Der Friede ist noch nicht sicher

Peter Kapern, ARD Studio Tel Aviv, 07:20

In den ersten Stunden nach Inkrafttreten der Waffenruhe sind noch einmal ein paar Raketen aus dem Gazastreifen auf israelische Städte abgeschossen worden. Auch wenn das seltsam klingt, das ist in solchen Situationen eigentlich üblich, das passiert immer wieder. Besonders ärgerlich ist, dass dabei noch einmal ein kleiner israelischer Junge verletzt worden ist. Aber seit Mitternacht etwa herrscht tatsächlich Ruhe an der Grenzlinie zwischen Israel und dem Gazastreifen.

Leben im Gaza-Streifen normalisiert sich

Unten im Süden ist noch nicht ganz Normalität eingekehrt. Da bleiben auch heute noch die die Schulen in einem 40-Kilometer-Radius rund um den Gazastreifen geschlossen. Die Menschen in Israel haben gestern erleichtert reagiert auf die Nachricht vom Waffenstillstand. Hier, wo nur selten Raketenalarm ausgelöst worden ist, ist das Leben eigentlich sehr normal, auch während der Kriegszeit, weitergelaufen.

Skepsis bei den Israelis, Freude bei den Palästinensern

Es hat eine Blitzumfrage des israelischen Fernsehens gegeben und die ergab, dass 58 Prozent der Israelis erleichtert sind; dieser Waffenruhe zustimmen.
Gleichzeitig aber gehen 88 Prozent der Israelis davon aus, dass diese Waffenruhe nicht lange oder vielleicht gar nicht halten wird.

Etwas anders das Bild drüben im Gazastreifen, dort gab es Freudenkundgebungen und Hupkonzerte. Leute haben mit Gewehren in die Luft geschossen. Und von den Minaretten wurden Siegesbotschaften ausgerufen.

Was hinter den Kulissen geschah

Es gehört natürlich dazu, dass beide Seiten anschließend den Sieg für sich reklamieren. Aber de facto war es wohl so, dass der internationale Druck ganz immens gewachsen war in den letzten Tagen. US-Präsident Barack Obama soll in den letzten Stunden vor der Vereinbarung und des Inkrafttretens der Waffenruhe mehrfach mit Benjamin Netanjahu telefoniert haben. Da gab es wohl so eine Strategie von Zuckerbrot und Peitsche. Der US-Präsident hat verstärkte Militärhilfe zugesagt, und vereinbart, dass Amerika mitarbeitet daran, den Waffenschmuggel in den Gazastreifen zu unterbinden.

Aber ich glaube, er hat Netanjahu auch massiv gedrängt, zuzustimmen, dass ab 20 Uhr MEZ die Waffen schweigen sollen. Und ähnlich groß war ja der Druck aus dem arabischen Lager, insbesondere aus Ägypten.

Der Deal ist noch nicht ganz unter Dach und Fach

Das israelische Zugeständnis lautet, dass Israel bereit ist, sobald die Waffenruhe 24 Stunden gehalten hat, also ab heute Abend, darüber zu reden, wie man eine Lockerung der Blockade des Gazastreifens umsetzt. Das ist das wesentliche Agreement. Diese Blockade hat ja wirtschaftlich den Gazastreifen und die 1,7 Millionen Einwohner im Würgegriff. Die Hamas will ein vollständiges Ende der Blockade, aber dazu wird es glaube ich nicht kommen, denn Israel hat immense Sicherheitsbedenken. Gleichwohl hat Israel zugestimmt, darüber zu reden, wie man eine Lockerung implementieren könnte, das ist ein israelisches Zugeständnis.

Es wird harte Verhandlungen geben darüber, wie weit diese Lockerung geht und wie man sie umsetzt.

 

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  1. “Besonders ärgerlich ist, dass dabei noch einmal ein kleiner israelischer Junge verletzt worden ist.”

    Na, wenn es das nur ist… “ärgerlich” !

  2. Über die Formulierung “ärgerlich” bin ich auch gestolpert. Ich denke, es ist aber trotzdem klar, wie es gemeint ist.

    Übrigens möchte ich mich für die Berichterstattung hier bedanken. Man bekommt gerade jetzt in der Krise immer aktuelle und auch persönliche Informationen.
    Auch die Einblicke in das Korrespondentenleben und den Alltag im Nahen Osten (“Hummus!”) sind für mich sehr wertvoll.

    Danke!

  3. Lieber Peter Kapern, könnten Sie mal die Kollegen von tagesschau.de anrufen, dass der Hauptartikel geändert wird? Mein Feedback kam leider nicht durch, und so heißt es da immer noch: “Zwar schossen radikale Palästinenser nach Angaben der israelischen Polizei auch nach Inkrafttreten am Mittwochabend Raketen auf Israel ab. Verletzt wurde niemand.” Das ist vor dem Hintergrund, was sie berichten, nun einfach falsch. Ein kleiner israelischer Mensch ist nicht “niemand”. Aber so steht es da schon den lieben langen Vormittag.
    *grummelnd*
    Heidelbaer

  4. Die Bedingungen an Israel bei diesem ‘Waffenstillstand’ sind ein absoluter Hohn.

    Man koennte meinen, die Hamas haette in den letzten 8 Tagen Israel vom Roten Meer bis zum Golan zusammengeschossen und die Israelis muessten nun die Kapitulation zu jedem Preis akzeptieren.

    Wuerde mich nicht wundern, wenn Netanjahu mit diesem unsaeglichen Abnicken dieses Meshaal/Mursi/Obama-Katalogs seine schon fast sichere Wiederwahl in den Sand gesetzt hat.

    In diesen Zeiten braucht Israel Churchills, nicht Chamberlains.