Hamas – Ihre Talkbacks – Abstand vom Nahen Osten

Zum Jahreswechsel wieder mal weit weg vom Nahen Osten. Kurze Pause. Innehalten, Abstand gewinnen, nachdenken über ein wahnsinniges Jahr in der Region. Über das mögliche und wahrscheinliche Ende der Zwei-Staaten-Lösung, über den Islamismus, der seinen Siegeszug in einigen Ländern antreten durfte und wohl weiter an Fahrt aufnehmen wird. Über die  Hilflosigkeit des Westens auf die Veränderungen im Nahen Osten mit einer echten und vernünftigen Strategie zu reagieren. Über die Fehleinschätzungen und das Schönreden der Realität in den Hauptstädten Europas, in Berlin und Paris und London. Über den Wandel in Israel, das sich allmählich eine neue Identität zulegt, eine, die immer weniger mit dem zu tun hat, was die Gründerväter wollten, über die Unfähigkeit der Palästinensischen Autonomiebehörde, in der neuen arabischen Welt noch echte Unterstützung zu finden, während die Hamas immer weiter hofiert und finanziell gepampert wird.  Es gibt soviel…

Und nachdenken über Ihre Talkbacks. Da gibt es die, die voller Hass und Häme und Verunglimpfungen geschrieben werden. Die meisten davon bekommen Sie gar nicht zu lesen, weil die Redaktion natürlich die Pflicht hat auf die “Netiquette” zu achten. Antisemitisches, Anti-Islamisches kommt nicht auf die Seite – aber das alles ist Teil der Realität hier im Lande, in Europa – es gibt diese Stimmen, da kann man nichts machen.

Und dann gibt es die Stimmen, die “argumentativ” vorgehen, aber den Nahen Osten ganz klar in Schwarz und Weiss einteilen. In Schuldige und Unschuldige. In Recht und Unrecht. Und je nachdem,  machen diese Stimmen ganz klar aus, wo die Grenze verläuft: Die einen sehen ausschließlich Israel als das Böse schlechthin an, die anderen ausschließlich die Palästinenser und alle übrigen Muslime.  Und versuchen das mit Argumenten zu belegen. Das ist dann hier oftmals ein Ping Pong von angeblichen oder tatsächlichen Fakten, die man sich gegenseitig zuwirft, ohne daß man sich auch nur einen Schritt näher kommt, ohne daß man auch nur einen Hauch von Zweifel hat, ob die eigenen Fakten wirklich immer den Tatsachen entsprechen. Und wenn  doch – ob sie jeweils die ganze Wahrheit darstellen oder vielleicht doch nur einen Ausschnitt der Gesamtsituation. Das ähnelt ein wenig der Situation in der Politik: Die israelische Regierung hat ihre Argumente, die PA die ihrigen, die Hamas wiederum die ihrigen, die anderen Ländern drumherum natürlich auch… und so haut man sich die altbekannten Argumentationsketten um die Ohren und kommt doch keinen Schritt voran.

Und dann gibt es diejenigen, die Fragen stellen oder die unsere Berichterstattung anzweifeln, kritisieren, Fehler zu entdecken scheinen. Wie etwa bei meinem Post über die Hamas-Demo in Hebron.

Einige warfen mir vor, ich hätte ja nur die “Irren” gezeigt, warum denn nicht all die friedliebenden Palästinenser, die es doch in Fülle gäbe. Nun – in vielen Posts hier haben meine Kollegen und ich selbst ja auch viele andere Aspekte des paläsinensischen Lebens vorgestellt. Ich tue dies auch in meinem Videoblog “Zwischen Mittelmeer und Jordan” und natürlich auch in meinen Fernsehbeiträgen. Aber, so leid es mir tut, der islamistische Fundamentalismus ist eine reale und wachsende Größe, an der man nicht vorbeikommt, eine Kraft, die seit Jahren an Fahrt aufnimmt, ebenso wie auf der israelischen Seite die Gegner der Zwei-Staaten-Lösung immer mehr werden und es die Möglichkeit gibt, daß nach den Wahlen am 22. Januar in der Knesset  zum ersten Mal mehr  Abgeordnete sitzen werden, die gegen eine Zwei-Staaten-Lösung sind als dafür.

Die Hamas ist Realität. Und es ist ebenso Realität, daß viele Palästinenser von 1948 träumen und nicht von 1967, will heißen: Sie wollen alles zurückhaben, Israel soll verschwinden, wie, ist ganz egal. Es gibt selbst im Westjordanland, wo die “moderate” Autonomiebehörde regiert, kein Denkmal, das “ganz Palästina” zeigt m i t den Grenzen von Israel. Israel kommt nicht vor. Es gibt kaum Plakate, Karten etc., wo “zionistische” Städte eingezeichnet sind: Tel Aviv etwa oder Rishon le Zion.

Es geht um 1948. Wie man das erreicht, das ist die Frage. Die große israelische Journalistin Amira Hass, die nun wahrlich kein “Fan” des rechten Zionismus ist, die als einzige israelische Journalistin auf der palästinensischen Seite lebt und jeden Tag in der Zeitung “Haaretz” schreibt, was die Besatzung den Menschen dort antut, die große Amira Hass hat mir vor Jahren einmal gesagt, der Unterschied zwischen Fatah und Hamas sei, daß die einen das Ende Israels in den nächsten 500 Jahren, die anderen in den nächsten 50 Jahren  erhoffen.

In vielen Talkbacks zu diesem Hamas-Post kam die von mir so benannte “Sozialverteidigungsargumentation” zum Tragen. Die User begründeten, warum der Fundamentalismus mächtig werden konnte, warum die Hamas-Anhänger die Zionisten töten wollen, warum sie Selbstmordattentate, Gewalt, Raketen auf Tel Aviv etc.. gut finden. Sie argumentierten damit, daß Israel diese Menschen durch seine Politik der Gewalt und Besatzung so sehr in die Ecke gedrängt habe, so verzweifelt habe werden lassen, daß sie keine andere Wahl mehr hatten. Eine Kausalkette also, die einiges an Problematik beinhaltet. Warum?

1.) Kommen wir da ganz schnell in die Not der Frage,  was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Und je nachdem, wo der Betrachter in der Geschichte “anfangen” will, wird er zu einem jeweils anderen Ergebnis kommen.

2.) Mit solchen Argumenten gerät man schnell in die Gefahr, Terror zu “rechtfertigen”. Indem ich “verstehe” woher er kommt, gestehe ich ihm eine gewisse “Richtigkeit” zu. Kann ich das als Demokrat? Als Verfechter einer pluralistischen, liberalen Gesellschaft, in der Meinungsfreiheit herrschen muß und die Kraft der Argumentation das einzige Mittel der Auseinandersetzung sein darf? Ja, ich muß – auch als Journalist – die Gesellschaften, über die ich berichte, “von innen” verstehen und erklären, darf ihnen nicht das westlich-liberale Weltbild überstülpen, das nicht das ihre ist. Und die arabische Welt hat nun mal gar nichts mit den Entwicklungen in Westeuropa seit 1945 gemein. Das ist einfach so. Das macht die arabische Welt nicht besser oder schlechter, aber gewiß anders. Ich muß also erklären, warum es den “Jihad” als “Widerstandsmethode” gibt und nicht den friedlichen, gewaltfreien Protest eines Mahatma Gandhi. Ich muß erklären, warum die eine Kultur so, die andere so reagiert, warum bestimmte Entwicklungen sind wie sie sind, warum die Menschen denken wie sie denken (und natürlich, natürlich gilt das auch für Israel, das zwar “die einzige Demokratie” im Nahen Osten ist – so wird der jüdische Staat immer wieder bezeichnet, so aber auch das eigene Selbstverständnis der Israelis – aber natürlich ist auch Israel keine Demokratie wie wir sie aus Westeuropa kennen, allein die Tatsache, daß es keine Verfassung gibt, hat politische Entwicklungen möglich gemacht, die es in Europa so nicht gibt, geben darf, z.B. daß Parteien (religiöse) Minister stellen dürfen, obwohl sie eigentlich gegen den säkularen Staat sind und die Gebote Gottes für wichtiger halten als die säkularen Gesetze des Staates. Und diese Minister sagen auch ohne Hemmungen in die Kamera hinein, daß der Tag kommen wird, da ihre Anhänger die Mehrheit stellen werden und dann, nein: nicht Insh’allah, sondern Be’Esrat Hashem” (was so ziemlich das gleiche ist), dann wird Israel seiner wahren Bestimmung entgegengeführt…

Doch zurück zur Hamas und der “Sozialverteidigungsargumentation”: Als ich diese Talkbacks gelesen habe, fiel mir eine Geschichte ein, die ich in den 80er Jahren erlebt habe: Ein älterer Bekannter von mir hatte in der Münchner Innenstadt einen Auffahrunfall verursacht. Er war aus Versehen seinem Vordermann draufgefahren. Dieser Bekannte, nennen wir ihn Herrn H., stieg sofort aus, um dem Fahrer seine Adresse etc. zu geben, damit die Versicherungen miteinander alles regeln können. Er war ja schuld, da war ja gar nichts zu diskutieren. Der Fahrer des geschädigten Autos, ein junger Mann, stieg aus und begann auf Herrn H. voller Wut einzuschlagen. Daraufhin zeigte Herr H. diesen jungen Mann an. Es kam zum Prozeß.

Der Verteidiger des jungen Mannes versuchte natürlich mildernde Umstände für seinen Klienten vorzubringen, eben diese “Sozialschiene”. Er habe eine sehr schwere Kindheit gehabt, sein Vater habe ihm ständig geschlagen, seine Mutter sei Alkoholikerin etc.etc.etc. Der Richter hörte sich das, nahm das auf, es war offensichtlich und damals durchaus üblich, auf solche sozialen Hintergründe Rücksicht zu nehmen und ein entsprechend mildes Urteil zu fällen. Die Verhandlung ging eine Weile so vor sich hin, als Herrn H. der Kragen platzte. Er bat um das Wort und sagte dem Richter folgendes: Er akzeptiere ein mildes Urteil für den Angeklagten nicht. Daß dieser eine schwere Kindheit gehabt habe, sei kein Grund, sein Verhalten zu rechtfertigen, vielleicht zu verstehen ja, aber nicht zu rechtfertigen. Auch er habe eine schwere Kindheit gehabt: Er habe seine Kindheit in Auschwitz verbracht, seine Eltern seien vergast worden, “da wollen wir doch jetzt mal hier bitte aufwiegen, wessen Kindheit “schwerer” war”, rief Herr H.

Der Richter und der Anwalt des Angeklagten waren völlig sprachlos. Selbst der Anwalt des Herrn H., der das nicht wußte und nicht mit einem solchen Ausbruch gerechnet hatte, verstummte zunächst…

An diese Geschichte mußte ich unwillkürlich denken bei der Frage, inwiefern das “Verständnis” für eine bestimmte Entwicklung, die Taten die dann geschehen rechtfertigen. Ich habe keine klare Antwort darauf, wie ich als Korrespondent im Nahen Osten gelernt habe, daß “klare Antworten”, je länger man sich mit diesem Konflikt auseinandersetzt, immer “unklarer” werden…. daß man allerdings versuchen muß, sein eigenes Wertekoordinatensystem irgendwie zu bewahren, nicht als “Maßstab”, aber gewiß als “Richtlinie”… wenngleich man auch damit oft zum Scheitern verurteilt ist…

Was meinen Sie? Wie denken Sie darüber? Das würde mich sehr interessieren…

Nun darf ich Ihnen heute allen ein gutes und glückliches neues Jahr wünschen. Das Jahr 2013 könnte für uns einige “Überraschungen” bieten…. Wir machen uns für verschiedenste Szenarien parat, als da wären:

1.) Krieg mit dem Iran

2.) Jordanien fällt, die arabische Revolution kommt auch dort an, die längste Grenze Israels wird instabil

3.) Eine dritte Intifada

4.)  Assad fällt in Syrien, die B- und C- Waffen werden angewendet/geraten in die Hände von Islamisten/werden gegen Israel gerichtet. Syrien wird zum Aufmarschgebiet von Al-Kaida, Islamischem Jihad und Salafisten

5.) Die Hizbollah schlägt zu – als Teil eines der oberen Szenarien

6.)  Israel weitet seinen Siedlungsbau radikal aus

Keine Ahnung, ob und was von diesen Szenarien Wirklichkeit werden könnte, eines ist sicher: Langweilen werden wir uns im ARD Studio Tel Aviv ganz sicher auch 2013 nicht.

Bis “nächstes Jahr” also!

 

 

Kommentieren:

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  1. Hallo Herr Schneider,

    erstmal ein “Danke” für Ihre Berichte und Einschätzungen aus Israel und der Region. Sie bekommen sicherlich eine Menge “Bullshit”-Kommentare – umso lobenswerter, dass Sie sich mit unseren Talkbacks auseiandersetzen.
    Ich wünsche Ihnen ein gutes Jahr 2013 und dass Ihnen der Beruf auch gute Zeiten bescheren möge.
    Nur eine Anmerkung zu Ihrem Text: Man muss aufpassen, was man vergleicht, wenn man vergleicht. Israel ist nicht perfekt. Es gibt manches zu verbessern – z.B. eine Verfassung. Aber in vielen Dingen ist Israel klarer, eindeutiger, ehrlicher und menschenfreundlicher als die Hamas, die Fatah, die Hisbollah u.s.w.
    Diese Unterschiede herauszuarbeiten ist für mich elementar. Es kann nicht der Eindruck stehengelassen werden, dass sich hier 2 Kräfte gegenüberstehen (“Spirale der Gewalt”), die beide gleich schlecht, beide gleich religiös verblendet und menschenverachtend sind.
    Und natürlich hat jeder seine eigenen Narrative, seine Argumente und Geschichten. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht eine Wahrheit gibt, die es aufzuspüren gilt. Das “Patt” in den Diskussionen gibt es tatsächlich nur dann, wenn man mit aller Gewalt an seinem Narrativ festhält. Israel lässt (auch kritische) Geschichtsforschung an seinen Universitäten zu.

    Sie schreiben von religiösen Zielen einiger Minister. Wenn man sich mit dem Judentum beschäftigt, wird klar, warum diese Minister so denken. Der Unterschied zwischen ihnen und radikalen Palästinensern ist aber: Sie setzen ihre Ziele nicht mit Gewalt & Terror durch. Sondern versuchen es auf politischer Ebene.
    Bei aller (berechtigter) Kritik an Israel muss immer klar sein, wer hier welche Ziele mit welchen Mitteln verfolgt. Deshalb freue ich mich auch, dass sie den offenen Islamismus der Palästinenser klar ansprechen und benennen.

  2. Schöner Jahresendpost.

    Ich finde aber, dass es im Punkt 2 einige Verwirrungen gibt. In dem man die Ursprünge von Terror und gewalt verstehen kann und nachvollziehen kann, räumt man ihm noch lange keine Richtigkeit ein. Das ist natürlich typisch, da bei uns beim verstehen, nachvollziehen immer die emotionale Komponente hineinkommt. Aber es gibt auch die eiskalte logische Komponente, da es für die Menschen typische Verhaltensmuster gibt, die sich immer und immer wiederholen.

    Interessant wird für mich weniger ein Konflikt mit dem Iran sein, sondern wie sich Deutschland gegenüber Israel positionieren wird. Die Situation mit dem Judentum und Israel ist seit 1945 emotional vertrakt. Von politischer Seite lautet die Devise, dass Deutschland eine besondere verantwortung gegenüber Israel hat. Andererseits stellt sich mir die Frage, wie lange es wir uns leisten wollen, so eine “Demokratie auf Abwegen” noch zu unterstützen? Die aus meiner Sicht gegenüber den Palästinensern sehr repressiv auftritt.

    Meine These ist eher, dass nach ’45 Deutschland eine höhere Verantwortung gegenüber dem Judentum eingebettet in einer sekulären, demokratischen Grundordnung hat. Das heißt insbesondere, dass es um das jüdische Leben in Deutschland geht, das aus meiner Sicht wieder uneingeschränkt möglich ist und einen hohen Stellenwert eingeräumt wird (zumindest politisch). Selbst beim Thema Knabenbeschneidung wurde für die Relgionsfreiheit entschieden. Vermutlich wäre das politische Urteil anders ausgegangen, wären die Juden nicht so stark davon betroffen gewesen, oder ginge es um Naturreligionen die ähnliche Rituale pflegen.

    Das Problem der ersten Hälfte des 21 Jahrhunderts wird der religiöse Fundamentalismus bleiben, wobei das alle 3 großen monotheistischen Weltreligionen einschließt. Das wird aber kein Problem der Eliten sein, sondern ein Problem der Massen, die sich damit selbst Geiseln.

    Es gibt den Hoffnungsschimmer, dass mit dem schleichenden Ende fossiler Energieträger (der schneller erreicht sein wird, als wir wahr haben wollen) auch viele der OPEC Staaten an Bedeutung verlieren werden. Vielleicht ist das eine neue Möglichkeit vielen der Erdöl finanzierten fundamentalistischen Strömungen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

    Fürs neue Jahr nehme ich mir vor mich nicht mehr so oft über die Zustände im Nahen Osten zu ärgern und mir öfter zu sagen, dass es nicht mein Problem ist. Keep Calm and Carry on!

    Frohes neues Jahr

  3. Lieber Herr Schneider,
    das ist ja ein verheerendes Zeugnis, das Sie uns Talkbackern da ausstellen. Keine der von Ihnen genannten Kategorien ist einladend.

    Bezüglich der Sozialverteidigungsargumentation gebe ich Herrn H. vollständig recht. Wer zugefügtes Unrecht als Rechtfertigung für selbst begangenes Unrecht benutzt, hat das Thema nicht mal im Ansatz verstanden. Notwehr dient immer der Abwehr ein gegenwärtigen Gefahr, im Unterschied zur Rache, die für in der Vergangenheit erlittenes Unrecht agiert.

    Die Ursachensuche muss vom Verstehen ins Handeln, sprich: ins Unterbinden von zerstörerischen Verhaltensmustern führen, sonst ist sie für die Katz’. Und das Unterbinden muss durch frühzeitiges Anbieten von konstruktiven Verhaltensmustern geschehen, indem einer gefährdeten Person Alternativen angeboten werden, wie man den Konflikt ebenfalls lösen kann. Ist das zerstörerische Verhaltensmuster bereits eingeschliffen, dann kann nur noch geholfen werden, wenn der Betroffene wirklich Hilfe sucht.

    Gute Politik kann hier nicht helfen, denn sie gibt immer nur grobe Richtungen vor, während hier Einzelfallentscheidungen notwendig sind, die die Politik niemals leisten kann. Deshalb müssen Einzelpersonen, verantwortungsvolle Unternehmer, diesen Job übernehmen. Gute Politik könnte hier allenfalls unterstützen.

    Und dann gibt es da noch die schlechte Politik, die bei uns Deutschen mittlerweile auch noch in der Breite der Bevölkerung angekommen ist: Sie beschränkt sich auf das Fordern, handelt aber nicht. Man könnte das auch als Besserwisserei bezeichnen. Man weiß immer ganz genau, was die anderen tun müssten…

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und dem ganzen Team vor und hinter der Kamera und an den Geräten ein gesundes und friedliches Jahr 2013, wobei ich explizit nicht die Erfüllung chinesischen Fluchs wünsche: “Mögest Du interessante Zeiten haben.” Sondern mit Montesquieu: “Glücklich das Volk (bzw. ARD-Team), dessen Geschichte sich langweilig liest.”

  4. Na, na, na. Nach “Abstand” klingt mir der kleine Beitrag ja nun nicht gerade! Dennoch alles Gute besonders auch für solche Vorsätze fürs neue Jahr, Herr Schneider! ;-)

  5. Hallo H. Schneider,

    “Die Hamas ist Realität. Und es ist ebenso Realität, daß viele Palästinenser von 1948 träumen und nicht von 1967, will heißen: Sie wollen alles zurückhaben, Israel soll verschwinden, wie, ist ganz egal. Es gibt selbst im Westjordanland, wo die “moderate” Autonomiebehörde regiert, kein Denkmal, das “ganz Palästina” zeigt m i t den Grenzen von Israel. Israel kommt nicht vor. Es gibt kaum Plakate, Karten etc., wo “zionistische” Städte eingezeichnet sind: Tel Aviv etwa oder Rishon le Zion.

    Es geht um 1948. Wie man das erreicht, das ist die Frage.”

    Da haben Sie vollkommen recht.
    Aber, wo wird es diese “Realität” in Deutschland, Europa oder UNO angesprochen und diskutiert? In welche Medien wird sie gezeigt/erklärt?
    Klar hier in diesem Blog auch wenn nur ansatzweise, am Rand. Und das obwohl es tatsächlich um Israels Existenzrecht geht.

    Angesicht dieser Informationsdefizit ist ja Klar, dass in jeder zweiten Kommentar behauptet wird: “Niemanden bestreitet ernsthaft Israel das Existenzrecht!”
    Der Mann aus Teheran und Hamas seien dabei nur “Maulhelden”… Dass sie voller Unterstützung von einer breiter Masse der “normalen Palästinensern/Arabern” haben wird niemals angesprochen. Selbst hier ist es in dieser Form eine Premiere.

    Und selbst das ohne “Quellenangaben”, ohne Beweise, ohne Bilder.
    Ein “Kommentar” also, eine Behauptung von Ihnen, Ihre Meinung!
    Ist es denn so schwer solcher Denkmale, Plakate, Karten zu zeigen?
    Und dabei geht es ja nicht nur um das nicht vorkommenden Israel… Denn die grausamste Attentäter und Mördern werden glorifiziert in dem man Gebäuden, Schulen, Plätzte und Straßen nach ihnen benennt.
    Auch das ist Realität. Aber wo wird sie wiedergegeben, angesprochen, gezeigt?

    Leider nirgendswo. Da sind sie die Israelis damit allein gelassen. Die kennen diese, ihre Realität. Und selbstverständlich handeln sie ihre Realität entsprechend.
    Denn wie Sie sagen, es geht um 1948, also um Israel selbst und nicht um irgendwelche “Regierung” oder Siedlungsplan. Und schon garnicht um einer Zwei-Staaten-Lösung wo es auch Israel vorkommt.

    Sicherlich wird mir jetzt Schwaz-Weiß-Malerei vorgeworfen.
    Aber dann bitte die entsprechenden Quellen/Beweise mitbringen. Und damit meine ich nicht irgendwelcher Statement oder “Äußerung” sondern was handfestes (z.B. die Charta der PLO oder Fatah).

    Ein gutes und glückliches neues Jahr wünsche ich Ihnen auch.

  6. Zu den Prognosen für 2013…

    1. Krieg mit dem Iran – unwahrscheinlich; es wird keinen Angriff auf die Nuklearanlagen des Iran geben, da die Gefahr der nuklearen Verseuchung viel zu gross ist. Es geht weiter mit der Kriegsführung hinter den Kulissen (Hackerangriffe, verdecke Operationen etc.) und diplomatischem Druck.

    2. Jordanien… Die wachsende Instabilität dieser Grenze wird auf jeden Fall spürbar werden.

    3. Dritte Intifada – Nein, aber der Palästinenserstaat drängt auf die volle Anerkennung, sprich der Lieberman’sche “diplomatische Terror” Ramallahs wird fortgesetzt. Nach der Anerkennung übernimmt Mashaal (oder schon vorher?). Wiederaufrüstung des Gaza-Streifens.

    4. Assad – Syrien – B- und C-Waffen – Ja, Assad fällt, und die Waffen fallen in die Hände der „Oppositionsregierung“. Mittelfristig werden sie auf Israel gerichtet. Mittelfristig, da sich die Oppositionsregierung als zuverlässiger Partner in Nahost geben will und der Westen ihr das gerne abkauft.

    5. Hizbollah – Ruhe in 2013

    6. Israelischer Siedlungsbau – „radikale“ Ausweitung? Es wird mit Sicherheit konsequent weitergebaut.

    Die äussere Gefahr wächst, aber am grössten wird 2013 die innere durch einen hamasgeführten Palästinenserstaat sein.

  7. All denen, die noch nicht zu Rosch HaSchana ins neue Jahr 5773 gerutscht sind, wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr 2013! Möge uns Allen die Zukunft nur Gutes bringen und vielleicht klappt es ja im Nahen Osten in diesem Jahr mit einer friedlichen Lösung. Ganz herzlichen Dank an Herrn Schneider und das ganze Team für die zahlreichen und interessanten Beiträge.

  8. Lieber Herr Schneider,

    vielen Dank für alle Anregungen zum Weiterdenken, die Sie uns bescheren.
    Wo immer Sie sind, guten Rutsch in ein hoffentlich glückliches und friedensreiches 2013.

  9. “Es geht um 1948. Wie man das erreicht, das ist die Frage. Die große israelische Journalistin Amira Hass, die nun wahrlich kein “Fan” des rechten Zionismus ist, die als einzige israelische Journalistin auf der palästinensischen Seite lebt und jeden Tag in der Zeitung “Haaretz” schreibt, was die Besatzung den Menschen dort antut, die große Amira Hass hat mir vor Jahren einmal gesagt, der Unterschied zwischen Fatah und Hamas sei, daß die einen das Ende Israels in den nächsten 500 Jahren, die anderen in den nächsten 50 Jahren erhoffen.”

    es ja keine geheimniss, dass die linken genau so wenige wie die rechten an einen friedenswillen der palaestinenser glauben. dabei glauben die linken, israel besser schuetzen zu koennen indem man klare grenzen hat und sich aus judae und samaria abzieht. die rechten dagegen glauben, dass kontrolle besseren schutz bietet.

  10. … weitere Anmerkungen …

    A) „… wie auf der israelischen Seite die Gegner der Zwei-Staaten-Lösung immer mehr werden“

    Über das Gegenteil wird heute in der Jerusalem Post berichtet:

    B) „natürlich ist auch Israel keine Demokratie wie wir sie aus Westeuropa kennen, allein die Tatsache, daß es keine Verfassung gibt“

    Und wie ist das Gesetzesgebilde „Basic Law“ zu bewerten?

    C) „z.B. daß Parteien (religiöse) Minister stellen dürfen, obwohl sie eigentlich gegen den säkularen Staat sind und die Gebote Gottes für wichtiger halten als die säkularen Gesetze des Staates.“

    Das mit dem „säkularen Staat“ ist interessant. Historisch ist die Idee dieses noch jungen säkularen Staates die, den Juden eine Heimstätte zu geben. Der Staat schafft die säkularen (technischen, äusseren) Voraussetzungen dafür, dass jüdisches Leben möglich ist und auch Fremde (Nichtjuden) und Nichtreligiöse eine Heimat haben. Die Grundidee solch eines friedlichen Miteinanders ist jedoch ebenfalls jüdisch. Dem Judentum geht es ja darum, in Harmonie mit der Realität der Schöpfung Gottes zu leben. Dazu gehört, dass wir einander nicht töten, einander respektieren und uns alle gleichermassen an allerlei universal gültige Gesetze halten müssen und dass wir vor dem Gesetz gleich sind. Diese Dinge sind für uns so selbstverständlich wie die Schwerkraft oder die Luft zum Atmen. Mit Religion hat das nichts zu tun.

    Ausserhalb des jüdisch-christlichen Kulturkreises – im Hinduismus, im Islam usw. – sind diese Werte jedoch keine Selbstverständlichkeit.

    Da die Schlinge um Israel immer enger wird, kommt der religiöse Charakter des säkularen Staates immer mehr zum Vorschein. Es ist natürlich bzw. nicht verwunderlich, dass es religiöse Kräfte in der israelischen Politik gibt.

    D)„inwiefern das “Verständnis” für eine bestimmte Entwicklung, die Taten die dann geschehen rechtfertigen. Ich habe keine klare Antwort darauf, …“

    In dem Zusammenhang kann man noch einmal auf die Ursachen von Gewaltbereitschaft hinweisen. Michael hatte in einer anderen Diskussion die Lektüre von Alice Miller „Am Anfang war Erziehung“ und das Milgram-Experiment/Studien dazu empfohlen.

    Ob Verständnis der Rechtfertigung der Tat dient? Ich denke, Verständnis wird oft in diesem Sinne missverstanden und auch missbraucht. Es ist wichtig und wird dann klarer, wenn Tat und Täter getrennt betrachtet werden. Es gilt, den Täter zu verstehen und seine Tat dennoch zu verurteilen. Das Verstehen darf nicht als Freispruch missverstanden werden, sondern es öffnet den Weg zu Heilung und Korrektur des eigenen Handelns. Der Täter trägt grundsätzlich immer die Verantwortung für sein Tun.

    • ad B) … ich habe Antworten auf wikipedia unter “Basic Laws of Israel” (nur auf Englisch)gefunden.

      “While these laws were originally meant to be draft chapters of a future Israeli constitution, they are already used on a daily basis by the courts as a formal constitution.”

      Das heisst, diese Basic Laws haben einen verfassungsähnlichen Charakter ähnlich dem deutschen Grundgesetz, sind jedoch (ebenfalls) Ausdruck ihrer temporären Natur.

    • ad C)
      Zu den religiösen Ministern… He, die haben nichts mit dem Nichtvorhandensein einer Verfassung zu tun! Oder ist das deutsche Grundgesetz etwa “schuld” an CDU und CSU? ;-)

      • Liebe Lily
        sind die religiösen Parteien in Israel wirklich mit CDU/CSU vergleichbar? Wobei ich das C eher als Kürzel für “cash-affin” oder “chamäleonartig” (für den CSU-Vorsitzenden) interpretieren würde.
        Oder würde das eher auf das Bild eines mittelalterlichen Fürstbischofs passen?

        • Lieber Michael,

          naja, ganz unwesentlich ist das “C” nicht, was man beispielsweise an der Debatte über die Herdprämie sehen konnte.

          Andererseits muss ich auch sagen, dass mir so aus zweiter Hand letztlich ein realistisches Gespür für die religiösen Parteien Israels fehlt. Da ich selbst sehr aufgeschlossen bin für das “religiöse” Israel, finde ich den Ausdruck religiöser Parteivertreter in der Regel weniger schockierend als andere. Ich sympathisiere eher damit. Damit stosse ich natürlich auf Unverständnis bei all jenen, die meinen, eine funktionierende Demokratie müsse auf jeden Fall säkular und laizistisch sein.

          Diese Sicht führt zur Diktatur einer dem Wandel der Zeiten unterworfenen (und von Mammon geforderten..) Politischen Korrektheit, also in die Unfreiheit. Vielleicht empfinde ich so, da wir in Europa insgesamt eher von materialistisch geprägten gesellschaftlichen Normen ‘unterdrückt’ werden als von religiösen.

          IN Israel würde ich eventuell eher gegen die religiösen Parteien argumentieren. Wiederum andererseits fehlt es dem rein säkularen Ansatz angesichts der äusseren und inneren Bedrohungslage Israels am nötigen Biss zur Selbstbehauptung.

          Es ist nicht möglich und war noch nie möglich, Frieden mit Angst vor dem Krieg als Motivation zu erzwingen, solange die Konflikte in der Tiefe nicht gelöst sind. Und es liegt keine Konfliktlösung für Nahost auf der Hand. Israel existiert umgeben von Kriegserklärungen. Daran ändert auch eine Waffenruhe nichts. Die “Religiösen” in Israel verstehen diese irdische Realität besser als die “Weltlichen”.

          Und das ist aus Sicht der israelischen Linken und aus deutscher Sicht nicht gut nachvollziehbar, da hier “religiös” seit der Aufklärung in der Regel eine Abkehr von der Welt bedeutet und nicht aktive Teilnahme am Weltgeschehen, da diese den Menschen zwangsläufig eine Rückkehr ins Mittelalter bescheren würde.

          • Liebe Lily,
            wieso (auch unter “Christen”) die Herdprämie als christlich angesehen wird, hat mich immer schon gewundert. Offenbar verwechseln viele Christen die viktorianisch-wilhelminische Kultur mit christlichen Werten. Wobei ich den bayerischen Katholizismus auch eher als das Gegenteil von christlicher Religion sehe.

            In Bezug auf den Rest Ihrer Aussagen bin ich gleicher Ansicht.

    • ad A) Das Löschen des Zitats riecht nach Zensur! Es wurde da eine Zahl von über 60 % genannt. … Hätten Sie’s stehen gelassen, so könnte ich heute ergänzen, dass sich zwar so viele Menschen eine Zweistaatenlösung unter den leider nicht zitierten Bedingungen vorstellen können, dass in einer weiteren jpost-Studie gestern/heute jedoch gesagt wird, dass 83 % nicht wirklich an eine Friedenslösung glauben. So viel zur Aussagekraft von Umfragen in der Bevölkerung…

    • Eigentlich ist säkular das Gegenteil von Einbindung von Religion in Politik. Gut, CDU/ CSU heben sich in D heraus; Bei allem Konservativen bleibt dort allerdings Religiöses religiös – wird also allem Anschein nach nicht profan, d.i. Politik. Das trifft – in jeweils unterschiedlichem Ausmaß – manchen Äußerungen folgend nicht wirklich auf alle Akteure der politischen Rechten in Israel zu.

      • Hallo Fränd,

        verstehe ich richtig, dass Sie meinen, die israelische politische Rechte profaniere das Religiöse? Wenn ja, in welcher Weise? Oder meinen Sie in der Weise, dass die religiösen Politiker (ebenfalls) korrupt sind?

        • @Lily:
          Freie Betätigung ist natürlich das Eine; dass man sich als Interessengruppe organisiert ebenso. Dies alles von einem als “dezidiert religiösen Standpunkt” aus durchzuführen erscheint mir tatsächlich als Profanierung.

  11. Auf die Frage
    “Was meinen Sie? Wie denken Sie darüber? Das würde mich sehr interessieren…”
    muss man ganz ehrlich sagen: Die Redaktion hat mit diesem Blog sicherlich Einiges zu tun; dazu kommt noch das Erleben und Erlebnis des in die Berichterstattung Eingehenden und dann kommen noch die “Gscheithaferl”…
    Talkbacks laden sich gegenseitig immer zu einer Antwort ein. Die Gefahr, dass der “Wortabtausch” in diesem Blog überhand nimmt, würde ich nicht als so drohend sehen. Was aus “mindsets” heraus geäußert wird, ist sicherlich nicht affektiv – Schlüsse, “internationale Härte” etc. kommen dadurch zustande, dass es bei der Bewertung von Ereignissen über Vermittelter Vermittlungsperspektiven und persönliche Perspektiven gibt (Einschätzungen und deren “Richtigkeitsgehalt” eingeschlossen).
    Daraus auf verhärtete Standpunkte zu schließen ist korrekt; aber dass es dieses Forum gibt zeigt, dass man noch nicht nur aufeinander schießen will.
    Frohes Neues Jahr @all, @Redaktion in Israel.

    • Liebe Blogger,
      diesen Eintrag möchten wir, die Moderatoren, zum Anlass nehmen, uns bei Ihnen allen für ein lehrreiches, erfolgreiches erstes Jahr dieses Blogs zu bedanken – danke auch für das große Interesse und den regen Meinungsaustausch, der den Blog belebt.
      Aber wir möchten fürs neue Jahr noch einmal eine große Bitte äußern: Bei aller Meinungsfreiheit – manchmal, wahrscheinlich in der Hitze der Diskussion – wird noch immer unter der Gürtellinie diskutiert, geschimpft, gegenseitig mit Vorwürfen nicht gespart. Bitte halten Sie sich an die Netiquette;-) Wir freuen uns über jeden Beitrag, der sachlich, argumentativ ist, egal von welcher Seite. Aber persönliche Beleidigungen haben hier auch künftig keinen Platz.
      Danke und ein frohes, friedliches neues Jahr mit vielen interessanten Beiträgen der Redaktion und Diskussionen der Blogger!

      • @ebners: Vielen Dank für Ihre Mühe und gut zu wissen, dass es nicht nur Last ist, unsere vielen Beiträge lesen zu müssen – sondern von Ihnen hier und da auch wertgeschätzt wird. Sonst müsste ich mich Michael anschließen: Wir kriegen keine besonders guten Noten im Beitrag von Richard Schneider. Dabei geben wir uns so viel Mühe. Vielleicht ist es aber so wie auch im Nahen Osten: die Gräueltaten, die Flames und Ausraster bleiben besser im Gedächtnis als lange um Differenzierung bemühte Abhandlungen.

        Wie Michael fühle ich mich in keiner der von Richard Schneider angebotenen Kategorien zuhause. Vermutlich ordnet er mich auch in die “Sozialverteidigungsschiene” ein. Aber da fühle ich mich missverstanden. Freilich, ich bin tatsächlich der Meinung, dass eine Verbesserung der sozialen/ökonomischen/politischen Perspektiven für Palästinenserinnen und Palästinenser in Gaza und Westbank tatsächlich auch einen *Teil* des Gewaltproblemes lösen könnte.

        Diese Position ist aber weder als kausale Begründung und schon gar nicht als Legitimation für die Gewalt zu verstehen, sondern als perspektivische Möglichkeit der zukünftigen Konfliktentschärfung (von Lösung traut man sich ja kaum noch zu reden). Und keineswegs ist für die Verbesserung der Perspektiven Israel allein verantwortlich. Wenn weiterhin die vorhandenen Gelder in Korruption und Wiederbewaffnung fließen, wenn arabische Nachbarn sich jeglicher Verantwortung entziehen – dann rückt Israel in die Rolle des Alleinunterhalters, das kann schlechterdings nicht funktionieren.

        Auch ist die soziale Dimension selbstverständlich nicht die einzige. Ich habe auch darauf hingewiesen, dass es auch hierzulande eine gewaltbereite Hooligan-Szene gibt, in der auch Bankiers und Zahnärzte ihr Unwesen treiben. Viele Al-Qaida Topterroristen waren alles andere als perspektivlose Verlierertypen. Aber um einem gewaltbereiten Kern eine Masse an billigen und billigenden Sympathisanten zu verschaffen, ist eine in der Breite perspektivlose Jugend meiner Vermutung nach unverzichtbar.

        Vielleicht weigere ich mich einfach nur, mich vom Pessimismus des Jahresausblicks ala Schneider überwältigen zu lassen. Sechs Punkte, sämtlich Katastrophen-Szenarien. Vielleicht hat 2013 ja auch positive Überraschungen? Eine waghalsige Heidelbaer-Hoffnung: Unter dem Druck eines notwendigen Iran-Krieges rücken die Türkei, Ägypten und Israel wieder zusammen und Israels Preis für eine türkische Waffenbrüderschaft eine weitergehende Aussöhnung mit den Palästinensern ist. Im Gegenzug muss sich Hamas widerum politisieren und demilitarisieren, und Abbas durfte schon mal seinen Staat anerkennen lassen ohne wirklich dramatische Konsequenzen (weshalb die spärlichen Konsequenzen dramatisiert werden mussten).

        Dafür gibt es durchaus Indizien. Wer, im Ernst, glaubt, dass unsere Patriots syrische Artelleriegranaten abwehren sollen? Sie sind dazu ungeeignet, viel zu teuer, und außerdem ist die syrische Armee an der türkischen Grenze kaum noch präsent. Ich bin beinahe bereit, mein Winterfell darauf zu verwetten, dass die Raketen, die da von NATO-Territorium abgewehrt werden sollen, auf iranischem Boden stehen. Das würde bedeuten: Die Türkei ist schon jetzt mit im Boot, was zumindest ein glaubwürdiges Drohszenario gegen Iran angeht.

        Mit anderen Worten: 1+2 halte ich für nicht unwahrscheinlich, damit dürften sich aber neue Allianzen und auch Verhandlungs und Friedensoptionen auf der anderen Seite ergeben.

        Heidelbaer

  12. Vielen Dank für Ihre Einschätzungen aus dem und für den Nahen Osten. In der Tat hat sich die politische Entwicklung nicht zum Frieden und zum Guten entwickelt. Frieden ist allerdings die einzige Aussicht auf politische und insbesondere ökonomische Genesung der weiten prekären Verhältnisse in Ägypten und in vergleichbaren arabischen Staaten (Warum es aber dazu nicht kommt, kann vielleicht Carlo Strenger besser erklären.).

    In der Tat ist die Gefahr eines israelisch-iranischen Kriegs nicht gebannt, solange die iranische nukleare Aufrüstung als die Möglichkeit erachtet wird, die poltischen Verhältnisse von vor 1948 wieder zu errichten. Folglich wird sich auch wenig an der Haltung von Herrn Nethanjahu oder jeder anderen israelischen Regierung ändern (Mehr als verständlich.). Die anderen Perspektiven können so eintreten, jedoch keiner weiß, in welchem Ausmaß. Zu den Siedlungsprojekten sollte angemerkt werden, daß selbst Herr Sharon Siedlungen räumen ließ. Aber es ist fraglich, ob die Siedlerbewegung nicht doch für Frieden zu gewinnen ist, sollte die arabische und insbesondere die palästinensische Seite auf Gewalt verzichten. (Mancher Siedler, ich habe einen im Interview gesehen, ist nicht fanatisch-traumatisiert.)
    Auch und ganz besonders ist zu hinterfragen, ob die sadistischen ägyptischen, syrischen und anderen arabischen Sicherheits- und Geheimdienste die Nähe der neuen Machthaber suchen (Die Kälber wechseln, die Tröge bleiben.). Aber eines ist dabei sicher, mancher europäischer Politiker wird seine Hybris mit den Gefahren der islamistischen Erneuerungsbewegung verwechseln (Wem nützt es?).

  13. Hallo Herr Schneider,

    ein sehr interessanter Beitrag. Ihr Punkt 2) in Verbindung mit dem Beispiel vor Gericht sind spannend. Ich muss gestehen die Talkbacks bei ihrem Beitrag zur Hamas nicht ganz gelesen zu haben und diese waren ja wohl hauptsächlich die Motivation dies hier zu schreiben.
    In gewisserweise würde ich Ihnen überall zustimmen, doch die Frage ist was interessanter ist. Herauszufinden, wer schuldig ist? oder wie man “das Problem” lösen kann? Denn man sollte sich doch schon bei unserem Strafrecht die frage stellen, wofür wir das haben. Ich hoffe immer, dass es eigentlich der Gesellschaft darum geht, dass Menschen keine Straftaten begehen und nicht, dass die Gesellschaft “Vergnügen” daran hat oder “Genugtuung” daran hat, jemanden zu bestrafen, der einem Gesellschaftmitglied oder einer Gruppe etwas angetan hat. Wenn man sich die Zahlen ansieht (ich bin gerade zu faul diese wieder heraus zu suchen, weiß aber durch eine längere Arbeit die ich zu diesem Thema geschrieben habe noch ungefair wie diese Zahlen aussehen), dann sieht man, dass ein viel zu großer Teil der Straftäter/innen in Deutschland wieder straffällig werden, vor allem, wenn sie im Gefängnis gesessen haben und vor allem, wenn sie jung waren etc. Von daher finde ich es richtig selbst empfundenes Unrecht zu verstehen! Nicht um es zu rechtfertigen, wie Sie selbst ja schon schreiben, dass das eine Gefahr wäre, wenn dieses Argumente so verstanden werden, also wolle man das Unrecht rechtfertigen. Dabei sehe ich aber den Leser/in in der Verantwortung dort einen Unterschied zu erkennen, wenn ich diese Argumente verschlucke, nur weil ich Angst davor habe, dass sie von den Lesern falsch verstanden werden, dann darf ich ja gar nichts mehr schreiben, das wissen Sie doch bestimmt besser als ich. Ich bin davon Überzeugt, dass wir nur durch das “Verstehen” von Terroristen, Straftätern, Islamisten, radikalen Siedlern etc. etwas an der Situation verändern. Ich finde wir sollten endlich die Frage nach Schuld aus unseren Diskussionen nehmen und endlich anfangen lösungsorientierter zu diskutieren. Da ist die Schuldzuweisung keineswegs der Richtige weg. Was bringt es der Gesellschaft, einen jungen Straftäter, hart zu bestrafen? Genugtuung? Ich möchte, dass dieser nicht bestraft wird, sondern dass er aufhört sich derartig zu Verhalten und ist das nicht auch ein gesellschaftlicher Wunsch? Ist das Ungerecht?

  14. Hallo Herr Schneider,

    vielen Dank für Ihre vielen und interessanten Berichte im TV, im Video-Blog, hier. Auch vielen Dank ans Team und den anderen Bloggern vom ARD-Studio Tel Aviv.

    Was mich wundert, dass Deutschland Saudi-Arabien sehr stark aufrüstet und es kaum Reaktionen aus Israel gibt. Saudi-Arabien könnte auch in die Revolution geraten und eine Regierung bekommen, die offen gegen Israel ist. Und was ist dann mit den deutschen Waffen? Unvorstellbar, dass diese dann Israel bedrohen. Hoch problematisch ist auch so ein Regime wie jetzt in Saudi-Arabien herrscht durch Deutschland aufzurüsten. Jordanien wie Sie sagten könnte auch bald eine Revolution haben. In diesem Fall wäre das Westjordanland für Israel sehr wichtig, als militärischer Puffer vor Jordanien. Dann sehe ich keine 2-Staaten-Lösung mehr. Ich habe immer mehr die Befürchtung, dass wir vor einem neuen 6-Tage-Krieg stehen, nämlich dann, wenn sich die neuen islamistischen Regime rund um Israel gefestigt haben (Syrien, Ägypten, Hamas, Hisbollah, Saudi-Arabien?, Jordanien?).

    Bedrückend fand ich, dass der PA noch Millionen von der EU fehlen und Katar immer mehr finanziert und radikalisiert. Die Europäer sollten die moderaten Kräfte auf beiden Seiten stärken.

    Gibt es eigentlich keine Runden mehr in Camp David? Keine Pendeldiplomatie im Nahen Osten?

    Zu einem möglichen Angriff auf den Iran: Das iranische Atomprogramm durch militärische Mittel könnten m. E. alleine die USA massiv zurückwerfen. Alleine die USA verfügen über genug militärische Mittel eine solche Operation über Monate zu führen. Da die USA hochverschuldet sind wird es so einem Einsatz kaum kommen?

    Wünsche Ihnen und Ihrem Team einen guten Rutsch ins neue Jahr. Alles Gute.

  15. Ihnen ganz persönlich und Ihrem Team wünsche ich auch alles Gute für das Jahr 2013.

    Wie heißt es immer so schön, Prognosen sind schwierig, besonders dann, wenn Sie die Zukunft betreffen :-)

    Mir gefällt besonders gut, dass hier auch mal die Blogger nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg halten, gerade dann wenn ihre oder Meinings Meinung ´nicht immer die meinige ist. Freue mich über jeden Ihrer erfrischend ungekünzelten Einträge, selbst wenn ich – anders als konkret hier – in seltenen Fällen nicht zu 100% zustimmen kann. Aber das wäre ja auch langweilig. Also auf ein spannendes Jahr.

  16. Ein gutes Neues Jahr auch Ihnen und dem Menschen in dem was manche Israel nennen, andere Palästina und wieder andere das heilige Land.

    Das nächste Jahr wird bestimmt genau so schwer wie dieses. Keiner kann und will eine Lösung finden. Die Lösungen die gefunden würden sind nur augenblicklich bzw. für kurze Zeit. Es ist und es bleibt reine Spekulation und Kaffeesatzlesen, was mich an Ihren Kollegen in Istanbul erinnert, was nächstes Jahr passiert. Niemand kann wirklich sagen wa sin Syrien wirklich ab geht und uns erreichen eh nur Gerüchte.

    Wovon sich Europa auf jeden Fall verabschieden muß ist eine Zweistaatlösung mit einer grünen Grenze, dazu ist auf beiden Seiten zu viel passiert. Die Mauer, der Zaun oder wie diese Bauwerk heißt würd uns noch sehr lange begleiten. Ich bin erstmal nur gespannt was die Wahlen im Januar bringen. Bibi wird es wohl nicht mehr schaffen, kommt drauf an ob die Israelis der Meinung sind er hat uns vor dem Einmarsch befreit oder er hat seinen Job nicht ganz erledigt.

    Axel

  17. “warum sie Selbstmordattentate, Gewalt, Raketen auf Tel Aviv etc.. gut finden. Sie argumentierten damit, daß Israel diese Menschen durch seine Politik der Gewalt und Besatzung so sehr in die Ecke gedrängt habe, so verzweifelt habe werden lassen, daß sie keine andere Wahl mehr hatten.”

    Diese Sichtweise wird auch dem GEZ-Zahler in den Nachrichten vermittelt, aber meiner Meinung nach ist das unvollständig.

    Ich will nicht, dass es jetzt herzlos klingt, aber worin genau besteht die Verzweiflung der Palästinenser? Ist es die Verzweiflung über z. B. eine schlechte wirtschafliche Situation? Das wäre eine plausible Erklärung für den deutschen Leser/Zuschauer.

    In diesem Zusammenhang scheint mir der sehr gute Beitrag von Heidelbaer über den Stellenwert der Ehre im Islam die Erklärung zu bringen:

    “Der erste Palästinenserführer, der dieses Recht (auf Rückkehr) öffentlich in Frage stellt, ist so gut wie tot (gleiches gilt für die Aufgabe Ostjerusalems – auch da geht es um die Ehre). Seine Leibwächter würden sich um die Ehre, ihn zu ermorden förmlich schlagen oder totschießen”

    Die Leibwächter sind nicht verzweifelt im “westlichen” Sinne. Sie haben einen angesehenen Job.

    Stammen nicht viele Terroristen aus reichen und priviligierten Familien?
    Worin genau besteht deren Verzweiflung ???

    • Ergänzung:

      “Israel diese Menschen durch seine Politik der Gewalt und Besatzung so sehr in die Ecke gedrängt habe.”

      Liebes Journalistenteam,

      B I T T E vermitteln Sie den deutschen Zuschauern in 2013, dass Israels Politik eine Präventivmaßnahme ist, um das Leben seiner Bürger zu schützen !!!

      Ein frohes Neues Jahr 2013 !!!

      • Lieber PTL, wir in der ARD vermitteln objektive Berichterstattung. Genau das ist die Stärke unseres Korrespondententeams. Gutes Neues Jahr ebenfalls!

        • Naja, wenn ich mir so anhöre, was für ein Zeug, das an Einseitigkeit und Parteinahme zu Lasten Israels oft nicht mehr zu überbieten ist, so eine Bettina Marx, die ja auch irgendwie zur ARD gehört, hin und wieder vom Stapel lässt, sind Zweifel angebracht, ob hier Mindeststandards journalistischer Objektivität noch eingehalten werden, und ob eine solche Journalistin dem Bildungs- und Informationsauftrag des GEZ-finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks noch gerecht wird, oder ob so jemand im Meinungsresort der TAZ oder bei der “Jungen Welt” oder dem “Neuen Deutschland” nicht besser aufgehoben wäre.

          Denjenigen, die hier bloggen, gestehe ich selbstverständlich einen persönlichen Standpunkt zu, und würde Ihnen das Bemühen um objektive, faktenbasierte, dem Auftrag des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks gerecht werdende Berichterstattung niemals absprechen

      • @ Journalistenteam

        Bleiben Sie B I T T E weiterhin dabei, auch die andere Seite der Medaille zu beleuchten! Lassen Sie sich nicht von Kommentaren beirren, die offenbar fast zwangsläufig erscheinen, wenn auch nur der leiseste Eindruck entsteht, daß Sie (das Team) auch zeigen könnten, zu wessen Lasten “Israels Politik … [der] Präventivmaßnahme …, um das Leben seiner Bürger zu schützen” geht!

        Und Danke für die Einrichtung dieses Blogs! Leider findet man hier in der Provinz kaum Leute mit Interesse an diesen Themen (und wenn doch, sind diese kaum von irgendeiner Sachkenntnis getrübt). :-(

        Gutes Neues Jahr auch von mir!

        Hanns

  18. Lieber Herr Schneider,
    ich wünsche Ihnen und dem gesamten Team ebenfalls ein gutes neues Jahr!
    Ihre Gedanken zu lesen ist immer wieder eine Beireicherung, und sie beschreiben es leider völlig richtig: die Situation hier im Forum gleicht in der Tat einem Ping-Pong-Spiel, welches zu keinem Ergebnis führt.. führen kann, weil die beiden Parteien total festgefahren in ihren Denkstrukturen sind…
    Daher habe ich es stets unterlassen, mich mit den Posts der User auseianderzusetzen. Schade..

    Machen Sie bitte weiter so!

  19. Lieber Herr Schneider,

    Als Journalist muss man und will man wahrscheinlich gerne eine gewisse Sachlichkeit und Neutralität an den Tag legen, es sei denn die Realität ist so eindeutig, dass man klare Aussagen riskieren kann. Als Beobachter und in gewissen Fällen Teilnehmer des Zeitgeschehens ist man leichter versucht klare Antworten finden zu wollen. Man muss ja auch irgendwie weiterkommen und Lösungen finden. Deswegen ein paar Kommentare zu den von Ihren angeführten Punkten, für die keine klaren Antworten auf der Hand zu liegen scheinen. Und ich lerne gerne dazu.

    Hamas ist eine Realität. Ja, aber wie die Hizbollah ist die Hamas aus dem Widerstand gegen Israel entstanden, d.h. nach der Invasion Israelis im Libanon, beziehungsweise im Zuge der ersten Intifada Ich habe das schon früher bemerkt. Vor 10-15 Jahren war Hamas noch kein entscheidender politischer Faktor. Ist es aber geworden, was oft mit den ergebnislosen Friedensverhandlungen begründet wird. Das klingt plausibel, ist es doch die Hauptaufgabe der Politik, den Menschen ein Leben in Sicherheit, Gerechtigkeit und Wohlstand zu ermöglichen. Und wenn die einen keine Ergebnisse aufweisen können, dann versucht man es eben mit den anderen. Um es kurz zu machen, mit einer besseren Politik, mit einer Politik die Frieden den Vorrang vor Siedlungsbau gibt, wäre man wahrscheinlich viel besser gefahren. USA, EU und Deutschland haben ziemlich orientierungslos und halbherzig einen wenig effektiven Friedensprozess begleitet. Die typisch deutsche Außenpolitik ist uneinig mit Israels Siedlungspolitik, aber wir warten wohl noch darauf welche Konsequenzen das nach sich zieht. Wahrscheinlich keine. Daher werden Siedlungsbau und infolgedessen die Erstarkung der Hamas und des politischen Islamismus weitergehen. Religion ist Ersatz für Gerechtigkeit und Wohlstand?

    Warum soll man nicht von 1948 träumen dürfen? Warum ist alles was vor 1967 passiert ist, nicht zu betretendes Terrain? So etwas nennt man Vergangenheitsbewältigung und ist Vorraussetzung für ein gemeinsames Vorgehen inwieweit man die Geschichte zurückdrehen kann und will, sich mit ihr aussöhnen kann und will. Dazu gehört auch um Verzeihung zu bitten. Die meisten Palästinenser wollen wahrscheinlich einfach in Frieden und Freiheit leben, nicht Straßensperren passieren müssen, nicht von Mauern umringt sein und die gleichen Rechte haben wollen wie jüdisch-israelische Bürger. Wiederum, ein halbherziger Friedensprozess hat die grundlegende Vorraussetzungen nicht geschaffen und ist immer wieder eingeschlafen, wenn es ruhig war in der Region.

    Aber Ruhe in der Region bedeutete meistens, dass eine pro-aktive Politik ausblieb und Status quo ein permanenter Zustand zu sein scheint. Das geht so lange gut, bis es zur Entladung in irgendeiner Form kommt. Menschen wollen nicht in Knechtschaft leben. Es ist verwunderlich, dass die Palästinensern immer mit Gewalt und Terror in Verbindung gebracht werden, aber Machtanwendung von Seiten Israels, die einen ganz anderen Zugriff zu Waffen haben, trivialisiert wird. Gerade dieser Tage sind israelische Soldaten verkleidet als Gemüsehändler in ein Dorf in der Westbank eingedrungen, um Palästinenser zu verhaften, was zu Schiessereien und Unglück geführt hat. Das passiert laufend und wird kaum noch registriert. Es ist an der Zeit mit mehr Objektivität die Dinge zu benennen und Lösungen zu erzwingen.

  20. Lieber Herr Schneider ,
    vielen Dank für Ihre Kommentare die ich seit langer Zeit lese und über deren Differenziertheit ich mich freue . Nicht dass ich “Differenzen” besonders mag , natürlich ist es einfacher zu sagen: so ist das. Doch wer das macht, blendet die Vielschichtigkeit der Menschen und der Geschichte aus. Einfältigkeit !
    Schon als Privatperson ist es schwierig , die unterschiedlichen Perspektiven in Israel dazustellen,um wieviele mehr ist dies als Journalist.
    Die breite Öffentlichkeit weiß natürlich was richtig ist und hält sich vor allem für so informiert dass sie alles besser einschätzen . Dass sie viele diffamierende Kommentare bekommen, habe ich schon lange vermutet.
    Trotzallem bin ich froh über ihre Berichte, über viele Seiten und viele Aspekte zu erfahren und in ihnen jemanden zu erleben, der sein eigenes Wertekoordinatensystem nicht versteckt und keinem anderen aufzwingt.
    Sozialverteidigungsargumentation gab und gibt es in (und über) Israel auf allen Seiten und für beide Seite gilt die Herausforderung die Realität von Israelis und Palistinensern in diesem Fleckchen Erde zu akzeptieren.

    Ihre Münchner Geschicht kann ich gut nachvollziehen. In Familien, Gesselschaft oder im Beruf wird das Verstehen häufig gleichgesetzt mit “Einverstanden” sein . Ich erlebe Vieles und Viele die ich gut verstehen kann und deren Haltung und Verhalten Anderen und nicht zuletzt ihnen selbst schadet.

    Es macht mich betroffen und häufig auch ratlos.

    Und ich kann es nicht gut heißen wenn jemand seine Wut unkontrolliet auslebt . Auge um Auge war als Ausgleich für den Schaden ( Schadensbegrenzung) und nicht als Aufforderung zur Eskalation gedacht …..
    Das Gewordensein des Menschen ist kein Freibrief für schädigendes Verhalten in der Gegenwart . Es beinhaltet die Aufgabe und Herausforderung für jeden Einzelnen sich weiter zu entwickeln und die Entwicklungsdefizite auszugleichen . Als Entschuldigung und mildernde Umstände missbraucht, ignorieren sie die individuelle Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln . Und daran fehlt es überall. Verantwortungsvolle Menschen die sich nicht herausreden,entschuldigen oder mit dem Verhalten des anderen begründen, sondern ihre eigene Begrenztheit sehen fehlen überall .

    Nochmals vielen Dank für ihre Berichte , für ihre Fragen und Ehrlichkeit , Unklarheit als Unklarheit zu benennen und in der Breite und Vielschichtigkeit zu berichten.

    Barbara

    • @ Barbara

      Zu Ihrem Post kommen mir viele Gedanken…

      “Schon als Privatperson ist es schwierig , die unterschiedlichen Perspektiven in Israel dazustellen,um wieviele mehr ist dies als Journalist.”

      Warum glauben Sie, dass das für einen Journalisten schwieriger sei? Es mag ja eine echte Herausforderung sein, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, um nur das “Wichtigste” zu vermitteln. Andererseits haben die oder erwarten wir aber auch, dass die Journalisten den besseren Durch- und Überblick haben und die vielen Perspektiven daher leichter darstellen und vermitteln können als eine Privatperson.

      Ich kann mir lediglich vorstellen, dass es schwierig ist, sich immer wieder an die jeweiligen Formate des Rundfunks anzupassen (Zeitlimits, inhaltliche Vorgaben etc.). Das ist wirklich ein Hindernis, an dem Privatleute natürlich nicht zu Fall kommen.

      “Die breite Öffentlichkeit weiß natürlich was richtig ist und hält sich vor allem für so informiert dass sie alles besser einschätzen .”

      Die breite Öffentlichkeit weiss, denke ich, dass sie nichts weiss und weitgehend desinteressiert ist. ABER, und das ist die Hauptsache: Sie hat eine Meinung. Sie versteht, wer auf welcher Seite steht, wer die Guten, wer die Bösen sind. Die Mehrheit ist damit zufrieden. Die Mehrheit hat weder Zeit noch Ressourcen frei, um sich mit der Weltpolitik ‘noch’ intensiver auseinanderzusetzen. Eine Meinung zeugt von Wissen und Informiertheit. Das genügt den meisten.

      “wird das Verstehen häufig gleichgesetzt mit “Einverstanden” sein .”

      Dieses Missverständnis ist mir auch schon oft begegnet. Ich verstehe vieles, womit ich nicht einverstanden bin, habe damit jedoch auch schon heftige Reaktionen geerntet. Verstehen bedeutet ja lediglich, dass man eine Entwicklung rückverfolgen/nachvollziehen kann, nicht, dass sie dadurch legitimiert würde.

      “Ich erlebe Vieles und Viele die ich gut verstehen kann und deren Haltung und Verhalten Anderen und nicht zuletzt ihnen selbst schadet.

      Es macht mich betroffen und häufig auch ratlos.”

      Genau.

      “Das Gewordensein des Menschen ist kein Freibrief für schädigendes Verhalten in der Gegenwart . Es beinhaltet die Aufgabe und Herausforderung für jeden Einzelnen sich weiter zu entwickeln und die Entwicklungsdefizite auszugleichen .”

      Genau.

      “Als Entschuldigung und mildernde Umstände missbraucht, ignorieren sie die individuelle Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln . Und daran fehlt es überall. Verantwortungsvolle Menschen die sich nicht herausreden,entschuldigen oder mit dem Verhalten des anderen begründen, sondern ihre eigene Begrenztheit sehen fehlen überall .”

      Genau. Und leider sind die Ursachen dafür in unserer christlich-abendländischen ‘Denke’ zu suchen. Das Sich-Herausreden wird als solches gar nicht mehr wahrgenommen. Verantwortung für eine Tat setzt voraus, dass es eine Wahl gab zwischen richtig und falsch. Da, wo alles relativ ist, gibt es nicht mehr richtig und auch kein falsch. Alles ist relativ, niemand ist verantwortlich. Und wenn es doch ein Problem gibt, ja, dann muss es an den anderen, an den Umständen usw. gelegen haben…

      Sie haben Recht, Herr Schneider ist da unbequem und schwimmt gegen den Strom. Das ist ebenso notwendig wie anstrengend und sicher auch immer wieder sehr frustrierend.

      • Liebe Lily,

        “Warum glauben Sie, dass das für einen Journalisten schwieriger sei?”

        Schauen Sie mal in Wikipedia bei “Unter drei” nach. Da wird deutlich, dass ein Journalist neben seiner “Kernkompetenz”, dem Veröffentlichen von Informationen auch noch andere Rücksichten nehmen muss, um dafür in den erlauchten Kreis von Personen zu kommen (bzw. da zu bleiben), die mehr über einen Sachverhalt erfahren als Otto Normalverbraucher. Diese Stellung gibt einem ein angenehmes Gefühl der Überlegenheit: Ich weiß mehr als ihr. Nach meiner Einschätzung ist diese Verflechtung mit der Macht die größte Korruptionsgefahr in diesem Gewerbe überhaupt. Selbst Journalisten, die für Geld nicht zu kaufen wären, können dieser Versuchung auf den Leim gehen, ohne es selbst zu merken. Wobei das auch nach hinten losgehen kann, wenn die Machtverhältnisse kippen, siehe die Causa Diekmann – Wulff.

        “Eine Meinung zeugt von Wissen und Informiertheit.”

        Wow. Cooler Satz ;)

        “Und leider sind die Ursachen dafür in unserer christlich-abendländischen ‘Denke’ zu suchen. […] Da, wo alles relativ ist, gibt es nicht mehr richtig und auch kein falsch.”

        Das ist aber eher die hinduistische Denkweise, die das Abendland erst in der Postmoderne angefangen hat zu importieren. Sprich mit den 68ern. In der christlichen Kultur des 19. Jahrhunderts, die in ihren Auswirkkungen teilweise bis in die späten 1970er Jahre hinein reichte, war ausführlich festgelegt, was richtig und falsch war. Erst mit dem Aussterben der alten Generation wurde dann der postmoderne Relativismus (“Es gibt keine absolute Wahrheit, das ist die absolute Wahrheit!”) in die christlichen Kirchen importiert.

        • “Nach meiner Einschätzung ist diese Verflechtung mit der Macht die größte Korruptionsgefahr in diesem Gewerbe überhaupt. Selbst Journalisten, die für Geld nicht zu kaufen wären, können dieser Versuchung auf den Leim gehen.”

          Nach meiner Einschätzung geht es dabei nicht nur um Geld, sondern hin und wieder auch um Menschenleben.

          Journalisten können durch ihr Wissen und ihre Verbreitungsmöglichkeiten ja selbst über sehr viel Einfluss und damit Macht verfügen. Egal wie sie die Dinge darstellen, keine der beiden Seiten eines Konflikts interessiert sich für das Verständnis beider Seiten. Jede Sympathie für die Gegenseite wird immer dem eigenen Lager angelastet. Und je nachdem, mit welchen Spielern und Gegenspielern Journalisten/die Medien zu tun haben, steht für den ‘unabhängigen’ Berichterstatter dabei mehr auf dem Spiel als Neutralität und der Erhalt der eigenen Unbestechlichkeit.

          PS: Der Antispam-Test fordert mich nun auf, ein welliges Wort in die Box einzutippen, das nach irgendeiner Medizin klingt und “LIVING”. In diesem Sinne – “submit comment”:)

  21. Schalom Herr Schneider,
    ich freue mich, daß Sie mehr in die Vergangenheit schauen, als viele andere Journalisten dies tun. Das Rad der Zeit um 1948 sowohl in Deutschland als auch im Nahen Osten zurückdrehen, Gott sei Dank, ich will es nie. Damals war ich 2 Jahre alt, Deutschland hat gehungert……. und im Nahen Osten: Nach langer, langer Zeit (wieder) ein Staat Israel geboren……bei welchem Datum will Palästina den Traum weiter träumen? oder welches Handeln wäre damals die Alternative oder besser: die Folge der politischen Welt gewesen? Das Handeln der Palästinenser, der Ägypter, Jaordaniens, Syrer, des Libanons, der anderen Anrainer der arabischen und muslimischen Staaten?
    Kurz um, jeder weiß, wie schwer schon ein “gerechter” Friede mit dem Partner, in der Familie, am Arbeitsplatz, mit dem Vermieter oder dem Mieter, dem Nachbarn, im Dorf, im Städtle, im Ländle zu handhaben ist. Es braucht schon eine Menge Mut, Erfahrung, Respekt,Zeit, LIebe, Vorausschauen, Einfühlen in den Anderen und Anerkennung, Großmut, Vertrauen, Hoffnung und last not least Vergebung……..
    Wie schwer erst dort, wo so verschiedene Kulturen samt ihren Glaubensätzen aufeinandertreffen.
    Herr Schneider, liefern Sie uns weiter ehrliche, freie, unabhängige Berichte!
    Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen. Nachträglich noch Schana tov!
    Die Szenarien 1-6, ernstzunehmende, beängstigende Zukunft, mein Gott, ich werde wirklich mehr um Frieden bitten. Mögen auch Sie bewahrt werden. Ihre Carolynn

  22. Kleiner Hinweis am Rande des Themas:
    auf Tagesschau.de findet man einen sehr guten Beitrag zur Definition von Antisemitismus.

    • Sorry, keine externen links erlaubt (auch wenn es Tagesschau ist)

      • Noch nicht mal als Bausatz?

        Dann vielleicht als Titel?
        “Antisemitismus: Die Geschichte eines Vorurteils” und
        “Der neue Antisemitismus: Eine globale Gefahr?”

  23. Hallo Herr Schneider,

    danke für Ihre Beiträge.Ich glaube, man kann es nie allen recht machen. Es ist auch nicht einfach in einem Bericht alle Seiten immer (!) gleichermassen zu behandeln und alle Positionen zu beleuchten. Man muss schon einige Beiträge sehen und dann (!) ergibt sich ein Gesamtbild. Danke für Ihre Mühen.

    Btw…Ihr damaliger Beitrag vom 24.12. zum nahen Osten / Ungarn:

    In der Tat ist das unglaublich, was in UNGARN abgeht. Aber: LIEBE ARD…ihr berichtet darüber FAST NICHTS…habe das mal der tageschau Redaktion gemailt, weil es mich so geärgert hat. Natürlich ändert das nix, aber trotzdem. Und in der Tat besteht hier ein krasses Missverhältnis zur Berichterstattung über Israel. Das Problem liegt hier wohl in den ZENTRALREDAKTIONEN in Deutschland.

    Vielleicht sollten die in der Zentrale sich mal genauso eine Mühe machen wie Sie in Tel-Aviv…. !!

  24. “2.) Jordanien fällt, die arabische Revolution kommt auch dort an, die längste Grenze Israels wird instabil”

    Lieber Herr Schneider,

    das interessiert mich wirklich sehr. Vielleicht können Sie demnächst mal einen Blog schreiben, in dem Sie uns die politische Gemengelage in Jordanien und die aktuelle Situation dort näher bringen. Ich habe dazu noch keine qualifizierte Einschätzung gelesen, die mich weiter gebracht hätte, und ich möchte ja immer dazulernen, und Sie sind mit ihren Blogs, in denen Sie Grundsätzliches erklären ein großer Lehrmeister.

    Mich interessieren v. a. Einschätzungen zu folgenden Fragen:

    1.) Wie fest sitzt der hashemitische König noch im Sattel?
    2.) Ist es richtig, dass Palästinenser in Jordanien die Mehrheit stellen?
    Trügt der Eindruck oder will der Hashemitische König sowohl mit den Palästinensern im eigenen Land als auch mit denjenigen in der Westbank nichts zu tun haben?
    3.) Wie ist das palästinensisch-jordanische Verhältnis historisch gesehen und derzeit?
    4.) Wie würde es sich verändern müsste der Hashemitische König eines Tages abtreten?
    5.) Ist es realistisch, dass, wenn dort Palästinenser die Macht übernehmen, anstelle eines Palästinenserstaates in der Westbank eine jordanisch-palästinensische Föderation entsteht? Zuletzt hat der frühere dt. Außenminister Joschka Fischer in einem Gastbeitrag in der SZ – ausgehend von der Annahme, dass die klassische 2-Staaten-Lösung “tot” ist –
    darüber geschrieben. So etwas wird ja immer wieder ins Gespräch gebracht ist aber natürlich nur dann eine Option, wenn sich dort demokratische Kräfte durchsetzten, die Frieden mit Israel halten wollen.
    6.) Vor wenigen Tagen gab es einen langen interessanten Artikel die politischen Ansichten und Einschätzungen des demokratisch-säkularen jordanischen Palästinenserführers Mudar Zahran in der Online-Zeitung “Times of Israel” Wie stark sind die Säkularen in Jordanien, sind sie stärker als in Ägypten? Oder wird es Ihrer Einschätzung nach so sein, dass wie in Ägypten auch in Jordanien Islamisten die Revolution “kapern”, was dann tatsächlich ein großes Problem für Israel wäre

    Vielleicht können Sie ja, wenn es Ihre Zeit erlaubt,demnächst mal etwas zu Jordanien machen, mich würde es freuen. Beste Grüße

    • Dem kann ich mich nur anschließen!

      Liebe Grüße und alles Gute für 2013 an das ganze Team!

      Julia

    • Ergänzende Fragen:

      Welche Rolle spielen die Beduinen in Jordanien?
      Welche ausländischen Kräfte üben welchen Einfluss mit welchem Interesse aus?

    • Jordanien?
      Wahrscheinlich senke ich für einige User jetzt das Niveau, aber ich hätte von Herrn Schneider wahnsinnig gerne ein Videoblog zum Thema „Wirtschaftsfaktor Totes Meer“, in dem er mir erklärt, warum ich meine AHAVA-Produkte problemlos in Deutschland und der Welt erwerben kann, mir aber keine jordanischen Konkurrenzprodukte bekannt sind. Obwohl denen doch der halbe See gehört. Und obwohl es ein EU-Strategiepapier gibt, in dem „weiterer Ausbau der Handels- und Investitionsbeziehungen: vollständige Nutzung der Möglichkeiten des freien Güter- und Dienstleistungsverkehrs; Vorbereitung der Teilhabe Jordaniens am Binnenmarkt“ genannt werden. Daran kann es also nicht liegen.
      Was machen die Jordanier mit dem ganzen gesunden Salz und Schlamm? Wird die Ressource „Totes Meer“ also unterschiedlich genutzt? Das würde mich, so ganz persönlich, wenn es um Jordanien geht, mal interessieren.

      Gabriele

  25. Ja, eine “Jordanien-Schiene” würde mich auch interessieren! Bisher erschien mir Jordanien seit 1967(!) recht wenig interessiert an seinen palästinensichen “Brüdern und Schwestern” und jetzt schreibt Ihr als 2. Option für 2013 was davon, daß “Jordanien fällt”!?! Nein, ich will Nichts herbeischreiben!

    Schönen Tag noch!

    Hanns

  26. Es stecken so wahnsinnig viele Informationen und tiefe Reflexionen in diesem Blog!

    Mir fällt dazu ein:
    “Der Kluge sammelt; der Weise ordnet.”

    Es ist schade, wie diese Informationsfülle vorbeirauscht. Am Ende des Tages (Jahres, Lebens:-)) sehnt sich der Mensch einfach noch Klarheit, Struktur, Ordnung, einem System, um logische Zusammenhänge zwischen den einzelnen Vorgängen herstellen zu können, Fakten gebündelt wiederzufinden.

    Gerade wenn es um Nahost geht, sollte es ein Anliegen sein, die Komplexität von Politik und Hintergründen so zugänglich zu machen wie irgend möglich.

    Ich spreche mich hiermit nicht gegen diesen Blog aus. Hier sind wir ein stückweit mit im auch emotionalen Fluss des Geschehens. Man empfindet mal für die einen, mal für die anderen mit, und immer wieder gibt es auch diese “verwirrten” Momente, von denen auch Herr Roschs Interviewpartner in Bethlehem (heutiger Blogeintrag?) spricht.

    Menschen, die nicht im Land leben und dennoch verstehen wollen, was da vor sich geht, helfen Schubladen, Sortierung. Oder nur ich bin der Mensch, der immer wieder denkt: Schade, dass ich das nun nicht im Tel-Aviv-Blog-Buch nachschlagen kann! Vielleicht empfinden ja noch andere ähnlich rückwärtsgewandt, und es könnte ein Projekt für 2013 werden – Frieden vorausgesetzt!;-)

    • “Der Kluge sammelt; der Weise ordnet.” (von mir zitiert)

      Welch Zufall!

      Nun lese ich gerade in einem Vorwort zu Maimonides’ “Guide of the Perplexed”, dass der Weisheit letzter Grund in der Verwirrung liege, die nicht als Ordnungsmangel misszuverstehen sei! Wir durchschreiten einen Zauberwald und im Gehen verstehen wir – und werden entzückt. ;-)

      Schön.

  27. Lieber Herr Schneider und liebe Blog-Leser.

    Ich beschäftige mich noch nicht so unheimlich lange mit den Problemen im Nahen Osten, aber ich habe doch im letzten Jahr, denke ich, halbwegs einen Überblick bekommen.

    Ich habe das Gefühl, dass sich hier im Forum viel darum gestritten wird, wer Recht hat. Was man verstehen kann und was zu verurteilen ist – dazu habe ich inzwischen auch Meinungen. Aber anders als bei einem Strafgerichtsverfahren zwischen zwei Privatpersonen stellt sich die Situation in Israel und um Israel herum ja ungleich komplexer dar. Es gibt zwar theoretisch Organe, die sich um den Schutz von Menschen- und Völkerrechten kümmern sollen, aber faktisch scheint mir, dass das nicht so ganz klappt.

    Was ich mich frage ist, warum wird denn dieser Konflikt nicht gelöst?
    Oder vielleicht kommt es mir, die ich zu jung bin um beispielsweise den Jom-Kippur-Krieg miterlebt zu haben, nur so vor, als ob sich die Situation, anstatt sich zu verbessern, zuspitzt. Ich nehme das aus den Blog-Einträgen hier allerdings auch so wahr.

    Ehrlich gesagt, hätte ich statt neuen Ideen, wer schuld ist, lieber neue Ideen, was wir tun könnten um zu helfen, dass es doch noch zu einer friedlichen Lösung kommt. Oder ist die aufgegeben?

    • Hallo Lene,

      auch ich bin vergleichweise jung, jedenfalls deutlich zu jung als, dass ich den Yom-Kippour-Krieg hätte miterleben können. Aber ich hatte einmal die Gelegenheit mit jemanden, der als israelischer Soldat daran teilgenommen hat zu sprechen und mir unter seiner Führung auf dem Golan den Kriegsschauplatz anzusehen.
      Den Anspruch, den Konflikt lösen zu wollen, sollten wir uns nicht stellen. Es ist schon viel gewonnen, wenn man sich darum bemüht ihn zu verstehen. Qualifiterte Führungen vor Ort können dabei helfen. Andererseits führen Israelaufenthalte – wie der Herr in dem Betlehem-Weihnachtsvideo richtig bemerkt – immer wieder zu Verwirrung. Aber wenn die Erkenntnis eines Israel-PA-Gebiete-Aufenthalts ist, das fast nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, dann ist das ja auch schon mal etwas wert. Die Lösung des Konflikts obliegt den Parteien vor Ort und den Diplomaten, und die beißen sich seit weit mehr als 60 Jahren die Zähne daran aus.

      Gedankenspiele, poltische Planspiele wie etwa die von mir oben erwähnte jordanisch-palästinensische Föderation, wie sie etwa auch dem israelischen Ex-General Giora Eiland vorschwebt ist ein solches Planspiel. Ob das alles realistisch ist, sei mal dahingestellt. Es ist ja auch nicht so, dass es an konkreten Plänen und Initiativen zur Lösung des Konflikts im Wege einer klassischen 2-Staaten Lösung mangelt; aber der Teufel steckt halt eben im Detail und die beiden Parteien konnten sich eben bisher nicht einigen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Hamas, als ein wichtiger “Spieler” in diesem Konflikt nicht nur Israel nicht anerkannt, sondern auch alle Abkommen, die bisher zum Konfliktmanagement zwischen der PLO und Israel geschlossen wurden, als gegenstandslos erachtet und auch einen zwischen der israelischen Regierung und der PLO ausgehandelten Frieden, wohl nicht anerkennen würde.

      Also, es ist alles ein wenig kompliziert. Israel und auch die Palästinensergebiete sind weit mehr als “umstrittene Konfliktgebiete”. Beide bieten Vieles, an dem man sich erfreuen kann. Die Stärke dieses Blogs ist ja gerade, das er mehr über Israel und PA-Gebiete bietet, als das was die Tagesschau bringen muss.

    • Hallo Lene,

      “Was ich mich frage ist, warum wird denn dieser Konflikt nicht gelöst?”

      vermutlich weil es auf beiden Seiten am Willen zur Lösung fehlt. Auffallend ist, dass beide Seiten mit Schuldzuweisungen arbeiten. Das ist immer – d. h. auch z. B. in Konflikten am Arbeitsplatz – ein untrügliches Zeichen dafür, dass niemand mehr an eine Lösung glaubt.
      Und ohne den Glauben an eine Lösung unternimmt auch niemand mehr Schritte in diese Richtung.

      Die einzige Chance, die ich sehe, ist Einzelpersonen dazu zu bringen, ihre Position zu überdenken. Das kann aber nur funktionieren, wenn man sie aus dem jeweiligen sozialen Umfeld lösen kann. Das geschieht z. B. durch israelische Unternehmer, die arabischen Jugendlichen Perspektiven geben.

  28. Vielleicht reicht um Terror zu erfassen nicht nur eine Sicht auf die emotionale Seite sondern gerade im Nahostkonflikt muss Augenmerk auf die rationalen Aspekte gelegt werden. Wer nutzt den Terror (Stichwort Stellvertreterkrieg Iran), warum, wofür und wie. Wie ist die Infrastruktur und die strategische Bedeutung, wer stellt finanzielle Anreize usw.

    Und dann kann man auch die subjektiv empfundene Deprivation erfassen und wird erstaunt sein, dass unmittelbare Armut wenig Bezug zu Terrorismus aufweist. Soll heißen, die Gründe für Frauen liegen bspw. eher im Sozialgefüge. Ansonsten existieren genug Studien (bspw. über Selbstmordattentäter), wobei laut diesen gerade eher Gebildete und Angehörige der mittleren Schichten Terror ausüben. Also packen Sie doch diese “Sozialerklärung” erstmal weit hinter. Diese verschleiert doch die unmittelbaren Bezüge und die Ursachen.

  29. Lieber Herr schneider,
    gerade bin ich aus Israel zurück gekehrt, bestätigt darin, dass es richtig war, gut gemeinten Ratschlägen, die Region aufgrund der unsicheren Lage lieber zu meiden, nicht zu folgen, glücklich darüber, wieder dort gewesen zu sein, berührt von der Gastfreundschaft meiner Freunde und Bekannten, fasziniert von den Naturschönheiten der Negev-Wüste, bestätigt in meinem Gefühl für dieses Land, dass ich liebe trotz aller Widrigkeiten, aller Gegensätze und Probleme. Leider bleibt nach vielen Gesprächen auch bei mir Ratlosigkeit und im Gedächtnis die Aussage eines Freundes aus Tel Aviv: Nur aus dem Fernseher kannst Du nichts vom Leben (in Israel) erfahren. Nein, außer dem Versuch, sich anzunähern, das Gespräch zu suchen, in Kontakt zu bleiben, fragen, wie geht es Euch und wie lebt Ihr, wie denkt Ihr, hinterfragen und durchaus zweifeln an der eigenen vorgefassten Meinung, hinschauen und hinhören….und die Erfahrung, dass die in Deutschland weit verbreitete Ansicht, man dürfe Israel nicht kritisieren, nicht stimmt.
    Danke nochmal für Ihre differenzierten, ehrlichen Beiträge des letzten Jahres,
    Ihnen und Ihrem Team ein gutes, erfolgreiches und friedvolles Jahr 2013,
    Shanah tova nach Tel Aviv!
    Renate Stöhr-Ackermann