Wie komme ich mit dem Tod klar?

Von Michael Bartlewski

Tod und Sterben – normalerweise versuchen wir gar nicht daran zu denken. Bei Luise ist das anders. Sie muss sich jeden Tag damit auseinandersetzen, dass sie bald vielleicht nicht mehr da ist. Mit 23 Jahren erhält Luise die Diagnose Scheidenkrebs – ein Schock, aber Luise wird operiert und ist erstmal krebsfrei. Erstmal.

Im Herbst 2013 macht sie Urlaub mit Freunden an der Ostsee. Luise fühlt sich total schwach, selbst durch den Sand zu laufen fällt ihr schwer. Sie geht wieder zur Untersuchung. Endloses Warten auf das Ergebnis, bis fest steht: „Der Krebs hat gestreut, sie haben Lungenmethastasen.“

„Hallo, ich bin Luise und habe den Krebs satt“ – so stellt sich Luise auf ihrer Facebook-Seite vor. Sie heißt Chemoelephant aka Klopsi gegen den Krebs – und auf der führt sie eine Art virtuelles Tagebuch. Ungefähr 5000 Fans lesen mit, was sie dort schreibt. Sie postet Texte und Videos. Man kann nachverfolgen, wie sie lebt, wie sie versucht, jede Sekunde, die sie hat, zu genießen. Aber gleichzeitig eben auch, dass es ihr oft nicht gut geht. Und was der Krebs mit ihr macht.

„Man ist gesund, hat Spaß, macht Party, raucht ohne Ende Zigaretten, betrinkt sich gerne mal und genießt den Rausch, hat Sex mit Menschen, die man eigentlich kaum kennt und alles ist total geil. Und man denkt, so geht es erstmal immer weiter. Bis man halt „erwachsen wird“ und „reifer“. HARHAR…Dann bekommt man Krebs und merkt: Hups, geht halt doch nicht ewig so weiter, die Zeit hat sowas wie Grenzen.“ [Luise auf ihrer Facebook-Seite]

Luise kämpft gegen den Krebs. Jeden Tag. Und macht das Beste aus ihrer Diagnose. Ihr Leben mit Krebs dokumentiert sie auf Facebook. Ihr Lebensmotto: Fuck Cancer, Love Life!

„Na Klasse, Selbstmitleid-Tag. Wie ich es verabscheue, aber anscheinend gehört das jetzt alle 2 Wochen mal dazu. Ich würde jetzt gerne SOFORT aufhören mit dem ganzen Krebsquatsch. Aufwachen und weg ist es. […] Los, hau ab du Arschloch!!“

„Weil gestern ein so richtig beschissener Tag war, war es heute umso schöner. Habe mir den 25. Überlebenstrank abgeholt und krebse nun vor mich her.. Aber mit nem fetten Grinsen, da Sonne und mein Arzt nochmal zu mir kamen.“

Das Tattoo hat Luise schon lange vor der Krebsdiagnose machen lassen. N I V G – das steht für Nie In Vergessenheit Geraten. „Im Nachhinein schon verrückt, dass mir das damals schon so wichtig war…“, sagt sie.

„Yuhuuu, keine Chemo, keine Antikörper heute. Normalerweise freue ich mich da nicht so, weil mir das Zeug ja immerhin Zeit schenkt, aber heute bin ich sooo froh!!“ schreibt Luise auf ihrer Facebook-Seite.

Die zweite Diagnose ist schlimmer für Luise als die erste: „Ich hab dann direkt nachfragt: Sterbe ich in zwei Wochen oder was?“ Eine genaue Prognose können ihr die Ärzte nicht geben, ihr Krebs ist sehr selten, es gibt wenige Statistiken. Und: Die Ärzte sagen ihr auch gleich, man kann nicht mehr operieren, weil der Krebs ungünstig liegt und schon zu groß ist.

Das Leben nach der Diagnose

Luise fällt in ein depressives Loch, motzt ihre Freunde an, ist wütend. Es braucht Zeit, bis Luise lernt, mit ihrem Schicksal umzugehen. Luise entdeckt Recover your Smile. Der Verein bietet Fotoshootings für krebskranke Menschen an. Mit Schminke, mit Kostümen – das Lächeln wieder entdecken, trotz Krankheit.

Luise mit ihrer Mutter Beate beim Shooting von „Recover your Smile“. Auf Facebook schreibt sie: „Du bist einfach immer da, egal wie sehr ich wieder mal an dir rumzupfe und dich nerve, egal wie schlecht gelaunt und gemein ich bin, egal wie sehr ich mal wieder ’sündige‘, IMMER bist du da.“

Die Menschen dort geben Luise viel Kraft, sie sagt: „Ich bin dadurch viel selbstbewusster geworden“. Durch die Krankheit erkennt die 26-Jährige was ihr wirklich wichtig ist. Zeit mit Freunden verbringen. Gute Gespräche führen. Intensiv leben. Die Zeit nützen. Nicht so viel Jammern, sondern das Beste draus machen.

„Am Anfang hab‘ ich mir gedacht, wieso mach ich den ganzen Scheiß mit Chemotherapie nochmal? Damit ich dann zwei Wochen länger lebe, oder wofür? Und mittlerweile denke ich mir, ja genau dafür mache ich das, und wenn es nur ein Scheiß Tag länger ist. Ich bin noch da, und dafür bin ich dankbar.“ [Luise auf ihrer Facebook-Seite]

Mit ihrem Blog und ihren Videos gibt sie vielen anderen Menschen Kraft. Aber manchmal sitzt sie auch einfach weinend vor Schmerzen in der Wohnung. Luises Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Es geht von Untersuchung zu Bestrahlungen. Stunden im Krankenhaus sind Alltag für sie, ein Termin bei der Bronchoskopie oder wenn mal wieder Blut- und CRP-Werte gecheckt werden.

Trotzdem, Luise lässt sich nicht unterkriegen.

„Man sollte vielleicht doch JETZT anfangen, sein Leben genauso so zu leben, wie man es möchte, wie man es schon vorher hätte machen sollen. Nicht mehr zu sagen „ach naja, das mach ich nächstes Jahr, dieses Jahr hab ich zu wenig Zeit“. Nein! Denn keine Zeit zu haben, gibt es eigentlich nicht, wenn wir mal ehrlich zu uns sind.“ [Luise auf ihrer Facebook-Seite]

Regrets of the Dying

Wie denken wir über unser Leben, wenn es zu Ende geht? Die amerikanische Palliativpflegerin Bronnie Ware hat viele Menschen am Sterbebett bis zum Tod begleitet – und hat darüber ein Buch geschrieben: „The Top Five Regrets of the Dying“ – oder übersetzt „Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Wirklich berührend, wie manche ihre Prioritäten im Nachhinein anders gesetzt hätten!

Fazit

Luises Beispiel zeigt: Über den Tod nachdenken, heißt eigentlich darüber nachzudenken, wie wir leben wollen. Wissen, was einem wichtig ist. Wenn man sich mit jemanden streitet, sollte man das besser gleich klären. Und Träume sollte man nicht zu lange vor sich herschieben. Das kommt in unserem Alltag oft zu kurz. Also, ja: man kann lernen, mit dem Tod klar zu kommen, so schmerzhaft es ist. Aber der Schmerz lässt sich nur lösen, wenn wir öfter drüber reden!

Nachruf

Luise,

 

wir haben alle gehofft. Bis zum Schluss. Aber am 5. Juni 2015 bist du leider von uns gegangen. Dieser Scheiß-Krebs. Vielen Dank, Luise, dass du uns in dein Leben gelassen hast. Dass wir dich kennenlernen durften. Du wirst bleiben. In unseren Köpfen und Herzen. Wir sind in Gedanken bei dir und deiner Familie.

Die Frage als Fernsehsendung:

Die Frage gibt es auch im Podcast und zum Mitdiskutieren bei Facebook.

Autor: Michael Bartlewski, Tobias Henkenhaf
Redaktion: Katrin Pötzsch
Kamera/Schnitt: Robert Stöger, Tobias Henkenhaf
Online-Projekt: Frank Seibert, Kerstin Heinz
Grafik: Robert Stöger