Wie gefährlich sind Fakes im Netz?

Die Geschichte eines falschen Facebook-Posts

Von Michael Bartlewski
30. April 2016 – Lesezeit circa 7 Minuten

Fakes verbreiten sich im Netz wie sonst nur Katzenvideos. Richtig übel wird das, wenn solche Falschmeldungen gezielt eingesetzt werden, um zu hetzen. Zum Beispiel gegen Flüchtlinge.

Ich habe mich auf die Spur eines solchen Fakes im Netz gemacht. Wer schleudert das in die Welt? Wie trifft das die Opfer? Und welche Auswirkungen kann so ein Netz-Fake im echten Leben haben?

Der Post

Alles fängt an mit diesem Facebook-Post:

 
Es klingt alarmierend. Und es klingt echt, ganz so, als hätte da jemand Infos aus erster Hand. Eine Vergewaltigung soll passiert sein. Mitten in Traunstein, einer 20.000-Einwohner-Stadt in Oberbayern. Der Post nennt einen konkreten Tag und Ort. Und eine Tätergruppe. “Diese Information stammt aus einer sicheren Quelle.” Aber eine Angabe dieser Quelle fehlt. Und noch etwas sollte eigentlich stutzig machen: Das für einen Fake obligatorische “TEILEN, TEILEN, TEILEN” in Großbuchstaben.

Der Post ist einer von vielen Fakes im Netz. Und eines von vielen Gerüchten über Flüchtlinge. Allein zu sexuellen Übergriffen zählt die Hoaxmap in den letzten Monat deutschlandweit 63 Fakes.

Die Reaktion der Polizei

Der Post wird trotzdem tausendfach geteilt. Lokale Medien fragen bei der Polizei nach: Was ist da dran? Aber die Polizei weiß von nichts. Es gibt keine Anzeige wegen einer Vergewaltigung. Trotzdem macht das Gerücht weiter die Runde. Polizeisprecher Andreas Guske erzählt mir, dass sie daraufhin tätig werden müssen.

Die Polizei findet den Verbreiter des Gerüchtes und befragt ihn. Er hat es von einem guten Freund, der hat es von einem Bekannten, der wieder von jemand anderem. Und so weiter. “Acht Personen haben wir ermittelt und dann sind wir tatsächlich am Anfang dieser Kette angekommen”, erzählt mir Polizeisprecher Andreas Guske.

Danach ist klar: Die Vergewaltigung in der Traunsteiner Unterführung hat es nie gegeben. Was es gab, war eine sexuelle Nötigung. Allerdings in einer anderen Stadt zwanzig Kilometer von Traunstein entfernt, zu einer anderen Zeit, Ende des vergangenen Jahres. Wie bei “Stille Post” wurde die ursprüngliche Information bei jeder Station in der Informationskette weiter verfälscht. Bis am Ende eine Vergewaltigung in Traunstein daraus wurde.

Man kann es nicht anders sagen: Die Polizei ist ziemlich gepisst von dem Facebook-Post. Und schreibt auf ihrer Facebook-Seite: „Irgendjemand schnappt irgendwo was auf, was angeblich wieder irgendwer ganz sicher weiß… Anstatt der Sache auf den Grund zu gehen, verbreitet man es lieber im Netz oder anderweitig – ist ja einfacher.“

Wie verändert so ein Gerücht eine Stadt?

Ich fahre nach Traunstein, um herauszufinden, was das Gerücht mit der Stadt gemacht hat. Viele Leute, die ich auf der Straße anspreche, haben von der angeblichen Vergewaltigung gehört. Aber nicht zu allen ist durchgedrungen, dass es ein Fake war.

Und selbst die Leute, die wissen, dass in der Unterführung nichts passiert ist, erzählen mir, dass sie Angst haben. Denn, auch wenn sich das Gerücht als falsch herausgestellt hat, irgendetwas bleibt immer hängen.

An nur einem Nachmittag spreche ich mit drei jungen Frauen, die sich Pfefferspray besorgt haben. Nicht allein wegen der Angst vor Übergriffen durch Flüchtlinge, aber auch das spielte bei der Entscheidung eine Rolle.

Und die Flüchtlinge?

Wie aufgeheizt die Stimmung in der Stadt ist, merke ich auch, als ich eine Flüchtlingsunterkunft besuche. Schon im Dezember hat hier jemand „Vergewaltiger“ an die Hauswand gesprayt.

Peter Forster koordiniert die Flüchtlingshilfe des “Traunsteiner Netz”. Er war geschockt, als er den Facebook-Post über die angebliche Vergewaltigung im Netz entdeckt hat. „Das ist ein Spiel mit Urängsten”, sagt er, “das ist so ziemlich das schlimmste Gerücht, was man in die Welt setzen kann.“

Ich treffe auch ein paar Jungs, die hier leben. Sie strahlen, weil sie happy sind, in Traunstein zu sein – und weil es wahrscheinlich gleich zum Fußball Spielen geht. Aber was die Gerüchte über sie angeht, da sind sie hilflos. Sais aus Gambia erzählt mir, dass sie auf der Straße schräg angeschaut werden, seit das Gerücht kursiert:

Die Suche nach dem Gerüchte-Verbreiter

Aber wer hat das Gerücht in die Welt gesetzt? Über ein paar Umwege finde ich den Namen und sogar die Adresse heraus. Das Facebook-Profil des Fake-Verbreiters macht klar, dass er nichts von den vielen Flüchtlingen hält. Ich möchte unbedingt wissen, warum er das Gerücht verbreitet hat, und besuche ihn.

Der Besuch lässt mich relativ sprachlos zurück. Unser Gespräch verlief wie ein Loop. Ich konfrontiere ihn mit den Fakten, er beharrt auf seinem Standpunkt. Trotz der Ermittlungen der Polizei glaubt er weiter an die Vergewaltigung. Immerhin erzählt er mir zum Schluss. „Ich werde so etwas auf keinen Fall wieder machen. Das habe ich aus dem Fall gelernt.“

Fazit

Zwei Wochen später erhalte ich noch einmal einen Anruf aus Traunstein. Die Polizei ist dran. Sie erzählt mir von einer tatsächlichen Vergewaltigung in Traunstein. Der Täter soll gebrochen Deutsch gesprochen haben. Derzeitiger Stand der Ermittlung: Der Täter ist noch nicht ermittelt. Ob es ein Asylsuchender war, ist nicht bewiesen.

Passiert ist es nach dem Fake-Post. Und trotzdem: Macht das den Fake legitim, wenn auch nur als Warnung? Nein. Der Fake bleibt genauso unwahr wie vorher.

Denn er kann einiges auslösen in einer Stadt wie Traunstein: Junge Frauen haben mehr Angst vor Vergewaltigungen. Die Polizei hat einen riesen Aufwand, das Gerücht zu dementieren. Flüchtlinge fühlen sich unwohl, wenn sie das Haus verlassen. Weil die Ablehnung gegen sie zunimmt.

Das Problem an Fakes ist nämlich, dass die Richtigstellung oft niemanden mehr interessiert. Oder überhaupt erreicht. Und das macht Fakes eben echt brandgefährlich.

Die Frage als Fernsehsendung:

Die Frage gibt es auch im Podcast und zum Mitdiskutieren bei Facebook und Twitter.

Autoren: Michael Bartlewski, Tobias Henkenhaf
Redaktion: Florian Meyer-Hawranek, Katrin Pötzsch
Online-Projekt: Hardy Funk
Kamera/ Schnitt: Tobias Henkenhaf, Robert Stöger
Grafik: Raphaela Ernst, Chris Mühlbauer