Nach langem Leiden im Internet verstorben Die Liebe ist tot

Die Liebe ist ein seltsames Spiel, im Zeitalter des Netzes womöglich noch mehr. Das ganze Netz ist voll mit ihr und man müsste sich eigentlich nur ein kleines bisschen umsehen, um alles zu finden, was man schon immer wollte. Ein Paradies oder doch die emotionale Vorhölle?

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Unendlich viele Frauen, die nur darauf warten, vom Richtigen abgeholt zu werden, Legionen von Männern, die alle eines eint: Sie sind intelligent, gut aussehend, witzig, charmant, vermögend, sportlich, tragen die Auserwählte auf Händen, sind aber doch immer das kleine bisschen machohaft, wie sich Frau das wünscht, seien wir doch mal ehrlich, oder? Wenn man das dann noch mit den entsprechenden algorithmisch errechneten Matchingpunkten der diversen Datingagenturen im Netz kombiniert, kommen in Zukunft nur noch lauter tolle Paare und noch tollere Kinder raus, weil sich nur noch Traumfrauen und Traummänner treffen.

Vielleicht müsste man dafür nicht mal mehr Geld ausgeben. Auch in sozialen Netzwerken sind wir irgendwie alle toll, posten und liken nur das, was imagetauglich ist, stellen uns in Fotos zur Schau, in denen wir und Photoshop eine richtig gute Figur abgeben, erzählen von unseren Abenteuern und den klugen Büchern und der anspruchsvollen Musik, die wir gerade hören und sind ganz unter uns. Ein hoffnungsloser Fall, der da Single bleibt.

Natürlich, es gibt da so ein paar klitzekleine Schattenseiten. Die atemberaubende Frau, mit der ich da gerade maile/chatte/(setzen Sie hier einen Kommunikationskanal Ihrer Wahl ein) ist möglicherweise in Wirklichkeit ein verklemmter Student mit schiefen Zähnen. Die Frau, die sich auf Ihrem Profilfoto elfengleich gibt, ähnelt eher einem unförmigen Schrank und ist zudem einfach nur gut geschminkt. Umgekehrt sind die Männer mit den vielseitigen Interessen und den sensibel-klugen Zitaten aus Büchern im real life dann doch nur tumbe Fußballfans. Und die Hölderlin-Zitate hat er sich via Copy&Paste aus dem Netz geholt. Schließlich ist es nirgends so leicht, sich eine neue, ganz andere Identität zu erschaffen als im Netz.

Und ist es nicht sogar so, dass der virtuelle Perfektionsraum Illusionen und Erwartungen schafft, die am Ende gar nicht zu erfüllen sind? Und dass selbst der ausgeklügelteste Algorithmus sowas wie eine menschliche Chemie nie ersetzen kann? Immerhin gehen Wissenschaftler davon aus, dass eine Entscheidung darüber, ob aus zwei Menschen irgendwann mal was wird, in den ersten Sekunden einer Begegnung fällt. Gegensätze sollen sich zudem ja auch anziehen. Das aber würde im Zeitalter des Matchingpunktes ausgeschlossen sein: Liebe im Netz bedeutet nach dieser Logik, dass sich vor allem Gleich und Gleich gesellen sollen. Und Perfektion mit Perfektion. Wer würde schließlich in seinem virtuellen Leben von sich behaupten, ein eher durchschnittlicher Langweiler mit beginnender Glatzenbildung zu sein?  Zudem bleibt die Frage, was das eigentlich mit unserem Liebesleben werden soll, wenn wir alle drin sitzen, keiner mehr raus geht und Emotionen dann nach 1 0 1 0 1 0 aussehen?

Wahr ist aber dann auf der anderen Seite auch, dass man im Netz Menschen begegnen kann, denen man in den Zeiten der analog-begrenzten Welt nicht begegnet wäre. Wenn man in der ostwestfälischen oder niederbayerischen Provinz lebt, dann sind normalerweise die Chancen, der aufregenden Surferin aus Kalifornien zu begegnen eher gering.  Und wenn dann eh schon das ganze Leben globaler wird, muss dann die Liebe nicht auch globaler werden?

Aber was reden wir hier eigentlich die ganze Zeit von Liebe? Nehmen wir es genau, dann gibt es keine Liebe im Netz, da ist sie tot, gestorben begraben unter unzähligem gefühlstötendem Pornokram. Unter Gruppensex, merkwürdigen Fetischen, Homemadepornos, versteigerten Hochzeitsnächten und vielen anderen Dingen, von denen man sich gewünscht hätten, sie blieben geistgleich in der Flasche. Man hat so eine Ahnung, dass zur Liebe auch gehört, dass man manche Dinge gar nicht so genau sehen will. Das Netz hingegen, das ist dauernde Nahaufnahme, Permazoom, mehr oder minder gut ausgeleuchtet, zumindest aber schrill. Dauernd verfügbar, auf Mausklick in allen denkbaren und manchmal auch undenkbaren Varianten. Das Netz zerstört jedes verbliebene Geheimnis, jede Form von Emotion, das Netz ist zur pornographischen Leistungsschau geworden, die keinen Platz mehr lässt – ja, für was eigentlich?

Sowas wie Liebe?

Der rundshow-Liebe-im-Internet-Selbsttest

Unsere Redakteurin Senada wollte herausfinden, wie es sich anfühlt, wenn man im Internet nach seinem Traumpartner sucht. Und man reele Chancen hat, jemanden Passenden kennenzulernen.

Wir sprechen zu diesem Thema mit:

Felicitas Heyne ist Psychologin und Autorin des Buches Fremdenverkehr – Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben. Sie sieht im Onlinedating eine gute Möglichkeit, unkompliziert auf Partnersuche zu gehen. Dennoch wittert sie Gefahren, denn ihrer Meinung nach ist das Internet  ein Faktor, der bestehende Beziehungen schneller auseinanderbrechen lässt, da es viele Alternativpartner zu bieten scheint. Sie verrät uns bestimmte Strategien, die man beim Online-Dating beachten sollte.

Florian Braunschweig und Alexander Friede: Die beiden Unternehmer gründeten das soziale Netzwerk lovoo.net zum Flirten und neue Leute kennenlernen. Ihr Standpunkt: Mobiles und ortsbezogenes Internet macht es nicht nur für Singles unglaublich einfach, direkt vor Ort neue Leute kennen zu lernen.

Birgit Ströbel ist Vizepräsidentin (Marketing & Strategie) bei FriendScout24, der mit 10 Millionen registrierten Mitgliedern größten Partnerbörse Deutschlands. Sie erzählt uns, welche Menschen sich in Online-Partnerbörsen anmelden und welche Rolle die Liebe im Internet spielt.

 

Phonebitch ist eine Bloggerin aus Luxemburg und seit über zehn Jahren Telefonsexanbieterin. Sie findet, man wird im Internet mit Sexangeboten überflutet: Jeder kann jederzeit Pornos konsumieren und es gibt keine funktionierenden Altersbeschränkungen. Es fehlt jegliche Scham, selbst fremdgehen wird enttabuisiert. Männer sehen einen Porno mit dem Titel “Inzest” und denken es sei normal, Hand an die eigene Tochter anzulegen.

Michael Hummert ist Diplom-Pädagoge & Sexualpädagoge und setzt sich theoretisch mit dem Thema „Auswirkungen von Pornografie im Internet auf Jugendliche“ auseinander. In der Praxis berät er Schüler im Alter zwischen 11 und 16 Jahren für den Sozialdienst Katholischer Frauen. Er sieht keine zentrale Wirkung von Pornografie im Internet auf Jugendliche.

Herbert Krauleidis ist der Erfinder und Betreiber von gesext.de, einem Online-Portal, auf dem Privatpersonen sexuelle Dienste anbieten, die dann ersteigert werden. Er findet es gut, dass Menschen über das Internet miteinander in Kontakt treten, dort ihre Wünsche frei äußern können und erfüllt bekommen. Seiner Ansicht nach, macht das Internet Sex freier. Besonders Frauen könnten aufgrund der Anonymität im Netz ganz offen ihre Wünsche formulieren -  seiner Meinung nach früher undenkbar.

 

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