Was ist uns Musik noch wert?

Musik hören wir praktisch überall, sie begleitet uns ständig: in der U-Bahn, im Auto, im Bett, unter der Dusche, beim Kochen oder beim Sex. Musik ist uns allen wirklich wichtig. Aber: Kaum jemand zahlt noch für seine Musik.

Zwei Drittel der Deutschen geben gar kein Geld für Musik aus, zeigen Zahlen des Bundesverbandes Musikindustrie. Dazu kommt, dass heute immer mehr Menschen streamen: bei Spotify, Deezer oder Apple Music. In den vergangenen Jahren sind die Zahlen der Streams rasant gestiegen. Rund 20 Millionen Deutsche klicken sich inzwischen durch die Playlists und Mixes. Aber: Auch fürs Streaming zahlt nur eine Minderheit. Höchste Zeit zu nachzuhaken: Was macht das mit der Musik? Und wie geht es den Künstlern damit?

Die Kritik am Streaming

“Wir bitten euch nicht um kostenlose iPhones. Bittet uns nicht darum, euch umsonst mit unserer Musik zu versorgen”: Musiker wie Taylor Swift haben die Streaming-Kultur und die Plattformen immer wieder  kritisiert. Oft ziemlich deutlich. Viele Künstler fragen:  Wie kann man etwas Wertvolles wie Musik so verramschen? Einige Musiker haben daraus extreme Konsequenzen gezogen: Taylor Swift hat ihre Songs beim Anbieter Spotify entfernen lassen und auch Adeles Album „25“ wird dort nicht angeboten.

Klagen diese Künstler auf hohem Niveau? Sind sie einfach nur geizig und beschweren sich zu unrecht? Um welche Summen geht es?

Was Musiker beim Streaming verdienen

Die Münchner Band Blackout Problems ist bereit,  die Zahlen hinter dem Streaming zu zeigen. Die Songs der Jungs wurden auf den Streaming-Portalen und auf YouTube über 100.000 Mal abgerufen. Gerade ist ihr zweites Album “Holy” an den Start gegangen, für das sie zwei Jahre im Proberaum und Studio gestanden haben. Was so ein Album kostet? “Schon viel”, sagen sie. “Davon hätten wir uns ein gutes Auto kaufen können.” Mehr verraten sie nicht. Nur so viel: Ihre ganze Kohle steckt in dieser Leidenschaft. Trotzdem: Von der Musik alleine können sie nicht leben.

Die Streaming-Einnahmen aus einem Quartal bringen der Band rund 300 Euro – zu dritt. Die Einzel-Aufstellung ist noch ernüchternder: für rund 900 Plays des Songs “Home” in einem Monat kommen ganze  2,80 Euro zusammen. Pro Play sind das 0,0031 Euro. Angenommen, ihr Album hat rund 20.000 Euro gekostet – dann bräuchten sie über 6 Millionen Streams, um das wieder rein zu bekommen. Ist das fair?

Die Band lässt sich auf ein Experiment ein: Wäre das Geld schneller in der Fußgängerzone verdient?

Nach kurzer Zeit haben die drei Jungs tatsächlich die Kohle erspielt, die sie für 878 Streams bekommen. Ganz schön wenig, was da hängen bleibt.

Besuch beim Streaming-Anbieter

Im Büro von Spotify in Berlin sitzen junge Menschen an ihren Rechnern, in der Ecke kann man FIFA zocken, Startup-Feeling. Marie Heimer führt durch die Etage. Sie war eine der ersten Mitarbeiter bei Spotify Deutschland. Auch sie hat früher illegal Musik gehört, dann allerdings angefangen für Streaming zu zahlen. “Bei uns geht es darum, Musik zu konsumieren – nicht darum, sie zu kaufen und zu besitzen.” Langfristig lohnt sich das auch für den Künstler, sagt sie: Anstatt ein Mal eine CD zu verkaufen, bekommt eine Band für jeden Play immer wieder Kohle.

Dass die Blackout Problems für ihre 878 Plays bloß 2,70 Euro bekommen – auch das findet Marie Heimer fair. Spotify gibt immerhin 70 Prozent der Einnahmen ab, sagt sie. Das Problem: Die Einnahmen, die das Streaming bisher insgesamt bringt, sind recht gering. Nur etwa ein Viertel aller Nutzer zahlen überhaupt und auch die Einnahmen durch Werbung können das nicht abfedern. Spotify macht selbst noch Verluste. Streaming ist im Moment vor allem eine Wette auf die Zukunft.

Die Rolle der Plattenfirmen

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum manche Künstler nur wenig vom Streaming profitieren. Spotify, Deezer oder Apple Music geben die Einnahmen nämlich in der Regel an die Plattenfirmen weiter. Und wie die wiederum ihre Künstler beteiligen, ist vertraglich geregelt – aber trotzdem nicht immer transparent. Die Blackout Problems vermarkten ihre Musik selbst, erhalten damit fast die volle Summe von Spotify, nur für den Vertrieb gehen 20 Prozent drauf. In vielen Verträgen ist das aber ganz anders: Bei Indie-Labels bekommen Musiker in der Regel immerhin die Hälfte, bei Major-Labels eher 20 Prozent oder noch weniger.

Auch Deichkind hatte so einen Deal. Das erzählt mir Philipp aka Kryptik Joe vor einem Konzert. 2012 erschien das Album “Befehl von ganz unten”. Damals verdienten sie nur etwa  800 Euro im Jahr mit Streaming. Klar. Weil viel weniger Leute streamten, aber auch weil sie einen Großteil an ihr Label abgeben mussten: Deichkind waren damals bei Universal. An CD-Verkäufen waren sie mit rund einem Viertel beteiligt. Der Großteil der Einnahmen ging ans Label – das natürlich auch dafür sorgen musste, dass die CDs gebrannt, gelagert und promotet wurde. Die Labels gehen mit der Produktion eines Albums ein Risiko ein, sagt Philipp. “Läuft’s nicht so gut, bleiben die auf der Investition sitzen.” Doch je mehr gestreamt wird, desto geringer sind die Kosten und auch das Risiko. Trotzdem nutzen viele Labels die alten Verträge auch fürs Streaming.

Deichkind haben inzwischen ein eigenes Label gegründet. Reich werden sie durchs Streaming zwar immer noch nicht, mittlerweile hätten sich die Einnahmen aber wesentlich gesteigert. Dem Streaming steht er nicht kritisch gegenüber:

“Entweder ich stelle mich dagegen, oder ich versuche das Beste daraus zu machen. Man muss versuchen, das Positive zu sehen und es für sich zu nutzen.”

Man  muss sich damit abfinden – mit dieser Meinung ist Deichkind nicht alleine. Auch die Blackout-Problems sehen das so:

„Man könnte sich mega darüber aufregen, dass man so wenig Kohle bekommt. Man könnte aber auch sagen: Es ist immer noch mehr, als wenn sich die Leute alles gratis downloaden. Und die Zeiten gab es. In denen hat keiner zehn Euro für Musik ausgegeben. Der Musikmarkt ändert sich so krass. Man sollte aufhören, alten Verkaufszahlen nachzuheulen, sondern sich umstellen.“

Wie Streaming unseren Konsum verändert

Eine Studie der Musikdatenfirma Echo Nest hat sich die Spotify-Daten angesehen. Dabei kam raus: Jeder vierte Nutzer hört nicht mal fünf Sekunden eines Songs. Und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand vor den ersten 30 Sekunden skippt liegt bei 35 Prozent. Das ist zum einen frustrierend für den Künstler, weil seine Musik nicht gehört wird – aber zum anderen auch wirtschaftlich mies: Ein Play zählt bei Spotify erst nach 30 Sekunden.

Weil es einfacher geworden ist, selbst Musik zu produzieren und zu veröffentlichen, tun das immer mehr Bands. Das bedeutet aber auch: Man muss sich echtwas einfallen lassen, um aus der Masse herauszustechen. Viele Künstler versuchen deshalb, sich gar nicht mehr ausschließlich über ihre Musik zu definieren. Ein perfektes Beispiel: Kanye West. Der präsentiert nicht nur ein neues Album, sondern gleichzeitig auch eine Modekollektion und Turnschuhe. Und dann zeigt er gleich noch ein Videospiel-Trailer – bei einer Show im Madison Square Garden, die weltweit in die Kinos übertragen wird.

Die Marketing-Schlacht ist also längst eröffnet. Musiker bringen mittlerweile Fan-Boxen heraus. Darin liegen dann nicht nur die CDs, sondern vor allem jede Menge Merch: Kondome, Ketten und Sticker.

Marketing-Meister Money Boy

Einer, der sich ein regelrechtes Markenimperium geschaffen hat, ist Money Boy. Als 2010 sein erster Song rauskam, haben viele den Kopf geschüttelt. Er ist aber immer noch im Game – und eine ziemlich große Nummer. Ein YouTube-Kommentar unter einem seiner Videos bringt es gut auf den Punkt: „2010 habt ihr gelacht, 2015 kriegt ihr keine Konzerttickets mehr!“

Money Boy ist  ein Künstler, der sich auf allen Kanälen bewegt. Mal macht er derbe Witze auf Twitter oder grenzwertige Videoblogs – er hat sogar einen eigenen Slang erfunden. Und darauf stehn’ die Fans. Manchmal sogar mehr als auf seine Musik.

„Die Leute müssen auf verschiedensten Ebenen connecten können, dass es mehr als Musik ist, dass es ein Movement ist“, sagt Moneyboy und erklärt seine Strategie: Musik veröffentlicht er gratis, Geld verdient er über Konzerte und Merch. Auf seinen Konzerten verkauft er nicht mal mehr Musik.

Was ist wichtiger? Verpackung oder Inhalt?

Natürlich kann man es auch kritisch sehen, dass oft nicht mehr die Musik im Vordergrund steht. “Möchte man nur noch Künstler haben, die gut darin sind, ihren Facebook-Account zu betreuen?” fragt Stefan Goldmann, ein Berliner Elektronik-Künstler. Gerade in seinem Business ist es schwierig, überhaupt anzukommen. Pro Woche erscheinen rund 50.000 Tracks im Tech-House-Bereich, sagt Goldmann. „Und ich muss in dieser Flutwelle bestehen.“ Alle sind deshalb nur noch auf Tour, zeigen Präsenz. „Das ist der ökonomische Druck. Man kann nicht mehr über die Platten punkten.“

Auch die Band Frittenbude, hat das Gefühl, dass die Verpackung manchmal wichtiger ist, als der Inhalt. „Es ist eigentlich schade, wenn nicht mehr die Musik zählt, sondern nur noch die Geschichte“. Richtig viel Kohle verdient die Band eher übers Touren. Mit den Konzerten bezahlen sie dann die Produktion des Albums.

Fazit: Was ist uns Musik noch wert?

Den meisten Leuten ist Musik wahnsinnig wichtig. Ein Leben ohne, können sie sich gar nicht vorstellen. Streaming gehört zwar die Zukunft – aber noch verdienen die Künstler sehr wenig damit. Für viele Musiker ist es deshalb schwieriger geworden, zu überleben.

Streaming verändert aber nicht nur das Bezahlen, sondern auch, wie wir hören. Wir skippen uns gnadenlos durch die Masse der Bands. Deswegen müssen Künstler mit allen Mitteln Aufmerksamkeit auf sich ziehen und das Geld mit anderen Dingen verdienen.

Trotz allem: Nur, weil wir weniger für Musik zahlen, heißt das nicht, dass sie uns nichts wert ist. Solange Bands super Songs schreiben und uns auf Konzerten oder Festivals umhauen, wird Musik immer wertvoll bleiben. Denn so ein Konzert ist den Fans mehr wert, als jeder Gratis-Song aus dem Internet – und es hilft auch den Künstlern, ein vernünftiges Einkommen zu haben.

Die Frage als Fernsehsendung:

Die Frage gibt es auch im Podcast und zum Mitdiskutieren bei Facebook.

Autor: Michael Bartlewski, Katrin Focke
Redaktion: Florian Meyer-Hawranek, Katrin Pötzsch
Kamera/Schnitt: Robert Stöger, Tobias Henkenhaf, Felix Holderer, Cornelius Zoch
Online-Projekt: Frank Seibert