Saufen wir zu viel?

Von Anna Bühler

Ein normaler Sonntagnachmittag Anfang September in München. Ich spaziere entlang der Theresienwiese und alle paar Meter liegen Menschen in Tracht auf dem Boden. Sie schlafen ihren Rausch aus – manche Sardinenbüchsen-artig in Grüppchen, andere sind wie gefällte Bäume neben einem Häufchen Erbrochenen umgekippt. Es klingt absurd, aber schocken kann mich das nicht. So ist es eben, wenn Oktoberfest ist. Ein normaler Sonntagnachmittag, Anfang September in München. 

Heißt das, dass wir ein Alkoholproblem haben? Wann habe ich überhaupt ein Problem und wie gehen wir mit Leuten um, die Alkoholiker sind? Vor allem frage ich mich aber: Saufen wir zu viel?

ALKOHOL IN ZAHLEN

Wir sagen ja immer, wir hätten alles unter Kontrolle. Die Statistik sagt aber etwas anderes. Die zweithäufigste Diagnose in der Krankenhausstatistik ist „Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol“ – sprich, auch die Alkoholvergiftung. Kontrolle ist was anderes. 

Aber auch diese Zahlen sind kein Grund zum Anstoßen…

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Doch die Wissenschaft kann mehr als nur mit Zahlen zu jonglieren.

TYPES OF DRUNKS

Ein paar Wissenschaftler der University of Missouri-Columbia in den USA haben untersucht, wie wir uns verändern, wenn wir betrunken sind. Aus der Studie Searching for Mr. Hyde: A five-factor approach of characterizing „types of drunks“ von 2015 sind vier verschiedene Sauf-Typen hervorgegangen, richtige Trink-Archetypen.

Für mich war überraschend, dass sich fast jede Person in meinem Bekannten- und Kollegenkreis in einem dieser vier Rauschtypen wiedergefunden hat. Wie es scheint, sind wir richtige Trinkprofis – zumindest dachte ich das bis da hin.

STRASSE FRAGT WISSENSCHAFT

Wir verändern uns also wenn wir saufen. Warum das aber so ist, konnten mir kaum Leute beantworten. Als ich mich auf der Straße umgehört habe, sind noch einige andere Fragen aufgekommen. Ich habe eure Fragen einem Toxikologen gestellt.

HARALD UND DIE SUCHT

Harald ist 27 und Alkoholiker. Als ich Harald treffe ist er genau vier Jahre, vier Monate und zwei Tage trocken. Seinen ersten Vollrausch hat er kurz vor seinem 16. Geburtstag. Nach vier Bier und einer halben Flasche Sekt muss Harald kotzend von seinen Freunden nach Hause getragen werden. Am nächsten Tag geht es ihm ultradreckig. Trotzdem findet er den Rausch im nachhinein geil, erinnert sich Harald.

Eine Erklärung hat er dafür auch: Wenn er trinkt, fühlt er sich selbstsicher. Besoffen kommt er mit Leuten ins Gespräch, steht im Mittelpunkt und ist lustig – oder empfindet sich zumindest als lustig. Nüchtern ist Harald in jüngeren Jahren nämlich eher schüchtern. „Das sind lauter so Faktoren, dass ich mich dann auf der nächsten Party wieder abgeschossen hab“, erzählt er. Ein erster Tiefpunkt kommt knapp ein Jahr nach dem ersten Rausch, da ist Harald 17.

Mit nicht mal 20 Jahren hat Harald Anzeichen für eine Sucht. Erst ein paar Jahre später merkt er, dass es so nicht weiter gehen kann. Dieses Schlüsselerlebnis hat er nach seiner letzten großen Saufphase, wie er sie nennt. Da trinkt er fast täglich ungefähr fünf bis sechs Bier, meistens alleine.

„Drei bis vier Mal die Woche hatte ich einen richtigen Vollrausch, auch alleine“

Seine Freunde hatten zu dem Zeitpunkt schon keinen Bock mehr, mit ihm Trinken zu gehen weil sie wussten, dass es peinlich und anstrengend wird. „Es hat mir schon weh getan“, meint Harald rückblickend. Zugegeben hätte er das damals aber nicht. „Man ist aber einfach so alleine, weil man sich mit niemandem richtig drüber austauschen kann.“ Gemeinerweise ist der Ausweg aus der Einsamkeit bei Harald zu der Zeit wieder mal der Kasten Bier. 

An einem Tag, genau vier Jahre, vier Monate und zwei Tage vor unserem Treffen, ändert sich aber etwas bei Harald. Als er aufwacht, hat er Angst. Er sucht sich Hilfe.

Die Anonymen Alkoholiker sind für Harald eine Befreiung. Plötzlich war ihm alles egal – ein Gefühl, dass er eigentlich nur sonst nur mit ordentlich Promille im Blut kennt. Noch heute geht Harald regelmäßig zu den Meetings. Und er hat sich verändert: Mit zunehmender Trockenheit kommt er immer mehr zu sich, meint er. Dabei muss er selber grinsen, weil es doch etwas esoterisch klingt. Aber die Fähigkeiten und die Emotionen, die er jetzt von sich kennen gelernt hat, haben ihn einfach überrascht.

„Alles ist ja so gedeckelt wenn man permanent einen Rausch in der Birne hat.“

Trotzdem: Dass er nie wieder saufen wird, kann Harald selber nicht versprechen. Als Süchtiger muss man das wissen. „Man muss sich vor Augen führen, dass es jederzeit zu einem Rückfall kommen kann. Punkt. Is‘ so.“

ALSO: SAUFEN WIR ZU VIEL?

Machen wir’s kurz: Ja, wir saufen zu viel. Das war auch keine große Überraschung. 

Und zwar nicht nur während des Oktoberfests, sondern immer. Mehr als ein zehntel aller Deutschen trinken sogar so viel, dass es gesundheitlich echt riskant wird – und wissen es möglicherweise nicht einmal. Denn ein Problem mit Alkohol haben immer die anderen, man selber hat alles im Griff. Von monströsen Zahlen fühlen sich die wenigsten Leute angesprochen.

Alkohol zu jeder Gelegenheit ist für uns zu normal

Alkohol ist so normal, dass es fast schon unnormal ist, wenn man mal nicht mitsäuft. Viele, die ich während meiner Recherche getroffen habe, haben das bestätigt: Man muss sich richtig rechtfertigen, wenn man Spezi statt Spezial trinkt. Ein Anfang wäre darum, wenn wir uns von der Idee verabschieden, dass Alkohol zu jedem Fußball-Nachmittag, zu jeder WG Party und zu jedem Geburtstag dazu gehören muss. Aber das muss man auch erst mal lernen.

Alkoholismus ist dann vielleicht auch kein Tabu-Thema mehr

Leute, die sich ihr Alkoholproblem eingestanden haben, leiden aber nicht nur darunter, dass sie sich für ihr Nicht-Trinken rechtfertigen müssen. Harald wünscht sich zum Beispiel, dass wir offener über Sucht reden, um dann auch darüber diskutieren zu können. Er vergleicht seine Sucht darum mit einer Allergie – da kann man ja drüber reden, ohne blöd angeschaut zu werden. Auf die Frage „Saufen wir zu viel“ hat er eine eigene Antwort.

 

Autorin: Anna Bühler
Redaktion:
Till Ottlitz, Kerstin Heinz
Grafik: Christopher von Roosen, Lukas Westner, Max Fesl

Die Frage: „Saufen wir zu viel?“ als Radiosendung

Die Frage gibt es auch im Podcast und zum Mitdiskutieren bei Facebook