Wie schlimm ist Knast?

Von Michael Bartlewski

Wenn Leute große Scheiße bauen, sperren wir sie weg. Ins Gefängnis. Was dann dort passiert, wissen die meisten von uns eigentlich gar nicht. Werden die Leute im Gefängnis wirklich zu besseren Menschen? Oder wird da alles nur noch schlimmer? Und wie schlimm ist Knast überhaupt?

Weggesperrt

Meine Recherche beginne ich im Gefängnis. Ich lasse mich selbst einweisen, in die Jugendvollzugsanstalt Arnstadt in Thüringen. Mein neues Zuhause fühlt sich beklemmend an: Lange Gänge, unendlich viele Türen, einheitliche Häftlingsklamotten und die Ungewissheit: Was kommt als nächstes? Der erste Tag ist echt hart. Obwohl ich weiß, dass ich nach drei Tagen wieder rauskomme und zurück kann in mein gewohntes, ganz anderes Leben, wechselt meine Stimmung immer wieder zwischen Frust und Resignation.

Trotzdem kann ich mir kaum vorstellen, wie sich meine Mitgefangenen fühlen: Viele von ihnen haben noch mehrere Jahre vor sich. Und das geht Tausenden in Deutschland so.

Das sagt die Statistik: Wer sitzt im Knast?

In Deutschland sitzen etwa 65.000 Leute im Knast – und zwar vor allem Männer. Fast die Hälfte wurde eingesperrt, weil sie etwas geklaut hat, 13 Prozent sitzen wegen Drogen und jeder fünfte Häftling ist wegen Gewaltdelikten im Knast gelandet – im Extremfall ging es dabei um Leben und Tod. Was meine Mithäftlinge angestellt haben, kann ich nur erahnen – ein mulmiges Gefühl.

Knastprofis

Meine Zellennachbarn Steve (26) und Römi (27) sitzen wegen Körperverletzung – sagen sie mir. Beide sind schon das sechste Mal im Knast. Ich kann es fast nicht glauben. Aber so geht es den meisten hier: der zweite, dritte oder eben sechste Knastaufenthalt, das ist alles andere als eine Seltenheit.

Auch der Bonner HipHopper Xatar war schon hinter Gittern: 2009 hat er einen Goldtransporter überfallen und saß dafür fünf Jahre. Seine Geschichte hat er in seiner Autobiographie „Alles oder nix. Bei uns sagt man, die Welt gehört dir.“ aufgeschrieben. Das Buch hat er im Knast geschrieben. Auch sein Album „Nr. 415“ hat er dort aufgenommen – mit einem reingeschmuggelten Diktiergerät.

Er hat den Ausbruch aus dem ewigen Kreislauf Knast – Verbrechen – Knast nur geschafft, weil er durch die Musik eine Perspektive hatte. Die, sagt er, hat aber nicht jeder.

Xatar fand den Knast richtig hart. Und er sagt, genau wie meine Mithäftlinge, dass Resozialisierung nichts bringt. Mein Mitleid mit ihm und den Sträflingen auf meinem Gang hält sich trotzdem in Grenzen. Aber die Statistik gibt Xatar recht: 70 Prozent der Häftlinge im Jugendvollzug werden rückfällig und landen wieder im Knast. Krass!

Das sagt die Statistik: Die Rückfallquote

Irgendwas läuft also schief im Knast. Und dazu gehören auch ein paar Sachen, über die meine Mithäftlinge vor der Kamera nur sehr ungern reden…

Gewalt und Drogen

Den meisten meiner Mitgefangenen würde ich abends auf der Straße ja eher ungern begegnen, vor allem, wenn sie zu viel Alkohol getrunken haben. Vor einigen sollte man sich aber auch im Knast besser hüten. Römi zum Beispiel deutet vor der Kamera an, dass er früher mal jemand war, der ausgeteilt hat und vor dem einige im Gefängnis sicher ziemliche Angst hatten.

„Gewalt gehört zum Strafvollzug dazu. Das ist einfach so,“ sagt mir ein Beamter. Bei meinem Besuch habe ich davon zwar nichts direkt mitbekommen, aber wenn die Kamera nicht dabei ist, erzählen mir meine Mithäftlinge krasse Geschichten vom Leben hinter Gittern. Von erniedrigten Insassen, die in Schutzhaft müssen. Von Häftlingen, die sich nicht auf den Freihof trauen, weil sie Angst haben. Und von Drogen, die auf den absurdesten Wegen ins Gefängnis geschmuggelt werden.

Wenn ich mir dazu die Statistiken anschaue, dann muss ich sagen: Der Jugendknast hat ein Gewalt- und Drogenproblem.

Das sagt die Statistik: Gewalt und Drogen im Knast

Laut Statistik wurde jeder zweite Insasse schonmal von Mithäftlingen verprügelt. Jeder vierte im Jugendstrafvollzug nimmt Drogen. Der Knast ist also sicher nicht für alle so easy, wie mir gegenüber jeder tut.

Für andere beginnt der Stress aber auch erst, wenn sie wieder draußen sind…

Das Problem Freiheit

Das ist vielleicht meine wichtigste Erkenntnis: Dass es unglaublich schwierig ist, nach einer längeren Zeit im Knast zurück ins Leben zu finden.

Ich habe kein Problem zurück im Freien: Ich ziehe wieder in meine Wohnung, arbeite weiter in meinem Job und habe nach meinen drei Tagen Knast weder den Kontakt zur Familie, noch zu meinen Freunden verloren.

Das geht den meisten Häftlingen ganz anders: Sie müssen komplett bei null anfangen. Und zwar allein. Denn viele haben nach der Zeit im Knast keinen Kontakt mehr zu Freunden oder der Familie. Das ist umso schwieriger, weil sie es nicht mehr gewohnt sind, sich um alles selbst kümmern zu müssen. Da erscheint der nächste Bruch, die nächste Schlägerei oft als die einfachste Lösung.

In der Wohngemeinschaft „Wendepunkt“ in Nürnberg wollen sie genau das verhindern. Die Devise: Bloß nicht wieder zurück ins Gefängnis!

In der „Wendepunkt“-WG treffe ich Alex und Christoph. Alex saß 15 Monate im Knast, wegen Urkundenfälschung und Betrug. Christoph musste 11 Monate hinter Gitter, weil er in ein Autohaus eingebrochen ist.

Jetzt wollen beide ein neues Leben starten. Die Wohngemeinschaft hilft ihnen dabei. Sie gibt ihnen eine feste tägliche Struktur. Therapien helfen bei der Verarbeitung der Zeit im Knast und dabei, nicht wieder straffällig zu werden. Und auch wenn bestimmt nicht alle Ex-Knackis Lust auf so eine Einrichtung haben: Ich finde, es sollte mehr davon geben!

Noch besser wäre es natürlich, wenn man schon im Knast dafür sorgen würde, dass die Leute draußen nicht gleich wieder so viele Probleme haben. Das sage ich auch der Gefängnisleiterin Anette Brüchmann bei meinem Entlassungsgespräch. Sie meint aber, dass das Gefängnis den Häftlingen schon genug Hilfe für die Zeit danach anbiete. Mehr könne man einfach nicht machen.

Manches, was Anette Brüchmann sagt, klingt, als hätte sie selbst schon etwas resigniert. Andererseits hat sie sicher auch nicht ganz unrecht damit. Für manche Leute gibt vielleicht einfach keine andere Lösung als den Knast. Oder etwa doch?

Und die Opfer?

Frustriert über die schlechten Zukunftsaussichten meiner Zellennachbarn rufe ich Jaqueline Kempfer an. Sie ist Richterin am Landgericht Marburg in Hessen und macht sich für den Täter-Opfer-Ausgleich stark. Dabei treffen, wie der Name schon sagt, die Täter auf ihre Opfer und versuchen, über die Tat ins Gespräch zu kommen.

Das kann für die Täter strafmildernd sein. Aber viele der harten Jungs haben tatsächlich Schiss vor so einem Treffen, sagt Jaqueline Kempfer: „Die Täter haben ein großes Problem damit, dem Opfer, dem sie vielleicht auf der Straße nachts die Handtasche entrissen haben, dann bei Tageslicht in einem hellen Raum gegenüberzusitzen und in die Augen schauen zu müssen. Weil sie sich dann eingestehen müssen, dass sie die Täter sind. Und weil sie sich dem aussetzen müssen, was das Opfer ihnen sagt. Zum Beispiel, dass er oder sie seit dem Überfall Angst hat, nachts auf die Straße zu gehen. Da kann es dann tatsächlich auch zu einem Umdenken beim Täter kommen.“

Und noch etwas ist anders beim Täter-Opfer-Ausgleich: Denn hier kommen auch die Opfer zur Geltung. Die spielen nämlich im Knast eine eher geringe Rolle. Reue? Gewissensbisse? Kommt vereinzelt vor, aber viele Mithäftlinge winken nur ab, wenn ich sie darauf anspreche.

„Beim Täter-Opfer-Ausgleich,“ erklärt mir Jaqueline Kempfer, „fühlen sich die Opfer oft viel besser wahrgenommen. Weil sie da viel besser schildern können, wie es ihnen mit der Straftat geht, und weil sie ihre eigenen Interessen viel deutlicher formulieren können, zum Beispiel den Schadenersatz, der dann noch im Raum steht.“

Und noch etwas lässt mich aufatmen: Untersuchungen zeigen, dass die Rückfallquote beim Täter-Opfer-Ausgleich nur halb so hoch ist wie nach dem Knast. Natürlich müssen sowohl der Täter, als auch das Opfer überhaupt einwilligen, einen Ausgleich finden zu wollen. Und das wird für beide umso schwerer, je schlimmer das Verbrechen ist.

Fazit

Ich bin heilfroh, wieder raus zu sein aus dem Knast! Endlich wieder im Freien, endlich wieder tun und lassen, was ich will und wann ich will! Aber eine richtige Antwort, wie schlimm der Knast für andere ist, habe ich nicht. Nur einen Haufen Erkenntnisse:

Ich selbst fand’s ziemlich übel: Man ist eingesperrt, es ist furchtbar langweilig und man muss tun, was einem gesagt wird. Einige Häftlinge wie Römi finden den Knast aber fast zu weich: Er schreckt Leute nicht ab, immer wieder straffällig zu werden und hinter Gittern zu landen. Aber noch mehr Härte für Leute, die ihr ganzes Leben lang nur Härte erfahren haben, kann’s auch nicht sein. Da muss ich der Gefängnisleiterin Anette Brüchmann recht geben. Wenn man Pech hat, machen einem sowieso die anderen Häftlinge das Leben im Knast zur Hölle: Gewalt ist an der Tagesordnung. Und auch Drogen sind ein Problem.

Eins ist klar: Wer es schaffen will und nicht wieder rückfällig werden möchte, muss sein Leben wirklich ändern wollen. Manche schaffen das allerdings nicht ohne Hilfe. Eine Alternative zum Knast wäre der Täter-Opfer-Ausgleich. Aber auch das ist keine Universallösung: Täter und Opfer müssen dazu bereit sein. Am Ende muss ich mir eingestehen, dass es für manche Leute wohl einfach keine andere Wahl als den Knast gibt. Eine frustrierende Einsicht.

Die Frage als Fernsehsendung:

Die Frage gibt es auch im Podcast und zum Mitdiskutieren bei Facebook.

Autor: Michael Bartlewski, Florian Meyer-Hawranek
Redaktion: Katrin Pötzsch
Kamera/ Schnitt: Robert Stöger
Online-Projekt: Hardy Funk, Kerstin Heinz
Grafik: Robert Stöger