Kloster, Religion und Vandalismus

Bruder Nikodemus Claudius Schnabel ist Mönch in der Dormitio-Abtei in Jerusalem.  Seit zehn Jahren lebt er in der Heiligen Stadt. Und ihm war noch keinen Tag langweilig. Ein Gespräch mit dem Benediktiner über Jerusalem, den Glauben, die Bedrohung der Christen im Heiligen Land  und vieles mehr.

 

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  1. Sehr schöner Beitrag, Herr Rosch.
    Dafür dass er schon seit 1906 dort ist, hat sich Bruder Nikodemus gut gehalten. Was für eine Tagescreme benutzt er? 😉
    Was er über Religionen sagt, spricht mir voll aus dem Herzen. In einem älteren Blog-Beitrag über den Militärdienst religiöser Juden (“Wenn Du im wehrpflichtigen Alter bist …”) hatte ich – halb off-topic – schon eine ähnliche Unterscheidung zwischen “religiös” und “gläubig” gemacht.
    Auch ich sehe, dass die “Religiösen”, also nach meiner Definition diejenigen, die Religion aus selbstsüchtigen Motiven betreiben (“Wir sind die Guten”), zunehmend zum Problem werden. Wobei bei mir auch die militant-missionarischen Atheisten darunter fallen, genau wie die Ideologen. Darin – und auch darin muss ich Bruder Nikodemus zustimmen – unterschieden sich die Religiösen von heute nicht von den Nationalisten früherer Tage.
    Nimmt man die ersten Worte der deutschen Nationalhymne (“Deutschland, Deutschland über alles”), dann war das ürsprünglich der Wunsch, die Einheit des Landes über die Kleinstaaterei zu stellen. Ende des 19. Jahrhunderts mutierte es zu der Idee, dass Deutschland besser sei als die anderen Nationen (“Am deutschen Wesen soll die Welt genesen”). Mit den bekannten schrecklichen Folgen.
    Aus meiner Sicht muss es daher oberste Aufgabe jedes mit Vernunft und Empathie ausgestatteten Menschen sein, gegen kollektive Selbstgerechtigkeit zu arbeiten. Im Bewusstsein, dass das der sprichwörtliche Kampf mit der Hydra ist.

  2. Das sind sehr interessante Kommentare von dem Bruder aus Jersualem!

    @ Michael –

    Es sind vor allem die monotheistischen Religionen, die durch „kollektive Selbstgerechtigkeit“ auffallen und eine Geschichte oder Gegenwart gewaltsamer Missionierung (Inquisition, Islamisierung…) haben.

    Interessanterweise trifft das nicht aufs Judentum zu. Konversion gibt es, aber sie ist kein besonderes Anliegen. Missionierung gibt es allenfalls implizit.

    In den letzten Tagen bin ich zufällig auf insgesamt vier monotheistische Religionen aufmerksam geworden, die gemeinsam haben, Volksstamm und Religion zugleich zu sein, Missionierung gibt es nicht, und Konversion ist – auch durch Heirat – nicht möglich. Wenn jemand „wegheiratet“, verliert er die Religions-/Stammeszugehörigkeit.

    Das trifft zu auf die Jesiden (eine kurdische Gruppe mit 800.000 Anhängern), die Drusen (800.000), die Mandäer (100.000) und (bedingt) die Aleviten (10 – 25 Mio. Mitglieder). Diese Religionen haben alle einen mystischen Schwerpunkt.
    Nur ein ‚jenseitiger‘ Standpunkt, die mystische Sicht, ermöglicht es, die inneren Zusammenhänge, das Eins-Sein in der Vielfalt zu erahnen und in Frieden mit den Andersdenkenden zu leben. Das ist auch der Ansatz der universellen Bahai-Religion.

    Es gibt Eine Wahrheit – mit unendlich vielen Ausdrucksformen, Einen Gott und eine Schöpfung von unermesslicher Vielfalt, und niemand muss daran verzweifeln.

    WIE arbeiten Sie praktisch gegen die kollektive Selbstgerechtigkeit? –
    Ich glaube, man kann nicht weit kommen, wenn man diesem von Äusserlichkeiten lebenden Problem von aussen und oben herab begegnet, denn dann wird es zum Kampf, von dem Sie schreiben.

    • Liebe Lily,
      “Es sind vor allem die monotheistischen Religionen, die durch „kollektive Selbstgerechtigkeit“ auffallen”
      Das stimmt so nicht. Einerseits gibt es heutzutage (wir reden nicht von der Vergangenheit, sondern der Gegenwart) mehrheitlich monotheistische Religionen, weshalb allein deshalb schon eine größere absolute Häufigkeit gegeben ist. Zum Anderen gibt es die Verfolgung Andersgläubiger auch bei den Hindus (mit ca. 30 Millionen Göttern). Und auch manche der religiösen, ultra-orthodoxen Juden sind gewalttätig, wie nicht nur Bruder Nikodemus beschrieben hat. Und auch die Buddhisten (die eigentlich gar keinen richtigen Gott haben) verfolgen Andersgläubige. Und erst die Kommunisten überall auf der Welt, die den Atheismus zur Religion erhoben haben.

      Warum Sie nur die Missionierung als problematisch ansehen, ist mir ein Rätsel. Gewalt ist Gewalt, egal ob zum Zwecke der Missionierung oder nur “zum Spaß”. Auch das ist eine Form der Selbstgerechtigkeit: wir sind die Guten, wir bekehren niemanden. Deshalb ist unsere Religion die beste. Deshalb sind wir besser. Der Schritt hin zu “deshalb haben die anderen verdient, wenn wir sie schlecht behandeln, es ist Gottes Wille” ist ein kleiner. Er geschieht in der Regel automatisch mit der Gelegenheit. Egal ob man Moslem, Christ, jüdisch, kommunistisch oder Bahai ist.

      Ebenso rätselhaft ist mir, wie Sie auf Äußerlichkeiten kommen. Selbstgerechtigkeit ist eine innere Einstellung. Und sie ist es, die von oben herab kommt. Wenn man sie mit Selbstgerechtigkeit bekämpfen möchte, wäre das den Teufel mit dem Beelzebul auszutreiben.

      Nein, es ist im ersten Schritt wichtig, den Menschen von seinem Verhalten zu trennen. Nicht der Mensch ist bekämpfenswert, sondern ein bestimmtes Verhalten. Da aber keiner das beherrscht, fällt man dabei immer wieder in die eigene Selbstgerechtigkeitsfalle. Dann heißt es, von vorne anfangen. Bruder Nikodemus schien das auch verstanden zu haben. Er unterscheidet zwischen den “Hooligans der Religion” und denen, die “zerbrochen und demütig” sind.

      Konkret: kommt einer daher und behauptet: “wär die Welt nur atheistischer, wäre sie friedlicher”, dann nenne ich ihn nicht einen unverbesserlichen Gottlosen, sondern ich frage ihn, wie er seine Behauptung auf der einen Seite mit Atheisten wie Joseph Stalin, der nordkoreanischen Kim-Dynastie, Pol Pot, und all den anderen atheistischen Massenmördern in Einklang bringt, und auf der anderen Seite mit Mutter Teresa, Friedrich von Bodelschwingh und all den anderen gläubigen Philanthropen. Und ob er Gegenbeispiele aus dem jeweiligen anderen Lager benennen kann. Im günstigsten Fall entspinnt sich dann eine Diskussion, in deren Verlauf er die Differenzierungsfähigkeit zwischen Religionen und den universalen menschlichen Charakterzügen gewinnt.

      Natürlich gibt es auch Beispiele, wo das nicht klappt, und die selbstgerechte Programmierung die Erinnerung an innere Widersprüche der eigenen Logik wegwischt. Zumindest bei mir sind die Mißerfolge häufiger als die Erfolge. Aber ist es deshalb nicht trotzdem einen Versuch wert?

    • Hallo Michael,

      Sie fragen sich zu Recht, wie ich darauf komme, vor allem im Monotheismus die von Ihnen benannte „kollektive Selbstgerechtigkeit“ zu sehen. Ich hatte konkrete Beispiele und Situationen im Kopf. Ihr weiteres Verständnis davon trifft auf jeden Fall zu.

      Unter „Missionierung“ verstehe ich jedoch nicht nur die Missionierung im Religiösen. Ich meinte damit die Haltung: ‚Was ich glaube ist richtig, und wenn es nicht alle glauben, stimmt es vielleicht nicht. Also muss ich auch die anderen von der Richtigkeit meines Glaubens überzeugen (nicht unbedingt unter Anwendung von Gewalt). Mein Weltbild und mein „Heil“ – meine Identität – hängen hiervon ab.‘

      Sie denken verstärkt an Gewalt als Konsequenz, daran, dass Menschen denken mögen, der andere habe es verdient, schlecht behandelt zu werden. So weit negativ dachte ich dabei nicht.

      Selbstgerechtigkeit ist eine innere Einstellung. Da stimme ich Ihnen zu. Sie speist sich aber aus Äusserlichkeiten, die einen identitären Stellenwert für den Betroffenen haben. Ich denke, ich muss keine Beispiele nennen. —

      Könnten diese Menschen die verborgenen inneren Zusammenhänge sehen, fühlen, spüren, erfahren, so würden sie problemlos erkennen, wie eitel und überflüssig ihre selbstgerechte Haltung ist. Sie würde sich augenblicklich in nichts auflösen.

      Es ist Ihr Ansatz, den Menschen von seinem Verhalten zu trennen. Das finde ich sehr schwierig, denn was bleibt dem Selbstgerechten, wenn Sie ihn von seinem Verhalten und seiner Einstellung trennen? Dieses Festhalten an starren Überzeugungen ist identitätsstiftend. Wenn Sie dem Menschen das nehmen, entsteht ein Vakuum, eine Leere, und womit soll er sie füllen. Was bleibt, wenn Sie ihm nehmen, wovon er glaubt, dass es existentiell notwendig sei?

      Sie kommen weiter, wenn Sie dem anderen ermöglichen zu erfahren, dass der andere (der „Feind“) in seinem Anderssein in Wahrheit keine Bedrohung darstellt, dass sie gemeinsam Mensch sind, hoffend, suchend – und geliebt (was u.U. schwer zu vermitteln ist).

      Es ist auch denkbar, dass diese Idee, den Menschen von seinem Verhalten zu trennen, die auf mich geradezu grotesk wirkt, ein „männlicher“ Ansatz ist, während der weibliche stets verbinden will und eher danach strebt zu integrieren als zu zerstückeln (?)

    • “Es ist Ihr Ansatz, den Menschen von seinem Verhalten zu trennen. Das finde ich sehr schwierig, denn was bleibt dem Selbstgerechten, wenn Sie ihn von seinem Verhalten und seiner Einstellung trennen?”

      Nun, ich trenne den Menschen nicht von seiner Einstellung. Meine Trennung bezieht sich auch eher auf die Bewertung.
      Wenn man den Menschen nicht von seinem Verhalten trennt, ist es leicht ihn zu verurteilen. Nehmen wir das Beispiel Moses, das hinreichend bekannt sein dürfte. Sein Verhalten in der Jugend ist jähzornig, bis dahin dass er einen Ägypter erschlägt. Er ist anmaßend und spielt sich als Richter auf, bis er mit seinem Verbrechen konfrontiert wird.
      Setzt man ihn mit seinem Verhalten gleich, dann bleibt er immer Moses Hitzkopf, Moses der Mörder. Er hat keine Chance, sich später zu ändern. Selbst wenn er es schafft, sich zu ändern, wird das niemand wahrnehmen.

      Trennt man den Menschen vom Verhalten, dann ist da der Mensch Moses, der sich abgrundtief falsch verhalten hat. Aber dem man eine Chance zur Entwicklung einräumt. Und der nach einer längeren Phase des Lernens vollkkommen verändert Großes leistet.

      Anders ausgedrückt, das Verhalten darf nicht den Menschen determinieren. Was explizit nicht bedeutet, dass man das Verhalten nicht verurteilen darf.

    • @ Michael

      Da hatten wir aneinander vorbeiargumentiert. Sie sprachen von der BEWERTUNG von Person/Tat. Diese Sicht und Haltung sollte meiner Meinung nach zum Erwachsenwerden gehören, und das wichtigste Beispiel dafür liefern die eigenen Eltern, die wir trotz ihrer (Erziehungs)fehler dennoch weiter lieben (sollen). Ausserdem lernt man die Fehler der anderen von der Person zu trennen, indem man sich zunehmend der eigenen Schwächen und Fehler bewusst wird.

      “das Verhalten darf nicht den Menschen determinieren.” – Naja, der Mensch bestimmt sich durch sein Verhalten bzw. seine freie Wahl, sich so oder so zu verhalten, doch immer auch ein stückweit selbst. Wichtig ist, dabei zu verstehen, dass dieses Verhalten immer im Fluss ist, dass niemand aufgrund einer Tat den Menschen begreifen kann und der Mensch selbst nicht dadurch determiniert ist. Wir können niemals den Gesamtkontext einer anderen Person vollständig erfassen, wo sie herkommt, wo sie hingeht… Und das ist gut so.

      Ich hatte gedacht, Sie sprechen davon, auf den anderen zuzugehen und ihm nahezulegen, dass er sich von seinem Verhalten trennen solle. Es gibt diesen Ansatz in der Verhaltenstherapie. Es geht dabei darum, im Weitergehen, das Vergangene “einfach” zu “vergessen”, sich davon zu trennen und die Dinge “einfach” anders zu machen. Das funktioniert nicht immer und bei jedem.

      Eingangs hatten Sie jedoch von der Bekämpfung “kollektiver Selbstgerechtigkeit” gesprochen. Nun weiss ich nicht, wie Sie davon auf Ihre persönliche Trennung von Tat und Täter gekommen sind. Naja, macht auch nichts.

    • @ Lily

      “Ich hatte gedacht, Sie sprechen davon, auf den anderen zuzugehen und ihm nahezulegen, dass er sich von seinem Verhalten trennen solle.”

      Genau davon habe ich gesprochen. Dem anderen Gelegenheit zu geben, sein Verhalten mal aus anderen Augen zu sehen. Und ihm damit Gelegenheit zu geben, es selbst anders zu bewerten. Eine Art von Reframing, wenn Sie so wollen.

      “Das funktioniert nicht immer und bei jedem.”

      Absolut richtig. Hatte ich aber schon weiter oben gesagt.

      “Nun weiss ich nicht, wie Sie davon auf Ihre persönliche Trennung von Tat und Täter gekommen sind.”

      Das ist meine Methode. Ich akzeptiere den anderen erstmal als Menschen. Dann bringe ich ihn durch Nachfragen dazu, sich und sein Verhalten zu erklären. Dann benenne ich das, was ich gut finde, und anschließend wird Tacheles geredet über das was ich problematisch finde. Es gelingt dabei ab und an, ein Einsehen zu bekommen. Und das ist das situativ-temporäre Ende der Selbstgerechtigkeit.

      Das heißt nicht, dass ich damit ein Verhaltensmuster durchbrochen oder den anderen geheilt habe. Aber der andere hatte die Möglichkeit, eine andere Verhaltensweise auszuprobieren und zu trainieren.
      Übrigens braucht die Strategie bei Menschen mit narzißtischer Persönlichkeitsstörung (sprich: pathologischer Selbstgerechtigkeit) irrsinnig viel Geduld – sofern sie überhaupt gelingt – und spätestens fünf Minuten danach wird die Person anfangen, über diese “Kränkung” zu toben und auf Rache zu sinnen.

      Gestern bin ich wieder mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit gefahren. Es war extrem voll, und eine Frau beschwerte sich lautstark und proletenhaft über verschiedene Anrempler. Sobald jemand antwortete attackierte sie ihn mit Verbalinjurien. Nach einem längeren Disput, den sie mit “ICH bin kein Egoist, im Gegensatz zu allen anderen” beendete, blickte sie auf der Suche nach den Reaktionen des Publikums in die Runde. Ich schaute sie über die Menge hinweg gerade und freundlich an. Ihr Blick blieb irritiert für mehrere Sekunden an mir hängen. Für ein Gespräch was sie ausser Reichweite, aber danach kam kein aggressives Wort mehr von ihr.

      Ich glaube, dass die meisten problematischen Verhaltensweisen eine Reaktion auf subjektives Erleben von Verletzungen zurückgehen, und dass Verständnis für das subjektive Empfinden der Schlüssel ist, um den Menschen zu erreichen. Und ich bin mir bewusst, dass das nur funktioniert, solange noch ein Gespräch möglich ist. Wenn der andere im Dunkeln mit gewalttätiger Absicht auf einen zugerannt kommt wie bei Bruder Nikodemus, hilft nur flüchten oder sich auf den Kampf einzulassen.

    • @ Michael

      Sie sprachen doch eingangs von „kollektiver“ Selbstgerechtigkeit, die Sie bekämpfen wollten. Im Grunde ist Selbstgerechtigkeit eine der Ausdrucksformen von Egoismus. Der Mensch sieht nur sich selbst, keinen Schöpfergott (oder was sie da alternativ einsetzen mögen), und durch diese Trennung, IST er allein. Das heisst, er orientiert sich dann zum Beispiel an den Erwartungen der Clique, oder Verletzungen der Kindheit motivieren sein Handeln als Erwachsener etc.

      Da ist also dieser andere, der zuerst einmal Eine Person ist, auch wenn er Teil eines Kollektivs sein mag. Und dann sind da Sie, der den anderen offenbar von einem irgendwie überlegenen Standpunkt aus sieht, beobachtet, beurteilt. Ich finde es gut und richtig, den anderen von seinem Verhalten zu trennen, wenn ich ihn so sehend beurteile. Wenn dieses möglichst urteilsfreie Ansehen des anderen aber Hand in Hand geht mit der Erwartung, der andere möge sich bitte schön ändern in dem urteilsfreien Raum, den ich ihm anbiete, und bitte sehr im eigenen Sinne von dem was gut und recht ist, dann stösst es mir unangenehm auf. Steckt nicht Ihre eigene Selbstgerechtigkeit in dieser Erwartung?

      Natürlich „funktioniert“ das so nicht. Der andere schlägt ja beispielsweise nicht auf die anderen blindlings ein, weil Sie ihm noch nicht erklärt haben, dass man Konflikte auch friedlich lösen kann. Er tut es, weil er vielleicht als Kind auch gehauen wurde, wenn er etwas angestellt hat, oder er findet Anerkennung von seinen grossen Brüdern, Kumpels in seiner Gruppe, oder er glaubt, damit ein Mädchen beeindrucken zu können. Er kann Ihnen das erklären, und Sie mögen Ihm zuhören und darlegen, was sie gut oder problematisch finden und die Einsicht des anderen als einen kleinen persönlichen Erfolg verbuchen, wobei Sie sein Verhaltensmuster lieber ganz durchbrochen und ihn geheilt hätten… – Und damit stellen Sie sich wieder in den Mittelpunkt.

      Das geht alles nicht, weil Sie sich doch sehr selbst als den Akteur und Macher dabei sehen, und Sie haben dabei den Blick auf Äusseres gerichtet, sprich auf das Verhalten des anderen. Sie sagen selbst, und das geht dann meiner Ansicht nach in die richtige Richtung, dass problematische Verhaltensweisen „Reaktion auf subjektives Erleben von Verletzungen“ seien. Verletzungen werden IMMER subjektiv erlebt. Nur eine Verletzung, die nicht verletzt, kann objektiv erfahren werden, aber dann ist sie ja keine Verletzung mehr. Es sind diese Verletzungen und auch allgemein Prägungen und Erfahrungen, die das meiste (auffällige) Verhalten erklären. Und es ist da, im Innern, wo der Mensch heil werden muss, und nur dann kann und wird er sein Verhalten ändern.

      Dieses Innere aber ist von aussen her schwer zugänglich. Um den anderen da erreichen zu können, muss mein ein Stück Weg mit dem anderen gehen, sein Vertrauen gewinnen – und meiner Meinung nach – Gott, eine höhere Kraft, in den Mittelpunkt stellen, und in diesem Sinne ist auch das Gebet für den anderen wichtig. Es hilft auch ganz gut gegen die eigene “Selbstgerechtigkeitsfalle”.

    • @Lily

      Das haben Sie schön ausgedrückt.

      Nur in einem Punkt haben wir leichten Dissens. Ich glaube tatsächlich, dass gewalttätiges Verhalten auch (nicht alleine) davon kommt, dass der Gewalttäter keine andere Ausdrucksform für seine Gefühle findet. Schafft man es, ihm eine andere Ausdrucksform für seine berechtigten Gefühle zu vermitteln, hat er die Wahl.

  3. Es tut mir sehr leid, wenn Mönsche und Nonnen diese Erfahrungen in Jerusalem machen mußten. Das hat mit jüdischer Religion nichts zu tun. Aber ich denke, Spinner gibt es überall, besonders in Jerusalem. Sicherlich das Judentum gehört zu den nichtmissionierenden Religionsgemeinschaften. Warum ist das aber so? Ih denke, daß ist diesen Pöbelern ach nicht wirklich bewußt. Das Judentum geht davon aus, es gibt Heil außerhalb des Judentums. Jeder Mensch, egal welcher Religionsgemeinschaft er angehört, hat nach jüdischer Meinung einen Platz im Himmel haben. Man muß dafür nur ein gerechtes Leben führen. Die Lebensführung wird im Mittelpunkt gestellt und nicht die Religionszugehörigkeit.

    • Meines Wissens nach gab es aber durchaus ein missionierendes Judentum, das liegt allerdings etwas zurück. Das erscheint auch logisch, wenn man einmal genauer hinterfragt, was eigentlich die Missionierung ist, nämlich letztlich nur eine Überzeugung eines anderen Menschen von der eigenen Religion, ob nun aktiv oder passiv, gewalttätig oder friedlich, vielleicht ja sogar im Grunde sehr gutmütig. Die Missionierung ist zugleich die Voraussetzung für die Konversion. Wo es Konversion gibt, muss es auch in irgendeiner Weise Missionierung geben (und sei es nur, indem mich irgendjemand aus der Vergangenheit durch sein niedergeschriebenes Wort überzeugt, so bspw. in den heiligen Schriften der Religionen). Dementsprechend erscheint es mir eher eine zeitliche, ob nun durch innere oder äußere Einflüsse (meines Wissens ist das alles eher unklar), geprägte Auslegung des Judentums zu sein, dass es heute weit weniger missionarisch tätig ist als das Christentum oder der Islam. Mit der Vorstellung, dass jeder Mensch einen Platz im Himmel hat, scheint mir das alles recht wenig zu tun zu haben, denn dann hätte es ja bspw. auch in der Antike keine gesteigerte Konversion geben dürfen.

      Ansonsten kann ich aber den Satz “Spinner gibt es überall, besonders in Jerusalem” nur unterstreichen. Gerade deswegen kann ich es auch verstehen (mal abseits der Historie), dass die Missionierung in Israel nicht gern gesehen wird. Hierzulande kann man damit ja relativ leicht umgehen. Die Male, bei denen irgendwelche merkwürdigen Religionsgemeinschaften bei mir vor der Tür stehen, kann ich teilweise über mehrere Jahre noch an einer Hand abzählen (die schicke ich dann auch fix, aber in der Regel recht freundlich wieder weg, was bislang aber auch immer akzeptiert wurde). Wenn bei mir tagtäglich ein anderer Spinner vor der Tür stände, würde ich auch langsam aber sicher genug davon bekommen oder alternativ selbst zu einem verrückten Spiner werden 😉

    • “Meines Wissens nach gab es aber durchaus ein missionierendes Judentum,”

      Ja, in der Tat. Besonders Yeshoua hat sich damit einen Namen gemacht. 🙂

  4. Ist das nicht die Sache mit der Feindesliebe, die eine Haltung, kein Gefühl ist? Bei Jesus (z.B., aber nicht nur): Die Sünde sehr klar benennen und verurteilen, den Sünder in seiner Entwicklung und Problematik achten und respektieren.

    • Das war als Reaktion auf Michael im Gespräch mit Lily gedacht..

    • Liebe Agnes,
      ob ich so weit gehen würde, den Feind zu lieben, bezweifle ich eher. Ich bin auch ein Mensch mit Gefühlen, und manche Dinge machen mich so zornig, dass ich meine Contenance verliere und ebenfalls falsch handle. Wenn ich also jemand anderen Sünder nennen möchte, muss ich mir erstmal selbst an die eigene Nase fassen.

      Aber den anderen erst einmal zu respektieren, ist denke ich ein wichtiger Punkt, der es ihm erlaubt, sich zu öffnen und eigene Fehler einzugestehen.

      Und ja: ich habe sehr oft z. B. die Geschichte mit der Frau am Jakobsbrunnen gelesen, und ich halte Jesus für einen genialen Verhaltenstherapeuten. Er hat es geschafft, dass eine Ausgestoßene plötzlich zu einer Art Anführerin wurde.

    • Feindesliebe beschreibt in meinen Augen eine grunsätzliche Haltung, die kein Gefühl, auch nicht Zorn oder Sarkasmus, auslässt und grundsätzlich verurteilt und “überwindet” oder überflüssig macht. Jedes Gefühl hat seinen Sinn. Diese Haltung – vgl. z.B. das “Dialogische Prinzip”Bubers – verhindert aber, dass man darauf kleben bleiben muss. Dass wir alle das nicht wirklich hinkriegen – klar doch.
      Herzlicher Gruß

  5. Sehr schöner Beitrag, mitten aus dem Leben, ungeschminkt, direkt, lebendig. Mit viel Sympathie für Land und Leute, samt den Konflikten.

  6. Lieber Michael,

    Schön wieder etwas von Ihnen zu lesen.

    Vielleicht können Sie mir helfen etwas zu verstehen: „Er (Jesus) hat es geschafft, dass eine Ausgestoßene plötzlich zu einer Art Anführerin wurde.“
    Wieso wurde sie von einer Ausgestoßenen zu einer Art Anführerin?

    Und Steht das in einem Zusammenhang mit Ihrer Aussage: „Aber den anderen erst einmal zu respektieren, ist denke ich ein wichtiger Punkt, der es ihm erlaubt, sich zu öffnen und eigene Fehler einzugestehen.“
    Wäre sehr dankbar für eine Erläuterung
    Sam Lewis

    • Lieber Sam,
      das Kompliment kann ich nur erwidern. Ich beantworte auch gerne die Frage, da es eine W-Frage ist, würde ich die Antwort aber gerne etwas eingrenzen, denn W-Fragen lassen da immer ein weites Feld offen.
      Beispiel: Warum pfeift der Wasserkessel in der Küche?
      Antwort A (männlicher Gesprächspartner): Das Wasser erwärmt sich und verdampft. Der Dampf benötigt mehr Platz als das Wasser. Dadurch entsteht ein Überdruck, und dieser entweicht durch die Öffnungen in der Kappe. Dabei werden durch das Vorbeiströmen der Luft Schwingungen erzeugt, die wir als Pfeifen wahrnehmen.
      Antwort B (weibliche Gesprächspartnerin): Weil wir Besuch erwarten und ich dafür den Tee koche.

      Zielt Ihre Frage also darauf ab, dass ich beschreibe, welche Aspekte die Frau zu einer Ausgestoßenen oder einer Art Anführerin machen? Oder zielt sie auf die Erklärung des psychologischen Mechansimus, der die Veränderung bewirkte?

      Vermutlich werden Sie darauf antworten: Beide. Also trete ich gleich mal in Vorleistung:
      Dass die Frau ausgestoßen war, kann man auch heute noch in Deutschland auf dem Dorf nachvollziehen. “Fünf Stecher hot die g’habt, aba verheiert is’ die net.” Soziale Ausgrenzung wegen sexueller Beziehungen ist bei Frauen auch heute noch ein Grund für Abwertung. Dass die Dörfler Bescheid wussten, ist aus zwei beschriebenen Tatsachen zu lesen:
      1.) sie geht in der Mittagszeit (wo alle anderen Siesta halten) Wasser holen. Das ist unüblich, und weist darauf hin, dass sie nicht mit den Dörflern in Kontakt kommen wollte, um despektierliche Blicke und Bemerkungen zu vermeiden.
      2.) Später sagt sie: “Er hat mir alles gesagt was ich getan habe”. Die Dörfler fragen nicht nach, was das wohl gewesen sein könnte. Weil sie es schon wussten.

      Eine Art Anführerin ist sie, weil sie die Dörfler überzeugt, sich diesen ominösen Fremden näher anzusehen, der so gar nicht ins Freund-Feind-Schema passt. Später sagen die Dörfler: jetzt glauben wir nicht nur, weil Du es gesagt hast. Das bedeutet, sie haben ihr geglaubt, was auf ein Vertrauensverhältnis und damit auf eine Form von Menschenführung hinweist.

      Der Mechanismus stützt sich auf ein psychologisches Phänomen: die Lösung hat nie etwas mit dem Problem zu tun. In diesem Fall bekommt die Frau eine neue Aufgabe, die sie das bisherige Koordinatensystem nicht nur verlassen, sondern sogar vergessen lässt. Sie nimmt die anfänglichen ungläubig-despektierlichen Äußerungen (“was will die schon”) nicht mehr wahr, sondern geht völlig in ihrer Aufgabe auf. Weil sie ihre Rolle endgültig verlassen hat, können auch die anderen das Rollenspiel nicht mehr aufrecht erhalten.

      Die Wertschätzung kommt in der ersten Frage der Frau zum Ausdruck: “Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.” Sie ist so verblüfft, dass ein offensichtlich als solcher zu erkennender Jude, die sonst für ihre überheblichen, selbstgerechten, diktatorischen Verhaltensweisen gegenüber dem “Mischvolk” bekannt sind, hier freundlich und in der Position eines Bittstellers auftritt. Das bringt die Frau in eine Position, in der sie sich geschmeichelt fühlt. Auch später, als er ihr Problem direkt anspricht, geschieht das in einer wertschätzenden Art und Weise (was durchaus Kritik am Verhalten einschließt).

    • Hi!

      Das ist nun sehr interessant. Ich hatte selbst eine Antwort auf Ihre Frage an Michael geschrieben und gespeichert, dann den refresh button gedrückt und festgestellt, dass er bereits reagiert hat. Damit erübrigt sich mein post nun.

      Nur einen Gedanken greife ich gerne noch einmal auf: Sie sprechen beide davon, wie die Ausgestossene zur Anstifterin wurde. Michaels Erklärungen sind sehr klar… hat er Jesus in die Karten geschaut? 😉

      Dieser Fall wäre jedoch schwieriger zu lösen, wenn die Ausgestossene nur aufgrund übler Nachrede in diese Situation gekommen wäre, wenn sie eigentlich alles richtig gemacht hat und doch bezichtigt wird, einen Fehler gemacht zu haben.

      Ein Beispiel, von dem mir eine Bekannte erzählte: Da wurde in einem kleinen Ort eine Frau, Mutter eines behinderten Kindes, von der katholischen Gemeindearbeit ausgeschlossen, nachdem ihr Mann sie betrogen und verlassen hatte, weil sie (getrennt vom Ehemann) „in Sünde“ lebe oder auch, dass Frauen in solchen Situationen nicht mehr am Abendmahl teilnehmen dürfen (auch wenn sie sich in manchen Gegenden darüber hinwegsetzen).

      In einer solchen Situation geht es nicht darum, von einer Sünde abzulassen oder vielleicht doch, dann aber einer anderen. Wenn die betroffene Frau alles richtig gemacht hat, so kann sie nichts tun, um der Rolle zu entkommen, in der die Dorfbewohner sie sehen bzw. die die katholische Kirche (!) sieht.

      Diese Frau hat dann etwas anderes zu lernen: Es wird niemals möglich sein, den Erwartungen anderer Menschen voll zu entsprechen, und wir sollten uns niemals an dem orientieren, was andere von uns erwarten, sondern nur an dem, was “richtig” ist. Wenn wir das tun, werden wir immer weniger Zeit haben, den Erwartungen anderer zu entsprechen und deren Urteil wird uns weniger berühren, und so gibt es auch keine enttäuschte Hoffnung aufgrund unerfüllter Erwartungen gegen andere mehr.

      Ich finde, dass Israel sich ein bisschen (man kann es sicher nicht verallgemeinern) in dieser Situation befindet. Stets angeklagt und verantwortlich für alles, was ihm widerfährt, bleibt ihm nur eines: selbst “das Richtige” zu tun.