Und wir Sendungsmacher wollen den Überblick behalten, tolle Beiträge für alle sammeln, diese auf verschiedenen Wege veröffentlichen und am Ende auch noch ein Best-Of präsentieren. Für den Zuschauer soll das nicht nach Nerd-Veranstaltung aussehen, sondern einen “unaufgeregten” Eindruck machen und sich “natürlich” in den Sendeverlauf einfügen.
Und wie geht das? Mein Beitrag zur Rundshow heißt “SoViET” und ist ein Baukasten-System, das wir bei 4=1 in Hamburg seit Anfang des Jahres entwickeln. Dieses “Social Video Event Toolkit” nutzten unter anderem die Tagesschau bei der Berliner Landtagswahl, der Jugendsender N-JOY bei diversen Konzerten und Open-Air-Events, die ARD bei der Königshochzeit und die TEDxHamburg. (Anmerkung: In diesen Beispielen fehlt heute natürlich das Live-Video; Replay ist leider noch nicht implementiert.)
SoViET kann Beiträge aus diversen Kanälen an einer Stelle bündeln und bietet ein Redaktions-Backend, mit dem diese Beiträge ausgewählt und ausgespielt werden können. Und nicht zuletzt hat SoViET den Anspruch, Sendeformate zu ermöglichen, in denen Live-Video und soziale Netzwerke integriert werden: die Beispiele zeigen da schon ganz unterschiedliche Ansätze.
Status Quo – Fremdkörper Soziale Medien
Sieht man sich in der (deutschen) TV-Landschaft um, bietet sich meist eines der folgenden Szenarien:
- “Was sagen die Zuschauer, Tina?” – “Wir hatten viele Anrufe/Mails”, Papiergeraschel
- Experte sitzt am Rechner und berichtet
- Handkamera auf Twitter-Screen am Bildschirm, unübersichtliche Facebook-Walls, Tabs umschalten im Browser (Sorry, ZDF Login…)
- Moderator: “Unser Experte wird nach der Sendung zum Chat zur Verfügung stehen”
Meist wirkt das künstlich bis störend, ist schlecht in den Sendeablauf integriert und visuell nicht wirklich TV-tauglich – oder gleich auf “nach der Sendung” verbannt. Dass es auch anders geht, dass ein Televoting und die Berichterstattung darüber zentraler Teil der Inszenierung sein kann, zeigt beispielsweise der Eurovision Songcontest: Et maintenant, la Moldavie…
Ein anderer Ansatz
Die Grundidee zu SoViET entstand bei der Suche nach einer Alternative zu klassischen Chats. Anforderung: Social Media Gedöns-kompatibel (Twitter/Facebook), visuell attraktiv etc. Ich war mit allen vorgefertigten Lösungen unzufrieden und mehrere Monate passierte in dieser Richtung überhaupt nichts. Als Apple das Ipad herausbrachte, sah ich beim Fotografen Chase Jarvis zum ersten Mal eine überzeugend unaufgeregte Umsetzung von Sendung und Interaktion aus Social Media: Chase redet in einem klassischen Interview-Setting mit dem Kollegen Zack Arias, die beiden sitzen auf dem Sofa, beide haben ein Ipad - und lassen so natürlich Fragen aus Twitter mit einfließen, dass es den Sendungsverlauf überhaupt nicht stört. Einfach mal reinzappen – rein zufällig hab ich mal Minute 41.30 gewählt, da sieht man den Leseverlauf und die resultierende Frage.
Das Setup ist nicht perfekt, viele Kommentare verschwinden, die Auswahl ist relativ zufällig und auf Twitter beschränkt, usw. – aber: Es wirkt.
Wie soll so etwas für die Rundshow aussehen?
Ich stelle mir vor, dass wir einen SoViET-Client im Web haben, bei dem User die ganze Sendung (auch im Vor- und Nachwege) mitkommentieren können, tolle und passende Beiträge werden die ganze Sendung über veröffentlicht. Das bedeutet, dass ein Web-User mehr Inhalt sieht, als ein Fernseh-Zuschauer – also ein anderes Sendungserlebnis hat. Auch die Interaktionsmöglichkeiten, die die App bietet, sind im Web-Frontend integriert.
Irgendwann in der Sendung haben wir ein kurzes “Chat-Segment”, in dem Richard und Daniel User-Fragen in einer normalen Talk-Situation an den Gast stellen – warum nicht alle mit einem iPad in der Hand…
Die Kommunikation läßt sich natürlich über die Sendung hinaus beliebig lang im Web weiterführen – so lange tolle Fragen da sind, redet man. Reaktionen auf die Aussagen des Gastes lassen sich im SoViET-Client darstellen , sodass für eine große Gruppe ein aktives Mitmachen möglich ist.
Wir haben durchaus auch Kritik gehört, dass wir mit SoViET ja quasi “nur noch eine Twitterwall” erschaffen würden, dass die bisherigen Ausspielformen langweilig wären, und dass die Interaktionsmöglichkeiten zu eingeschränkt sei. In den meisten Fällen haben wir aber beobachtet, dass das kuratierte Ausspielen von User-Kommentaren als so unauffällig und stimmig wahrgenommen wurde, dass der SoViet-Client als Kommunikationsmedium akzeptiert wurde.
Soweit in dieser ersten Vorstellung, der Ring ist eröffnet: Ist Kuratieren das neue Zensieren, macht das Reden von “Sendeformat” für Euch Sinn, und würdet Ihr als Chat-Gast auch gerne ein iPad in der Hand haben?

Bis jetzt fand ich die Blog-Beiträge immer sehr spannend und eigentlich voller neuer Ideen. Aber genau diese beschriebene Art der Live-Begleitung im Web gibt es beim ZDF seit langer Zeit. Begonnen hat es vermutlich mit “log in”. Aber der Autor scheint “log in” nicht richtig geguckt zu haben (-; Klar werden diese Beiträge teilweise abgefilmt, das muss auch so sein. Wir sollen sonst die Kommentare in die Sendung mit einfließen? Bei “log in” wird auf einer Static-Page (Livestream, Twitter, Facebook und Chat) über die laufende Sendung diskutiert. Fragen aus Twitter, Facebook und Chat werden direkt mit in die laufende Sendung übernommen. Und wenn es eine besonders spannende oder interessante Frage gibt, wird diese auf einem ziemlich großen Touch-Screen gezeigt. Warum auch nicht? Denn es gibt auch bei diesen interaktiven Sendungen Zuschauer die nicht vor dem PC sitzen und sich live beteiligen. Diesen Zuschauern muss man ab und zu mal zeigen was im Netz und auf der Static-Page los ist. Auch in der mörder-interaktiven Sendung darf ich ich nicht vergessen, dass eine TV Sendung mache.
Neben “log in” wurde diese Art der Interaktiven-Sendung auch bei allen Festival-Übertragungen von ZDFkultur eingebunden. Dazu kommt “heute plus”, das seit 2 Wochen bei ZDFinfo läuft.
Und nur mal so am Rande, hier das vom ZDF seit sehr langem genutzte “Social-TV”: http://bit.ly/rnfBeK und hier die Version von der ARD (wird seit 22.09. genutzt):http://bit.ly/o21oJj.
Sieht dann doch ziemlich ähnlich aus, oder? (-;
Generell würde ich privat auch gern ein iPad in der Hand halten
Eine gewisse Auswahl der Kommentare und Einwürfe ist für einen stringenten Sendungsablauf zwingend. Ich möchte ja als Zuschauer gern dem Thema folgen können und beispielsweise nicht permanent eine Zickzacktour über Randbereiche mitmachen.
Dieses Format und die Einbindung von SoViET klingt übrigens richtig gut. Wann könnte die erste Sendung denn grob zu sehen sein?
Bei grossen Livestreaming-Events mit gleichzeitiger Chat/Kommentarfunktion finde ich es schade, das der Chat auf Grund der Menge der User oft einfach nur schnell “vorbeirauscht”.
Was ich sehr interessant finden würde: Per Kommentar Live-Tendenzen der Zuschauer aufzuspüren und darauf hin zu reagieren. (Ist mit der Fernbedienungs-App (Die Macht) auch geplant, oder ?)
Gefällt mir / Gefällt mir nicht -> könnte per Twitter/FB auch durch +/- Tweets involviert werden.
Während eines Interviews könnten Themen-Schlagwörter den Zuschauern vorher angeboten werden (oder selbst entstehen) – und dann live als Balkengrafik dargestellt und auf die höchst Nachgefragten intensiver eingegangen werden.
(Trending Topic als grafische Darstellung sozusagen
Michael: Im Grunde vertrittst du meine Position – nur mit anderen Worten.
Wir sind ja nicht angetreten mit der These, dass wir das Rad neu erfunden hätten. Wir haben es nur so verbessert, dass sich für Redaktion und User ein stimmigers Bild ergibt.
Beim ARD-Beispiel sehe ich akut ein Beispiel, was den Fehler im Workflow verdeutlicht: Christoph Rieth von der ARD schreibt: “Wenn ihr (…) Fragen habt, könnt ihr die hier posten, wir leiten sie dann weiter.”
An sich ja richtig, aber unter Garantie kopiert er dann passende Kommentare in ein Dokument, dass er per Mail verschickt oder ausdruckt – oder auf der Facebook-Wall im Fernsehen zeigt. Bei uns würde man die entsprechende Frage einfach in einer Liste markieren und z. B. in der Redaktionskonferenz oder live entscheiden, ob man sie auf dem großen Touchscreen, Facebook, Crawl oder sonstwo ausspielt – ohne dass man das groß vorbereiten und planen müsste.
Natürlich gibt es solche Einbindungen bereits – aber die sind meiner Meinung alle wie gesagt nicht sauber durchdekliniert – warum muss ich drei Reiter für Facebook- Twitter und den Chat haben – das Medium als Kommentarträger ist nicht wichtig, ein User ist an sich nur an gutem Inhalt interessiert, ganz gleich, ob er originär in Twitter, Facebook oder den Chat eingetippt wurde.
Die beiden gezeigten Beispiele zeigen drei einzelne Mikrokosmen nebeneinander – Twitter, Facebook, Chat, evtl. Foren – die aber miteinander nicht verbunden sind, ein Redakteur muss die Kanäle einzeln sichten und kann sie nur auf einer Plattform weiterverwenden, bei der Facebook-Implementation kann man sehr deutlich sehen, dass auf Facebook-Infrastruktur zurückgegriffen wird, die nicht immer in das Layout des Senders passt – und etliche weitere Punkte (da will ich noch einmal einen Folgebeitrag machen).
Und als Gimmick kann ein User bei unserer Lösung auch noch das TV-Fenster kleiner klicken, wenn er sich mehr auf die Kommentare konzentrieren will, sich Slideshows ansehen – etc. Wird der Unterschied jetzt klarer?
Nicole: Die bisherige Planung sieht vor, dass wir Ende November, Anfang Dezember die Test-Sendungen produzieren. Der nächste SoViET-Einsatz für den NDR ist am 4.10. zum Thementag “Essen” – derzeit ist geplant, den ganzen Tag über Leute diskutieren zu lassen, nach der das!- und der Visite-Sendung gibt es dann einen Video-Chat mit Experten – allerdings ist das noch alles in der Planung.
Alex: Über so eine Lösung denken wir auch nach – als erste Idee könnte beispielsweise ein Mini-Fensterchen die +/-Meinungen wie ein EKG o. ä. visualisiert werden. Bei den Schlagworten muss man wieder aufpassen: Es darf nicht zu nerdig für “Normalo”-Zuschauer werden, das muss man langsam angehen
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