit Alkohol- oder Drogenproblemen zu seinen Mitbewohnern zählen. Er will so schnell wie möglich wieder eine Wohnung finden. Mit einem Budget von 350 Euro pro Monat für die Miete ist das in einer Stadt wie Schrobenhausen aber alles andere als einfach.

Wie ihm geht es Tausenden Menschen in Deutschland: Immer mehr sind ohne Wohnung. Seit einem Tiefpunkt 2008 ist die Zahl der Wohnungslosen bis 2014 wieder um 47 Prozent auf schätzungsweise – eine amtliche Statistik gibt es nicht – 335.000 gestiegen.

"Armen Menschen geht es finanziell viel zu gut"

Stories von „Florida-Rolf“ oder „Karibik-Klaus“ und anderen angeblichen „Sozialschmarotzern“, die es sich auf Kosten des deutschen Staats richtig gut gehen lassen, zeichnen ein Bild vom sorglosen Leben dank üppiger Sozialleistungen. Tatsächlich sind solche Beispiele krasse Einzelfälle: Zwar verhängten die Jobcenter 2015 insgesamt 979.583 Sanktionen, davon waren aber allein 741.157 die Folge von Meldeversäumnissen der Arbeitslosen – wirklich betrügen tun die wenigsten.

Gut Leben von Hartz IV ist auch nicht drin – Heidi und Dave spüren das jeden Tag. Obwohl sie voll arbeitet, bekommt Heidi nur 300 Euro Ausbildungsgehalt – von dem sie nur 100 Euro behalten darf, der Rest wird mit Hartz IV gegengerechnet. Insgesamt bleiben ihr 424 Euro im Monat – plus Geld für Miete und Versicherungen, die auch vom Staat übernommen werden. Trotzdem reicht das nur fürs Nötigste: „Kino und so kannst du vergessen,“ sagt sie, „du benutzt das Geld für Lebensmittel und das war‘s.“

 
Dave geht es genauso: „Einfach mal zu einem Fußballspiel oder zum Schwimmen fahren oder in ein Geschäft gehen, um eine Jacke, Schuhe oder ein Skateboard zu kaufen – das vermiss ich.“ Auch er arbeitet fünf Tage die Woche und bekommt nur ein Ausbildungsgehalt, das allein nicht zum Leben reicht.

"Armen Menschen hilft doch der Sozialstaat"

Es ist der Gedanke, der vielen kommt, wenn sie auf der Straße um Kleingeld angebettelt werden: In Deutschland muss man doch nur zum Amt gehen und schon kriegt man ausreichend Geld zum Leben. Wer bettelt, Flaschen sammelt oder zur Tafel geht, hat irgendwas richtig falsch gemacht und ist selbst schuld an seinem Elend.

Jeder in Deutschland hat Anspruch auf ein Leben in Würde, schon klar. Und Millionen beziehen Arbeitslosengeld, Wohngeld, Grundsicherung und andere Sozialleistungen. Nur leider reicht dieses Geld, wie gerade beschrieben, nur knapp zum Überleben – selbst, wenn man eigentlich arbeitet oder eine Ausbildung macht.

Und leider hat man dafür auch mit ziemlich viel Bürokratie zu kämpfen: Heidi und ihre Mutter erzählen, dass sie die Briefe vom Jobcenter oft nicht verstehen, deswegen Termine versäumen oder Unterlagen nicht einreichen – und dann Hartz IV-Leistungen gekürzt bekommen. Es klingt nach Jammern auf hohem Niveau: Aber die Bürokratie zu reduzieren, würde vielen helfen, die Hilfen des Sozialstaats auch tatsächlich und in vollem Umfang anzunehmen.

Vorurteile helfen nicht

Ein Leben in Armut ist alles andere als ein Zuckerschlecken und ausgesucht haben es sich die wenigsten. Auch sind arme Menschen selten faul oder arbeitsscheu. Sie finden nur schlicht keinen Ausweg aus ihrer Situation – auch, weil sie es oft viel schwerer hatten und haben als Menschen aus einem stabilen Elternhaus, mit einem unterstützenden sozialen Umfeld und guten Bildungschancen.

Vorurteile vergrößern den Graben zwischen denen, die es geschafft haben und denen, die irgendwann auf der Strecke geblieben sind, nur noch. Ein wenig mehr Empathie könnte der Anfang eines besseren Miteinanders sein.

Die Frage gibt es auch zum Download als Podcast.

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Reporter: Michael Bartlewski
Autor Fernsehsendung: Eva Riedmann
Kamera: Robert Stöger, Felix Holderer, Gregor Simbruner, Jakob Gross, Patrick Sauer
Schnitt: Robert Stöger
Mischung: Dieter Desinger
Grafik: Henrik Ullmann, Raphaela Ernst
Online-Projekt: Hardy Funk
Autor Online: Hardy Funk
Redaktion: Katrin Pötzsch
Leitung: Thomas Müller