Sind uns Behinderte egal?

Von Michael Bartlewski

„Bist du behindert, oder was?“ – eine Standard-Beleidigung. Gerne genommen wird auch „Spast“ oder „Mongo“. Das meint zwar niemand böse, aber verrät doch einiges über unseren Umgang mit Menschen mit Behinderung. Wir haben kaum Kontakt, weder in der Schule, Arbeit oder Freizeit. Sind uns Behinderte einfach egal?

Und ganz ehrlich: Anfangs hatte ich von dem Thema keine Ahnung. Ich weiß nicht wie das passieren konnte, aber ich kenne niemanden, der behindert ist. Ich glaube aber, da geht es mir wie vielen Leuten. Oft wissen wir nicht, wie wir mit behinderten Menschen umgehen sollen – man hat Angst etwas Falsches zu sagen oder man schaut einen Tick zu lange auf jemanden offensichtlich behinderten und schämt sich dann. Unser Verhältnis ist geprägt von Vorurteilen, Klischees, Mitleid und manchmal auch einfach Ignoranz. Das zeigen die Fragen, die Leuten wie Ninia La Grande, Raul Krauthausen und Rapper Graf Fidi immer wieder gestellt werden. Mir haben die drei erzählt, welche Fragen sie nicht mehr hören können.

Da läuft was schief. Dabei leben in Deutschland 7,5 Millionen Menschen, die eine schwere Behinderung haben.

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Graf Fidi - Kein Rollstuhlrapper

Als erstes spreche ich mit dem Rapper Graf Fidi darüber. Er macht ziemlich tolle Songs und Musikvideos mit denen er uns die Berührungsängste zu dem Thema nehmen möchte. Zum Beispiel indem er einfach mal alle Fragen beantwortet, die jedem im Kopf rumschwirren, wenn man Graf Fidi das erste Mal sieht. Mir hat er seinen Song „Ich mach‘ das mit links“ mal vorgespielt.

Graf Fidi rappt oft über Behinderung, aber in erster Linie sieht er sich als Rapper. Der „auch mal deine Mutter fickt“, wie er mir erzählt und bei Rap-Battle-Turnieren mitmacht. Beim Gespräch mit Fidi merke ich aber auch, dass ich selbst oft in die Klischee-Falle tappe. Zum Beispiel frage ich ihn ernsthaft, ob denn seine Behinderung sein Markenzeichen ist? Klar rappt er darüber, aber er ist nun mal einfach behindert, und zwar von Geburt an, wir würden ja einem anderen Rapper auch nicht fragen, ob seine braunen Haare sein Markenzeichen sind.

Damit habe ich auch die erste Lektion gelernt: Wir sehen Menschen als Behinderung oft einfach nur als „behindert“ an, den Menschen dahinter sehen wir oft erst auf den zweiten Blick. Genauso ist es zum Beispiel mit dem Rollstuhl: In der Gesellschaft gilt er als Symbol für behindert, etwas negatives – aber für Menschen mit Behinderungen ist der Rollstuhl halt einfach mal die beste Erfindung, um eben nicht behindert zu werden.

Dennis - Ein fast normaler Alltag

Das lerne ich vor allem von Dennis. Ein Supertyp mit ziemlich gutem Musikgeschmack. Dennis ist 29, und wohnt in der Münchner Pfennigparade, einer Einrichtung für behinderte Menschen. Mit 17 hatte er einen Snowboard-Unfall, seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt. Vor dem Treffen mit Dennis bin ich aufgeregt, weil ich unsicher bin, ob ich mich anders verhalten soll als normal.

Auch nach dem Gespräch mit Dennis fühle ich mich erstmal ertappt. Ich habe mit ihm fast nur über seine Behinderung gesprochen: Wie ist es passiert? Wie war was? Wie lebst du jetzt? Glücklicherweise findet Dennis das aber voll in Ordnung, er ist es auch gewohnt, wie ein Papagei, die immer gleichen Fragen zu beantworten. Die Zeit, die Dennis nach dem Unfall erlebt hat, war krass. Sein Leben hat sich von einer auf die andere Sekunde komplett verändert.

Inzwischen lebt Dennis eben wie jeder andere, nur dass er öfters auf Hilfe angewiesen ist.

„Ich mache mir im Alltag tatsächlich kaum noch Gedanken über meine Behinderung. Ich hab‘ studiert, ich hab‘ einen Freundeskreis, der gut ist. Und ich hab jetzt auch einen Job.“

Einen Job zu finden, das war aber nicht einfach. Dennis hat seeeehr viele Bewerbungen geschrieben, aber oft verlangen Arbeitgeber Mobilität, und das ist eine der Haupteinschränkungen bei Dennis. Vor ein paar Wochen hat er aber einen tollen Job gefunden, er arbeitet bei einer Sport-Rucksack-Firma als Online-Marketing-Koordinator.

Auch für die Firma ist es eine Umstellung. Dennis braucht Extra-Hardware. Den Computer bedient er per Spracheingabe und einem besonderen Headset für die Maus. Aber dafür hofft das Unternehmen auf Dennis Marketing-Skills. „Wir wollten Dennis wegen seiner fachlichen Kompetenz haben“ – sagt der Marketing Manager Jan zu mir.

Das Teilhabegesetz - Die große Ungerechtigkeit

Aber dann erzählt mit Dennis von einer extremen Ungerechtigkeit. Er wollte unbedingt einen Job in der „normalen“ Arbeitswelt haben, also nicht auf dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt für Menschen mit Einschränkungen. Dennis hat studiert, er hat sich immer weiter fortgebildet, er hat gekämpft um einen Job zu finden, aber er muss bis zu 40 Prozent seines Gehaltes wieder an den Staat abgeben.

Schuld ist eine Gesetzeslücke. Menschen, die eine Assistenz benötigen, dürfen von ihrem Gehalt erstmal nur 798 Euro behalten. Von jedem Cent, den sie mehr verdienen, zieht das Sozialamt bis zu 40% ab. Und auch sparen ist für diese Leute nicht möglich. Wer über 2600 Euro kommt, muss alles, was mehr ist an das Sozialamt abgeben. Dennis kann dadurch nicht fürs Alter ansparen und in den Urlaub fahren wird auch schwierig.

Der Staat rechtfertigt das bislang damit, dass die Menschen mit Behinderung viel aus den Sozialkassen bekommen, aber ich verstehe es einfach nicht, vor allem die Dimension ist Wahnsinn. Damit bin ich nicht alleine. 300.000 Leute haben gerade eine Petition unterschrieben, damit sich dieses Modell ändert. Behinderte haben mit dieser Regelung nämlich einfach zu wenig Anreiz sich auf dem normalen Arbeitsmarkt zu behaupten. Dabei nimmt gerade ein selbstverständlicher Kontakt wie bei Dennis bei der Firma total viele Berührungsängste.

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Behinderung - Heißt auch Isolation

Dass wir keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung haben, ist für mich eines der Hauptprobleme. Viele Einrichtung sind am Stadtrand oder in kleineren Städten. Eine davon, im fränkischen Neuendettelsau, habe ich einen Tag lang besucht.

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Viele der Bewohner würde man auf den ersten Blick nicht als „behindert“ wahrnehmen. Und der Gruppenleiter Matthias meint auch, dass das nicht immer die wichtigste Rolle spielen sollte. 

Doch das ist leider nicht die Realität, wie Christian, einer der Bewohner, erzählt. Er wird in der Fußgängerzone diskriminiert.

Und so toll mein Tag in der Einrichtung auch ist. Mir wird klar, dass wir uns oft gar keine Vorstellung darüber machen, wo und wie behinderte Menschen leben. Und zu mehr Teilhabe führen Werkstätten am Stadtrand oder „isolierte“ Einrichtungen auch nicht. Wir brauchen Kontakt. Am besten schon in der Schule. Aber davon sind wir noch weit entfernt.

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Der beste Beweis, wie wichtig Inklusion ist, ist Graf Fidis Geschichte. Sein großes Selbstbewusstsein hat er damals getankt, als er auf eine inklusive Schule gekommen ist.

Sexualität - Das Tabuthema

Und dann ist da noch das Thema Sex – und das wird häufig tabuisiert. Viele Menschen mit Behinderung werden von der Gesellschaft einfach mal für asexuell erklärt. Eine, die das ändern möchte, ist Edith aus Hamburg. 

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Ein paar bestimmte Fragen muss sie zu ihrem Job als Sexualbegleiterin fast immer beantworten.

Können Menschen mit Behinderung überhaupt Sex haben?

Ja, schließlich ist Sex mehr als nur rein, raus. Aber man muss schauen, was möglich ist, meint Edith. 

„Es wird Stück für Stück erarbeitet. Es ist oft so, dass erstmal der Wunsch da ist, mich kennen zu lernen, dann schaut man, ob man sich sympathsich ist und wie man sich annähert.“ 

Es geht also um die Frage „Wie“ und nicht „Ob“ Menschen mit Behinderung Sex haben. Denn stellt euch mal vor, ihr müsstet ohne körperliche Zuneigung auskommen – scheisse, oder?

Können dir die Leute überhaupt sagen, was sie mögen?

Manchmal kommt Edith in eine Einrichtung und da ist jemand, der nicht klar verbalisieren kann. Doch selbst dann, meint sie, bekommt man nach einer Weile ein Gefühl dafür und hört raus, was sich die Person wünscht.

„Es entspricht nicht immer dem Bild, das wir von Sexualität haben. Dann muss man versuchen, nach dem Moment zu gehen und versuchen, raus zu bekommen, was derjenige möchte.“

Ist Sexualbegleitung nicht eigentlich nur ein schöneres Wort für Prostitution?

Darüber streiten sich die Leute. Klar ist: Edith betreibt ein Gewerbe und bekommt für sexuelle Dienstleistungen Geld. Trotzdem hat sie selber noch keine generelle Antwort auf die Frage.

„Für mich ist es immer noch schwierig zu sagen, was normale Prostitution und was Sexualbegleitung ist. Ich möchte die Arbeit möglichst authentisch und möglichst gut gestalten.“

Fazit

Zeit für ein Fazit. Sind uns Behinderte egal? Naja die Recherche hat mir schon gezeigt, wir interessieren uns nicht wirklich für sie, für ihr Leben und erst recht nicht für ihre Probleme.

Viele wohnen in Einrichtungen, weg von meinem Alltag. Und auch das gemeinsame Lernen und Arbeiten ist immer noch überhaupt nicht selbstverständlich. Und oft werden sie sogar immer noch benachteiligt. Aber sobald ich Dennis, die Jungs aus der Wohngruppe oder auch Graf Fidi kennen gelernt hatte, war es schnell nicht mehr wichtig, ob und welche Behinderung sie haben, und sie waren mir eben nicht mehr egal! Also: Kontakt! Kontakt! Kontakt! ist die Lösung.

Die Frage als Fernsehsendung:

Die Frage gibt es auch im Podcast und zum Mitdiskutieren bei Facebook.

Autor: Michael Bartlewski, Tobias Henkenhaf
Redaktion: Katrin Pötzsch
Kamera/Schnitt: Robert Stöger, Tobias Henkenhaf
Online-Projekt: Anna Bühler, Kerstin Heinz
Grafik: Robert Stöger, Felix Holderer