Das Netz wird nicht als normales Kommunikationsmittel genutzt; im Gegenteil: Der Umgang ist oft verkrampft oder gewollt. Ganz nach dem Motto: “Wenn wir nix mit dem Netz machen, könnten die Zuschauer uns für altmodisch halten.” Online-Zuschauerbeteiligung im Fernsehen wird für mich zum Rummelplatz. User Generated Content ist immer auch ein bisschen Kirmes. Genau wie bei diesen zum Glück fast ausgestorbenen Call-In-Sendungen. Da mußte um jeden Anruf gebettelt werden – das Nennen der Nummer wurde zur Farce, gehörte aber auch zum Konzept.
Nur: In den meisten Sendungen ist die Einbindung des Internets ähnlich kirmeshaft. ”Klicken Sie sich rein, bei uns in’s Internet” oder “Schicken Sie uns eine Ihhh-Mail” oder es wird extra jemand in das Studio geholt, der auf einen überdimensionalen Touchscreen rumdrückt und von Internetseiten vorliest (!). In solchen Momenten frage ich mich immer: Warum soll ich mich bei denen in das Internet “reinklicken” – haben die ein eigenes? Warum brauchen die extra eine Person die aus dem Internet vorliest? 1996 hatte vielleicht im Studentenwohnheim von meinem Bruder nur ein Mensch einen Internetzugang; zu dem ist man immer gegangen, wenn man was wollte. Heute hat doch jeder Internet. Warum setzen einige so komische Touchscreens? Sind die wirklich praktischer? Ich habe den Verdacht: Die wollen nur so cool wie Apple-Nutzer sein. Wirkliche Vorteile kann ich nicht entdecken (die Wettervorhersagen und die Sportschau haben doch auch ohne Touchscreen bestens funktioniert!)
Das etwas nicht rund läuft, das denken auch andere. Zum Beispiel der Fernsehprofi Fred Kogel. Ich bin auf sein Essay in der Welt auf unserer fabelhaften Rundshow-Facebook-Wand vor ein paar Tagen gestoßen. Im Grunde kotzt er über Zuschauerbeteiligung im TV ab und schwört auf die Konsumierbarkeit, die weiterhin die Stärke des TV ist. Auch wenn ich nicht alle Punkte des Essay vom Ex-Sat.1.-Chef gut finde, hat er mit dieser Erkenntnis recht. Aber warum auch nicht – es fehlt weiterhin die Augenhöhe.
Was muss aber anders werden? Wie kann Augenhöhe hergestellt werden? Das Internet muss so in die Sendung eingebaut werden, wie wir es auch im Alltag nutzen. Einfach eine Mail vorlesen, einfach Facebook-Reaktionen berücksichtigen oder auch mal gucken, wie das Feedback bei Twitter ist. Konzentriere ich mich auf die Inhalte, werden Zuschauer die etwas zu sagen haben schon ganz von alleine wissen, wie sie uns kontaktieren können. Eine dezente Einblendung hilft natürlich. Auch kann man einen Moderator nicht alles alleine machen lassen – er hat ja auch sich um seine Gäste und Sendung zu kümmern, da kann er nicht pausenlos Facebook, Twitter & Co. scannen – aber wenn er mit jemanden über die Inhalte im Netz redet, dann hat bitteschön die Perspektive zu stimmen.
Heute Vormittag hatte ich eine Radiosendung bei DRadio Wissen. In dem Talkformat haben wir über E-Mail als Produktivitätskiller diskutiert. Wir hatten unendlich viele Beteiligung über verschiedene Facebook-Seiten und -Profile, bei Twitter und Google+. Dabei hatten wir gar nicht groß die Kontaktmöglichkeiten erwähnt. Wir hatten aber so viel Beteiligung, dass wir die Reaktionen nur im Ansatz unterbringen konnten. Das lag bestimmt einmal an dem Thema, aber auch daran, dass wir es mit einem gewissen Vorlauf angekündigt haben. Eine Nutzerin haben wir sogar als Skypegast die ganze Stunde zugeschaltet, weil ihr Facebook-Kommentar so spannend war, den sie vor zwei Tagen abgab. Das ist Beteiligung die mir gefällt: Der Inhalt gerät in den Vordergrund, die Technik wird einfach genutzt.
Und das ist auch, was ich von der Rundshow erwarte: Das Netz auf Augenhöhe benutzen. Keine Zuschauereinbindung im Zirkusstil. Was erwartet ihr?

Hallo Daniel, hallo Rundshow-Team,
Daniel, ich gebe dir vollkommen recht: Diese pseudo-nützliche Touchscreen-Benutzung, die einige Fernsehformate inzwischen verwenden, ist mehr als überflüssig. Es scheint dann immer so, als wolle man die – wie du sagst – Apple-Nutzer imitieren. Dass das eher schlecht als recht geschieht, erübrigt sich.
Froh können wir aber alle schon einmal mit der Entwicklung im Allgemeinen sein. Denn, meiner Meinung nach hat es viel zulange gedauert, bis das Internet nicht mehr als Konkurrent des Rundfunks angesehen wurde. Viele haben verstanden, dass es nur mit dem Netz geht. Die richtige Nutzung kommt mit der Zeit, da bin ich sicher. Erwartet hätte ich, dass du Formate wie ZDFlogin nennst, die zwar den Inhalt im Vordergrund haben, die Technik
aber auch hervorragend nutzen!
Ihr werdet einen Weg finden, da bin ich sicher.
Kollegialer Gruß,
Tobias Gillen
Hallo Tobias,
natürlich gibt es Ausnahmen – wie zum Beispiel ZDF-Login. Die Sendung ist aber nur gut. Nicht herausragend. Aber ein oder zwei gute Beispiele in einem Nebenkanal machen noch nicht wett, was teilweise im Hauptprogramm zu sehen ist. Wobei ich den Weg des ZDF für deutsche Sender sehr innovativ empfinde – aber insgesamt geht das alles doch viel zu langsam.
Gruß, Daniel
Hallo Daniel,
Ja, natürlich geht es zu langsam. Vergleichen wir es mal mit der Politik: Wie lange hat es gedauert, bis Politiker einen eigenen Twitteraccount hatten? Ewigkeiten. Und nun haben sie einen und nutzen ihn noch zu schlecht. Sie werden lernen – genau so wie das Fernsehen.
Lieber Gruß,
Tobias
Ich finde ZDF-Login inhaltlich etwas dilletantisch, das ist eher “Proof of Concept”. Dennoch trifft dein Artikel ins Schwarze. Die Frage, die ich mir nun stelle: Wie sieht eigentlich eine Sendung aus, bei der die Verbindung von Internet und Fernsehen gelungen ist?
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