Glyphosat – ein Fall für Profis!

Es ist ein Trauerspiel: Da wird nun schon seit Monaten über die Neuzulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat diskutiert. In Deutschland wie auf EU-Ebene. Alle Argumente dafür und dagegen sind ausgetauscht. Die Medien haben aufgeklärt, so gut sie es vermochten, Wissenschaftler und Interessenverbände ihre Positionen deutlich gemacht. Und die Frist, innerhalb derer sich die zuständigen Experten einig werden müssen, wurde sogar um ein halbes Jahr verlängert. Trotzdem wagen sich die Vertreter der 28 Mitgliedsstaaten, die längst hätten entscheiden können, nicht aus der Deckung. Im Gegenteil: kurz vor Ablauf der alten Lizenz, die 15 Jahre lang galt, bekommen nun auch einige deutsche Politiker kalte Füße und versuchen, die Verantwortung auf die EU-Kommission abzuwälzen.

Rückblickend ist klar: Es hätte nicht zu einer solchen Hängepartie kommen müssen. Schon vor Monaten hatte die europäische Lebensmittelbehörde Efsa grünes Licht gegeben. Auch das Bundesamt für Risikobewertung, BfR, hatte Glyphosat – bei korrekter Anwendung – für unbedenklich erklärt. Gestützt auf diese Gutachten hatte die Bundesregierung intern ihren Kurs abgesteckt. Der federführende Agrarminister Schmidt, von der CSU, hatte sich mit seinen SPD-Kollegen grundsätzlich auf eine Verlängerung für Glyphosat verständigt. Unter dem Druck einer misstrauischer werdenden Öffentlichkeit hatte man in Brüssel allerdings auf Einschränkungen gepocht. So soll das äußerst wirksame Totalherbizid nach Schmidts Worten künftig nur noch „von Profis“ verwendet werden, sprich von Landwirten, die etwas von der Sache verstehen. Und auch die sollen das Mittel sorgfältiger und sparsamer handhaben als bisher.

Der Plan, die enorme Menge von rund 6.000 Tonnen Spritzmittel pro Jahr allein auf deutschen Äckern zu verringern, und den Einsatz strenger zu kontrollieren, ist eigentlich vernünftig. Zur Überraschung der meisten Beobachter hat das aber nicht gereicht. Nach dem unschönen Vorbild TTIP brach aus heiterem Himmel eine hysterische Debatte voller Verdächtigungen und Fehlschlüsse los, die alle Versuche, sachlich zu argumentie-ren, Für und Wider abzuwägen, im Keim erstickte. Befeuert wurde die allgemeine Erregung noch durch eine missverständ-liche Studie, die Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft. Dabei machte sich kaum jemand die Mühe nachzulesen, dass die Forscher zum Beispiel rotes Fleisch in dieselbe Kategorie einordnen. Schlicht deshalb, weil bei Krebs die Menge des untersuchten Stoffes für dessen Wirkung eine wichtige Rolle spielt. Dass es sich bei einem Unkrautkiller wie Glyphosat qua Definition um eine potentiell gefährliche Chemikalie handelt, wird schließlich niemand bestreiten. Massenproduktion ganz ohne Chemie ist in der modernen Landwirtschaft aber schwer vorstellbar.

Auch dass inzwischen selbst die WHO das von Glyphosat ausgehende Gesundheitsrisiko als vertretbar einschätzt, scheint niemanden zu kümmern. Die Verwirrung bei Verbrauchern und Anwendern ist perfekt. Die SPD hat sich derweil entschlossen, die Debatte kurzerhand als Wahlkampfthema zu missbrauchen, und den mit der Union erzielten Konsens in letzter Minute aufgekündigt. Bei der Abstimmung im EU-Fachausschuss, wann immer die nun stattfindet, wird sich die Agrarnation Deutschland wohl enthalten müssen.

Ganz egal, ob bis Ende Juni noch ein Kompromiss gefunden wird, die Kommission das Problem im Alleingang löst oder die Lizenz für Glyphosat einfach ausläuft – die Art, wie die Entscheidung zustande kam, ist für alle Beteiligten hochgradig blamabel. Für das Ansehen der Politik und Europas insgesamt bei den Bürgern ist sie sogar das, was Pestizide fürs Unkraut sind, nämlich pures Gift. Vor diesem Hintergrund hat Minister Schmidt völlig recht, auch wenn er es anders gemeint haben sollte: Glyphosat ist tatsächlich ein Fall für Profis.

 

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