Das grosse Säbelrasseln – Auf dem unsinnigen Weg in einen Krieg?

Eine Streitschrift.

Ich traue mich in der Früh kaum mehr die Zeitung aufzuschlagen (von Internet-Artikeln mal ganz abgesehen). Schon beim ersten Blick (und noch vor dem ersten Schluck Kaffee) springt das Thema einem entgegen.

Iran. Krieg. Angriff. Gegenangriff.

Die Zeit für konkrete Maßnahmen läuft uns davon“ liest man auch immer wieder.

Das nervt. Das nervt unglaublich. Und das schon seit vielen, vielen Monaten. Warum?

Fast liebevoll wird oft über einen Krieg gesprochen: Ausschalten der Luftabwehr. Einsatz diverser Raketentypen von der israelischen Jericho (nicht offiziell) bis zur iranischen Shahab 3 (offiziell). Eine „Eiserne Kuppel“ leistet gute Arbeit.. Bunkerbrechende Bomben werden geliefert. Es gibt Atomraketentests. U-Boote der Delphin-Klasse (von Deutschland geliefert) schippern durch die Meere… Auftankmanöver in der Luft werden geübt… Maximal 600 Tote in Tel Aviv, vielleicht aber auch „nur 300“ soll es im Ernstfall geben. Aserbaidschan soll als Airbase genutzt werden. Pasdaran (Iranische Revolutionsgarden) wollen die Straße von Hormuz sperren. „Der Nervenkrieg eskaliert“ titelt eine Wochenzeitung im Dossier…usw.

Nicht nur in Israel oder dem Iran. Fast überall – ich nehme da uns, die deutschen und internationalen Medien, nicht aus. Militärexperten zeichnen schaurig-schöne Szenarien nach. Was wäre wenn, oder wenn nicht? Welcher Flächenbrand breitet sich aus? Wie reagiert die radikal-islamische Hisbollah mit ihren 200.000 Raketen?

Politik und die Medien schenken sich da nichts. Täglich wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. „Angriff vor oder nach den US-Wahlen“, „letztes Ultimatum“ und so weiter… Irgendwann glaubt man da selbst dran. Vielleicht macht genau dies diesen Krieg ja auch unausweichlich, wer weiß. Jahre vor dem Ersten Weltkrieg verlief das auch schon mal nach demselben Muster: Zeitungen waren voll von demselben Säbelgerassel. Gegen Erbfeinde oder Hunnen musste zu Feld gezogen werden. Was rauskam, wissen wir.

Über was wird da eigentlich geredet, geschrieben, gesendet? Sicherlich keine Sandkastenspiele – auch wenn es immer wieder so klingt. Raketen mit oder ohne Sprengköpfe aller Art auf Tel Aviv, Haifa, Ashdod, Teheran, Natans, Ghom bedeuten Tausende (wenn nicht mehr) Tote. Das sollte man mal bedenken, wenn man so locker daherredet oder schreibt.

Also: Schluss damit!

Vielleicht bin ich aber auch nur zu sensibel. Am frühen Morgen. Vor dem ersten Kaffee.

 

Kommentieren:

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  1. Sehr geehrter Herr Rosch,
    ein sehr guter Appell. Ich hoffe er findet Gehör. Aber ich fürchte, dass er ungehört verhallen wird. Rufer in der Wüste waren in Israel schon in der Antike selten erfolgreich.

    Iran verwendet aggressive Rhetorik gegen Israel, und spielt mit der Drohung einer Atombombe. Ich glaube nicht, dass sie derzeit eine entwickeln, denn das würde den Iran seines Vorteils berauben, im Falle eines Angriffs der moralische Sieger zu sein. Man hat dort sehr gut verstanden, was die falsche Behauptung der Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak für den Rückhalt der Bevölkerung in kriegerischen Auseinandersetzungen für die USA und Europa bedeutet. Deshalb ist für den Iran die Drohung wie häufig im Schach stärker als die eigentliche Ausführung.

    Da man aber nicht sicher sein kann, und andererseits die Rhetorik des iranischen Regimes eindeutig kriegerisch ist (und die Erfahrungen mit vom Iran gesteuerten Organisationen ebenfalls), muss sich Israel entscheiden, ob es darauf eingeht oder es ignoriert. Geht es darauf ein, und der Iran entwickelt nichts, dann steht Israel am Ende allein in der Welt. Geht es nicht darauf ein, und der Iran baut die Bombe, dann riskiert es die eigene Auslöschung. Insofern beobachten wir hier das klassische Gefangenendilemma, in dem Israel steckt.

    Ich glaube, dass Sie mit Ihrem Aufruf Recht haben, und dass Israel besser beraten wäre, den Iran einfach zu ignorieren, als auf das Spiel einzugehen. Aber das ist leicht gesagt, ich muss schließlich nicht mit der täglichen Bedrohung leben. Trotzdem wünsche ich Ihnen und den anderen Menschen in Israel alles Gute.

    Mit freundichen Grüßen
    Michael

    • Sehr geehrtes BR Team,
      es freut mich einen weitläufigen Einblick in die Welt der Leute in Palästina lesen zu können. Ich habe 1 Jahr in Jerusalem gearbeitet und Bethlehem gelebt. Dabei sind mir auch viele Ungereimtheiten der Beziehungen von IL und Pal. zu Augen gekommen. Ich möchte Sie aber bitten und fragen, ob Sie eine Reportage über den Mary Doty Playground in Bethlehem machen könnten. Es ist der grünste und sauberste Platz in ganz Nah Ost. Sie werden überrascht sein. Leider kämpft die Leiterin Palästinenserin ( deutschsprechend) an vielen Stellen, um dem Park weiterführen zu können. Es werden Kinder betreut bis zu 6 Jahren und am Nachmittag können auch Feste dort gefeiert werden.

      Herzliche Grüße

      Maier

  2. als der frueher mossad chef levi efraim gefragt wurde, was er ueber einen angriff auf iran denkt, so sagte er folgendes. und zwar, dass er die heutige faktenlage nicht kennt und daher keine schluesse ziehen kann.

    und wenn der frueher mossad chef sich nicht anmutet, eine meinung ueber einen angriff zu bilden, und sich so auf die entscheidungstraeger verlaesst, was ist dann unsere meinung wert?! wie richtig kann unsere meinung sein, wenn wir von den eigentlichen fakten, noch weniger eine ahnung haben, als der ex mossad chef, der zugibt keine ahnung zu haben?

    man kann natuerlich auf die barikaden gehen und israel ziwingen, nichts zu tun. aber wer wird spaeter die vernatwortung fuer “nichtstun” uebernehmen, falls iran doch atombomben baut und sie einsetzen will? KEINER! alle werden sagen, dass sie nichts geahnt haben. aber das ist jetzt egal.

    fakt ist, dass wir keine ahnung haben und nur hoffen koennen, dass die israelis anhand ihnen bekannten erkenntnisse die richtige entscheidung treffen, sei es ein krieg, begrenzte angriff oder nichtstun.

    • Lieber Ariel,
      es ist allerdings schwierig, selbst im Nachhinein zu sagen, was richtig war, weil man ja die Konsequenzen der nicht verfolgten Alternativen nicht mit Sicherheit vorhersagen kann.

      Was man allerdings mit Sicherheit sagen kann: das ständige Gerede über Krieg – im Gegensatz zum Beispiel zum entschlossenen Handeln ohne Worte bei der syrischen Atomanlage – wird vom iranischen Regime als Schwäche und Unsicherheit interpretiert. Und das schadet Israel. Das Ende der öffentlich Debatte über den Iran würde Israel folglich mehr nützen als schaden. Das kann man auch als ehemaliger Mossadchef (1998 – ?) wissen.

      Viele Grüße
      Michael

      • “es ist allerdings schwierig, selbst im Nachhinein zu sagen, was richtig war, weil man ja die Konsequenzen der nicht verfolgten Alternativen nicht mit Sicherheit vorhersagen kann.”

        sehe ich ueberhaupt nicht so.

        israel hat 1981 den iranischen atomreaktor in bau zerstoert – das war richtig!
        israel hat 2006 den syrischen atomreatkor in bau zerstoert – das war auch richtig! stellt euch vor, syrien wuerde zerfallen (was durchaus moeglich ist) und die brennstaebe blieben ohne aufsicht.
        man kann meistens mit sicherheit sagen, ob eine entscheidung falsch oder richtig gewesen ist. was man nicht sagen kann, ist ob eine andere loesung besser oder schlechter gewesen waere.

        man kann heute mit sicherheit sagen, dass wenn nicht israel staendig alarmschlagen wuerde, die iransanktionen nicht so umfangreich waere. iran haette freies spiel, wuerde sich noch mehr in recht fuehlen und mit schweigender zustimmung des westens sich schneller aufruesten.

        wsa das gerede um einen schlag angeht, so wird er zu 90% von den medien(besoners im westen) und nicht von den politikern betrieben.

  3. Lieber Herr Rosch, ich schließe mich Michael an. Die verbale Aufrüstung “funktioniert” und scheint zu faszinieren. Es ist ungleich schwerer, mit Nachrichten von konstruktivem Gelingen Aufmerksamkeit zu erzielen. Ihre “kleinen” blog-Beiträge zum Boxclub oder zur Friedensinitiative halte ich vor diesem Hintergrund für unentbehrlich, auch wenn sie, wen wundert`s, weitaus weniger kommentiert werden.
    (Was sagt das eigentlich über uns? Mischen wir alle irgendwie gern mit im bisher glücklicherweise nur verbalen Kreigsgeschehen?)

  4. @ Markus Rosch

    Vielen Dank für diese “Streitschrift”. Sie vermittelt ein Gefühl für das, womit Sie tagein tagaus konfrontiert sind, und Sie haben ja auch nicht die Möglichkeit, einmal einen Tag lang NICHT die Zeitung aufzuschlagen oder sich in TV oder online zu informieren…
    Daher erleben Sie dieses Säbelrassen sicher noch intensiver als das Gros der israelischen Bevölkerung. Die Menschen gehen zur Arbeit – als Lehrer, Ärzte, Kellner, Gärtner, Klempner oder Busfahrer und haben ganz normale Alltagssorgen wie wir hier auch. Sie wachen zwar zu denselben Schlagzeilen auf wie Sie, können und müssen ihnen aber nicht dieselbe Beachtung schenken.

    Die Wahrheit hinter Ihrem persönlichen Erleben, die auch Anlass für Ihre Streitschrift ist, sollte von jedem gehört werden. Wir wissen, dass ein Hochrüsten von allen Seiten – zumindest in der Region – nicht in Friedensverträgen mündet, und daher wissen Sie, und eigentlich ist für jedermann erkennbar, dass es einen, diesen Krieg geben wird.

    Es ist beinahe schon müBig darüber zu sinnieren, wer im Recht ist und wer nicht oder wer die besseren Argumente hat. Eine Versöhnung der sich streitenden Parteien im Zentrum des Konflikts – Israel und Iran – ist nicht realistisch vorstellbar. Nun besteht die Möglichkeit eines Angriffs vonseiten Israels, der zur Eskalation führen kann. Entscheidet sich Israel nicht zum Angriff, so wird Iran über kurz oder lang in Besitz der Bombe sein. Wird Iran sie dann auch einsetzen? Vielleicht wäre eine Gegen-Alija (freiwillig, im Gegensatz zum Exil) eine ‘Friedenslösung’: Die jüdischen Israelis packen ihre Koffer und bewohnen beispielsweise bislang unbewohnte bezugsfertige chinesische Städte :-o , oder wir laden sie nach Deutschland ein. – Natürlich ist solch ein Szenario absurd.

    Religiöse Christen, Juden und Muslime sind sich darin einig (hört! hört!), dass es einen groBen Krieg am Ende der Zeit geben wird… Ah, jetzt kommt die “Endzeitkeule”!?! Nein. Jeder mag für sich selbst die Zeichen der Zeit lesen und zu einer Einschätzung kommen und Frieden darin finden.

    Ein Endzeitszenario liegt für mich mehr auf der Hand, wenn ich Ihre Worte, Herr Rosch, lese als wenn ich da, wo ich in Frankreich lebe, um mich schaue. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein und der nächste Krieg sehr weit weg. Das ohrenbetäubende Säbelrasseln, mit dem Sie klarkommen müssen, wird hier nur sehr leise und nur von manchen vernommen, auch wenn die Medien darüber berichten. Schlaflose Nächte bereitet es hier (noch) niemandem – und es verdirbt auch (noch) nicht den Genuss des Kaffees am Morgen. [Achselzucken]

    Für Sie ist es sicher wichtig, dass “vom Sender” wahrgenommen wird, in welcher Situation Sie sich befinden. Ich kann mir vorstellen, dass es nach einem ‘Erstschlag’ emotional leichter wäre, damit umzugehen, da das Schreckgespenst Krieg dann konkret greifbar und für alle Welt sichtbar wäre. Bis dahin – wird von Ihnen erwartet, dass Sie im Spannungsfeld aus Propaganda und Gegenpropaganda Ruhe und einen kühlen Kopf bewahren und von den Schlagzeilen am Morgen weitgehend unbeeindruckt bleiben, um nüchtern darüber berichten zu können. Keine leichte Aufgabe… -

  5. Hallo Herr Rosch,

    leider haben Sie nicht die Bekanntheit eines Günther Grass, sonst wäre Ihre Streitschrift auch in allen großen deutschen Zeitungen veröffentlicht worden. Schade eigentlich – ich halte von dieser Schrift nämlich bedeutend mehr, als von dem “Gedicht” von Grass.

  6. Hallo Herr Rosch,
    Sie sprechen mit ihren gedanken die Gefühlslage vieler Menschen an.

    Ich empfinde es als eine Achterbahnfahrt wie hier öffentlich einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, durch Gewöhnung an mögliche Angriffs-szenarien quasi beiläufig und nachhaltig eine Legitimation verliehen wird,
    und dann am nächsten tag wieder so getan wird als plane keiner einen Angriff,
    nur um kurze Zeit später erneut zu drohen.

    Und den Vergleich Irans mit Hitlerdeutschland, mit dem Herr Netanjahu hausieren geht, angesichts der bescheidenen Mittel die dem Iran zur Verfügung stehen, für eine demagogische Glanzleistung!

    Nach dem Motto, wenn jede Zeitung Grafiken, Schaubilder des geplanten Angriffs
    feilbietet kann ja wohl nichts Verwerfliches dran sein.
    Verbot von Angriffskriegen, Völkerrecht ?
    Ab in die Tonne schließlich darf man doch keine Zeit verlieren.

    Wie rechtfertigte Ehud Barak, anlässlich seines jüngsten Deutschlandbesuchs das Drängen Israel’s auf einen baldigen Angiff auf den Iran ?

    “Schließen Sie die Augen und denken Sie daran wenn Iran in fünf Jahren Atommacht ist , dann wird es viel mehr an finanziellem und materiellem Aufwand brauchen um ihn zu bezwingen, und es wird mehr Menschenleben kosten.” sic(k)!

    Ich bin mir nicht mehr sicher ob’s ne Achterbahnfahrt ist oder ne Geisterbahnfahrt zu der wir gegenwärtig verdonnert sind.

    • Lieber Herr Moeglich, “angesichts der bescheidenen Mittel die dem Iran zur Verfügung stehen”?

      Sehr, SEHR lustig.

      Die Mittel des Iran sind dermassen bescheiden, dass man es sich u.a. leisten kann/konnte, das Assad-Regime in Syrien zu unterstuetzen, die Hezbollah zu finanzieren und ihnen 200.000 Raketen ins Arsenal zu stellen, und die Hamas in Gaza am Leben zu erhalten.

      Bescheidenheit pur, n’est-pas?

  7. Herr Rosch, verlieren Sie nicht jetzt schon die Nerven – warten Sie damit bis der Krieg anfaengt. Und er wird anfangen. In absehbarer Zukunft. Die Mullahs sehnen sich nach ihrem prophezeiten 12. Imam, und den lockt man am einfachsten aus seinem Versteck, indem man einen Krieg gegen die Juden und Israel vom Zaun bricht. Was dabei eine Atombombe anrichten koennte, ist denen schnurzpiepegal – wer den Mahdi an seiner Seite hat, der gewinnt automatisch. So einfach ist das.