Zurück zur Normalität. Aufräumen und Schmuggeln im Gaza-Streifen

Die Leute beginnen wieder mit ihrer Routine. Vor meinem Fenster hat gerade ein Bagger angefangen, Sand wegzuschippen. Man kann doch sehen, dass eine Normalität wieder stattfindet im Vergleich zu den vergangenen Tagen, die noch sehr stark geprägt waren von der Aufarbeitung der Konfrontation zuvor.

Es gab gestern diesen Zwischenfall bei Chan Junis. Die Hamas hat zum einen Protest eingelegt und hat Israel vorgeworfen, die Waffenruhe nicht achten. Zum anderen hat die Hamas aber etwas Interessantes gemacht. Sie hat eigene bewaffnete Kräfte an die Grenze geschickt. Viel näher, als es sonst die Israelis zulassen. Und patrouilliert jetzt von palästinensischer Seite aus an der Grenzmauer, um Palästinenser abzuhalten, um eine weitere Konfrontation offenbar zu vermeiden. Das ist etwas, was wir vorher noch nicht gesehen hatten.

Proteste in Ägypten haben wenig Einfluss auf die Verhandlungen

Im Moment wissen wir zwar noch nichts über die Inhalte des Unterhändlertreffens, das gestern beraten sollte, wie es mit der Waffenruhe nun weitergehen könnte. Es bisher auch noch nichts darüber bekannt, ob die Gespräche schon vorgestern nach 24 Stunden Waffenruhe oder erst jetzt in den kommenden Tagen starten sollen. Ich glaube aber, dass die Proteste auf dem Tahrir-Platz gegen das Dekret des Präsidenten, das ihm mehr Macht sichern soll, keinen großen Einfluss auf die Gespräche nimmt. Denn die werden meiner Meinung nach auf Geheimdienstebene stattfinden. Es ist der Geheimdienst, es sind die alten Geheimdienstmitarbeiter, die hier vermitteln und einspringen als Vermittler zwischen Hamas und israelischer Seite.

Tunnel sind wesentlicher Bestandteil der Wirtschaft im Gaza-Streifen

Die Tunnel sind während der Abriegelung des Küstenstreifens zwischen Israel und Ägypten entstanden. Nicht nur für den Waffenschmuggel, sondern auch, um die Waren des täglichen Bedarfs hier hereinzubekommen. Mittlerweile auch Autos und Tiere, Fisch. Gestern war ich in Rafah, da hab ich in Styroporboxen gekühlte Krebse gesehen – ein sehr professioneller Handel. Dieser Handel bedeutet aber auch, dass Menschen, die so einen Tunnel haben, zu Einfluss und Geld gekommen sind. Die Frage ist: Geben die das einfach so auf, wenn jetzt die Blockade gelockert wird?

Der Tunnel-Geschäftsmann, den ich getroffen habe, Abu Mohammed, meinte zwar, seine Sachen aus dem Tunnel wären immer noch billiger, selbst wenn Israel die Grenze öffnen würde. Aber das kann natürlich eine Schutzbehauptung sein, denn er macht einfach wahnsinnig viel Geld und möchte dieses Geschäft womöglich nicht verlieren.

Nach seiner Einschätzung komme es aber so schnell zu keiner Lockerung, weil Ägypten nicht zuließe, dass ein kommerzieller Grenzübergang zu Ägypten eingerichtet werde. Die hätten Sorge, ihnen werde der Gazastreifen rübergeschoben, und sie seien dann für den Gazastreifen ganz verantwortlich. Das glaubt Abu Mohammed.

 

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  1. In ihren interessanten Berichten von der Tunnelwirtschaft fehlen (politisch korrekterweise) die Frauen, die in einem früheren Beitrag auch zu den “Dingen des täglichen Bedarfs” sumsummiert wurden. Nun habe ich auch aus anderer Quelle erfahren, dass Bräute durch die Tunnel geschmuggelt werden. Zum Beispiel, weil durch die Abriegelung Eheversprechen, die zwischen einem Mann in Gaza und seiner Verlobten im Westjordanland nicht mehr eingelöst werden können, weil weder er raus noch sie hereinkommt. (Dass Heiraten im Orient immer auch eine geschäftsmäßige Seite hat, sei nur nebenbei bemerkt). Es wäre tatsächlich hochinteressant für uns, wenn Sie so eine “Tunnelbraut” aufspüren könnten, und uns ihre Geschichte erzählen. Denn gerade war mir fremd ist dort in Gaza, will ich am dringlichsten kennen- und verstehen lernen.

    Heidelbaer

    • Genau, das würde mich auch interessieren.
      Wie sieht das genau mit den Tunnelbräuten aus?
      Wann wurden z.B. die Hochzeitsversprechen gemacht? Wer organisiert das? Eltern oder Großeltern?
      Und was kostet so eine Tunnelbraut denn?
      Danke!

    • —weil durch die Abriegelung Eheversprechen, die zwischen einem Mann in Gaza und seiner Verlobten im Westjordanland nicht mehr eingelöst werden können,—

      Woher kommt der Frauenmangel IN Gaza?

      • Kann auch sein, dass genauso viele Männer geschmuggelt werden, nur ist diese Vorstellung nicht so romantisch, wie eine Braut, die aus einem Erdloch gekrochen kommt. Nachrichten werden ja auch nach Marktwert vertickert. Aber tatsächlich habe ich bislang nur von Bräuten gelesen – die Frage macht also Sinn.

        Also: Hört ihr uns in Tel Aviv? Reserviert schon mal den Sendeplatz im Weltspiegel für die Reportage :)

        Heidelbaer

    • “wenn Sie so eine “Tunnelbraut” aufspüren könnten,”

      Das ist sicher ein leichtes Unterfangen. Sie wird sich durch ihr verschmutztes Brautkleid verraten. ;-)