Bayern bewaffnet sich

Immer mehr Menschen in Bayern wollen Schreckschusswaffen auch auf der Straße griffbereit haben. Allein in der ersten Januarhälfte wurden in vielen Landkreisen bereits mehr kleine Waffenscheine beantragt als sonst in einem ganzen Jahr.

Terror in Paris, sexuelle Übergriffe in Köln, No-Go-Areas in Duisburg und eine scheinbar hilflose Polizei. Die Ereignisse der vergangenen Monate verbreiten auch in Bayern eine diffuse Angst. Eine der Folgen: Die Nachfrage nach dem kleinen Waffenschein ist sprunghaft angestiegen.

Sprunghafter Anstieg in der ersten Januarhälfte

quer hat für alle bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte die Zahlen zusammengetragen: Wie viele kleine Waffenscheine wurden in den Jahren 2014 und 2015 erteilt? Und wie viele Waffenscheine sind in der ersten Januarhälfte 2016 beantragt worden? Das Ergebnis: Die Zahl der ausgestellten kleinen Waffenscheine hat sich von 2014 auf 2015 insgesamt mehr als verdoppelt. Das ist allerdings noch nichts gegen den Anstieg seit Silvester: Allein in der ersten Januarhälfte sind bereits gut halb so viele Anträge bei den Behörden eingegangen wie im gesamten letzten Jahr.

Anzahl der kleinen Waffenscheine, die in den bayerischen Landkreisen bewilligt und bis Mitte Januar beantragt wurden

Die Stadt München etwa hat 2015 (304) knapp doppelt so viele kleine Waffenscheine ausgegeben wie im Jahr zuvor (155). „Die Tendenz ist weiter steigend“, so die zuständige kommunale Behörde. „Die Terroranschläge im November in Paris und die Übergriffe in Köln in der Silvesternacht haben die Entwicklung beschleunigt“, heißt es aus dem Nürnberger Land. Dort hat sich die Zahl der ausgegebenen Scheine von 2014 (19) auf 2015 (77) mehr als verdreifacht.

Aus einigen der Behörden hieß es, dass der Anstieg hauptsächlich seit Oktober 2015 erfolgt sei. Bei der Behörde des Landkreises Günzburg gingen schon in den ersten beiden Wochen des Jahres 2016 mehr Anträge ein (circa 100), als im gesamten Jahr 2015 bewilligt wurden (59). Die Pressereferentin des Landkreises Landshut berichtet von derzeit etwa zehn Anträgen täglich. Ähnlich entwickeln sich die Zahlen in ganz Bayern.

Fast jeder bekommt den kleinen Waffenschein

Seit 2003 müssen sich Privatpersonen, die Schreckschuss- und Signalwaffen in der Öffentlichkeit mitführen möchten, den kleinen Waffenschein besorgen. In Bayern stellen die Landratsämter und Stadtverwaltungen dieses Dokument aus. Das dafür nötige Formular umfasst je nach Wohnort lediglich ein bis zwei Seiten – der Grund der Anschaffung muss nicht angegeben werden. Einzige Voraussetzungen: Der Antragsteller muss mindestens 18 Jahre alt sein, darf nicht drogen- oder alkoholabhängig sein und keine Vorstrafen haben, die 60 Tagessätze überschreiten. Die körperliche und geistige Eignung überprüft das zuständige Amt.
Kaufen darf eine Schreckschusswaffe jeder über 18 – ein kleiner Waffenschein oder ein sonstiger Nachweis sind dazu nicht nötig. Thomas Bentele, Pressesprecher der bayerischen Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnt: „Es birgt immer ein gewisses Risiko, sich selbst zu bewaffnen.“ Ein geübter Angreifer könne die Waffe etwa gegen das Opfer richten. Auch eine folgenschwere Verwechslung sei nicht ausgeschlossen – Schreckschusspistolen sehen auch für geübte Polizeiaugen täuschend echt aus

Gefahren durch Schreckschusswaffen

„Mit so einer Gaspistole kann man tödliche Verletzungen setzen, insbesondere dann, wenn die Pistole direkt am Körper angesetzt wird und der Gasstrahl wie ein Geschoss in den Körper eindringt“, erklärt Dieter Stiefel vom Landeskriminalamt München. Auch bei einer Entfernung von einem Meter könne eine abgefeuerte Gaspistole noch Verletzungen wie etwa schwere Augenschäden verursachen. Das Problem sei, dass sich viele nicht bewusst seien, dass sie hiermit eine tödliche Waffe in der Hand halten, so Stiefel.

Wie viele Schreckschusspistolen tatsächlich in den letzten beiden Jahren gekauft wurden und wie viele davon ohne kleinen Waffenschein spazieren getragen werden, verraten die Zahlen nicht. Sie sind aber ein Indiz dafür, dass die Unsicherheit so groß geworden ist, dass immer mehr Menschen auf Selbstverteidigung statt Staatsgewalt setzen. Dass sie mit einer Schreckschusspistole im Zweifelsfall mehr Unsicherheit als Sicherheit schaffen, scheint dabei vielen nicht bewusst zu sein.

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Foto (c) BR

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