Wie können wir den Hass stoppen?

 
 

DIE FRAGE

Ein Reporter. Eine Frage. Zwei Wochen Recherche.

Von Anna Bühler

Eigentlich kann und will ich es nicht mehr hören – die Meldungen über brennende Flüchtlingsheime, über den Rechtsterror, über Pegida, die rassistischen Parolen. Bis vor ein paar Monaten habe ich noch gehofft, dass das alles wieder von allein aufhört. Wenn alle zur Vernunft gekommen sind und gemerkt haben, dass Hass zu nichts führt. Aber da lag ich wohl falsch.

Die Frage, die ich mir jetzt stelle, ist: Was machen wir jetzt? Wie können wir den Hass stoppen? Wenn er doch nicht von allein wieder verschwindet? Gar nicht leicht, darauf Antworten zu finden. Ich war deshalb auf Demos, habe Künstler, Aktivisten sowie Fußballtrainer getroffen und mir ihre Strategien gegen den Hass zeigen lassen.

Wie dringend ist es?

Ich selbst war bisher nicht besonders aktiv. Ich war hier und da mal auf einer Demo, mal auf einem Willkommensfest für Geflüchtete. Aber das war‘s auch schon. Vielleicht auch, weil ich die Situation unterschätzt habe. Das hat mir eine bemerkenswerte Frau klargemacht.

Esther Bejarano hat das KZ Auschwitz überlebt. Ihre Eltern und eine Schwester wurden von den Nazis umgebracht. Anschließend ist sie einige Jahre nach Israel ausgewandert, kam später aber wieder zurück nach Deutschland. Und seit mehr als zwanzig Jahren redet sie über das, was sie als Kind erlebt hat. Sie geht an Schulen, spricht auf Demos, liest aus ihrer Biografie – und singt gemeinsam mit dem Rap-Trio Microphone Mafia. Sie macht das, damit möglichst viele erfahren, was während der Nazi-Herrschaft passiert ist. Und vor allem: Damit so etwas nie wieder passiert.

Serien gucken statt dem Hass in die Augen zu schauen, weiter abwarten statt aktiv zu werden – das geht nicht mehr, sagt Esther Bejarano. Dafür erinnert sie das, was gerade in Deutschland passiert, zu sehr an die Zeit vor 1933.

Und noch etwas erinnert sie an die Zeit kurz vor dem Faschismus: Dass wir die Sache nicht ernst genug nehmen und als vorübergehende Episode abtun. Genau das, so Bejarano, hätte ihr Vater damals auch gemacht – und mit dem Leben bezahlt.

Leider sprechen auch ein paar Daten für diesen alarmierenden Befund: Nach einer kurzen Phase schaut die Sache mit dem Hass nicht mehr aus.

Der Hass in Zahlen

Egal auf was man schaut – die Teilnehmer der Pegida-Demos in Dresden, fremdenfeindliche Suchanfragen, brennende Flüchtlingsheime – der Hass hat es sich bei uns eingerichtet und wird wohl noch länger bleiben.

Zwar gehen derzeit nicht mehr so viele Menschen auf die wöchentliche Pegida-Demo in Dresden wie in den ersten Wochen Ende 2014. Überhaupt sind die Teilnehmerzahlen stark abhängig von aktuellen Ereignissen. Aber immer noch demonstrieren jeden Montag mehr als 3.000 Menschen.

Wenn man das mit den deutschlandweiten Suchanfragen zu „Islamisierung“, „gegen Flüchtlinge“ und „Lügenpresse“ vergleicht, erhält man ein ähnliches Bild: Immer wieder krasse Ausschläge nach oben, aber auch eine konstante Anzahl Menschen, die fremdenfeindliche Begriffe googeln – ganz anders als noch vor zwei Jahren. Klar, Suchanfragen zeichnen nur ein sehr grobes Bild von tatsächlichen Einstellungen. Aber der Hass auf Andere zeigt sich leider auch in einer weiteren, eindeutigeren Statistik.

2015 registrierte das Bundeskriminalamt 1.029 Straftaten gegen Asylunterkünfte. Darunter 94 Brandstiftungen. 2014 waren es noch „nur“ 199 Straftaten und 6 Brandstiftungen. Auch dieses Jahr wurden allein in den ersten eineinhalb Monaten schon wieder 17 Flüchtlingsunterkünfte angezündet. Man muss sich das mal vorstellen: Jede Woche brennen in Deutschland Flüchtlingsheime.

Nach meinem Gespräch mit Esther Bejarano und dem Blick in die Statistik ist mir noch klarer als vorher: Wir müssen etwas tun. Nur was? Während meiner Recherche habe ich fünf Gegenstrategien kennengelernt, wie wir den Hass stoppen können.

Gegenstrategie 1: Auf die Gegendemo gehen

Es ist die offensichtliche Antwort: Immer, wenn Rassisten demonstrieren, auf die Gegendemo gehen. Schon allein, um ein Zeichen zu setzen. Mein Viertel, meine Stadt, mein Bundesland ist nicht nur braun, es gibt auch die andere Seite. Man macht sich sichtbar. Und das ist wichtig – auch für Leute, wie dich und mich, die dann merken: Ich bin nicht allein.

Auch in München gehen jeden Montag an die hundert Menschen mit islam- und fremdenfeindlichen Parolen auf die Straße – unter dem Banner von Bagida („Bayern gegen die Islamisierung des Abendlandes“). Ein paar hundert mehr kommen zu den Gegendemos.

Auf so einer Gegendemo treffe ich Lisa. Sie ist von Anfang an dabei und sagt: „Ich höre erst auf, wenn Pegida auch weg ist“. Und ich treffe Till. Auch er geht, wann immer er kann, zur Gegendemo.

 
Ich habe großen Respekt für Lisa und Till und für alle, die regelmäßig demonstrieren gehen. Die sich jeden Montagabend aufraffen, um Bagida, Mügida, Nügida – oder wie sie alle heißen – die Stirn zu bieten. Aber das Känguru von Tee gegen Nazis, das ich auch auf der Münchner Gegendemo treffe, beobachtet in letzter Zeit auch eine gewisse Demo-Müdigkeit.

 
Was mir auf Demos meistens fehlt, sind Diskussionen. Denn sind wir doch mal ehrlich: Niemand von der Gegenseite wird mein Schild lesen und sich dann denken „Stimmt eigentlich, lass‘ mal drüber reden!“

Trotzdem finde ich es gut und wichtig, dass es Leute gibt, die gegen Rassismus auf die Straße gehen. Demonstrieren ist aber nur eine Möglichkeit, etwas gegen Fremdenfeindlichkeit zu unternehmen. Eine Strategie ist es auch, den Hass zu bekämpfen, bevor er überhaupt entsteht. Das lerne ich beim Fußballclub ESV Neuaubing im Westen von München.

Gegenstrategie 2: Den Hass gar nicht erst aufkommen lassen

In der Herrenmannschaft des ESV Neuaubing spielen fast nur geflüchtete Jungs – es ist die erste Integrations-Fußballmannschaft Deutschlands.

Einer der Trainer der Mannschaft, Olaf Butterbrod, erzählt mir, wie sie gestartet sind: Am Anfang hat er nur zum Spaß in seiner Freizeit mit Geflüchteten gekickt. Zur gleichen Zeit ist dem ESV Neuaubing die Herrenmannschaft weggebrochen – sie wurde aufgelöst. Daraufhin hat Christian Brey, der die Fußballabteilung des Vereins schmeißt, mit Olaf gesprochen. Und jetzt hat der ESV Neuaubing einen Haufen neuer Mitglieder und wieder eine richtige Liga-Mannschaft.

Und seitdem ist Olaf beim ESV mehr als nur Trainer: „Das hat sich immer mehr verlagert in Richtung Sozialarbeit und Mädchen für alles,“ sagt er, „Ich kümmere mich um Praktika, um Klamotten, darum, dass sich der Verein auch in anderen Sportarten für Flüchtlinge öffnet.“ Seine Motivation zieht er aus dem Fakt, dass hier Menschen zusammenkommen – Deutsche und Geflüchtete – die sich auf Augenhöhe begegnen.

 
30 Leute auf einem Fußballfeld stoppen zwar noch nicht automatisch den Hass. Aber sie können dazu beitragen, dass er bei dem ein oder anderen gar nicht erst entsteht. Das sieht auch Özgür so. Er ist in der Gegend aufgewachsen und hat schon früher beim ESV gespielt. Jetzt kickt er in der Integrations-Mannschaft und sagt: „Wenn man erfährt, aus welchen Ecken der Welt die Leute kommen und was sie erlebt haben – das erweitert den Horizont ungemein.“

Man merkt: Der ESV Neuaubing, das ist ein Familien-Ding. Deutsche und Geflüchtete stehen gemeinsam auf dem Fußballplatz und lernen sich ganz nebenbei besser kennen. Im besten Fall können solche Begegnungen den Hass im Keim ersticken. Aber leider habe ich ja eben erst festgestellt: Der Hass ist schon da – und zum Teil längst raus aus dem Keim-Stadium. Dafür müssen wir andere Strategien finden.

Gegenstrategie 3: Aufmerksamkeit schaffen

Für eine dieser Strategien fahre ich nach Dresden. Natürlich gehe ich, wenn ich schonmal da bin, auch zur Pegida-Demo am Montagabend. Ein paar tausend Leute sind da. Ich kenne die Bilder, bin auf die Demo vorbereitet. Und dann, als ich da bin, habe ich doch Gummiknie. Körperlich bedroht werde ich nicht, aber ich fühle mich sau unwohl. Und die Blicke, die ich mit meinem Radiomikro bekomme, sind eindeutig – ich bin halt die von der Lügenpresse.

Zum Glück bin ich nicht ganz allein. Johannes Filous ist mit mir unterwegs. Gemeinsam mit seinem Kumpel Alexej Hock berichtet er seit etwa einem Jahr über Twitter von allen möglichen fremdenfeindlichen Demos. Ich kann mich ganz gut ausheulen bei ihm, denn ihm ging es anfangs genau wie mir. „Es ist ganz schwer, hier einen Zugang zu finden,“ sagt er, „Deswegen haben wir angefangen, einfach abzubilden, was uns hier entgegenkommt.“

Seit über einem Jahr betreiben Johannes und Alexej jetzt schon den Twitter-Account Straßengezwitscher. Dort twittern sie, was auf den verschiedenen Demos so passiert. Und zwar nur die Fakten. Ganz nüchtern, ohne ironischen Unterton, ohne Betroffenheit. Sie bilden einfach nur ab. „Es ist ganz wichtig, dass man rohe Informationen zur Verfügung stellt. Dass sich die Menschen ein eigenes Bild machen können und darüber nachdenken. Meine Meinung ist überhaupt nicht so wichtig, wie das, was zu sehen ist,“ so Johannes. An dem Abend, an dem ich mit ihm unterwegs bin, tweetet er zum Beispiel:







Mittlerweile machen sie das nicht nur in Dresden, sondern in vielen sächsischen Städten. Das Team wird immer größer. Johannes selbst geht jeden Montag als Beobachter auf die Pegida-Demo. Oft kommen noch andere Termine dazu. Im Grunde also zumindest ein half time Job.

 
Johannes und Alexej sorgen dafür, dass auch die Menschen mitkriegen, was dort passiert, die woanders wohnen, keine Zeit haben oder sich vielleicht aus verständlichen Gründen nicht auf Pegida-Demos trauen. Hinschauen, beobachten, berichten – das ist ihr Beitrag gegen den Hass. Auch wenn sie dafür manchmal ganz schön einstecken müssen: „Mir wurde auf einer AfD-Demo schonmal der Arm weggeschlagen, als ich etwas filmen wollte,“ erzählt Johannes, „Alexej wurde einmal bei einer Pegida-Demo in den Rücken getreten.“ Johannes und Alexej machen trotzdem weiter.

Aber auch das ist nichts für jeden: Das zeigt beispielhaft Julius, ein Freund von Johannes. Dem geht es eher so wie mir. Er weiß, dass etwas schiefläuft, hat aber noch nicht rausgefunden, wie er am besten darauf reagiert. Anders als Johannes hat er keinen festen Montags-Termin im Kalender. Nicht mehr. Denn er hat aufgehört, rauszugehen – aus Faulheit, weil er Termine hatte oder Freunde treffen wollte: „Wenn ich mich so sehr in meinem Leben davon einschränken lassen, was irgendwelche Spinner jeden Montag rausschreien möchten, ist es vielleicht auch ein Sieg für sie,“ sagt er.

Eine Lösung hat Julius allerdings nicht: „Wir sind – gerade hier in Deutschland und Europa – bequem geworden und fassen Demokratie als eine Dienstleistung auf, ohne für unsere Rechte einzutreten. Das müssen wir erst wieder lernen.“ Damit spricht er mir irgendwie aus der Seele. Ich erkenne, da läuft etwas schief, aber weiß nicht, was ich dagegen unternehmen kann. Vielleicht geht das ja aber auch, ohne jeden Montag auf eine Demo zu gehen. Vielleicht reicht es schon, wieder mehr miteinander zu reden.

Gegenstrategie 4: Aufklären

Dieser Strategie folgt ein Mann, der selbst einen berühmten Aktiv-Werder in der Verwandtschaft hat: Karl Stauffenberg, Enkel des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg – also dem Mann, der 1944 vergeblich versucht hat, Hitler mit einem Bombenanschlag zu töten, und dafür selbst erschossen wurde.

Auch Karl Stauffenberg sagt: Jetzt muss jeder aktiv werden! Und das fängt für ihn schon beim Reden an. Den Einwand, dass Pegida-Anhänger gegen Argumente immun seien, lässt er nicht gelten. Er ist der Meinung, dass gerade wir bestimmte Leute noch erreichen können: „Wer soll denn aufmerksam machen, wenn nicht der Ottonormalverbraucher, dem man nicht vorwerfen kann, dass er der Lügenpresse oder der bösen, politischen Kaste angehört?“ Wenn er etwas vom Widerstand seines Großvaters gelernt habe, so Stauffenberg, dann das: Dass man es eben versuchen muss.

 
Karl Stauffenberg versucht auch selbst, etwas zu verändern: Mit seinem Verein „Mitten drin statt extrem daneben“ veranstaltet er Diskussions-Events, besonders mit jungen Leuten. Er möchte ins Gespräch kommen, aufklären und vor den Gefahren des Extremismus warnen – egal, ob rechts, ob links oder religiös motiviert.

Gegenstrategie 5: Miteinander reden

Als ich durch Dresden schlendere, treffe ich zufällig jemanden, der eine ähnliche Strategie verfolgt – der aber noch weiter geht. Plötzlich stehe ich nämlich vor der Frauenkirche inmitten einer Horde metallener Wölfe. 63 Stück, so groß wie ich und in verschiedenen bedrohlichen Posen, unter anderem mit zum Hitlergruß ausgestrecktem Arm. „Die Wölfe sind zurück“ heißt diese Installation.

Der Künstler, der diese Skulpturen gemacht und aufgestellt hat, ist auch da. Rainer Opolka steht zehn Stunden am Tag bei seinen Wölfen und macht vor allem eins: mit den Leuten reden. Dabei schreckt er auch vor einem Streit nicht zurück. Als ich dort bin, passiert genau das: Jemand kommt vorbei und regt sich so richtig auf über die Wolfs-Skulpturen. Und dann wird wild diskutiert. Rainer Opolka fragt ihn immer wieder, warum, wieso, wie meinen Sie das. Es bildet sich eine Menschentraube: Schüler, Touristen, ältere Leute – alle diskutieren mit.

Den aufgebrachten Mann können die anderen zwar nicht überzeugen. Aber bei einigen bringt Reden schon etwas, sagt Opolka: „Es gibt unterschiedliche Pegida-Leute. Es gibt Leute, mit denen kann man vernünftig reden, nachdenkliche Leute, unzufriedene Leute mit schlechten Jobs.“ Opolka sieht das ganz große Bild. Für ihn hat der Hass seine Wurzeln in den sozialen Verwerfungen in Deutschland. Und das muss man ändern, wenn man den Hass langfristig bekämpfen möchte.

 
Genauso wie Pegida-Anhänger ihr schwarz-weiß-Denken aufgeben sollten, müssten aber auch wir aufhören, Pegida-Anhänger und AfD-Wähler pauschal zu verurteilen, sagt Opolka. Statt nichts mit ihnen zu tun haben zu wollen, sollten wir ihnen lieber zuhören und mit ihnen diskutieren. Schon allein, weil sie dann nicht mehr dieses Gefühl bestätigt bekommen, dass ihnen ja eh niemand zuhört.

Fazit

Wie lautet sie also, die Antwort auf meine Frage: Wie können wir den Hass stoppen? Das Patentrezept, das auf alle Situationen und für jeden Typ Mensch passt, habe ich nicht gefunden. Das gibt es wohl auch nicht. Aber ich habe drei Einsichten gewonnen, die jedem weiterhelfen können:

1. Mach es einfach. Und mach es jetzt.

Egal ob Esther Bejarano, Christian Brey vom ESV Neuaubing oder Karl Stauffenberg – darin waren sich alle einig. Wir müssen aktiv werden und wir müssen jetzt damit anfangen.

2. Mach, was zu dir passt.

Du musst nicht auf die Gegendemo gehen, wenn Parolen Schreien nicht so dein Ding ist. Vielleicht passt ein integratives Projekt besser zu dir. Vielleicht ist es ein Twitter-Account. Oder auch nur ein Hashtag.

3. Reden hilft. Zuhören auch.

Wir halten uns ja gerne die Ohren zu, wenn irgendjemand fremdenfeindlichen Bullshit von sich gibt. Wenn Leute aus unserer Freundesliste etwas Blödes bei Facebook posten, entfreunden wir sie. Dabei sollten wir nicht aufhören, mit ihnen zu reden und ihnen Contra zu geben – in der eigenen Familie, im Netz und an der Bushaltestelle. So anstrengend das manchmal sein mag.

 
 
Die Frage gibt es auch als Podcast und zum Mitdiskutieren bei Facebook.

Auf deinpuls.de gibt es außerdem noch ein Interview mit Johannes von Straßengezwitscher, Artikel zu anderen Projekten gegen Fremdenfeindlichkeit wie der Hoaxmap oder pegida-mag-dich.de, eine Umfrage unter jungen Pegida-Anhängern und viele weitere Inhalte zum Thema.

Autor: Anna Bühler, Hardy Funk
Redaktion: Florian Meyer-Hawranek
Online-Projekt: Hardy Funk
Grafik: Lukas Westner
Kamera: Gregor Simbruner
Schnitt: Felix Holderer, René Metzger