Wann beginnt die wahre Geschichte?

Soeben zurück aus Ramallah, für die Tagesschau 20 heute dort gewesen. Wir Journalisten durften nicht ran an die Muqata, waren in mehr als 100 m Entfernung “geparkt”. Zu sehen: Nix. Zu berichten: auch nix. Eine eigenartige Story – denn die eigentliche Geschichte um den Tod oder die Ermordung Arafats beginnt, wenn überhaupt, ja erst in einigen Monaten: dann, wenn das Ergebnis der Untersuchung bekannt ist.

Wenn kein Polonium gefunden wird, dann stellt sich die Frage: warum hat Al-Jazeera vor einigen Monaten den Bericht lanciert und warum hat Suha Arafat, die Witwe, solche Behauptungen aufgestellt (der Arzt Dr. Roland Masse, der einer der Ärzte in Paris war, die Arafat in seinen letzten Stunden begleitet haben, erklärte in einem Interview vor über einer Woche, es sei nicht möglich, daß er radioaktiv verseucht gewesen sei, das hätte man an einigen Symptomen erkennen können und die habe es nicht gegeben). Also – wenn er nicht verseucht war – was war dann diese Geschichte und woher stammt das Polonium an den Kleidungsstücken von Arafat?

Und wenn man Polonium findet – dann stellt sich die Frage wer’s gewesen sein könnte. Die Israelis, wie es allgemein heißt? Und wenn – wie haben sie ihn vergiftet? Wer in der Entourage Arafats hat Arafat das Gift gegeben? Denn wer auch immer ihn vielleicht wirklich ermordet haben mag – da muß doch dann jemand in der Umgebung von Arafat, also ein Vertrauter, mitgeholfen haben! Und wenn das stimmt – warum? Wozu? Und wenn es palästinensische Kräfte waren, die Arafat ermordet haben, welche? Und warum? War es die Hamas? Der islamische Jihad?

Die eigentliche Story, die kommt erst, im Frühjahr. Für den Nahen Osten und seine politische Entwicklung wird’s nicht wirklich wichtig sein, das hat Clemens Verenkotte in seinem Post schon richtig gesagt. Aber dann haben wir Journalisten zumindest eine Story. Im Moment haben wir nur ein “Geschehnis”, über das wir berichten müssen, weil es Aufsehen erregt. Das ist frustrierend. Das sind so die Stories, die wir Journalisten nicht wirklich mögen. Und alle Kollegen, die ich traf vor Ort, sagten dasselbe. 

 

 

 

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  1. In einem Bericht der ARD meine ich gelesen zu haben, daß die auf Polonium zu untersuchenden Proben ohnehin nur von der Kleidung Arafats entnommen wurden….
    Stimmt das ?
    Damit würde man auch nur eine schon bestehende Aussage bestätigen, nach der man Polonium an A.’s Kleidung gefunden habe, nicht aber, daß sich solche Spuren auch in seinem Körper wiedergefunden hätten !!!

    Danke ans Team für Ihre unermütliche Arbeit !

  2. Das ist eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte. Polonium 210 hat eine Halbwertszeit von 138 Tagen, Arafat ist vor ziemlich genau 8 Jahren gestorben. Dementsprechend sind von einer eventuell augebrachten Dosis Polonium nur noch weniger als 0,00005% übrig.
    Hätte also Arafat 1g Polonium bekommen (genug, um das ganze Westjordanland zu entvölkern), wären von der Ausgangmenge (1 g = 1.000.000 Mikrogramm) nur noch 0,475 Mikrogramm nicht zerfallen. Eine tödliche Dosis liegt bereits bei 1 Mikrogramm, Alexander Litwinenko wurde mit rund 10 Mikrogramm getötet. Was auch immer die Schweizer gemessen haben wollen, Polonium aus den Lebzeiten Arafats war es jedenfalls nicht.
    Auch den indirekte Nachweis über das Blei-206-Isotop ist unsinnig, weil in einem Gramm Blei ca. 0,24 Gramm dieses Isotops enthalten sind. Eine statistisch andere Verteilung der Isotope kann bei diesen geringen Mengen gar nicht ins Gewicht fallen (es wären dann 0,2400005 Gramm), sondern liegt im Rahmen der Messtoleranz.

    Folglich ist das eine Verschwörungs-Farce par Excellence, die sich die Witwe hier ausgedacht hat, und alle fallen drauf rein.

  3. Arafat wurde genauso vom Mossad ermordet wie Lady Di. Womöglich bestand sogar eine Verbindung zwischen beiden Taten. Mit Spannung wird erwartet, was die Ermittlungen ans Tageslicht bringen…