Warum wird man radikal?

Brüssel, Nizza – und jetzt auch in einem Zug bei Würzburg: Der Terror ist bei uns angekommen. Immer öfter schlägt Hass in Gewalt um – von Islamisten, aber auch von Neonazis. Wir suchen Antworten, warum viele gerade immer extremer werden.

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Der Beginn meiner Recherche

von Christine Auerbach

Meine Recherche für „Die Frage“ beginnt am Montag vergangener Woche und sofort überschlagen sich die Ereignisse: Erst der Angriff in einem Regionalzug bei Würzburg, dann Alarm in München, dann eine Messerattacke in Reutlingen und der Sprengstoff-Anschlag in Ansbach – und das alles innerhalb nur einer Woche. Als Reporter hänge ich genauso verunsichert wie alle anderen an Facebook, Twitter und meinem Newsstream.

Keine Pflegefamilie will offen sprechen

GlDie Frage Reporterin Christine Auerbach 2eichzeitig wird meine Recherche immer schwieriger: Ich kontaktiere Pflegefamilien, die einen jungen Geflüchteten aufgenommen haben, um sie in ihrem Alltag mit allen Höhen und Tiefen zu begleiten – keine Chance, gerade gibt keiner Auskunft. Ich versuche Projekte für Geflüchtete zu besuchen, die sich auch darum kümmern, dass jemand NICHT radikal wird, aber keiner will mit mir offen sprechen.

Am Wochenende spreche ich Geflüchtete an, die ich selbst schon kenne und organisiere privat ein Treffen. Aus ihrer Unterkunft werde ich – höflich aber bestimmt – hinausgeschmissen. Wir müssen das Interview auf einer Bank vor der Unterkunft machen. Man merkt, dass die Nerven überall blank liegen. Jeder hat Angst, ein falsches Bild zu vermitteln. Die Angst, dass die Stimmung gegen Geflüchtete kippt, ist groß. Und berechtigt.

Radikalität ist nicht nur islamistisch

Bei meiner Recherche geht es nicht nur um islamistische Radikalität, sondern auch um rechte Gewalt. Und die ist in den letzten Jahren stark gestiegen. 77 Angriffe gab es letztes Jahr auf Flüchtlingsunterkünfte. Vor zehn Jahren, 2007, waren es nur sieben. Die Aufklärungsquote ist niedrig, und das sagt nicht nur Katharina Schulze von den Grünen, die ich bei ihrer Aufklärungs-Tour „Klare Kante gegen Rechts“ am Dienstag in Bayern begleitet habe, sondern das sagen die Zahlen des bayerischen Innenministeriums. 2015 registrierte das Innenministerium 2293 rechtsextremistisch motivierte Straftaten. In den letzten sechs Jahren ist diese Zahl stetig gewachsen.

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Aber man muss gar nicht an den rechten Rand gehen – auch die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“ wendet sich nach rechts – Jeder Dritte in Bayern (33,1%) stimmt laut der „Mitte Studie“ der Uni Leipzig, Aussagen mit ausländerfeindlichem Inhalt zu. Das ist mehr in den ostdeutschen Bundesländern (30,5%) und mehr als im Westdeutschen Durchschnitt (20%).

Es wird also Zeit, herauszufinden warum Menschen radikal werden – und wie und ob man sie von diesem Weg wieder zurückholen kann.

Was sagt der Psychologe?

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Eine meiner ersten Stationen bei der Recherche ist Ahmad Mansour. Er war selbst Islamist. Heute arbeitet er mit Jugendlichen in Projekten gegen religiösen Extremismus. Er hat uns schon vor drei Jahren, bei der Frage „Warum ziehen junge Deutsche in den Dschihad“ den Dschihad und seine Propaganda eingeordnet. Ahmad Mansour hält gar nichts von einer „Turbo-Radikalisierung“, wie es oft heißt. Aber er sagt auch ganz klar: Wenn wir weiter so über Radikalisierung reden wie jetzt, stoppen wir sie nicht. Mein Interview mit ihm könnt ihr hier lesen.

Der Islamist

In Bamberg treffe ich Irfan Peci. Mit 27 Jahren hat er schBayern 2 "Eins zu Eins. Der Talk" 2015on eine ziemlich radikale Karriere hinter sich. Als Deutschland-Chef der „Globalen Islamischen Medienfront“ (GIMF) hat er Propaganda für al-Qaida gemacht. Dann wurde er vom BKA enttarnt, saß im Gefängnis und wurde als einer der wichtigsten V-Männer in der Islamistenszene für den Verfassungsschutz angeworben. 

Mit seiner extremen Vergangenheit hat er gebrochen und möchte ein normales Leben führen. Die Propaganda des IS beobachtet er aber natürlich ganz genau. Bei meinem Gespräch erzählt er mir, warum die IS-Propaganda sich immer mehr an das Netz anpasst und plötzlich genauso wie Buzzfeed klingt. Und er erzählt mir, was ihn damals an der islamistischen Propaganda so fasziniert hat. Einen Teil meines Interviews habe ich hier aufgeschrieben.

Mein Fazit

Am Ende der Recherche bleiben – wie immer – viele Fragen offen. Aber eines ist klar: Turbo gibt es nicht. Radikal wird man nicht von heute auf morgen. Sondern es ist ein Prozess. Ausgangslage ist dabei meistens, dass man unzufrieden ist und auf der Suche. Trifft man bei dieser Suche auf die falschen Leute in der Familie, im Freundeskreis oder im Netz, ist ein erster Schritt in Richtung Radikalität gemacht. Denn meist übernimmt man dann die Hass-Objekte dieser Vorbilder. Ob das nun Ausländer sind, der Staat, der Westen oder die Ungläubigen.

Ist dieser erste Schritt gemacht, kommt der zweite: Das völlige Abschotten von anderen. Man entwickelt ein geschlossenes Weltbild. Familie und Freunde sind raus, man bricht den Kontakt zur Welt außerhalb der Ideologie so gut wie ab. Das geht so weit, dass zum Beispiel Irfan Enthauptungsvideos im Netz verbreitet – ohne irgendwelche Skrupel dabei zu empfinden.

Der letzte, und für andere, am schwer nachvollziehbarste Schritt ist, dass dieses Weltbild über allem steht. Es macht das Leben einfach: Schwarz – Weiß. Das eigene Leben wird diesem neuen Weltbild untergeordnet. Es ist weniger wert als die Ideologie. Und wenn das eigene Leben schon weniger wert ist, dann erst recht das Leben der anderen. Somit kann man dann vor sich selbst rechtfertigen, dass man zum Beispiel Leute tötet, denn man macht es im Glauben: Das ist das Richtige…

Dagegen hilft nur, was der Psychologe Ahmad Mansour sagt – wir müssen über die Ideologie reden, über die Ursprünge der Taten. Also auch über Religion, über patriarchalische Erziehung. Über Unzufriedenheit. Das ist aber etwas, was man oft nicht anpacken will, weil man

Angst hat in die rechte Ecke geschoben zu werden oder von Rechten, Pegida und AFD instrumentalisiert zu werden. Hilft aber nichts. Was hilft ist nur: ideologiefrei all die totgeschwiegenen Probleme ansprechen.