Irreführende Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit

Manchmal könnte man sich schon die Haare raufen, wenn man in den Zeitungen die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit liest: In Spanien hat „jeder Zweite unter 25 Jahren keinen Job“, schrieb die Süddeutsche Zeitung, – ebenso Spiegel online, das Handelsblatt, die DPA: Über den gesamten (Qualitäts-) Blätterwald rauschte die Mär von der „Hälfte aller 15-24 jährigen“ bzw. „jeder Zweite“  in Spanien und Griechenland, die ohne Arbeit sind. Ja wissen die denn nicht, dass das gar nicht stimmt?
 Video zum Thema im BR-Euroblick

  Wie aus 50 Prozent in Wirklichkeit 20 Prozent werden:
Fakt ist: Die Statistikzahlen zur Arbeitslosigkeit beziehen sich nur auf die Personen, die „dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen“. Eine durchaus einleuchtende Festlegung, denn wer dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung steht, also nicht arbeiten kann oder es zum Lebensunterhalt nicht nicht muss, der ist auch nicht „arbeitslos“. Für die „Jugend“, die als die Altersgruppe der 15-24 Jährigen definiert ist, führte diese Definition aber zu absolut verzerrenden Ergebnissen: Denn gerade in den Krisenländern des Südens sind weit mehr als die Hälfte aller Jugendlichen, rund 60%, noch in Schule, Studium oder Ausbildung, stehen dem Arbeitsmarkt also gar nicht zur Verfügung. Wenn für diese Länder die Statistik eine Jugendarbeitslosenquote von 50 Prozent nennt, so beziehen sich diese nur auf die 40% Jugendlichen, die eine Arbeit haben oder suchen. Bezogen auf die Gesamtaltersgruppe sind es hingegen lediglich 20 Prozent.

 Wissenschaftler wundern sich …
Um es ganz klar zu sagen: Auch eine Jugendarbeitslosigkeit von 20 Prozent ist eindeutig zu hoch, aber es hilft auch nicht weiter, wenn in der Berichterstattung der Eindruck erweckt wird, als ob die Hälfte aller Jungen Menschen arbeitslos sind. Politik- und Wirtschaftswissenschaftler aller Couleur sind sich ausnahmsweise einig: So stimmt es nicht. In den unterschiedlichsten Studien  haben sie versucht, dies als „Fehlurteil“, ja sogar „Irreführung“ aus der Welt zu schaffen, aber gelungen ist es ihnen nicht.

 Alarmismus erzeugt Aktionismus und vernebelt das eigentliche Problem
Eines ist aber auch klar: Die Politiker in Bund und EU wissen, dass der Spruch „jeder Zweite ohne Job“ nicht stimmt, und trotzdem sprechen sie ständig von jenen magischen „50, zuletzt sogar 60 Prozent“. Warum wohl? – Der Politikwissenschaftler Daniel Gros, Direktor am „Centre for European Policy Studies“ (CEPS), einem der führenden europäischen Think-Tanks in Brüssel bringt es in unserer Sendung Euroblick klar auf den Punkt: Sie wollen Problembewusstsein zeigen und demonstrieren, dass sie etwas tun. „Solch ein Alarmismus erzeugt einen gewissen Aktionismus: Es muss etwas getan werden. Dann fokussiert man sich auf die eine Gruppe, gibt Geld für sie aus, und hat deswegen weniger Geld für die älteren Arbeitnehmer, und die sind vielleicht sehr viel mehr schutzbedürftig“. 

Es gibt keine „verlorene Generation“. Verloren hat jeder, der seine Arbeit verliert, auch der 38-Jährige, der seine Familie versorgen muss. 
So warnen denn auch so gut wie alle Wissenschaftler vor einer zu starken Fokussierung auf die Jugendarbeitslosigkeit. Ganz explizit verwehrt sich Daniel Gros gegen den Begriff von der  „verlorenen Generation“. Dies sei nicht nur eine „Überdramatisierung“, die zu falschem Handeln verleite, es mache auch keinen Sinn, die Jungen gegen die Alten auszuspielen, denn ein arbeitsloser 38 Jähriger, der seine Familie versorgen müsse, habe genauso verloren und zudem wohl größere Schwierigkeiten, in den Arbeitsmarkt zurückzufinden.  

… und so lässt man 8 Milliarden verpuffen: 
Das eigentliche Problem an dieser Überdramatisierung ist jedoch, dass sie die politisch Verantwortlichen im Bund und der EU zu Handlungen zwingt, die sich als überaus teuer und erfolglos erweisen können. Das ist auch die große Sorge vieler Beobachter gegenüber der 8-Milliarden-Euro-Hilfe, die nach dem von Bundeskanzlerin Merkel initiierten Gipfel zur Jugendarbeitslosigkeit in Berlin beschlossen wurde. Politikforscher Daniel Groß bezeichnet dies klipp und klar als „Schaufensterpolitik“. „Ich bin mir ziemlich sicher“, sagt er bei uns im Interview, „dass diese Maßnahme verpuffen wird.“ 

Die Strukturkrise beseitigen: Nicht nur die beste
sondern die einzige Maßnahme gegen Jugendarbeitslosigkeit
Noch einmal: Die Jugendarbeitslosigkeit ist schlimm genug, und sie darf auf keinen Fall verharmlost werden. Und es gibt auch echte Einstiegsbarrieren für junge Berufseinsteiger in den Krisenländern des Südens, die zu beseitigen das Problem ein wenig lindern würde. Aber die eigentliche Wurzel der Jugendarbeitslosigkeit ist die Arbeitslosigkeit insgesamt, hervorgerufen durch eklatante Struktur- und Wirtschaftsschwächen in den betroffenen Ländern. Dort gilt es anzusetzen: Die Jugendarbeitslosigkeit zu beseitigen, indem man Arbeitsplätze schafft, – und zwar für alle: Für Jung und Alt. – Auch in diesem Punkt sind sich die sonst so streitbaren Wirtschaftswissenschaftler alle einig.

 

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