Es regnet!

Stefan Meining 

Es ist schon merkwürdig: Wenn es in Deutschland mal wieder regnet, verziehen die Menschen ihr Gesicht und sagen meistens eher griesgrämig, dabei langsam beinahe jede Silbe betonend: „Es reg-net! Schon wie – der!“ In Israel hingegen ist die Freude groß, wenn es endlich einmal richtig schüttet. „Jesch geschem!“ rufen einem dann die Menschen erleichtert entgegen, egal was man gerade macht, wo man gerade ist: „Jesch geschem!“ Es regnet!“

Für Israel ist dieser Winterregen ein Segen. Es gibt Zeiten, in denen ist es so trocken, dann rufen Rabbiner die Menschen auf, für Regen zu beten. In den letzten Tagen hat es sogar hier in Tel Aviv immer mal wieder geregnet. Die sonst staubigen Straßen, die Fassaden der Häuser wirken wie frisch gewaschen und auf den Wiesen grünt frisches Gras. Auch als Besucher freut man sich dann zu beobachten, wie schnell sich die Natur ändert und zu neuem Leben erblüht.

Die Zeitungen druckten ein lustiges Foto ab. Es zeigte einen Miniaturschneemann, kaum größer als bei uns ein Schokoladennikolaus; gebaut hoch oben auf den Gipfeln des Hermon-Gebirges. Teile des Gebirges wurde von Israel nach dem Juni-Krieg 1967 besetzt und 1981 annektiert; ohne völkerrechtliche Anerkennung natürlich. Schneit es auf dem Hermon, wälzen sich am Wochenende israelische Autokolonnen Richtung Norden, um beherzte Wintersportler zum einzigen israelischen Skigebiet zu bringen.

Das Foto mit dem kleinen Schneemann ist nicht nur nett anzusehen, sondern hat auch eine sehr symbolische Bedeutung: Israel und auch zum Teil auch Jordanien hängen sozusagen am Tropf des biblischen Flusses Jordan, dessen drei Quellflüsse wiederum  im Hermon-Gebirge entspringen. Etwas weiter südlich ergießt  sich der Jordan in den See Genezareth, dem größten natürlichen Wasserspeicher der Region.

In den 1950er Jahren hatte ein amerikanischer Diplomat mit Namen Eric Johnston die Idee, mit einem Wasserplan Frieden zwischen Israelis, Palästinensern und Jordaniern zu schaffen. Johnston meinte, das knappeste Gut der Region würde den Weg Richtung Frieden ebnen. Denn wenn erst einmal die Wasserverteilung geregelt wäre, dann würden sich auch die anderen Streitfragen lösen lassen. Wer aus dem gleichen Glas trinkt, der bekriegt sich nicht mehr. Was für eine verwegene Idee! Doch Johnston scheiterte leider. Seine Mission ging als Fußnote der langen vergeblichen Friedensbemühungen für den Nahen Osten ein. Keiner der Anrainer des Jordanflusses wollten Johnstons Vorschlag folgen. Auch die anderen, großen und wasserreicheren arabischen Staaten wie Ägypten und Syrien unterstützen ihn nicht.

Sie wollten Israel im wahrsten Sinne des Wortes austrocknen. Dazu sollte es nicht kommen. Stattdessen begann Israel 1964 den See Genezareth mit einer riesigen Wasserleitung anzuzapfen, um das kostbare Nass in die dicht bevölkerten Küstenregionen ans Mittelmeer und dann weiter in die staubtrockene Halbwüste im Süden des Landes zu pumpen. So ist es bis heute geblieben. Ohne das Wasser aus den Bergen im Norden würde Israel vertrocknen, so wie das Gras hier auf den Wiesen, die nicht ständig bewässert werden. Auch deshalb hat der kleine Schneemann ein solch große Bedeutung für die Menschen hier, egal ob sie nun Juden, Christen oder Muslime sind. Er symbolisiert das Leben in einer nicht nur politisch meist brandheißen Region.

 

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  1. Danke Herr Meining für die schnelle Lieferung des von mir gestern anlässlich des Posts von Herrn Rosch “der Winter kommt… fast” bestellten Berichts zum Golan. Klasse Service. Die Idee eines Wasserfriedens verfolgt ja heute noch die israelisch-jordanisch-plästinensische NGO “Friends of the Earth Middle East” mit dem Projekt EcoPeace. Dabei geht man von der fast banal klingenden Erkenntnis aus, dass Wasser, Wasserquellen und Flüsse sich erstrecht im Nahen Osten nicht an politische Grenzen halten. Wenn in einem der Jordananrainergebiete Wasser verschmutzt wird, leidet der Nachbar wenige Kilometer weiter im anderen Land darunter. Es geht auch um die Schaffung eines gemeinsamen Bewusstseins. Deshalb wird dort auch viel im Bereich Umwelterziehung gemacht.
    Sind ganz gute Leute. Eine vor Urzeiten aus Deutschland ausgewanderte Israelin, die sich dort engagiert, habe ich mal kennengelernt. Vielleicht gibts ja darüber auch mal einen Bericht. Muss nicht morgen sein. Eigentlich müsste man auch Syrien einbeziehen, aber nicht nur, dass dort gerade andere Dinge anstehen, dort ist es auch verboten eine NGO zu sein.

  2. Herr Meining! Ist das Ihr Einstand im Regen/in der Region? Herzlich Willkommen!

  3. Schaut, was unter dem bild steht! Die israelischen schueler sind im laendervergleich auf platz sieben in der mathematik.

  4. OT: Hat eigentlich jemand schon das Buch von Stefan Meining gelesen?