Zehn Jahre Mauer

Puh….. Urlaub kann sowas von anstrengend sein! Haben Sie das gewußt? Kaum habe ich den Nahen Osten verlassen, schon bricht in Kairo der Wahnsinn aus. Und sowie dort scheinbar die Lage “stabiler” wird, kommen aus Syrien noch entsetzlichere Nachrichten als sowieso schon seit zwei Jahren. Und dann droht Obama und es schaut zunächst so aus, als ob jeden Moment der US-Angriff kommt und ich stehe mit dem Sender in Verbindung, “stand-by”, um jederzeit sofort nach Tel Aviv zurückzufliegen, falls der Krieg kommt und Israel hineingezogen wird. Und erst dank Obamas Zögerlichkeit und seinem Wunsch den Kongress hinter sich zu bekommen, wußte ich dann zumindest in der letzten Urlaubswoche, daß ich mich endlich ein wenig entspannen kann. Nun – da bin ich also wieder, zurück in Tel Aviv, und erhole mich hier bei der Arbeit von dem anstrengenden Urlaub. Und bin schon mittendrin in einer Zeit der “Jubiläen”. 40 Jahre Yom Kippur Krieg, 20 Jahre Frieden von Oslo und 10 Jahre israelische Mauer oder Sperrzaun im Westjordanland. Und zu diesem Sperrzaun möchte ich Ihnen heute hier nochmal einen Film zeigen, den ich vor einigen Jahren zu  dem Thema gemacht habe: Wir sind den Sperrzaun entlang gefahren, auf der israelischen und der palästinensischen Seite, um zu zeigen, wie das Leben mit diesem Zaun ist. Der Film dauert 45 Minuten und ich hoffe, er interessiert sie:

 

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  1. Warum wird immer wieder die Waffenstillstandslinie “Grüne Linie” als “Grenze” 1967 bezeichnet. Das ist verwirrend und historisch falsch! Es gab noch niemals eine anerkannte Grenze zwischen Israel und Palestina in diesem Region..

  2. Gut, dass wenigstens Arbeit erholsam sein kann…
    Wegen des “Krieges” der bevorstehen soll, bin ich skeptisch ob dieser überhaupt beendbar sein könnte wenn er denn jemals in einem solchen Ausmaß angefangen werden sollte, dass es ein “nahöstlicher Weltkrieg” werden sollte.

  3. 1. KEINER der im Film gezeigten arabischen Bauern VERURTEILT die Anschläge, die zum Bau von Zaun/Mauer geführt haben.

    2. 45 min sind einfach besser geeignet, um einer objektiven (vielseitigen) Darstellung einer komplexen Situation bestmöglich gerecht zu werden. Ein sehr guter Film. – Inwiefern hat sich die Situation der Betroffenen seitdem verändert? Es wäre spannend, dieselben Leute heute erneut zu befragen.

  4. Bis auf die Einpeitscher in Dschenin (dort war ich nicht und kenne da keinen), die “Steine-über-Mauer-werfer” und die quasiseßhaften Beduinen im Süden habe ich so oder ähnlich die Situation von beiden Seiten erlebt bzw. kann sie so nachvollziehen.

    @ RCS & Team: Hervorragender Beitrag, wie ich meine, Danke! Das Video kommt zu meiner Sammlung über meine Eindrücke “vor Ort”! 😀

    Schönen Tag noch!

    Hanns

  5. Ich kann Israels Bedürfnis nach Sicherheit verstehen. Fakt ist eins, ob die Palästinenser wirklich keine Selbstmordattentäter mehr wollen, sie können es auch nicht, durch diesen Zaun. Für Israel ist die Rechnung aufgegangen. Das einzige was Hamas und andere noch machen können, ist mit Mörsern und Raketen auf Israel zu schießen. Militärisch gesehen, ist werden der Selbstmordanschlag noch der Beschuß mit Kassam eine Strategie die einen miltärischen Erfolg verspricht. So sind die Sanktionen gegen die Palästinenser seit dem Sechstagekrieg stetig gestiegen. Die Situation erinnert mich an die Situation Großbritaniens zu Beginn des zweiten Weltkrieg. Die einzige Waffe mit der man Deutschland bekämpfen konnte waren die Bomber der RAF. Also fing man an deutsche Städte zu bombadieren. Man konnte erst aufhören als Deutschland vollkommen am Boden zerstört war. Ich denke manchmal dort könnte es genauso sein. Ich weiß wohin Israel gehen wird. Es wird weiterhin die Gefahren für die Einwohner minimieren. Wohin die Palästinenser gehen, weiß niemand noch nicht einmal die Palästinensische Regierung selbst.

  6. Sehr guter Film! Mir bleibt aber der Atem an manchen Stellen weg, wie Menschen (Politiker?) wegen sog. Sicherheit so “einfach” denken können und wie der Architekt im Film sagte: wie man so etwas Unästetisches errichten kann! Das ist doch kein Leben! Unglaublich, doch wahr! Wunderschöne Landschaften und Lebenswege werden zerstört. Das schlimmste finde ich in Bethlehem, einfach furchtbar!!! Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass a l l e Menschen irgendwann umdenken und merken, dass solche Grenzen einem selbst irgendwann Schaden bedeuten.
    Nochmals herzlichen Dank für den Beitrag.

    • @ Monalisa

      “wie der Architekt im Film sagte: wie man so etwas Unästetisches errichten kann! Das ist doch kein Leben! Unglaublich, doch wahr!”

      Die Trennwand MUSS hässlich sein.
      Sie stellt keine ‘natürliche’ oder eine ästhetisch ansprechende Grenze zwischen zwei Staaten dar. Es ist keine ‘Chinesische Mauer’, die eines Tages zu Besichtigungen einladen wird.
      Sie soll nicht schöner werden, sondern wieder verschwinden.
      Sie ist eine Absage an den Terror und trägt nur diese eine Botschaft.
      Ohne Terror – keine Wand.
      Das darf nie vergessen werden!

      Die Palästinenser interpretieren den Schutzzaun als de facto Grenze “jenseits der Grünen Linie”. Die Vision von einem künftigen Israel endet weder an einer gedachten Linie noch an einer Wand, sondern sie ist frei von Grenzen in ihrem Inneren – und frei von Gewalt und Terror.

  7. “sie ist frei von Grenzen in ihrem Inneren”

    … das “Innere” schliesst die West Bank vollständig mit ein. Und natürlich wird auch ein visionäres Israel durch Grenzen nach aussen definiert…

  8. Ein sehr interessanter Film.

    Ohne ‘Die Mauer’ geht es offensichtlich nicht, wenn die Israelis einigermassen in Sicherheit leben und sich nicht von Sprengglaeubigen terrorisieren lassen wollen. Dass deswegen ein paar Araber Umstaende haben auf ihren kargen Acker zu kommen, ist zwar bedauerlich, laesst sich aber nicht vermeiden.

    Wer zudem seine Kinder schon in der Schule dazu erzieht, Juden zu hassen und Moerder und Selbstmordattentaeter als Helden zu verehren und zum Vorbild zu nehmen, hat keine Sympathien verdient.

  9. Der Film ist gut gemacht und beleuchtet, ja hinterleuchtet, beide Seiten. Interessant und informativ, jedoch weder dabei belehrend noch moralisierend, denn beide Seiten – Terroristen und illegales Besiedeln – , tragen zu bei und sind schließlich dafür verantwortlich, dass es noch kein friedliches Miteinander gibt. Terror kann doch nicht die Antwort auf Zukunft sein. Und was das Siedeln auf palästinensischem Gebiet betrifft, vermehrt es doch wieder die Spannung, die Konflikte, Gewalt und Feindschaft der Menschen. Freundschaft tut gut, Feindschaft entmenschlicht. Geht es nicht anders besser? Mögen die Friedensverhandlungen beiden Seiten Zukunft, Glück und Zuversicht schenken.

    Den Film empfehle ich weiter. Danke.

    Thea

  10. Lieber Richard Schneider,

    eine indiskrete Frage: Haben Sie eigentlich Familie? Denn bei Ihrem Post kann ich mir ungefähr vorstellen, wie es der Schneiderin und dem Schneiderlein ergeht (rein fiktiv!):

    Ein Ferienhaus am Starnberger See. Wolkenloser Himmel, Spätsommer. Alle Beteiligten sitzen auf der Veranda, ein phantastischer Ausblick. Eine herrliche Brotzeit breitet sich über den rustikalen Holztisch, ein Transistorradio dudelt harmlose Mainstreammusik. Alles sieht enspannt aus, aber das ändert sich als der Schneider, nach einem routinierten Blick auf die Armbanduhr zum Radio herübergreift um die Nachrichten einzustellen.

    Schneiderin: Musst du die Nachrichten einstellen? Du hast doch Urlaub!
    Schneiderlein: Außerdem war das der neue Hit von Rihanna, den dreht man nicht einfach weg.
    Schneider: Aber die Situation in Ägypten, und in Syrien…
    Schneiderin: Ist im Moment nicht dein Problem! Du bist hier. Und hast URLAUB.
    Schneiderlein: Ich will wieder auf Antenne drehen. Oder wenigsten Puls, wenn es schon BR sein muss…
    Schneider: Seid doch mal still, jetzt kommen die Auslandsmeldungen… Was? Giftgas? Militärschlag? In Israel werden Gasmasken ausgegeben?
    *kramt sein Handy aus der Hosentasche*
    Schneiderin: Schatz, wen willst du denn anrufen?
    Schneider: Na, Hamburg natürlich, die Situation eskaliert…
    Schneiderin: Das finde ich vernünftig. Die sollten deinen Urlaub verlängern, bis es wieder ruhiger ist!
    Schneiderlein: Woa cool Papa, dann schaffen wir es ja doch noch ins Playmobil Land!
    Schneider: Äh, nein, ich wollte eigentlich fragen, ob ich nicht gebraucht werde, gerade jetzt, wo…
    Schneiderin: Gerade jetzt wo jederzeit dort Feuer vom Himmel regnen kann, wo die Städte dort, zuallererst Tel Aviv in Wolken von tödlichem Nervengas ersticken könnten, gerade jetzt willst du dahin???
    Schneider: Es ist mein Beruf. Ich bin Auslandskorrespondent. Es ist meine Aufgabe dort zu sein, wo es brennt.
    Schneiderin: Aber du hast doch einen Vertreter dort.
    Schneiderlein: Genau, den Korbinian. Den kenn ich, das ist doch der mit der Glatze
    Schneider: Das sagt man aber nicht so.
    Schneiderin: Trotzdem sitzt bei dem Korbinian seiner… Frisur… die Gasmaske viel besser als bei dir mit deiner Wolle und Dreitagebart.
    *Handy klingelt*
    *Schneider nimmt ab*
    Schneider: Ja, Sie sind’s Herr Gniffke, das ist ja was, ich wollte Sie auch gerade anrufen… ja… ja…
    Schneiderin (flüstert): Nein, du sollst NEIN sagen Richard!
    Schneider (unbeirrt): ja, ich habe die Nachrichten gehört… hm… wirklich dramatisch…
    Schneiderin: Und vor allem lebensgefährlich, Gniffke, holen Sie Ihre Leute da raus, am besten alle”
    Schneider(wendet das Handy ab): Ja selbstverständlich bin ich stand-by. Sollte sich die Situation noch weiter verschärfen und die Amis greifen an, buchen Sie einen Flieger von München, und ich bin unterwegs… ja, aber natürlich… ist doch selbstvertändlich… das ist Ehrensache… kein Problem… Doch, meine Familie kommt damit klar… ja, gerne, grüßen Sie das Team… Danke für den Anruf!”
    Schneiderin: Saupreiß’n alle miteindand da in Hamburg!

    Heidelbaer

    • Schön geschrieben, aber wie traurig ist das denn! Bei diesen Schneiders versteht ja keiner den anderen; klingt ein bisschen wie ein Priestersemi… ehm, Journalistenschulen-Familienhorrorszenario zur Vorbereitung auf (oder Abschreckung vor) Auslandseinsätze(n). 😉

    • RCS so richtig im Urlaub, mal zwei, drei Wochen abschalten, kann ich mir auch nicht vorstellen.

      Der Mann ist doch voll abgefressen von seinem Beruf und mit Leidenschaft Israel-Korrespondent.

      Ich kann mir gut vorstellen, dass er fast gestorben ist, weil er ausgerechnet in dieser heissen Phase nicht vor Ort sein konnte und zu Urlaub verdammt war.

      Aber jetzt haben wir ihn ja wieder…….. 🙂

      • Hi Veritas,

        “im Urlaub abschalten” – Was ist das?

        Ich glaube, das ist so sein geflügeltes Wort von Leuten, die die meiste Zeit Dinge tun (müssen), die sie nicht mögen und die so ihr Geld verdienen. Wenn einer immer tun darf, was er zu tun liebt, warum sollte er dann ausgerechnet in den Ferien damit aufhören, genau das zu tun?

        “in dieser heissen Phase nicht vor Ort sein konnte”

        Erstens, meinen Sie rcs ist vertraglich verpflichtet, seine Ferien ausserhalb von Israel zu verbringen? Damit auch das Team einmal zur Ruhe kommen kann? Zweitens, nüchtern betrachtet, ist “in dieser heissen Phase” nix passiert! 😉

        • Nix passiert???

          “Das ist die Höhe!” (zit. Asterix bei den Briten, nach Befreiung von Obelix aus dem düsteren Turm von Londinum)

          Heidelbaer 😉

          • 😀

            Aber lieber Heidelbaer, Sie werden doch nicht die Verteilung von Gasmasken mit einem Giftgasangriff auf die Metropole Tel Aviv verwechseln?!

        • Ich gebe Ihnen in der Sache recht, liebe Lily, es gab erst neulich einen interessanten Artikel zum Thema, wie bekloppt eigentlich dieses neue Mantra von Work-Life-Balance ist. Work is part of our life, stupid!

          Arbeit ist ein Teil des Lebens, und wenn dieser Teil nicht auch ein Teil meiner Lebens-Freude wird, dann sind auch exakte tarifliche 7,53 Stunden pro Tag definitiv zu viel. Wenn Arbeit einen aber erfüllt, wenn sie einen Sinn hat, wenn sie unseren Gaben und Neigungen entspricht, warum soll ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich auch mal 10 Stunden “arbeite”?

          Allein die Vereinbarkeit mit Familie und den für uns elementaren Beziehungen muss so justiert sein, dass wir in unserer Arbeit nicht verloren gehen, und innerlich vereinsamen. Aber dazu gehört eben auch, dass die Familie die Arbeit nicht prinzipiell als “Feind” einstuft, sondern eben auch als Teil unseres Lebens akzeptiert, und somit auch unsere Arbeit irgendwie “Teil” des gemeinsamen Lebens ist.

          Klingt vielleicht etwas theoretisch, aber diese klinische Trennung zwischen Arbeit und “eigentlichem” Leben ist auch sehr künstlich und im Grunde lebensfern. Mein Beitrag war in dem Sinne auch eine reine Karikatur, kein Mitschnitt aus NSA-Protokollen.

          Heidelbaer

        • “Wenn einer immer tun darf, was er zu tun liebt, warum sollte er dann ausgerechnet in den Ferien damit aufhören, genau das zu tun?”

          Genau – hat nicht Karl Lagerfeld gesagt, er mache keine Ferien, weil sie ihn langweilen?

          Es ist wirklich ein Privileg, wenn der Job auch das Hobby ist. Auf der anderen Seite ist die Familie ein noch viel größeres Privileg. Wenn jemand beide Privilegien in seinem Leben hat, dann muss er echt aufpassen, dass er sich das eine mit dem anderen nicht kaputt macht. Komischerweise tendieren viele (die meisten?) dieser Privilegierten dazu, das geringere Privileg viel ernster zu nehmen und gleichzeitig das größere Privileg for granted zu nehmen. Wahrscheinlich weil man mit dem einen sein Ego ausleben kann und bei dem anderen sein Ego zurückstellen muss…

          Wenn aber jemand eine lange Zeit “in der Wüste” verbracht hat, dann wird er die Prioritäten richtig setzen.

          • @ Mariana

            “Wahrscheinlich weil man mit dem einen sein Ego ausleben kann und bei dem anderen sein Ego zurückstellen muss…”

            WO kann man sein Ego ausleben, und WO muss man es zurückstellen? 😉

            Ich glaube, es ist möglich, dass Leute ihr Ego nur im Beruf ausleben und andere nur privat, wieder andere immer und überall und wieder andere nirgends.

            Bei “Ego ausleben” schwingt Rücksichtslosigkeit mit, die im Berufsleben eher akzeptiert wird (und manchmal auch erforderlich ist) als im Privatleben. Dennoch sollte sich ein “Ego”, das Selbst, besonders in der Familie voll entfalten können – auch ohne aggressives “Ausleben”.

            Übrigens gibt es im Judentum doch eine prima Lösung für das Problem der Prioritäten und auch des von Heidelbaer angesprochenen Urlaubs – den Siebten Tag! Der ist ja kein Ruhetag wie der christliche Sonntag, an dem man “nicht DARF”, sondern ein Tag, an dem die Prioritäten bewusst anders gesetzt werden, wodurch u.a. Dinge, die während der Woche aus dem Blick geraten sind, wieder ins Lot kommen können.

          • @ Lily

            Auch wenn jedes Leben natürlich eine individuelle Geschichte darstellt, so kann man gerade bei Männern (zumindest mehr als bei Frauen) eine Tendenz zur Ehelichung des eigenen Jobs feststellen.

            Es wäre schön, wenn die volle Entfaltung des Egos generell in der Familie erfolgen würde (und die Ehefrau nicht zur Nebenfrau degradiert wäre). Aber dazu müsste in der Gesellschaft (in diesem Fall der westlichen) der Erfolg eines Mannes nicht primär über den Beruf definiert werden. Gibt es bei Männern nicht dieses Grundbedürfnis, sich als ein toller Kerl zu fühlen? Das sehe ich nicht grundsätzlich als etwas Negatives, die Frage stellt sich nur, woraus ein Mann dieses Gefühl schöpft. Wenn in der Gesellschaft „ein-guter-Ehemann-und-Vater-sein“ als das wichtigste Erfolgskriterium anerkannt wäre, würden nicht so viele Männer mit ihrem Job verheiratet sein, sondern sich mehr darum kümmern, was ihre Frau und Kinder wirklich brauchen und das ist vor allem ihre Zeit und wirkliche Aufmerksamkeit/ Interesse.

            Ich weiß nicht, ob der Ruhetag eine prima Lösung des Prioritätenproblems ist. Es ist auf jeden Fall besser als nichts. Aber ist es wirklich so toll, wenn jemand in der Woche seine Familie vernachlässigt und am Ruhetag die Scherben zusammenklebt? Oder ist es nicht ein bisschen wie in der Realität des praktizierten Katholizismus? Ich beschreibe jetzt nur meine Beobachtungen: Die Hemmschwelle, eine Sünde zu begehen, ist nicht so groß, weil man ja weiß, dass man jederzeit zur Beichte gehen kann und dann ist alles wieder gut.

            Das Prioritätenproblem ist eine Sache der Einstellung. Wenn die Einstellung richtig ist, dann wird sie jeden Tag gelebt.

          • Hallo Mariana,

            das wird nun etwas länger… – Daher: TEIL 1

            „so kann man gerade bei Männern (zumindest mehr als bei Frauen) eine Tendenz zur Ehelichung des eigenen Jobs feststellen.“

            Ich stimme zumindest dem „mehr als bei Frauen“ zu. 😉 Diese Sache mit der Ehelichung des Jobs kenne ich kaum. Das heisst, Männer definieren sich stärker über den Beruf, und viele haben dabei das Gefühl, sehr gut im Job sein zu müssen, weil sie sich ausmalen, dass sie andernfalls ihren Job verlieren könnten. Auf diese Weise verlieren sie ihren Job nicht nur nicht, sondern man überträgt ihnen eine grössere Verantwortung, und an dieser neuen Stelle beginnt das Spiel dann wieder von vorne… „Ich muss sehr gut sein. Wenn nicht, …“ – Mit der wachsenden Verantwortung wächst die Anerkennung im Beruf und der Zeitaufwand, und die Familie hat dann ggfs. das Nachsehen. Im Nachhinein kann man dann sagen, der Mann sei ja wohl in erster Linie mit seinem Job verheiratet.

            „Es wäre schön, wenn die volle Entfaltung des Egos generell in der Familie erfolgen würde (und die Ehefrau nicht zur Nebenfrau degradiert wäre). Aber dazu müsste in der Gesellschaft (in diesem Fall der westlichen) der Erfolg eines Mannes nicht primär über den Beruf definiert werden. Gibt es bei Männern nicht dieses Grundbedürfnis, sich als ein toller Kerl zu fühlen?“

            „Die volle Entfaltung des Egos in der Familie…“ – Ganz so hatte ich das nicht gemeint. Ich denke eher daran, dass sich der Mensch in seinem Sein in der Familie fallenlassen kann, dass er keine „Maske“ (Anzug, gute Laune, souveränes Auftreten etc.) tragen muss wie im Beruf.

            „Aber dazu müsste in der Gesellschaft…“
            Nein, ich glaube, es ist nicht grundsätzlich ein „Problem“, für das die Gesellschaft verantwortlich ist, und ich betone auch gerne noch einmal, dass ich zahlreiche Fälle kenne, da Männer den eigenen Erfolg nicht durch ein 0815-Urteil der „Gesellschaft“ definieren.

            „…, sondern sich mehr darum kümmern, was ihre Frau und Kinder wirklich brauchen und das ist vor allem ihre Zeit und wirkliche Aufmerksamkeit/ Interesse.“

            Ich glaube, die wenigsten haben beruflich die Freiheit, die Prioritäten anders zu setzen als sie es tun.

            „Ich weiß nicht, ob der Ruhetag eine prima Lösung des Prioritätenproblems ist. Es ist auf jeden Fall besser als nichts. Aber ist es wirklich so toll, wenn jemand in der Woche seine Familie vernachlässigt und am Ruhetag die Scherben zusammenklebt?“

            Mit dem „Ruhetag“ bezog ich mich auf das Gesamtkonzept… – Es werden nicht an einem Tag die Scherben zusammengeklebt, sondern an diesem Tag können sich alle Beteiligten – auch die betriebsamen Frauen!! – der Dinge bewusst werden, auf die es wirklich ankommt, und dieses Bewusstsein begleitet sie dann auch an den folgenden Tagen und prägt damit die Grundhaltung für jeden Tag.

          • @ Mariana – TEIL 2

            Auf meinem Weg zur jüdischen Denke hat mich das griechisch-orthodoxe Christentum gestreift, darunter einige Konzepte, die mir vor meinem eigenen christlichen Hintergrund völlig neu, fremd und teilweise unerhört vorkamen, dabei besonders das dort vermittelte Menschenbild.

            Ich folgte einem Vortrag über die „three human appetites“ – die drei menschlichen Grundbedürfnisse (-lüste). Diese Grundbedürfnisse seien nicht grundsätzlich schlecht oder böse, aber sie bedürfen eines angemessenen Rahmens. Es fand eine Aufteilung statt in das, was die Männer wollen und das, was die Frauen wollen. Bei den Männern, so hiess es da, drehe sich alles um: Nahrung, Sex und Respekt/Bewunderung. Bei den Frauen, um: Bequemlichkeit, Sicherheit und Bestätigung.

            Ich reagierte erst einmal empört… die Frauen langweilig und passiv – und die Männer alles sexhungrige Gockel?!

            Es überrascht nicht, dass mir das im westlichen Christentum noch nicht begegnet war, denn die katholische Kirche propagiert „Sex“ nun wahrlich nicht als menschliches oder gar männliches(!) Grundbedürfnis, und in der evangelischen Kirche beanspruchen Frauen dieses Bedürfnis auf jeden Fall genauso für sich selbst. Die griechisch-orthodoxe Kirche hat den Weg zum Zölibat jedoch nicht mitbeschritten, und die Antworten protestantischer Reformatoren sind ihr ebenso fremd. Das griechisch(christlich)-orthodoxe Weltbild ist dem jüdischen unter allen christlichen Strömungen daher am nächsten… –

            Diese ach so empörende Einteilung (s.o.) … trifft den Nagel nämlich auf den Kopf, und ich bin mir sicher, dass das Miteinander von Mann und Frau in der westlichen Gesellschaft wesentlich besser funktionieren würde, wenn wir das anerkennen würden. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind nichts Schlechtes. Der aggressive Jagdinstinkt ist nicht höherwertig als die passiveren Bedürfnisse von Frauen. …

            Zurück zu Ihrem Punkt, der (bewusst gewählten) Ehelichung des Jobs. Darin liegt genauso eine Zielverfehlung wie darin, dass Frauen, hungrig nach Bestätigung von aussen, beispielsweise total auf ihre äussere Erscheinung fixiert sind und darüber „das Heim“, den Mann, die Kinder, ihre Beziehungen vernachlässigen. Und ein Mann wird sich „auf der Jagd“, in Gefahr und Abenteuer immer wohler fühlen als im „sicheren Heim“.

            Das Ganze ist schematisch zu verstehen, erklärt Grundprinzipien, obgleich natürlich Männer und Frauen immer auch ‘Anteile’ vom jeweils anderen haben etc. blabla…. (sorry, bin in Eile….).

          • @ Mariana – PS

            Zu diesen drei Grundbedürfnissen von Mann /Frau nochmal. Ich habe das Gefühl meine Aussagen dazu relativieren zu müssen, derart reaktionär empfinde ich sie selbst!

            An einem Beispiel wird deutlich, dass diese Einordnung dennoch zutrifft: Stellen Sie sich ein x-beliebiges Paar vor, das sich modern “auseinandergelebt” hat und sich im ersten Schock der Trennung befindet.

            Wie wird sie reagieren – und wie er? Sie wird sich bei ihrer besten Freundin ausweinen, evtl. woanders (bei einer Bekannten, den Eltern o.ä.) Zuflucht und Trost, Verständnis und Sicherheit suchen. Er wird sehr viel eher dazu neigen, den Kummer herunterzuspülen, nach vorne zu flüchten ins nächste Abenteuer und/oder in seiner Arbeit nach Halt suchen. –

            So läuft es natürlich nicht zu 100% immer ab, jedoch auch sehr unwahrscheinlich ganz umgekehrt. Solche Erstreaktionen im Affekt sagen viel aus über unsere natürlichen Grundbedürfnisse bzw. über das, was in Mann und Frau geschlechtsspezifisch angelegt ist.

            Diese Impulse sind entgegengesetzt, jedoch nicht im Sinne von unüberwindbaren Gegensätzen. Es sind komplementäre Gegensätze, die jedem “Ego” erlauben sollten, sich voll zu entfalten. Voraussetzung dafür ist, dass diese unserem Wesen zugrundeliegenden Mechanismen verstanden, akzeptiert und integriert werden.

            Die politische Mode zuerst der “Emanzipation” der Frau und heute des “gender mainstreamings” läuft diesem vollständigen Verständnis unseres Mensch-Seins klar entgegen…

            Welches war noch gleich das Thema?? 😮

          • @ Mariana – PS2

            So geht es immer noch nicht. Diese 3 + 3 „human appetites“ sind, wie ich eingangs sagte, „gut“, wenn sie im richtigen Rahmen und Kontext gelebt werden. Dieser Rahmen fliesst aus Gott. Die christliche Orthodoxie bietet dazu ein weiteres Konzept an, von dem ich denke, dass es wohl genauso auch im Judentum zu finden ist.

            7 tödlichen Sünden stehen 7 Tugenden gegenüber.

            Der Mensch (Mann und Frau), der sich ohne Gott glaubt, ist alleine und hat Angst. Mit dieser Angst wird er fertig, indem er sein Ego stolz aufbläht und sagt: ICH bin hier der Chef. Dieser Stolz weckt Begierde und Neid. Die Begierde drückt sich auf zweierlei Weise aus: Sie ist einerseits träge und faul und lässt die anderen für sich tun; sie ist andererseits unersättlich. Neid wiederum macht habgierig und ärgerlich.

            Der Mensch (Mann und Frau), der sich in Gott geborgen fühlt, der an Gott „glaubt“, ist Gott treu und demütig: Gott ist der Chef. Er stellt den eigenen Willen unter den Willen Gottes (unter 1, 7, 10 oder gar 613 Gebote). Aus dieser Demut fliessen Respekt und Dankbarkeit. Der Respekt macht verantwortungsbewusst und befähigt den Menschen zur Mässigung. Dankbarkeit macht grosszügig und befähigt den Menschen zum Mitgefühl anderen gegenüber.

            Unsere triebhaften menschlichen Bedürfnisse als Mann und Frau privat und im Beruf sind gut und sinnvoll, wenn wir Gott nahe sind. Wie sind wir Gott nahe? Indem wir seinen Willen tun und seinen Willen über unseren stellen.

            Amen.

          • @ Mariana – noch ein PS 😉

            “Tendenz zur Ehelichung des eigenen Jobs”

            Wissen Sie, diese Tendenz ist eine Metapher für etwas, das es gar nicht gibt. Die Ehelichung eines Jobs ist nun einmal unmöglich. Es ist möglich, einer Tätigkeit einen überdimensional hohen Stellenwert einzuräumen, ja, aber dies als “Ehelichung” des Jobs zu bezeichnen, ist völlig unzutreffend – und amüsant.

            Klar kann solch eine Gewichtung belastend auf eine Beziehung wirken und zwar vor allem dann, wenn der/die eine um eine Passion kreist, die der/die andere nicht teilt, oder um es mit den Worten des Autors Robert Musil zu sagen, “Es ist nichts so schwer, wie mit einem Menschen in ein Schicksal verflochten zu sein, den man nicht genügend liebt!” – Mit Verlaub, ich würde den Satz ändern zu: nicht “den”, sondern “dessen Leidenschaft…” –

        • “Erstens, meinen Sie rcs ist vertraglich verpflichtet, seine Ferien ausserhalb von Israel zu verbringen? Damit auch das Team einmal zur Ruhe kommen kann?”

          Genau so ist es! Im BR/ARD-Vertrag von RCS steht ausdruecklich, dass er seine Ferien mindestens 2000km entfernt von seinem Buero in Israel verbringen MUSS, weil er ansonsten schon nach der ersten Woche wieder auftaucht, unter dem Vorwand, er haette etwas vergessen. 😉

  11. Der Film ist interessant, aber wie so oft, es werden zwei Sichtweiten gezeigt, die darstellen aber nicht Stellung nehmen wollen. Wer mehr Hintergrundwissen nicht mitbringt, der wird sich damit abfinden, dass Israel das Recht hat sich um die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen und dass von Palästinensern ausgeübte Terrorakte nun eben eine Mauer erforderlich macht. Ohne Terrorhandlungen gutheißen zu wollen, so fragt man sich, wie es zu dem himmelschreienden Mangel an Verständnis für den Zusammenhang zwischen Israels andauerndem Landraub und der Kolonialisierung Palästinas und der Verhaltungsweise und dem Widerstand der Palästinenser kommt und am Leben erhalten wird. Für israelische Siedler ist es die natürlichste Sache der Welt, sich dort anzusiedeln, wo es ihnen gerade passt. Dass damit die Vertreibung von hunderttausenden von Menschen verbunden ist, die Zerstörung der Häuser und Dörfer der einheimischen Bevölkerung, ein Leben in Flüchtlingslagern, die eingezäunt sind und ein normales Leben nicht zulassen, all das interessiert israelische Politiker und Siedler nicht. Letzteres ist der Terror, der den anderen Terror heraufbeschwört hat. Als wenn die Besetzung eines Landes nicht Terror wäre. Wie der Film zeigt, Siedler sehen das erst gar nicht. Man will sich absetzen, nicht von seinem Nachbar wissen und militärische Macht ist dabei behilflich, ein permanentes Unrecht zu begehen. Man will die Schönheit der palästinensischen Natur genießen, aber den enteigneten, verarmten Palästinenser nicht sehen.

    Das Oslo-Abkommen hat einem Besatzungregime die Erlaubnis gegeben eine Bevölkerung weiterhin zu unterdrücken und ihm seine Freiheit zu nehmen. Israelische Logik ist nichts zu tun, nichts zu geben und die Welt dadurch zu verschaukeln, dass man von Frieden spricht, aber den Status quo kaum verändern will oder jede Gelegenheit benutzt, die territoriale Expansion weiter voranzutreiben. Wer unterdrückt muss mit legitimer Gegenwehr rechnen. Daher letztlich auch die Mauer. Ein hässliches Denkmal der Unmenschlichkeit und ganz einfach Zeuge von roher militärischer Gewalt. Eigenartig, dass die Welt sich damit so leicht tut. Druck von außen ist notwendig diesen Zustand zu ändern. Besonders die EU ist gefragt, da man von den USA keine ehrliche Vermittlerrolle erwarten kann. Diese scheußliche Mauer muss weg. Und will man Frieden, dann muss man es wollen und dabei sollte man sich wieder auf das Völkerrecht besinnen und es bei ’Friedensverhandlungen’ zur Geltung bringen.

  12. @Heidelbaer: Herzlichen Dank, daß Sie sich soviel Sorgen um mein Privatleben machen 🙂
    Über eine Beschreibung habe ich sehr gelacht: Über die “veraltete” Vorstellung, daß ich die Nachrichten via Radio checke 🙂 – Das sind Methoden des 20. Jh.: Twitter ist da schon viel besser – und natürlich diverse sites im Netz – schneller und aktueller 🙂 Liebe Grüße.

    • Freut mich sehr, Sie zum Lachen gebracht zu haben – genau so war es auch gemeint. Der Vintage-Look meines Beitrages kommt wohl daher, dass ich mich in der Familienszene des gepflegten Aneinander-Vorbei-Redens durch Loriot inspirieren ließ, und der ist ja fraglos ein Autor des 20. Jhdts.
      😉
      Aber gut, dass Sie mit dem Team alles Echtzeit-Informationsquellen nutzen, um damit auch die Radio- und Fernsehnachrichten auf einem qualitativ hervorragenden Niveau zu halten. Für alle Bürger des 20. Jhdts., die bestimmte Medien noch als “Neuland” betrachten.
      😉
      Danke für die Arbeit, und schön, dass Sie wieder (für uns) da sind!

      Heidelbaer

  13. Hallo Lily,

    danke für die vielen interessanten Gedanken!

    „Welches war noch gleich das Thema?”

    Das Thema war, dass manche Menschen „zu viel Spaß“ an ihrem Job haben, die Balance verlieren und das Leben der ihnen anvertrauten Menschen ruinieren (können). Allein in meinem Bekanntenkreis habe ich in den letzten Jahren den Niedergang bzw. das Ende von Ehen mitbekommen, die (beide!) daran gescheitert sind, dass die Ehefrau den Egotrip ihres Mannes nicht verkraftet hat. Er schwebte im Money-Making-Rausch und sie verbrachte ihren Feierabend allein in einem schicken, teuer eingerichteten leeren Haus, dazu (in einem der Fälle) in einem Land, dessen Mentalität sie auf lange Sicht nicht ertragen wollte.

    „und viele haben dabei das Gefühl, sehr gut im Job sein zu müssen, weil sie sich ausmalen, dass sie andernfalls ihren Job verlieren könnten.“

    Gilt das nicht auch für Frauen? Und trotzdem würden Frauen ihre Familie nicht so aufs Spiel setzen. Warum haben diese Männer keine Angst, ihre Familie zu verlieren?

    „Auf meinem Weg zur jüdischen Denke hat mich das griechisch-orthodoxe Christentum gestreift, darunter einige Konzepte, die mir vor meinem eigenen christlichen Hintergrund völlig neu, fremd und teilweise unerhört vorkamen, dabei besonders das dort vermittelte Menschenbild.“

    Ich kenne diese Aufteilung (aus Vorträgen auf den amerikanischen christlichen Sendern) und sehe sie so wie Sie: als ein von Gott geschaffenes Gesamtwerk, das die perfekte gegenseitige Ergänzung ermöglicht. Aber ich denke, dass dieses erst dann funktioniert, wenn Gott den Rahmen der Ehe bildet und ein Ehepaar sich als eine Einheit begreift und nicht als eine WG.

    „Die politische Mode zuerst der “Emanzipation” der Frau und heute des “gender mainstreamings” läuft diesem vollständigen Verständnis unseres Mensch-Seins klar entgegen…”

    Stimmt !

    „Der Mensch (Mann und Frau), der sich ohne Gott glaubt, ist alleine und hat Angst. Mit dieser Angst wird er fertig, indem er sein Ego stolz aufbläht und sagt: ICH bin hier der Chef.“

    Deshalb will die Weltgemeinschaft nicht anerkennen, dass Gott Israel das Land als ewigen Besitz gegeben hat (Off topic, aber eigentlich überhaupt nicht off topic).

    „Der Mensch (Mann und Frau), der sich in Gott geborgen fühlt, [….] Indem wir seinen Willen tun und seinen Willen über unseren stellen.“

    Genauso ist es!

    • „dass die Ehefrau den Egotrip ihres Mannes nicht verkraftet hat. Er schwebte im Money-Making-Rausch“

      Es ist ganz sicher wahr, dass die krankhafte Ehrsucht des Mannes eine Ehe innerlich aushöhlen und zerstören kann. Sie sagen, die Ehefrau habe den Egotrip ihres Mannes nicht verkraftet, aber! der Mann, zur Kursänderung unfähig, leidet ebenso selbst unter der eigenen Einsamkeit „in“ der Ehe und „bricht dann aus“ aus einer „Enge“ (Nähe), die real nie existiert hat.

      In früheren Zeiten, als es zum Beispiel auf dem Land kaum eine Möglichkeit für solche Egotrips gab und jeder seinen Platz kannte und nicht die Wahl hatte, die Rolle zu tauschen, da war es nicht wirklich besser. Was „nicht zu verkraften“ war, musste ausgehalten werden, weil es sich Ehepartner kaum leisten konnten, voneinander wegzulaufen. Die meisten dieser bitter gewordenen Ehen würden heutzutage geschieden werden.
      Tradition, eine oft auch räumlich enge Familiengemeinschaft, geringere Mobilität (virtuell und real), geringerer Wohlstand für die meisten und der Blick der Kirche, die ggfs. mit gesellschaftlicher Ächtung strafte, haben die Gesellschaft damals zusammengehalten.

      Das funktioniert heute nicht mehr. Das nach Freiheit und Unabhängigkeit strebende Ego hat kein Korrektiv, und es tut, was es will und das ist alles, was möglich ist. Halt und Heilung kommen nicht mehr von aussen. Im Gegenteil sogar: Am lautesten sind heute die Stimmen, die der Selbstsucht des Menschen Recht geben. So findet der Mensch den Weg zurück zur Wahrheit, zu Gott, zu sich selbst nur über viel Leid.

      Nach solch einer Odyssee wird es jedoch besser, als es ohne die Möglichkeit zum Egotrip in den meisten Fällen hätte werden können, weil das Leid den Menschen selbst formt und wandelt und er sich nicht mürrisch gesellschaftlichen Erwartungen beugt, sondern selbst nach Rettung, Heilung, Ordnung – Gott – sehnt.

      „Gilt das nicht auch für Frauen? Und trotzdem würden Frauen ihre Familie nicht so aufs Spiel setzen. Warum haben diese Männer keine Angst, ihre Familie zu verlieren?“

      Wir Frauen haben nun einmal den Durchblick, den direkteren Draht zu Gott, verstehen intuitiv besser, was wir „wirklich“ wollen und was gut für uns ist. Meistens. 😉

      Ich glaube, Frauen setzen ihre Familie tendenziell weniger leicht aufs Spiel als Männer – nicht, weil sie Angst hätten, ihre Familie zu verlieren, sondern weil ihnen „so etwas“, ein „Ausbrechen“ (-> Jagdinstinkt) normalerweise einfach nicht in den Sinn kommt.

      Übrigens habe ich die Beobachtung gemacht, dass Ehen, in denen die Frau ihren Mann zumindest bedingt „kontrolliert“ wesentlich besser funktionieren als jene, in denen die Frau ihrem Mann „aus Liebe“ alle Freiheiten lässt. Diese Kontrolle scheint den Mann in seinen Schwächen aufzufangen, und wenn er es sich gerne gefallen lässt, dann funktioniert es. Diese Rollenverteilung finden Sie auch im orthodoxen Judentum, und in ländlichen Gesellschaften ist dieses Verhalten ebenfalls eher üblich.

      Besser als Tradition, Zwang und Kontrolle ist jedoch die Freiwilligkeit, wozu wiederum auch ein „Ja“ zur starken Rolle der Frau in der Familie gehört. Ich glaube, dass dies auch ein Zeichen unserer Zeit ist: Wir sind aufgerufen, freiwillig das Gute selbst zu suchen und zu wollen. Menschliche Abgründe und spirituelles Erhabensein liegen sehr nahe beieinander.

      Ich habe gelesen, dass Jahr für Jahr mehr Israelis an Yom Kippur fasten, selbst wenn sie das Jahr über säkular leben und sie den Traditionen wenig Bedeutung beimessen. Sie tun es aus gegenseitiger Solidarität – und WEIL sie nicht dazu gezwungen werden.

      Vielleicht ist es nicht übertrieben, von einer globalen Bewusstseinsänderung zu sprechen, die sich unter der Oberfläche vollzieht. Es werden zwar Parallelen gesehen, aber „Syrien“ ist doch grundlegend anders als „Irak“, „Afghanistan“ – etc. Die Mächtigen ahnen, wissen, dass sie die Grenzen des Machbaren erreicht haben. Die gesamte innere Dynamik hat sich verändert. Die einen sagen: Es ist so wie damals beim Irak-Krieg; die anderen sehen darin eine Fortsetzung des Kalten Krieges, amerikanischen Imperialismus, eine fortschreitende Islamisierung. Die Machtverhältnisse wirken diffus. Analysen decken das gesamte Spektrum an Möglichkeiten ab. Wir erfassen nicht wirklich, womit wir es zu tun haben.

      Ihre letzte, in meinem Gedankenfluss gerade verlorengegangene Frage lautete: „Warum haben diese Männer keine Angst, ihre Familie zu verlieren?“

      Sicherheit und Komfort sind Grundbedürfnisse der Frau, nicht des Mannes. Er hat diese Angst nicht. Er sieht keinen Zusammenhang zwischen seinem Drang zur Selbstverwirklichung und seiner Familie, die er „hat“, aber nicht „ist“. Für die Frau sind Mann, Kinder, zu Hause viel stärker identitätsstiftend, selbst wenn sie selbst einer Karriere nachgeht. Der Mann definiert sich im Gegenzug stärker über seine berufliche Tätigkeit und die Anerkennung, die er darüber erfährt. Das war Ihr Ausgangspunkt.

      Wie könnte „dem“ Mann geholfen werden? Die „Kontrolle“ oder besser: das wachende Auge der Frau kann ihm eine Hilfe sein, vorausgesetzt, er „will“ sich „helfen“ lassen. Er wird es sicher nicht wollen, wenn das, was Sie hier sagen, nicht gegeben ist:

      „Aber ich denke, dass dieses erst dann funktioniert, wenn Gott den Rahmen der Ehe bildet und ein Ehepaar sich als eine Einheit begreift und nicht als eine WG.“

      Wenn die Frage nach „Gott“ am Anfang steht, wird der Mann später die Familie nicht aufs Spiel setzen.

      Das gleiche gilt u.U. (doch) auch für die Frau. Ich hatte einmal eine Unterhaltung mit einem Türken, der von verschiedenen Fällen erzählte, da die Frau Mann und Kinder verlassen hatte. Diese Frauen lebten in arrangierten Ehen; für sie wurde die Familie nicht identitätsstiftend, sondern als Unglück erlebt.

      • @Lily

        „der Mann, zur Kursänderung unfähig, leidet ebenso selbst unter der eigenen Einsamkeit „in“ der Ehe und „bricht dann aus“ aus einer „Enge“ (Nähe), die real nie existiert hat.“

        Einerseits, wenn man seinen Tagesablauf beobachtet, kann man kaum glauben, dass er sich darüber Gedanken macht (oder Zeit hat, sich Gedanken zu machen), ob er in der Ehe einsam ist. Andererseits, falls er sich wirklich einsam fühlt, dann weigert er sich anscheinend, der Realität ins Auge zu schauen und den Grund dafür herauszufinden – wahrscheinlich aus Angst, dass am Ende dieser Analyse herauskommt, dass ER etwas ändern müsste. Er ist einsam, weil seine Frau nicht zu einem Egotrip applaudiert und er sich dadurch unverstanden fühlt. Wenn sie aber brav und ergeben zu allen seinen beruflichen Eskapaden ja sagen würde, dann würde er sich verstanden und bestätigt fühlen. Naja, die Bestätigung kann dann evtl. auch die Sekretärin/ Assistentin liefern oder er sucht sich eine neue Frau, die auch mit ihrem Job verheiratet ist (da ist nur die Auswahl nicht so groß 🙁 ).

        „Am lautesten sind heute die Stimmen, die der Selbstsucht des Menschen Recht geben.“ „Wir sind aufgerufen, freiwillig das Gute selbst zu suchen und zu wollen.“

        Stimmt ! Es würde sehr viel helfen, wenn die Menschen die Ehe als heilig betrachten würden, denn so wird sie von Gott gesehen. Dieses Bewusstsein ist heute verloren gegangen.

        „Analysen decken das gesamte Spektrum an Möglichkeiten ab. Wir erfassen nicht wirklich, womit wir es zu tun haben.“

        Sie bringen es auf den Punkt!

        • @Lily

          PS

          Eigentlich müsste ich “Stimmt!” unter jeden Ihrer Absätze schreiben, aber dann wäre meine Antwort irgendwie langweilig ;-).

          Aber bei einem Punkt stimme ich Ihnen nicht zu:
          Ich finde, man kann hier den Vergleich mit einer arrangierten Ehe (eigentlich wahrscheinlich in dem von Ihnen beschriebenen Fall eher Zwangsehe) nicht nehmen, da die Basis dieser Ehe das reine Ausnutzen der Frau als Gebärmaschine, Dienstmädchen usw. ist. Das ist noch eine ganz andere Kategorie von Leid, das sich die Frau eines Mit-Seinem-Job-Verheirateten gar nicht vorstellen kann. Die von uns betrachtete Problematik betraf ja den westlichen Kulturkreis, in dem eine Beziehung auf Augenhöhe angestrebt wird.

          • “Das ist noch eine ganz andere Kategorie von Leid…” (Mariana)

            Ja, da haben Sie natürlich recht!

          • „Die von uns betrachtete Problematik betraf ja den westlichen Kulturkreis, in dem eine Beziehung auf Augenhöhe angestrebt wird.“

            „auf Augenhöhe“ – Das ist ja wohl die Höhe!! 😉

            Gemeint ist damit der gegenseitige Respekt, aber auch eine Gleich-wert-igkeit und ein Gleichgewicht der Kräfte. Ich nehme an, dass Sie diese Begrifflichkeit unbedacht übernommen haben.

            Gleiche Augenhöhe ist ein Irrläufer, der vielen Paaren zum legitimen Trennungsgrund gereicht: „Wir waren nicht mehr auf Augenhöhe“, sagt er, wenn er meint, einen besseren Fang an der Angel zu haben. „Wir waren nicht mehr auf Augenhöhe“, sagt sie, wenn sie ihm mit ihrer Karriere davoneilt und er darüber deprimiert.

            So ein Unsinn! Wissen Sie, was zwei Leute auf derselben Augenhöhe miteinander tun? – Armdrücken! – Kräftemessen.

            Gegenseitiger Respekt ist in der Ehe notwendig, aber nicht unbedingt „auf Augenhöhe“. Die Kräfteverhältnisse, wenn man sie denn messen möchte, sind einem ständigen Wandel unterworfen. Sie sind KEIN Kriterium für ein glückliches Miteinander. Mal wird sie die Stärkere sein, mal er. Mal hängt er im Loch und muss aufgerichtet werden, ein andermal wird sie es sein, und da gehen beide miteinander durch.

            Der Anspruch „auf Augenhöhe“ bringt Frauen dazu, sich in der Lebensmitte aus Solidarität mit der Midlife Crisis des Ehemannes aufs Motorrad zu schwingen, und er… – Dazu fällt mir spontan nichts ein: In der Regel wendet sich der „Auf Augenhöhe“-Anspruch an die Frau, die „liefern“ soll. Und wenn Er dann dennoch mit einer (anderen) Rockerbraut durchbrennt, dann heisst es über die Ehefrau: „Naja, wie die auch aussah; sie hatte sich gehen gelassen…“ – und sie hat die Situation obendrein auch noch selbst zu verantworten. Oder man klammert die Schuldfrage ganz aus: „Die beiden haben sich auseinandergelebt, ist nicht weiter schlimm; das gibt es haufenweise.“

            Ultraorthodoxe (und vielleicht auch muslimische) Paare, bei denen die Frau die Rolle der „Gebärmaschine“ (?!) innehat, können voll des gegenseitigen Respektes sein, obgleich die Frau eine ihrem Mann VOLLKOMMEN VERSCHIEDENE Kraft ist.

        • Hallo Mariana,

          “Er ist einsam, weil seine Frau nicht zu einem Egotrip applaudiert und er sich dadurch unverstanden fühlt. Wenn sie aber brav und ergeben zu allen seinen beruflichen Eskapaden ja sagen würde, dann würde er sich verstanden und bestätigt fühlen.”

          Ich kenne ausschliesslich Fälle, in denen der “Egotrip” des Mannes, sein Machthunger und Streben nach Mehr irgendwann fremde Frau(en) mit einschloss.

          Und ich kenne nur Frauen, die alle beruflichen Eskapaden des Mannes geduldig mittragen bzw. mitgetragen haben. In solchen Familien herrscht in der Regel auch keine finanzielle Not, wenn er nicht nur die eigene Abwesenheit mit der Familie teilt… – Der Bruch geschieht immer erst dann, wenn der Mann so erfolgreich ist, dass er sich fühlt wie Bond, James Bond – und was wäre ein Bond ohne Bond-Girl?! –

          Das heisst, dass ich Ihr Anliegen mit dem beruflichen Ego-Trip des Mannes nicht ganz nachvollziehen kann… Was sollen da Frauen sagen, deren Männer im Krieg sind oder die Schichtdienst haben oder die in sehr einfachen Berufen sehr viel arbeiten müssen, wenig Zeit für die Familie haben UND (zu) wenig verdienen? Das Leben ist nicht immer leicht und voller Herausforderungen. Aber das ist doch alles kein Grund… –

          • Hallo Lily,

            „Das heisst, dass ich Ihr Anliegen mit dem beruflichen Ego-Trip des Mannes nicht ganz nachvollziehen kann… Was sollen da Frauen sagen, deren Männer im Krieg sind oder die Schichtdienst haben oder die in sehr einfachen Berufen sehr viel arbeiten müssen, wenig Zeit für die Familie haben UND (zu) wenig verdienen?“

            Die Problematik, an die ich dachte, war nur die Tatsache, dass ein Mann ohne Not mehr arbeitet, als er müsste.

            Der Mensch hat die Wahl: Leben, um zu arbeiten vs. Arbeiten, um zu leben.

            Sobald jemand lebt, um zu arbeiten, statt zu arbeiten, um zu leben, macht er sich aus dem Job einen Götzen und opfert seine Familie einem Götzen. In der Bibel sagt Gott sehr deutlich, was er vom Götzendienst hält.

            Wenn jemand heiratet (ich spreche jetzt nur von der Ehe, da sie eine Verpflichtung darstellt, die sogenannten „Freundschaften“=wilde Ehen klammere ich jetzt erst mal aus). Wenn also jemand heiratet, dann wird in seine Hände eine große Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen gelegt und er hat kein Recht, die Existenz eines anderen Menschen, den Gott liebt, zu ruinieren. Er verspricht ja, diesen Menschen zu ehren und zu achten = sich um seine Bedürfnisse zu kümmern. Das gilt dann natürlich auch für die Kinder.

            So wie Sie es geschrieben haben: es geht darum, seinen Willen dem Willen Gottes unterzuordnen. Und wenn Gott sieht, dass jemand die Prioritäten richtig gesetzt hat und sich bewusst Zeit für seine Familie einplant, keine Arbeit mit nach Hause bringt usw., d.h. sehr darauf achtet, was seine Familie braucht, dann wird Gott dafür sorgen, dass er in der übrigen Zeit, die er im Job verbringt, trotz kürzerer Arbeitszeiten die Anerkennung bekommt, die er braucht. Er muss sich keine Sorgen machen, dass seine Karriere einen Schaden nimmt, nur weil er ein Leben führt, das Gott gefällt. Und ich habe beobachtet, dass dies auch für Menschen gilt, die nicht an Gott glauben, sondern „einfach so“ (unbewusst) Gottes Gebote befolgen, weil sie es für richtig halten.

            Eine große Schwäche vieler Menschen (nicht nur der Workaholics/ Careeraholics) ist glaube ich, dass sie sich an den falschen Stellen Sorgen machen. Da, wo Sorgen angebracht wären, sind sie nicht da, und da wo sie nur auf Gott vertrauen müssen, machen sie sich Sorgen.

            Mit der “Augenhöhe” meinte ich gegenseitigen Respekt.

          • Hallo Mariana,

            es ist alles sehr schlüssig, was Sie hier sagen, wenngleich natürlich den Umständen entsprechend theoretisch. Sie haben offenbar sehr konkrete Idealvorstellungen von Ehe und Familie.
            Es bleibt, Ihnen zu wünschen, dass Sie in Ihren Erwartungen nicht enttäuscht werden.

          • “Und ich habe beobachtet, dass dies auch für Menschen gilt, die nicht an Gott glauben, sondern „einfach so“ (unbewusst) Gottes Gebote befolgen, weil sie es für richtig halten.” (Mariana)

            Sie beziehen sich offenbar auf die “Myrten” unter den (jüdischen) Menschen! 😉
            (… angewandtes Blogwissen…)