Er kommt, er kommt nicht, er kommt, er kommt nicht…..

Hamas-Führer Chaled Maschaal. Rechte: dpa

Wo Chaled Maschaal sich aufhält ist selten so ganz klar. Der Exilchef der Hamas hat reichlich Grund zur Sorge um seine Sicherheit und nimmt es deswegen mit festen Wohnsitzen nicht so genau. Wo Maschaal aber gerne wäre hat die Hamas in den vergangenen Tagen immer wieder mitgeteilt – im Gazastreifen bei den Seinen. Fast täglich hiess es zuletzt: Heute kommt er. Doch Fehlanzeige. Nun werde Maschaal morgen in Gaza eintreffen, erklärte ein örtlicher Hamas-Sprecher. Zweifel sind angebracht. Maschaal müsste natürlich über Ägypten einreisen und ob sich die Regierung Mursi den problematischen Besucher angesichts der Lage im eigenen Land antut ist fraglich. Wenn er denn käme wäre es ein historischer Besuch. Die Hamas feiert in den nächsten Tagen ihr 25-Jähriges Bestehen. Zeitgleich ist die Organisation im Flügelstreit um die künftige Ausrichtung.

Richtungsstreit

Syrien ist als Verbündeter weggebrochen. Hamas wollte nicht als Unterstützer des Assad-Regimes gelten. Seitdem sind auch die Beziehungen zum Iran gestört. Nun orientiert sich die islamistische Bewegung offenbar neu und hin zu sunnitisch dominierten Regierungen. Die neuen Freunde kommen zum Beispiel aus Ägypten, Qatar und der Türkei. Diese Neuorientierung könnte eventuell auch eine neue Phase im Verhältnis zwischen Hamas und Israel zur Folge haben.

Von intensiven Verhandlungen unter ägyptischer Vermittlung über alle möglichen Themen und nicht nur über einen dauerhaften Waffenstillstand berichtet heute Yedioth Ahronoth. Eine neue Ausrichtung der Hamas sei im Sinne der Regierung Netanjahu heisst es da und das Ganze könnte womöglich sogar so weit führen, dass Palästinenser aus dem Gazastreifen wieder in Israel arbeiten. Aber erstmal kommt ja Chaled Maschaal nach Gaza. Vielleicht.

 

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  1. Sollte sich Chaled Maschaal nach Gaza wagen, wartet dort hoffentlich eine zielgenaue israelische Drohne auf ihn.

  2. “Hamas wollte nicht als Unterstützer des Assad-Regimes gelten. Seitdem sind auch die Beziehungen zum Iran gestört. Nun orientiert sich die islamistische Bewegung offenbar neu und hin zu sunnitisch dominierten Regierungen.”

    Ich bin wohl nicht die einzige Person, die hier mal eine Pause einlegen muss.

    Die Hamas kommen von den Muslimbrüdern, und das sind Sunniten. Es handelt sich also nicht um eine Neuorientierung, und in welcher Weise der Umgang mit sunnitischen Islamisten für Israel vorteilhaft(er*) sein sollte, ist mir ein Rätsel.

    Ein noch grösseres Rätsel ist mir, wie dieser sehr diffuse Sachverhalt dazu führen sollte, dass Palästinenser wieder in Israel arbeiten. Ist klar, von welcher Tätigkeit die Rede ist?

    *als eine Hamas, die auch mit dem Iran kann. Indessen zeugen die Raketen aus dem Gazastreifen von guter Kooperation zwischen dem Iran und der Hamas.

    • Nunja, es geht der Hamas um Unterstützung durch *Regierungen* von souveränen Staaten (nicht um Freundschaften zu gleichgesinnten Gebetsbrüdern, denn dafür kannst du dir nix kaufen).

      Da waren Ägypten, die Türkei und Qatar keine guten Optionen weil sie alle verbündete der USA sind, und infolge dessen für die Hamas haram, einfach nicht koscher waren.

      Trotz der theologischen Unterschiede (und ehrlich, Theologie ist auch den Fundis total egal, wenn es um Waffen, Logistik und jede Menge Geld geht) waren daher Iran und Syrien, die feindlich gegenüber den USA waren, oder wenigstens einen anständigen Abstand zu ihnen einhielten, die natürlichen Verbündeten.

      Mit der Revolution in Ägypten ging das ganze dann koppheister. Plötzlich waren ihre befreundeten Gebetsbrüder am Drücker eines souveränen Staates. Und als dann ihre Brüder aus Syrien die gleiche Nummer probierten, konnten sie ja schlecht sagen: Assad, knall sie alle ab, die tollen Hunde. (Was dem Iran durchaus leichter fiel, weil Sunniten klatschen auch das Hobby der mit Iran verbündeten Schiiten im Irak ist).

      Damit kam es zum Bruch – auch wenn man den gerade mit Blick auf Iran als nicht so tief einstufen sollte, wie das hierzulande gerne berichtet wird. Denn für Iran gilt: wer keine, wirklich gar keine Freunde hat, sollte es sich wenigstens mit den Feinden seiner Feinde nicht ganz verderben.

      Aber Ihre entscheidende Frage war ja: inwiefern nützt es Israel, dass die Türkei mit Erdogan und Ägypten mit Mursi, und Qatar mit Al-Dschasira (Emir ist egal) einen ordentlichen Ruck in Richtung fromm-fanatischen Sunnismus gemacht hat?

      Ist genau diese Bewegung nicht die akut gefährlichste für Israel im besonderen und den Weltfrieden insgesamt? Wer macht denn den ganzen Terror in Afghanistan, Irak, Somalia, Nigeria, Mali, usw. usf.?

      Die Frage zielt exakt auf die m. E. spannendste strategische Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten insgesamt: Bleiben die USA strategischer Verbündeter von Türkei, Qatar und Ägypten? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wieviel Einfluss werden sie haben, und riskieren sie, diesen Einfluss für Israel zu investieren?

      Oder ist die Aufgabe der bedingungslosen Unterstützung Israels womöglich der Preis dafür, sich diesen Einfluss überhaupt zu erhalten? Einige Signale stimmen hoffnungsvoll, andere nachdenklich. Die Nato baut Patriots in der Türkei. Damit wird signalisiert: Ihr gehört zu uns, wir zu euch. Man hört, dass die türkisch-israelischen Konsultationen wieder aufgenommen werden sollen.

      Ägypten hat gemeinsam mit den USA und Deutschland einen Waffenstillstand durchgesetzt, der vor allem Israel vieles erspart, und zum ersten Mal den Terror gegen Israel an allen Grenzen und von innen beendet.

      Die Hoffnung könnte tatsächlich sein, dass Hamas von einem eliminatorischen Hass gegen Israel als einzigem Kitt zu ihren einzigen Verbündeten jetzt, wo sie mit ihren Verbündeten so viel anderes gemeinsam haben, von denen auch zu einer realpolitischeren Haltung animiert werden könnten.

      Denn letztlich könnte ein Arrangement, eine Kooperation mit Israel sehr profitabel sein. Israel braucht immer noch Arbeitskraft zum Weinlesen, Olivenpflücken und Avocados ernten. Es sind momentan die “Spargelstecherjobs” die (wie bei uns) einheimisch so schlecht besetzt werden können.

      Doch selbst Beschäftigung im unteren Lohnsegment in Israel ist für Palästina besser als Arbeitslosigkeit zu alimentieren. Profite winken aber auch international, wenn man aus der Ecke des Schmuddelkindes herauskommt.

      Die “Stärke” der Palästinenser war immer, dass sie nichts zu verlieren hatten. Wenn es gelingt, das zu ändern, werden auch Kompromisse möglich, die heute noch undenkbar sind.

      Heidelbaer

      • Vielen Dank, lieber Heidelbaer, für diese klärenden Erklärungen!

        Sicher wird an dieser Stelle auch gleich erwähnt, dass Maschaal tatsächlich gekommen ist und von seiner ersten (natürlichen), zweiten (einem Attentat entkommen) und vierten Geburt (‘Befreiung’ des Palästinenserstaates) gesprochen hat.

        “Die “Stärke” der Palästinenser war immer, dass sie nichts zu verlieren hatten. Wenn es gelingt, das zu ändern, werden auch Kompromisse möglich, die heute noch undenkbar sind.”

        Ich kann mir vorstellen, dass die Realität dieser Hoffnung davoneilen wird. Ich denke, die Palästinenser sehen darin ihre Stärke, dass sie ALLES zu gewinnen haben. Wie will man sie davon überzeugen, dass ein ‘Gewinn’ in der Abhängigkeit von Israel Positiv ist? Mir kommt diese Hoffnung sehr europäisch, unorientalisch und säkular vor. Spielt nicht die Religion eine viel zu wichtige Rolle, als dass diese Rechnung aufgehen könnte?

  3. Hamas sollte die Waffen strecken und aufhören Raketen auf Israel zu schissen, ihre Charta überarbeiten,demokratisch werden, die Religion beiseite lassen, Israel als jüdischen Staat akzeptieren, dann werden sie alle in Ruhe schlafen können! Ohne Angst. Und ich bin mir sicher dann würde die Blockade aufgehoben werden und viele Araber aus Gaza würden sicherlich in Israel Arbeit finden. Leider ist das ein Märchen.
    Dass dieses Märchen nicht wahr wird, liegt sicherlich nicht an Israel.
    Israelis sind ein lebensbejahendes Turbo-Volk , das nicht anderes will als das Leben in Ruhe und Freude zu genießen. kaum ein Volk kann Produktivität und Spaß am Leben so gut kombinieren wie die Israelis. Die Franzosen haben diese Lebensweise perfektioniert , allerdings, die haben tausend mal bessere Bedingungen und leben nicht im Krieg. Erst wenn die Araber ihre Waffen strecken wird es ein Happy End für alle geben. die Araber müssen umdenken ! nicht Israel und das versteht die Welt leider nicht. Die Welt und einige selbsthassende Juden haben sich daran gewöhnt Juden als Opfer zu sehen, die neue Rolle passt ihnen nicht.

    • “Hamas sollte die Waffen strecken und aufhören Raketen auf Israel zu schissen, ihre Charta überarbeiten,demokratisch werden, die Religion beiseite lassen, Israel als jüdischen Staat akzeptieren, dann werden sie alle in Ruhe schlafen können! Ohne Angst. Und ich bin mir sicher dann würde die Blockade aufgehoben werden und viele Araber aus Gaza würden sicherlich in Israel Arbeit finden. Leider ist das ein Märchen.”

      Israel sollte die Waffen strecken und aufhören die Palästinesner zu ermorden, zu vertreiben, zu unterdrücken und zu bestehlen. Sie sollten ihren Apartheidsstaat reformieren und eine Demokratie mit gleichen Rechten für alle Menschen in Palästina werden, dann kann die israelische Paranoia endlich ein Ende haben. Ich bin mir sicher dann würden keine Raketen mehr aus Gaza fliegen und es könnten endlich wieder Juden, Christen und Muslime friedlich im heiligen Land zusammen leben. Leider will Israel lieber ein rassistischer Judenstaat sein als eine wahre Demokratie …

      • Free, Ihre Fantasie ist wirklich unglaublich!

        In Israel leben laengst Juden, Christen und Mohammedaner friedlich zusammen. In Gaza gibt es keine Juden, Christen werden verfolgt, und Mohammedaner, die sich gegen die Shari’a und/oder Hamas auflehnen, muessen mit dem Tod rechnen.

        Hoeren Sie endlich auif mit Ihren dreisten Luegen von einem ‘rassistischen Apartheidsstaat’ – den gibt es nur in Gaza und in der West Bank, die Abu Mazen schon mehrmals versprochen hat, ‘judenrein’ zu machen, sollte es dort jemals einen Pali-Staat geben.

  4. Nennen Sie alle Kriege auf Israel Paranoia ? All die Selbstmordattentate? All die Raketen ? Die klare aussagen der Araber und Perser , die Juden zu vernichten ?
    Ich habe zu viele Zivile Opfer in Israel gesehen , die absichtlich getötet wurden , um ihre billige antisemitische Gebetsmühle gut zu heißen.
    Zwei Fragen um Ihre infame Lügen zu dekonstruieren
    Wer hat den Konflikt angefangen ??
    Warum haben die Araber ihren Staat 1948 nicht akzeptiert und ausgerufen und stattdessen Israel mit 5 Armeen angegriffen, gleich am ersten Tag ?

    • Ich muss mich schon wieder wiederholen. Informieren sie sich mal darüber wie viele palästinensische Dörfer die Zionisten platt gemacht haben und wie viele Palästinenser sie massakriert haben bevor nur 1 arabischer Soldat 1948 nach Palästina gekommen ist. Ich kann dieses Märchen von die Araber haben 1948 den Krieg angefangen nicht mehr hören. Das ist Schwachsinnund genauso verhält es sich mit fast allen Kriegen danach.

  5. nicht zum thema, aber eine frage, die mir jetzt schon ein paar tage quer liegt:

    wer die kommentare hier und andernorts aufmerksam liest, stellt fest, dass vor allem seit der harschen europäischen kritik an israels neuen siedlungsplänen den europäern jegliches urteilsvermögen zum nahostkonflikt abgesprochen wird. oft liest man, dass europäer sowieso “von nichts ahnung hätten”, weil sie seit jahrzehnten auf einer friedensinsel leben würden.

    jetzt meine frage, welche informationen und persönlichen meinungen soll man in israel und den palästinensergebieten bekommen, die man nicht auch durch recherche in europa bekommt? gibt es gesellschaftlich relevante gruppen, deren standpunkte nicht im internet gefunden werden können? das einzige, was ein europäer bei sich nicht findet, sind die psychischen auswirkungen des geschehens vor ort, die aus meiner sicht sowieso nur den blick verstellen würden. ich habe selber längere zeit zwischen mittelmeer und jordan gelebt und war froh, als ich den einflüssen dort nicht mehr willkürlich ausgeliefert war, weil ich selber gemerkt hab, wie sie meinen blick mit der zeit verstellt haben. ich hab danach auch längere zeit gebraucht, um wieder ein wenig sachlichere distanz zu den geschehnissen zu bekommen.

    ich bin mir sicher, dass jeder, der den nahostkonflikt verstehen möchte, mindestens einmal für eine längere zeit dort gelebt haben soll. aber ich glaube, auf dauer – wenn sich ein festes soziales umfeld herausbildet – kann man sich den einflüssen nicht mehr entziehen, auch wenn man es noch so sehr versucht. deshalb wäre ich vorsichtig, den europäern ihre friedensperspektive vorzuwerfen. ich glaube fast, dass europäer als “außenstehende” den großen vorteil von sachlichkeit haben, weil emotionen, die im konfliktgeschehen unumgänglich entstehen, niemals hilfreich zur beendigung eines konflikts sind. das macht vermittlung oft auch so sinnvoll. vorausgesetzt ist natürlich politischer wille zu einem kompromis auf beiden seiten.

    dies nur mal als anmerkung zu den vielen euro-skeptischen beiträgen, weil die sich in letzter zeit auch hier gehäuft haben.

  6. @ simon

    Vielen Dank für Ihre anregenden Überlegungen.

    “jetzt meine frage, welche informationen und persönlichen meinungen soll man in israel und den palästinensergebieten bekommen, die man nicht auch durch recherche in europa bekommt? gibt es gesellschaftlich relevante gruppen, deren standpunkte nicht im internet gefunden werden können?”

    Gute Frage. Ich denke, man kann wirklich alles im Internet finden. Wird man jedoch “alles” suchen oder den Blick nur auf das richten, was man gerne finden möchte. Andererseits kann die Erfahrung vor Ort genauso ausfallen, je nach Interesse und Neigung, was durch zunehmende Sozialisation noch verstärkt wird. Sie erwähnen das.

    “das einzige, was ein europäer bei sich nicht findet, sind die psychischen auswirkungen des geschehens vor ort, die aus meiner sicht sowieso nur den blick verstellen würden.”

    Es ist die Frage, ob die psychischen Auswirkungen den Blick wirklich verstellen oder dem Menschen genau gerne auch verwirrende Erfahrung sind, die dem virtuellen Raum fehlen, jedoch reale Dimension des Lebens sind und das Verstehen nicht hindern sondern vertiefen können.

    “ich glaube fast, dass europäer als “außenstehende” den großen vorteil von sachlichkeit haben,”

    “Wir” Europäer glauben zumindest gerne, dass dem so sei und bedingt mag das auch zutreffen. Unsere Sachlichkeit erfordert jedoch ein Ausblenden der Emotionen und der Religion, die in Nahost jedoch essentiell wichtig sind.

    Ich persönlich glaube nicht, dass solche Sachlichkeit auf lange Sicht zweckdienlich ist. Sie führt kurzfristige, kurzsichtige Konfliktlösungen herbei, die wohl besser sind als “nichts”. Es ist besser, einen Waffenstillstand zu bewirken, als einen Krieg fortzusetzen, aber der Waffenstillstand bedeutet nicht Frieden.

    Echte Konfliktlösung kann es nur unter Einbeziehung der irrationalen Gefühls- und Glaubenswelten aller geben. Für uns machbar? – Nur im Kleinen…

    “weil emotionen, die im konfliktgeschehen unumgänglich entstehen, niemals hilfreich zur beendigung eines konflikts sind.”

    s.o. – Nur wenn Sie eine schnelle und nicht langfristige Konfliktlösung anstreben.

    • “Echte Konfliktlösung kann es nur unter Einbeziehung der irrationalen Gefühls- und Glaubenswelten aller geben. Für uns machbar?” + “Unsere Sachlichkeit erfordert jedoch ein Ausblenden der Emotionen und der Religion, die in Nahost jedoch essentiell wichtig sind. ”

      ich glaube, sie haben recht, dass diese gefühls- und glaubenswelten in einer konfliktlösung viel stärker beachtet werden müssen. außenstehende, die zuständig sind, glaubwürdig eine konfliktlösung voranzutreiben oder zu unterstützen, müssen sich diesen gefühls- und glaubenswelten bewusst sein. aber ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, wenn sie selber persönlich in diese glaubens- und gefühlswelten verstrickt sind. es erfordert viel feingefühl vom außenstehenden, das permanent zu unterscheiden, sich dem bewusst zu sein, die gefühls- und glaubenswelten stark zu berücksichtigen, sich aber gleichzeitig nicht selber hineinziehen zu lassen.

      “Ich denke, man kann wirklich alles im Internet finden. Wird man jedoch “alles” suchen oder den Blick nur auf das richten, was man gerne finden möchte. Andererseits kann die Erfahrung vor Ort genauso ausfallen, je nach Interesse und Neigung, was durch zunehmende Sozialisation noch verstärkt wird.”

      ich denke, die persönliche selektierung von informationen und die kaum vorhandene bereitschaft zur auseinandersetzung mit den positionen “der anderen” ist heutzutage generell ein großes problem, das zu polarisierung in vielen themen neigt. und das vor allem bei themen, die das existenzielle von menschen betreffen. die frage ist, wie kann man diese selektierung und diese bereitschaft zum positiven beeinflussen?

      “Es ist die Frage, ob die psychischen Auswirkungen den Blick wirklich verstellen oder dem Menschen genau gerne auch verwirrende Erfahrung sind, die dem virtuellen Raum fehlen, jedoch reale Dimension des Lebens sind und das Verstehen nicht hindern sondern vertiefen können.”

      auch ein guter punkt. ich glaube, für den menschen generell ist orientierungslosigkeit und ungewissheit in brisanten fragen sehr verstörend. der glaube an einseitige gewissheiten mag vielleicht die realität nicht immer annähernd widerspiegeln, aber er schafft halt, orientierung, gewissheit – wichtig in einer zunehmend modernen oder globalisierten welt, die viel entwurzelung, identitätszweifel, abstraktion und ungewissheiten mit sich bringt. diejenigen, die nicht direkt vom geschehen betroffen sind – in diesem fall die europäer -, sind nicht so “anfällig” für den glauben an einseitige gewissheiten, die zweifellos nicht hilfreich für eine konfliktlösung sind.

      ich glaube auch insgesamt, dass solche aspekte viel zu wenig aufmerksamkeit erfahren. wir müssen weg von reinen institutionellen, materiellen betrachtungen.

      • @ simon

        “es erfordert viel feingefühl vom außenstehenden, das permanent zu unterscheiden, sich dem bewusst zu sein, die gefühls- und glaubenswelten stark zu berücksichtigen, sich aber gleichzeitig nicht selber hineinziehen zu lassen. “

        Situation 1
        Axel und Peter erschrecken gerne zwei der Nachbarsmädchen, Tina und Steffi, und manchmal überfallen sie sie auch. Das ist nicht immer nett gemeint. Sie sind in der 1. Klasse, 6 oder 7 Jahre alt. Axel hat es besonders auf Steffi abgesehen. Ihre Eltern sind befreundet, und sie werden immer wieder verglichen. Axel ist neidisch auf Steffi. Er stiftet Peter an, Steffi aufzulauern und sie zu überfallen und verhauen. Es werden keine Knochen gebrochen, kein Blut fliesst, aber Steffi rennt weinend nach Hause. Der Vater veranlasst eine Gegenüberstellung und Aussprache zwischen Steffi und Axel in Gegenwart beider Väter. Axel sagt, er hat nichts gemacht. Der Vater nickt zufrieden. Dann erzählt Steffi ein wenig, und Axel erinnert sich und erzählt mit Feuereifer, wie er noch einmal zugeboxt und Peter ihr schliesslich noch einen Tritt verpasst hat. Steffi schweigt. Die Väter schweigen, der eine betreten, der andere zufrieden. Die Situation ist geklärt.

        Situation 2
        20 Jahre später. Steffi und Axel sind ein Paar, verheiratet. Axel betrügt Steffi. Steffi rennt weinend nach Hause. Die Väter…
        Nein. DAS wird nicht funktionieren.
        Ein aussenstehender Mediator hört sich die Geschichten der beiden an. Axel leugnet die Tat nicht. Er sagt, er liebt Steffi, aber seine Freiheit liebt er auch. Er ist im Recht, und Steffi muss sich damit abfinden. Steffi muss sich nicht damit abfinden, und der Mediator empfiehlt die Trennung.

        Situation 3
        Weitere 5 Jahre später. Steffi hat wieder geheiratet, und Peter (s.o.) ist ein guter und liebevoller Vater für ihre beiden Kinder, die 1 und 4 Jahre alt sind, ein Junge und ein Mädchen. Peter geht fremd. Steffi rennt weinend nach Hause. Der Mediator kommt. Peter versteht sich noch immer so gut mit Axel wie früher. Der Mediator empfiehlt die Trennung.
        Nun aber ist es nicht so einfach, denn zwischen den beiden stehen ihre Kinder. Beide haben ein Recht an den Kindern, und jeder möchte die Kinder unbedingt mit den “richtigen” Werten erziehen. Die Lösung sieht vor, dass die Kinder im Wechsel ein bisschen lernen vom Wert uneingeschränkter Freiheit und ein bisschen von Grenzen und Ethik.

        Situation 4 …
        … Steffi vertritt (zumindest ungefähr) Israel, Axel-Peter die Palästinenser. Die Kinder sind die Zukunft; die Kinder beschreiben das geografische Palästina zwischen Mittelmeer und Jordan.
        Die Allegorie stimmt nicht ganz, denn sie würde bedeuten, dass Israelis und Palästinenser alternierend das gesamte Land bewohnen.
        Die Allegorie ist auch getränkt von meiner eigenen Einseitigkeit. Ich unterstelle, dass Steffis Werte über denen von Axel-Peter stehen, dass es ein richtig und ein falsch gibt, Licht und Dunkelheit und dass die “Lösung” in Situation 3 in erster Linie eines ist: politisch korrekt.
        Man könnte die Geschichte auch umgekehrt erzählen.

        Die Lösung eines Konflikts hängt nicht nur von der Erfahrung und Feinfühligkeit eines Mediators ab, sondern auch von der objektiven Lösbarkeit des Problems. Wenn die Grundwerte und Wahrheiten der Konfliktpartner zu sehr voneinander abweichen, kann auch der beste Mediator keine Lösung herbeiführen. Zu einer echten Lösung könnte es nur durch die Erkenntnis der Wahrheit kommen, da wo sie verschleiert ist – sprich: ein Wunder.

        simon, Sie sagen:
        “diejenigen, die nicht direkt vom geschehen betroffen sind – in diesem fall die europäer -, sind nicht so “anfällig” für den glauben an einseitige gewissheiten, die zweifellos nicht hilfreich für eine konfliktlösung sind.”

        Es geht immer wieder nur um Konflikt-Management, darum, den weiterbestehenden Konflikt erträglich zu machen, nicht um tiefgreifende Lösungen.

      • @ simon

        “wie kann man diese selektierung und diese bereitschaft zum positiven beeinflussen?”

        Ich denke, man kann diese Bereitschaft nur in sich selbst kultivieren und vorleben und hoffen, damit als ‘gutes Vorbild’ dienen zu können.

        Andererseits ist diese selektive Wahrnehmung(sbereitschaft) vielleicht auch nicht nur negativ zu sehen, indem unsere unterschiedliche Wahrnehmung(sfähigkeit!) auch Teil unseres “Karma”, unserer ganz individuellen Lebensaufgabe im sehr persönlichen sowie gesellschaftlichen Sinn ist. Es “muss” nicht jeder alles allumfassend wahrnehmen, und es sind auch nicht alle Menschen gleichermassen zur Erkenntnis und Konfliktlösung berufen.

        • “Es “muss” nicht jeder alles allumfassend wahrnehmen, und es sind auch nicht alle Menschen gleichermassen zur Erkenntnis und Konfliktlösung berufen.”

          Nee, Lily, ich glaube, dass Du da total falsch liegst.

          JEDER ist dazu “berufen”, wie Du es nennst, zu Erkennen. Da hinzukommen, ist im Grunde einfach.

          Der Mensch muss das Paket ablegen, das er mit sich herumschleppt. Es ist ein Paket aus negativen Erfahrungen, unsinnigen Gesetzen und Regeln, aus alter Schuld, falschen Absolutheiten. Und dann muss der Mensch sich in einem urteilsfreien Raum wiederfinden, um zu SEIN. Unter solchen Voraussetzungen werden mit der Zeit jedem die Augen aufgehen.

          Das Problem ist, dass meist etwas anderes geschieht. Jemand kommt daher und erklärt, dass Du Dich über AB hinwegsetzen kannst, weil CD Gültigkeit hat und Du Dich daher von nun an daran zu halten hast. Die Wenigsten sind in der Lage, andere nicht mit ihren eigenen Absolutheiten zu konfrontieren und von da ausgehend zu beurteilen.

          Du kannst die Bereitschaft zum Positiven und hin zu grösserer Erkenntnis im anderen beeinflussen, indem DU für andere dieser urteilsfreie Raum bist. Aber Vorsicht! Denn es handelt sich ja NICHT um ein gleichgütliges Wegschauen, um nicht urteilen zu müssen…

          Ich kenne nur wenige Menschen, die dazu in der Lage sind. Und wie sind die da hingekommen? Durch leidvolle Erfahrungen, vor allem durch erfahrenes Unrecht.

          Unsere Absolutheiten sind uns ja so wichtig, weil sie unsere eigene Rechtschaffenheit bestätigen. Daher müssen wir andere daran messen, und die müssen unser Urteil über sich ergehen lassen. Wenn unsere Rechtschaffenheit, die Residenz unseres Ego, aber heimatlos geworden ist, so verlieren die Mauern unserer Selbstgerechtigkeit ihren Wert, und wir können dem anderen in Freiheit begegnen und müssen das AB des anderen nicht durch unser eigenes CD ersetzen.

          Wir entsagen den göttern und erkennen die Wahrheit, finden zu Gott, den Himmel auf Erden…

          Der jüdische Glaube – recht verstanden – führt hinein in diese Freiheit, während der Islam (aber nicht nur der Islam!) den Weg dahin versperren will.