Deutsche Konvertiten

Es ist ein heisses Thema, eins, das man eigentlich nicht anfassen sollte, denn man wird sich im Gestrüpp der political correctness auf alle Fälle verfangen. Dennoch wage ich es, dieses auch in den einschlägigen Psychologie-Lehrbüchern bekannte Phänomen anzufassen, weil ich gerade in der letzten Zeit immer wieder mit deutschen Konvertiten konfrontiert wurde und mich dies mal wieder zum Nachdenken gebracht hat.

Was ist ein Konvertit: Nun, zunächst einmal ein Mensch, der von einer Religion zu einer zweiten überwechselt. Aus Überzeugung, aus Glauben. Dagegen gibt es nichts zu sagen, das hat man zu respektieren, auch wenn es einem fremd anmuten kann. Und so gibt es, natürlich, in unseren Breitengraden (ich meine Europa) Christen, die irgendwann fromme Juden werden, weil ihnen der jüdische Glauben mehr zusagt, weil sie überzeugt sind, daß das Judentum die Wahrheit ist, nach der sie suchen. Das kann man nur respektieren und akzeptieren. Punkt.

Dann gibt es diejenigen, die aus Liebe zu ihrem jüdischen Partner übertreten. Meistens sind das Frauen. Die Männer wollen jüdische Kinder haben (und da ist das Judentum der Mutter entscheidend, nicht das des Mannes) und so bitten/zwingen sie ihre Freundinnen und Lebensgefährtinnen überzutreten, was diese irgendwann auch tun. Sehr aus Liebe, weniger aus Überzeugung, manchmal kommt beides zusammen. Die Rabbinen finden Übertritt aus Liebe nicht so gut, weil sie sagen, das sei keine Überzeugung, die Frauen würden danach nicht nach den Religionsgesetzen leben (stimmt häufig) oder sie würden bei einer Scheidung das Judentum dann schnell wieder aufgeben (kommt auch vor). Aber es findet sich immer ein Rabbiner, der so einen Übertritt aus diesen Gründen irgendwie vollzieht, das Paar kann dann jüdisch heiraten, das danach geborene Kind ist jüdisch, alle sind happy. Gut ist.

Und dann gibt es die Überzeugungstäter. Und das ist ein deutsches Phänomen, ein ausschließlich deutsches Phänomen (manchmal auch ein österreichisches): Menschen, die es nicht ertragen, daß sie zum “Volk der Täter” gehören oder, noch schlimmer, noch direkter, daß sie aus einer Nazi-Familie kommen, daß ihr Vater, ihr Großvater ein Täter war – die mit der Last der Vergangenheit nicht fertig werden. Ich mache mich über die Nachkommen solcher Familien nicht lustig. In meinem deutschen Freundeskreis, allein altersbedingt, finden sich viele solche Menschen, die irgendwie damit zu leben lernen mußten, daß ihre Familien sehr viel braunen Dreck an ihrem Stecken hatten. Und das ist wahrlich manchmal schwerer zu ertragen, als das Wissen, daß die eigenen Eltern irgendwie Auschwitz und noch ein paar nette Sammelpunkte für Juden mit Müh’ und Not überlebt haben, selbst wenn dieses Erbe schon schrecklich ist. Doch für die Kinder der Überlebenden ist die Identifikation kein Problem, für die Kinder der Täter sehr oft. Es ist auch furchtbar, wenn man als Kind seinen Papi liebt und als junger Erwachsener feststellt, daß Papi in der SS war oder in der Wehrmacht und ganz schreckliche Dinge getan hat. Oder auch die Mami (die Mütter werden da gerne vergessen bei diesem Thema) – oder heute dann schon eher die Großeltern, aber das ändert nur unwesentlich etwas an dem Schock, den die Nachkommen erleiden, wenn sie’s denn erfahren.

Es gibt also diese “Überzeugungstäter” – und ich begegne in Israel immer wieder solchen Deutschen – die ihr Heil, ihre Erlösung vor der Nazi-Vergangenheit ihrer Familien im Judentum suchen. Die übertreten zum Judentum und nach Israel ziehen. Die hier zu 200prozentigen Juden werden oder zu 200prozentigen Israelis. Und häufig findet man diese konvertierten Deutschen politisch im rechten, manchmal sogar im ultrarechten Lager, in Siedlungen gar. Voller Überzeugung und mit mindestens soviel rassistischem und faschistoidem ideologischen Gebrabbel wie ihre Vorväter. Und in einigen Fällen, bei einigen Begegnungen und Interviews dachte ich mir: wenn ich jetzt das Wort “Araber” durch das Wort “Jude” ersetze, dann habe ich Goebbels pur…

Es gibt dann diejenigen, die völlig abstruse Dinge sagen: Sie haben etwa mit einer orthodoxen jüdischen Ehegattin 6 Kinder gezeugt, um dann stolz zu sagen: “für jede vergaste Million ein Kind” – Uff, was für eine Last auf den kleinen, schwachen Schultern dieses Kindes. Und es gibt die, die zu glühenden Verteidigern israelischer Politik werden, ganz gleich, was die Politik tut, die selbst Faschisten und Rassisten in der Knesset verteidigen, die jetzt, nach dem Ableben Sharons, auch seine schlimmsten militärischen Gewaltexzesse noch als “Verteidigung unseres (!) Volkes vor der Vernichtung, der endgültigen Endlösung (sic!)” definieren. Die, mit anderen Worten, ihren kritischen Verstand bei der Konvertierung abgegeben haben und sich dermaßen überidentifizieren müssen mit dem jüdischen Volk, daß man als Jude, der vielleicht ein wenig kritischer dem eigenen Volk gegenübersteht, irritiert, belustig und manchmal auch angewidert ist vor soviel “Zelotismus” und man gern selbst in Klischees über den “Perfektionismus” der Deutschen verfällt.

Sie sind arme Schweine, diese Konvertiten, die bewußt/unbewußt meinten, daß mit dem Eintritt ins “jüdische Volk” sie zugleich eingetreten sind in das “Volk der Opfer” und ausgetreten aus dem “Volk der Täter”. Menschlich allzu verständlich. Politisch höchst gefährlich, denn, wie gesagt, viele von Ihnen wiederholen in ihrem politischen Denken die Fehler ihrer Vorfahren. Aus Rücksichtnahme werde ich hier keine Fallbeispiele nennen, das werden Sie verstehen. Aber manchmal gibt es schon nervig-lustige Momente, wenn das deutsche Enkelkind von Mördern dem Sohn von Opfern zu erklären versucht, was Israel und Judentum wirklich ist und man als “Deutscher” dies einfach nicht begreifen könne.

 

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  1. Also, mir ist (durch die Medien) nur ein ex-neo-Nazi bekannt, der zum Judentum konvertiert ist und sich heute sehr eifrig fuer Israel einsetzt (dieses Uebertreten vom Taeter- zum Opfervolk, gibt es aber links genauso; eine Verwandte von Himmler liess sich sterilisieren, weil sie keine Kinder mit dem ‘Nazi-Gen’ in die Welt setzen wollte).

    Aber ob dieses neurotische Benehmen nun politisch links oder rechts stattfindet – DASS es stattfindet, hat in erster Linie mit der sehr ungesunden Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zu tun, der Deutsche schon im Kindesalter ausgesetzt werden. Der ewige Schuldkult ist in Deutschland fast schon wie eine Religion. Das dt. Kind hat sich gefaelligst schuldig zu fuehlen, dass sein Ur-Opa bei der SS und womoeglich an schrecklichen Dingen beteiligt war. Wehrmacht reicht aber auch schon. Das Mass der Selbstgeisselung ist z.T. richtiggehend grotesk – staendig und ueberall wird man daran erinnert, dass man dem Nazi-Volk angehoert und man evtl. Traeger eines Virus ist, der jeden Moment wieder ausbrechen koennte, wenn man nicht staendig auf der Hut ist.

    Gluecklicherweise gibt es aber heutzutage scharenweise Moslems (und Zigeuner, und Lampedusaner, etc.) an denen man wiedergutmachen kann, was man an den Juden verbrochen hat. Welch ein Segen! Wer sich an diesem kollektiven Akt der Suehne nicht beteiligen will, wird von den Medien und Politik barsch daran erinnert, dass er/sie ein Rassist, Rechtspopulist oder eben ein Nazi ist. Denn nur Endlos-Multikulti und gezielte Selbstausduennung kann die Deutschen davor bewahren, wieder zu Nazis zu werden.

    P.S.: Ich bin kein Deutscher. Aber sie tun mir leid.

    • @Veritas: Verschweigen kann man die Vergangenheit nicht. Wir sind hoffentlich da angekommen, wo man Lehren aus der Geschichte ziehen kann. Das hat man bekanntlich nach dem 2. Weltkrieg mit der allgemeingültigen und folgerichtigen UN-Menschenrechtserklärung getan. Und die deutsche Verfassung spricht von der unantastbaren Würde des Menschen. Also immerhin! Leider ist Schuldkult ein Teil deutscher offizieller Politik und Staatsräson. Daher auch die unkritische militärische Zusammenarbeit mit Israel, die sogar die teilweise steuerfinanzierte Lieferung von U-Booten mit einschließt (die vielversprechend auch atomar anwendbar sein sollen), obwohl Israel sich immer mehr und immer ungenierter sich den Machenschaften eines Apartheidstaates bedient.

      Dass Deutsche einer ungesunden Auseinandersetzung mit der Geschichte ausgesetzt sind, dem kann ich nicht zustimmen. Wenn jemand Probleme mit der eigenen Geschichte hat, dann ist das wohl Israel. Man macht nicht scharenweise an Muslimen gut, was man an Juden verbrochen hat, sondern es ist vielmehr umgekehrt. Frag mal die Frau Merkel und alle die anderen Politiker, die nach Israel wallfahrten, um der schüchternen Kritik an Israels Kolonialisierungspolitik dann ein vorbehaltloses Halleluja auf die wunderbare Zusammenarbeit mit dem Apartheidstaat folgen lassen. Israel verbietet oder möchte am liebsten sogar gesetzlich verbieten, dass die einheimische palästinensische Bevölkerung, die sich in Israel, in Gaza und im Westjordanland als Flüchtling im eigenen Land versteht, die vertrieben worden ist, deren Wohnstätten und Dörfer zerstört wurden, dieser Tragik zu gedenken. Ich gibt kaum israelische Politiker, die dem Schicksal eines unterdrückten Volkes auch nur einen Gedanken verschwenden.Im Gegenteil, das wäre ja Hochverrat.

      Deine Sühnungsansichten sind völlig verdreht. Niemand macht an Muslimen gut, was man an Juden verbrochen hat. Vielmehr sollen keine Menschen mehr vertrieben, unterdrückt werden, sondern alle Menschen haben ein Recht in Würde und Freiheit zu leben. Dass die Palästinenser nicht in Würde und Freiheit leben, kannst du nicht bestreiten. Ihnen diese Rechte zu gewähren, dafür sollte man auf die Barrikaden gehen.

      PS. Ich bin kein Palästinenser, Aber die tun mir leid.

      • Michael, Sie schreiben, dass Sie kein Palästinenser sind.

        Sind Sie Holger Apfel oder Udo Pastörs?

        In NPD-Kreisen werden nämlich exakt solche abstrusen Termini wie “deutscher Schuldkult” verwendet.

        Die Militärische Zusammenarbeit mit Israel ist richtig und wichtig und keinesfalls so einseitig wie sie immer dargestellt wird. Auch Deutschland, die deutsche Bundeswehr, und die Nato profitieren von der Zusammenarbeit mit unserem Partner Israel, so wohl auf geheimdienstlicher wie militärischer Ebene. (Ich erinnere etwa an die Ausbildung von Bundeswehrsoldaten an israelischen Drohnen.)
        Das ist das was offiziell bekannt ist, hinter den Kulissen läuft sehr viel mehr an Zusammenarbeit…Und auch Nato profitiert bei Ihrem Kampf gegen Terroristen, von den Erfahrungen, die die Israelis leider machen mussten.

        Es ist in der Tat die richtige Folgerung aus der Geschichte unserem israelischem Partner Waffen zu liefern, damit Juden, wenn sie angegriffen werden, und das wurden sie erstmals einen Tag nach der Gründung des Staates, verteidigen können und nie wieder wehrlos sind und damit sich diejenigen, die vom Gedanken beseelt sind, den jüdischen Staat auszulöschen, sich 5mal überlegen, ob es sich angesichts Israels angenommener militärischer Stärke lohnt, dazu anzusetzen seine Fantasien in die Tat umzusetzen.

        Sadat etwa hat deshalb mit Israel Frieden geschlossen, weil er nachdem Ägypten mindestens dreimal angesetzt hat, erkannt hat, dass Israel militärisch nicht besiegen ist. Das gleiche gilt in gewisser Weise auch für Jordanien.

        Umgekehrt gilt: Sobald Israels Gegner den Eindruck haben, der jüdische Staat sei militärisch zu besiegen oder sei zumindest schwer verwundbar , werden sie sich entschließen wieder anzugreifen, deshalb ist meine These: Waffenlieferungen an Israel gefährden nicht den Frieden, sondern schaffen Frieden und erhalten ihn.

        • An Joerg: Meinen Sie nicht auch, dass Sie viel zu kurz denken ?
          Sie finden die militärische Zusammenarbeit mit Israel wichtig für den Frieden ? Ist Israel nicht das Land im Nahen Osten, welches bis heute die meisten Kriege angefangen hat, welches als einziges Land ca. 80 Atomsprengköpfe besitzt, welches sich bis heute weigert, seine Chemiewaffen abzurüsten – aber laut schreiend den Abbau von Syrien fordert, welches die Palästinenser aufs brutalste unterdrückt (siehe Breaking the silence) und welches bis heute mind. 2 x Syrien miltiärisch provoziert hat, um den – nur so kann ich es mir erklären – gewünschten Krieg zu bekommen ?

          • Verehrter Ralph,nein, ich denke nicht, dass Israel das Land im Nahen Osten ist, das die meisten Kriege angefangen hat und am meisten provoziert hat. Im Gegenteil, es sei denn man empfindet wie das Ägypten zur Zeit Nassers, wie der Irak, wie Syrien, Hisbollah, die Mullahs im Iran, wie die Muslimbrüder und ihr Ableger in Gaza wie Al Quaida, wie bis mindestens Ende der 80er Jahre die gesamte PLO, die gegründet wurde, bevor es die israelische Präsens in den umstrittenen Gebieten überhaupt gab, die pure Existenz Israels in welchen Grenzen auch immer als Provokation

            Und Meine These bleibt, dass heute, die angenommene militärische Stärke Israels dazu führt, dass die Feinde Israels um das Echo eines Angriff wissend sich zurückhalten, und dass das Ägypten unter dem klugen Sadat nur deshalb mit Israel aufgrund dessen militärischer Stärke Frieden geschlossen hat. Würden die Israelis den naiv-pazifistischen Abrüstungsvorstellungen deutscher Wohnzimmerstrategen folgen, würde das von den immer noch zahlreich vorhandenen Erzfeinden Israels, die nach wie vor von Vernichtungsfantasien, beseelt sind, als
            Zeichnen israelischer Schwäche gedeutet und als Einladung zum Angriff verstanden.

            Einen schönen 27. Januar noch, beste Grüße joerg

  2. 1. Ich frage mich manchmal, wie viele « Jews by chance », Juden, die in die Last und Verheissung des jüdischen Glaubens/Volkes hineingeboren wurden, diesen Weg wählen würden, wenn sie noch einmal die Wahl hätten, und wie viel würden diejenigen, die – erneut – „ja“ sagen würden, auf sich nehmen, um da hinzugelangen.

    Diese Frage kann nicht beantwortet werden.

    2. Ist es für die Nachkommen von Nazis wirklich „immer“ ein so „grosser Schock“, wenn sie sich der Taten der Grosseltern bewusst werden? Sie haben damals ja nicht alleine so gehandelt oder weggeschaut.
    Aber sicher, das kommt vor, und ab und an bewegt das Schuldbewusstsein Menschen gar zum Konvertieren.

    3. Dass die so motivierten deutschen Konvertiten zum einen verstehen, dass sie mit dem Konvertieren die eigene Familiengeschichte auslöschen und zum Opfervolk übertreten, wird von den Rabbinern/Rabbinen/Rabbinim (?) genau so gelehrt!! Es handelt sich nicht nur um die Änderung einer Religionszugehörigkeit, sondern zugleich um den „Beitritt“ und die Zugehörigkeit zum „jüdischen Volk“. Man „selbst“ war in Ägypten, am Berg Sinai usw. Das ist das neue Selbstverständnis des Konvertiten, und niemand aus dem Volk darf den Konvertiten an seine Vergangenheit erinnern, die nicht mehr ist.

    4. Konvertieren zum orthodoxen (rechtgläubigen, anerkannten) Judentum bedeutet in der Regel Konvertieren zu politisch rechten bis ultrarechten Überzeugungen. Es gibt keinen (anerkannten!) Übertritt zum linken=liberalen Judentum.

    Ich habe den Eindruck, dass es beim Konvertieren und der jüdischen Identität in der Praxis zu 50% um die Religionsausübung/den Bund mit Gott geht und zu 50% um Anstrengungen, sich von den Nichtgläubigen und Andersgläubigen und Falschgläubigen abzugrenzen. Ich finde die inner-jüdische Diskriminierung und den Rassismus, die dadurch befördert werden, erschreckend und abstossend. „Araber“, Flüchtlinge, „Schwarrze“ haben in diesen Betrachtungen gar keinen Platz, und dieser Religionsfaschismus ist Teil der „Rechtgläubigkeit“, und wehe, jemand übt Kritik an diesem „System“! Self-hating Jews, Antisemiten, Verräter des heiligen Bundes – werden die jüdischen Kritiker von den Rechtgläubigen dann genannt.

    Kann man die jüdische Religion bitteschön auch OHNE diese pathologische Abgrenzungspolitik haben?

    5. Das geschilderte Phänomen, des deutschen Überzeugungstäters ist die logische Konsequenz aus dem Zurücklassen der Vergangenheit und dem religiös motivierten Faschismus rabbinischer Autorität. Es wird genau das erwartet, was Herr Schneider kritisiert: dass der Konvertit seine Vergangenheit und den kritischen Verstand abgibt, sich mit dem Volk verbindet und dem Diktat der Rechtgläubigkeit blindlings folgt… zum grossen Bedauern derer, die selber denken und entscheiden wollen.

    „Sie müssen und sollen nicht mit Ihrer Familie brechen! Sie müssen sich an die Speisevorschriften halten, und es gibt auch schönes Plastikgeschirr, von dem Sie bei Familienbesuchen die selbst zubereiteten/mitgebrachten Speisen essen können…“ – [Selbstverständlich würde nur ein Antisemit solches Gebaren kränkend finden, aber was soll man auch anderes von den Deutschen erwarten (?!)] –

    6. Sehr viel weniger absolutistisch und diskriminierend geht es bei den Reformierten und den Konservativen zu, aber die grössere Toleranz und der grössere diesseitige Pragmatismus dieser liberalen Strömungen gehen leider in der Regel auf Kosten spiritueller Tiefe. Vielleicht kann es innerhalb eines institutionellen Rahmens keine Lösung für diesen Konflikt geben. Einen orthodoxen „Mittelweg“ im Sinne der Modernen Orthodoxie, der spirituelle Tiefe hat, zugleich aber auch unser Zeitalter mit seinen Chancen und Herausforderungen anerkennt, die Notwendigkeit einer israelischen Armee, in der auch Frauen gemeinsam mit Männern in Hosen dienen, die Gefahren UND die Chancen des Internets usw. usf. – scheint es immer weniger zu geben.

    7. Was bleibt?

  3. Während meiner Schulzeit verbrachte ich meinen allerersten Aufenthalt im Kibbuz Neot Mordechaj. Dort gab es eine deutsche Künstlerin, stammte ursprünglich aus HH und Vater war wohl bei der SS. Die hatte einen aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammenden Juden geheiratet, drei Kinder, alle blond. Da hörte ich auch mal diesen Satz, “Ersatz” für all die Millionen im deutschen Namen ermordeten Juden zu gebären.
    Das fand ich schon mit damals 18 Jahren merkwürdig. Sie übertrug eine Menge ihrer Probleme mit ihrer Familie und Herkunftsland auf mich. Selten habe ich jemand in meinem Leben erlebt, der so aggressiv und gleichzeitig so ein Sendungsbewusstsein hatte.

    Das bestätigt nur die alte These, dass Kinder strukturell in der Intensität das nachvollziehen, was die Generation ihrer Eltern in ihren Augen falsch gemacht hat, z.B. die RAF-Anhänger in der Folge der 68’iger.

    Dennoch habe ich damals wunderbare Freundschaften geschlossen, die mich als Deutschen ganz anders behandelten, als sie es als Deutsche tat. Später hörte ich, dass ihre Ehe in die Brüche ging und sie in den Golan in eine Siedlung zog, mit denselben Argumentation, die Sie in Ihrem Artikel bringen. Ich weiß nicht, ob sie dort heute immer noch lebt.

    Während meines Studiums an der Hebräischen Universität Jerusalem bin ich schon mal von Orthodoxen gefragt worden, ob ich nicht irgendwo doch eine jüdische Großmutter hätte. Das fand ich (heute Pastor) immer sehr lustig, hatte auch nie bei aller Sympathie und Hebräischkenntnissen das Gefühl, ich müsste konvertieren.

    Im Gegenteil: gerade dadurch, dass ich mir meiner Herkunft und meiner Religion bewusster werden musste, als es in einer Mehrheitsgesellschaft notwendig ist, habe ich wunderbare Diskussionen und Gespräche mit meinen jüdischen Kommilitonen und gerade auch mit sehr religiösen gehabt.

    Daher finde ich, dass Sie wieder einmal sehr pointiert benannt haben, was das Problem dieser Leute ist.
    Ich bin auch nicht immer gerne Deutscher (gewesen), aber die Selbstaufgabe von Identität, die Henryk Broder bei Deutschen beobachtet hat, die ausgewandert sind, habe ich nie so nachvollziehen können. Heute bin ich mir auch nicht mehr so sicher, ob das so stimmt.
    Schließlich nehmen Oktoberfestfeiern und der Export von Weihnachtsmärkten als deutsches Kulturprodukt wieder zu.

    • @ walgreen

      “Das bestätigt nur die alte These, dass Kinder strukturell in der Intensität das nachvollziehen, was die Generation ihrer Eltern [in ihren Augen falsch] gemacht hat,”

      Strukturelles wird vom Prinzip her auch meiner eigenen Beobachtung nach fast immer übernommen.

      “Während meines Studiums an der Hebräischen Universität Jerusalem bin ich schon mal von Orthodoxen gefragt worden, ob ich nicht irgendwo doch eine jüdische Großmutter hätte. Das fand ich (heute Pastor) immer sehr lustig, hatte auch nie bei aller Sympathie und Hebräischkenntnissen das Gefühl, ich müsste konvertieren.”

      Dazu fällt mir eine Geschichte ein, von der ich einmal gelesen habe. Sie wirkte auf mich ein wenig “konstruiert”, könnte jedoch auch stimmen. Es wurde von einem Rabbiner in Jerusalem berichtet, dessen Mutter in irgendeiner (verwandtschaftlichen/angeheirateten?) Beziehung zu Hitler stand. Als junger Mann hat dieser Mann Theologie studiert, und er hat dann – nicht aufgrund der Shoah! – die Texte hinterfragt, weiter gebohrt und schliesslich über diesen Umweg zum Judentum gefunden. Er lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie diskret (ohne politisch-missionarisches Sendungsbewusstsein) in Jerusalem.

      Ich glaube, es ist nie richtig, konvertieren zu wollen, weil man das “Gefühl” hat, das tun zu müssen. In der Regel handelt es sich um einen rationalen, auf Fakten und weniger dem Gefühl gründenden Entschluss.

      Daher unterstützen Rabbiner weder “Wiedergutmachungs-Konvertieranwärter” noch solche, die aus romantischen Gründen konvertieren wollen, wobei es im letzteren Fall ein zweischneidiges Schwert ist, da diese Beziehungen sicher nur selten am “Nicht-konvertieren-Lassen” scheitern werden, so dass sich am Ende der jüdische Partner assimilieren wird.

      • diese geschichte stimmt.
        ich kennen den namen von diesem mann, der rabbiner geworden ist und vor 40 jahren sogar als rabbiner eine stelle hatte.

        seine entscheidung kam nach dem er in usa zufaellig eine lektion von rabbi solovejtschik besuchte.

  4. Ich bin Mitte 20 und studiere zur Zeit in Israel und beschäftige mich gerade mit dem Thema Aufarbeit der NS-Zeit. Eine Frage bleibt mir bei allem: WIE soll man die dreckige NS-Geschichte der Familie auf eine gute Weise aufarbeiten? Wer hat das gemacht und spricht offen darüber?
    Antworten auf diese Fragen sind mir leider noch nicht begegnet, aber ich suche weiter…

  5. Konversion ist in der Regel anstrengend (schön). Der Übertritt zum Judentum (Giur) erfordert sehr viel Wille, Liebe, Lernen! und vor allem Freude. Daher wird es sich eher um Konvertiten handeln, die diesen Glaubensweg aus vollem Herzen wählen, gehen und leben wollen, ohne dabei die Geschichte der NS-Zeit im Visier zu haben oder aus einem falsch verstandenen Schuldgefühl, das für Nachkommen überhaupt nicht angebracht ist. So individuell die Beweggründe für eine Konversion ins Judentum auch sein mögen, Respekt und Achtung tut immer gut, urteilen ist destruktiv – wer kann schon in einen Menschen blicken und seine Motive erkennen? -, ja eine Anmaßung. Aber so sind wir Menschen eben, hin und wieder. Nicht zu vergessen, erst nach einer eingehenden, manchmal langen Prüfung vor einem Beth Din, erhält der betreffende Konvertit seine Zustimmung und Urkunde, zum Judentum übertreten zu dürfen, aufgenommen zu werden.
    Ruth und Pinchas Lapide und Walter Homolka (empfehlenswerte Lektüre: Nicht durch Geburt allein, Übertritt zum Judentum) sei an dieser Stelle gedankt, die sich als Brückenbauer für eine Verständigung einsetzten und einsetzen. Wie Frau Lapide stets mantrahaft wiederholt, Fehler sind nicht heilig. Miteinander reden, Irrtümer ausräumen.

  6. Haben Sie die Fernsehdokumentation über Tom Franz gesehen? Dort erzählt der jetztige Starkoch, vorher Jurist, von seiner Konversion zum Judentum und seinem Leben in Tel Aviv. Vielleicht sind Sie dann überrascht, welche Beweggründe es noch geben könnte.

  7. “Der Verlust der Erinnerung führt zu neuen Traumata.” (Michel Laub)

    Wie stellt man sich der Vergangenheit seiner Vorfahren?
    Diese Frage ist auch im umgekehrten Fall interessant.
    Ist “Auschwitz” so übermächtig-erdrückend, dass es alles persönliche Versagen entschuldbar werden lässt? Wenn ein jüdischer 13jähriger zu dem Bewusstsein erzogen wird, “dein Großvater hat Auschwitz überlebt”, wann bleibt er Opfer, wann wird er selbst zum Täter an seinen (?) Tätern? Kann man die Opfervergangenheit der Großväter wirklich negieren und Verantwortung für persönliche Schuld übernehmen durch den Übertritt in die “andere” Gruppe?
    Wer sich diesem “umgekehrten Szenario” widmen möchte, kann dies literarisch tun und sollte den Roman “Tagebuch eines Sturzes” von Michel Laub (Brasilianer. Jude.) lesen.
    Drei Generationen Männer, drei Fragen, drei unterschiedliche Annäherungen an Vergangenheit und Schuldfrage.

    Spannende Lektüre wünscht Gabriele

  8. “häufig findet man diese konvertierten Deutschen politisch im rechten, manchmal sogar im ultrarechten Lager, in Siedlungen gar.”

    “… in Siedlungen gar” – Was ist denn das? Wohnen nur die UltraUltraRechten in Siedlungen? Ich dachte, dort leben auch ganz “normale” Leute…

  9. Lieber Richard Schneider,

    zunächst einmal Danke für den Beitrag. Ja, genau dazu ist doch dieser Blog da, dass man mal etwas unausgegorenes, vielleicht unkorrekten in den Raum stellen kann, das vielleicht noch nicht tagesschaureif ist, aber mal diskutiert werden sollte.

    Genau so fasse ich Ihren Beitrag auf, und danke Ihnen deshalb auch für Ihr Vertrauen, uns zuzuhören – und uns zuzutrauen, so ein brisantes Thema zu kommentieren.

    Und spontante Reaktion: Ja, genau so ist es! Die Beobachtung stimmt und auch die daraus gezogenen Schlüsse kann ich genau so nachvollziehen.

    Ich habe das mit anderem Vorzeichen auch selber erlebt: bei deutschen Konvertiten zum Islam. Nirgendwo bei muslimischen Gesprächspartnern habe ich so eine Leidenschaft für die palästinensische Sache erlebt.

    Die Israelis MUSSTEN förmlich die neuen Nazis sein, die Besatzung als Holocaust hochstilisiert werden, die Flüchtlingscamps als KZs usw.

    Auch hier wird die religiöse Konversion überlagert mit der Flucht vor der historischen Verantwortung, der Desertion zur sicheren “Opfer”-Seite.

    Sie haben ganz recht: Das betrifft längst nicht alle Konvertiten, aber es ist schon auffällig, gerade im Dialog, dass es aus dieser Gruppe eine auffällige Zahl von 200%igen gibt, mit denen ganz schwer überhaupt eine Gesprächsgrundlage zu finden ist.

    Aber es ist nicht auf uns Deutsche beschränkt, und die Flucht vor der historischen Verantwortung stellt nur einen Effekt dar, der das alles noch einen Zacken schärfer macht.

    Aber es gilt auch so das türkische Sprichwort: Mache einen Neubekehrten zum Muezzin, und er brüllt, dass das Minarett einstürzt. Dass also Konvertiten zu einer gewissen Radikalität neigen, ist sprichwörtlich.

    Und auch ein Fall von politischer Kompensation einer religiösen Konversion fällt mir ein: Mir sind selten so 200%ige Israelis begegnet, wie unter den Messianischen Juden.

    Jüdische Israelis, die sich dann zum Christentum bekehren, gehören plötzlich nicht mehr dazu, sind keine Juden mehr – jedenfalls nach Ansicht der jüdischen Mehrheit. Das einzige, was sie noch mit ihren Mitbürgern verbindet, ist der israelische Staat. Sie bleiben Israelis.

    Das betonen, hegen und pflegen sie dann auch auf eine Weise, die wirklich bis ins Groteske wachsen kann. Gedankt wird es ihnen übrigens nicht, wie man an ariels Reaktionen sehen kann.

    Und gleichzeitig vergeben sie so eine Chance auf innerchristlichen palästinensisch-israelischen Dialog. Was wir von Deutschland aus, dann wieder so schlecht verstehen können.

    Ja, ein Beitrag zum Nachdenken, und ich fürchte, meine Antwort war auch nicht überall politisch korrekt…
    Heidelbaer

  10. Gerne wiederhole ich: Die 200%igkeit der Konvertiten ist zumindest teilweise “hausgemacht”. Diese 200%igkeit ist Bedingung und Voraussetzung fürs Konvertieren, und da es sich bei diesem Prozess nicht um die Vorbereitung auf und schliesslich eine 20minütige Führerscheinprüfung handelt, sondern um ein in der Regel zwei- oder mehrjähriges Einüben von Lebensregeln undundund mit abschliessender Prüfung, wird die 200%igkeit entsprechend verinnerlicht.

    Ich habe mir ein paar der Interviews mit Tom Franz angesehen. Er ist offenbar mit einer sehr erfrischenden Beharrlichkeit an diese Sache herangegangen und hat schliesslich alle Prüfungen bestanden. Die Dauer dieses Vorgangs und das viele Lernen finde ich nicht erschreckend. Letztlich geht es um das Erlernen eines “way of life”, der mit der Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft nicht enden soll(te). “Zeit” spielt daher letztlich keine wirklich grosse Rolle.

    (Ver)störend finde ich hingegen die Bereiche, in denen in der Tat ERWARTET wird, dass das eigene kritische Denken abgelegt und bedingungslose Konformität/Gehorsam erwartet wird. Ich denke dabei vor allem an die islamisch anmutende Kleiderordnung für die Frauen. Wenn eine Frau sich dann widerwillig in das Schicksal der haarbedeckten Ehefrau fügt, wird sie die Wahl dagegen anderer Frauen kaum tolerieren. 200%ig ist in der Regel nicht doppelt richtig, sondern Hinweis auf das Gegenteil.

    • @ Lily, es ist nur eine ganz persönliche Überlegung, ohne Anspruch auf Richtigkeit.
      Vielleicht sind 60, 70, 80, 90 % ideal ???
      Ich meine damit, dass in jedem Menschen ein Entwicklungspotenzial steckt, so lange er lebt. Das Lernen ( nicht nur auf der kognitiven Ebene, sondern auch auf der emotionalen und spirituellen) endet NIE.
      Es ist das eine, ein Regelwerk sklavisch einzuhalten und es ist ein anderes, sich permanent offen zu halten für Erfahrung, Eingebung, Erkenntnis, seelisches Wachstum…..stets oder wenigstens gelegentlich unterbrochen von Rückschlägen, Irrtümern, Zweifeln.
      Es ist einfach menschlich. Die Heiligen und Erleuchteten mag es vereinzelt geben, sie sind , um einen buddhistischen Begriff zu verwenden “durchgebrochen” zum NICHTS, was gleichzeitig ALLES ist.
      Zu erkennen, HIER ( z. B: im Judentum) ist meine spirituelle und auch “irdische” Heimat, hier finde ich meine Antworten, in den Ritualen und Vorschriften finde ich SINN und Aufgehobensein… ist etwas ganz anderes als unter dem permanenten Druck zu stehen, seinen Schwestern und Brüdern im Glauben beweisen zu müssen, dass man sich besonders streng und fest an der Leine des jeweiligen Systems hat.
      Zu jeder Entscheidung, sei sie auch noch so radikal, gehört für mich auch Offenheit und Bereitschaft zur Korrektur.
      Manchmal ist es sinnvoll, Rituale einfach zu praktizieren ohne ständiges kritisches Hinterfragen, weil es den “Effekt” gibt, dass sich ihr Sinn erst später offenbart und ich erst durch stete Übung und Wiederholung einen Zipfel der Wahrheit zu fassen bekomme.

      Manchmal ist es aber auch sinnvoll zu sagen: ” Das mache ich NICHT, das gehört (noch ?) nicht zu mir.

      Die 100% bleiben ein Ziel,
      die 200% sind was für Kinder, die Fleisskärtchen wollen von den Kindern, zu denen sie sich hingezogen fühlen, zu denen sie gehören möchten, aber nicht wirklich gehören.

      Deswegen mein Plädoyer für die 60 bis 90 prozentigen.

      Im Übrigen glaube ich auch, dass diese LUSTIGER sind.
      Ein ganz wesentliches Moment, um dieses Erdendasein aushalten zu können und manchmal auch glücklich oder zufrieden damit zu sein.

      Vielleicht sind auch deutsche Burkaträgerinnen ab und zu lustig ?!
      Ich denke: eher nicht, weil die Voraussetzungen und Hintergründe im Regelfall nicht lustig sind, die dazu geführt haben, dass eine Frau sich so etwas antut.

      Aber auch da lasse ich mich gerne belehren und korrigieren.

      • „Vielleicht sind 60, 70, 80, 90 % ideal ???“

        Die Prozent-Ziele sind, @benno, mMn grundsätzlich nicht erstrebenswert.

        „Ich meine dass in jedem Menschen ein Entwicklungspotenzial steckt, so lange er lebt.“

        Zustimmung.

        „Es ist das eine, ein Regelwerk sklavisch einzuhalten und es ist ein anderes, sich permanent offen zu halten“

        Es ist das eine, jemandem ein nicht zu hinterfragendes Regelwerk vorzusetzen, und es ist ein anderes, sich permanent offen zu halten.

        „Zu erkennen, HIER ( z. B: im Judentum) ist meine spirituelle und auch “irdische” Heimat, hier finde ich meine Antworten, in den Ritualen und Vorschriften finde ich SINN und Aufgehobensein…“

        Das ist schön, wenn ich in einer dynamischen Beziehung zu dieser Tradition stehen kann (darf).
        .
        „ist etwas ganz anderes als unter dem permanenten Druck zu stehen, seinen Schwestern und Brüdern im Glauben beweisen zu müssen, dass man sich besonders streng und fest an der Leine des jeweiligen Systems hat.“

        Sprechen Sie von Druck, den der Gläubige wahrzunehmen glaubt oder von Druck, den die Schwestern und Brüder im Glauben sowie die Wächter über Richtig und Falsch, Gut und Böse (Priester, Rabbiner, Imame) praktisch ausüben bzw. ausüben lassen?

        „Manchmal ist es sinnvoll, Rituale einfach zu praktizieren ohne ständiges kritisches Hinterfragen, weil es den “Effekt” gibt, dass sich ihr Sinn erst später offenbart“

        … sprach der Guru und steckte seine Jünger und sich selbst in Brand…

        „Manchmal ist es aber auch sinnvoll zu sagen: ” Das mache ich NICHT, das gehört (noch ?) nicht zu mir.“ – „Die 100% bleiben ein Ziel,“

        Wer will die „100%“ definieren?

        Schauen Sie, dem jüdischen Volk wurde die Thora, d.h. erst einmal die beiden Gesetzestafeln unterbreitet. Es heisst, sie haben sich dafür entschieden, ehe sie den Wortlaut kannten. Sie haben nicht zuerst die Gesetzesinhalte in 500 Unterrichtsstunden gelernt und spätere Rituale über einen langen Zeitraum eingeübt.

        Das „Ja“ stand am Anfang. Es war gebunden an einen Ort (an dem die Worte vernommen werden konnten) und an die Zugehörigkeit zu einem Volk.

        Im Grunde müsste Konvertieren heute bedeuten: ‚Ja, ich gehe nach Israel. Ich schliesse mich dem Volk an. Ich will Gottes Willen entsprechend seiner Offenbarung tun.‘

        Die Zehn Gebote sind das Kernstück des Gesetzes. Die 613 Gebote, die niemand einhalten kann, umfassen sehr viel mehr. Die jüdische Tradition nimmt vom Grundsatz her alle 613 Gebote auf sich – plus dazugehörende Auslegungen (Kommentare) und nähere Definitionen. Nichtjuden sind aus jüdischer Sicht gerecht durch die Einhaltung von Sieben Geboten. Nicht enthalten sind die sensibleren Bereiche, die das Begehren und die Pflege von Gedanken und Worten betreffen.

        Es liegt eine Kluft von 613 : 7 Geboten zwischen Juden und an die Auserwählung der Juden glaubende nicht-jüdische Monotheisten. Sollten Nichtjuden denn nicht in der Lage sein, die ZEHN Gebote für sich zu akzeptieren und danach zu streben, diese zu einem möglichst hohen …Prozentsatz einzuhalten? Oder sollen sie die Zehn nicht haben, weil sie die Sechshundertdreizehn nicht annehmen?

        Die Welt wäre besser, wenn wir uns alle bei den Zehn Geboten treffen könnten.

        Und die Sechshundertdreizehn oder Zehn lassen sich sogar zu einem einzigen Gebot zusammenfassen, dem die Religionspraxis der 613 auf jeden Fall standhalten sollte:
        “What you dislike, do not do to your friend. That is the basis of the Torah. The rest is commentary; go and learn!” (Hillel)

        „[Burka] Ich denke: eher nicht, weil die Voraussetzungen und Hintergründe im Regelfall nicht lustig sind, die dazu geführt haben, dass eine Frau sich so etwas antut.“
        „Aber auch da lasse ich mich gerne belehren und korrigieren“

        Ich denke, niemand sollte sich „etwas antun“ müssen, um konvertieren bzw. einer Glaubensgemeinschaft angehören zu können. Freiwilligkeit muss immer gegeben sein, aber ein freier Geist stört die Rechtgläubigen. Daher muss er angepasst und die Persönlichkeit gegebenenfalls gebrochen werden. Fördert dieses Vorgehen die Gottesbeziehung des Konvertiten/Gläubigen – oder stärkt es eher die Position religiöser Autorität auf Erden?
        Lässt sich institutionalisierte Rechtgläubigkeit belehren und korrigieren?
        Sind Rabbiner ohne Falsch und frei von Irrtum?

        [Ich äussere mich nur hier so frei. Ich bin kein Revolutionär. Wenn ich die Wahl habe, Autorität herauszufordern oder mich zurückzuziehen, wähle ich den Rückzug.]

        Ängstliche Menschen mit einem grossen Sicherheitsbedürfnis lieben die vielen Gesetze, auch wenn sie in die Enge führen, weg von spiritueller Weite und hinein in eine Praxis, die von der äusseren Manifestation des Glaubens lebt. –

        „Völlige Liebe treibt die Angst aus.“ (NT: 1. Joh. 4:18) – Je mehr Liebe einem Menschen innewohnt, desto weniger Angst hat er und umso geringer ist sein Bedürfnis nach Versicherungen. Der neue Blick des Unerschrockenen auf die alten (ewigen, heiligen) Gesetze macht den Ängstlichen, den Pharisäern Angst. Sie sehen darin Blasphemie. Der „Liebende“/Gesetzlose? lebt auf diese Weise seine dynamische, lebendige Gottesbeziehung; er kann in ritualisierter Sicherheit nur bedingt die Wahrheit und sein „Glück“ finden.

        Ich stelle hier relativ reformierte Ansichten vor. Ich weiss, ich weiss. 🙂

      • PS @benno

        Es gibt zwei Dinge, die ich an “Religion” (= Dogma, Tradition, Rituale, Rechtgläubigkeit) störend finde:

        1. Das Bestreben, Individualismus gemeinschaftsfähig konform zu machen, Persönlichkeiten zu verbiegen und zu brechen. Dazu: Diese Anstrengung als wertvoll, heilig und daher alternativlos zu verkaufen.

        2. Das exklusive Vorrecht an dem einzigen, dem unumstösslichen Verständnis der Wahrheit, das ebenfalls alternativlos ist.

        “I hate when art becomes a religion. I feel the opposite. When you start putting a higher value on works of art than people, you’re forfeiting your humanity.” – Woody Allen

        • @ Lily,

          als ich davon “sprach”, es sei manchmal sinnvoll Rituale einfach zu befolgen ohne sie kritisch zu hinterfragen, meinte ich eben genau NICHT eine sklavische Regelbefolgung, sonder etwas ganz anderes. Es gibt lästige und unangenehme Dinge, deren Befolgung unterm Strich aber Vorteile bringt.
          Das Kind sieht nicht ein warum es Hausaufgaben machen soll, warum es sich abends waschen soll…. und irgendwann( vielleicht, hoffentlich) erschliesst sich ihm der Sinn.
          So kann es beim Erwachsenen mit Beten, mit Kirchgang ( Synagogenbesuch), mit der Einhaltung bestimmter Regeln sein.
          Diese können bewirken, dass er/sie eine Beziehung zu Gott bekommt, obwohl er/sie anfänglich denkt, das seien alberne und überflüssige Verordnungen.
          Ich habe mich falsch ausgedrückt.
          Eigentlich meinte ich Disziplin. Nur permanentes Üben lässt mich ein Handwerk oder eine Kunst beherrschen, und genauso kann permanentes Ausüben bestimmter Rituale meine “Religiosität” “trainieren”.
          Der Guru, der seine Jünger und sich selbst in Brand steckt ist nicht interessiert an der “Erziehung” liebesfähiger Menschen, die Gott näher kommen,
          aber der Priester ( Rabbi), der väterlich liebend mein Potenzial an Liebesfähigkeit steigern will, kann durchaus zu dem Mittel greifen mir aufzutragen, ein bestimmtes Ritual zu praktizieren, in der Hoffnung, es werde mich voranbringen.
          Das heisst noch lange nicht, dass ich dem blind folgen MUSS. Es kann EIN Mittel sein, mir selbst und Gott näher zu kommen, und wenn es nicht so ist, dann muss ich einen anderen Weg suchen.
          Rituale und Gebote sind EINE Möglichkeit, mit Gott in Kontakt zu kommen, und in Zeiten der Verunsicherung und der Ratlosigkeit können sie durchaus sinnvolle “Krücken” sein.
          Der Guru, von dem Sie schreiben, hat nichts von einem väterlichen oder mütterlichen Führer, er ist der VERführer, der glaubt die Wahrheit zu wissen, er hat keine Demut und nicht die Einsicht, dass Gott unendlich grösser ist als er selbst und deshalb gebärdet er sich wie Gott und verfügt über das Leben seiner Jünger und sein eigenes.
          Genau das würde der väterliche/ mütterliche Priester ( Rabbi) niemals tun. Seine/ Ihre Strenge ist liebevoll und gütig.

          Meine 60, 70, 80, 90 % meinen doch nur, dass ich mich bemühen soll um das Mass an Frömmigkeit und Gottes – und Nächstenliebe, zu dem ich hier und jetzt fähig bin, und mich nicht selbst überfordern soll mit nicht einzulösenden Zielen.

          Sie haben Recht.
          Die 10 Gebote reichen völlig für ein “richtiges” Leben.
          Das Woody Allan – Zitat ist ja nichts anderes als der kategorische Imperativ von Kant, und der ist als ethische Grundlage für ein Gemeinwesen ebenfalls ausreichend.

          Aber es gibt etwas darüber hinausreichendes.
          Ich weiss es doch auch nicht, wie man dorthin gelangen kann und soll.
          Mir sind die Rechthaber suspekt und mir sind die Nichtfragenden suspekt und ich bin mir selbst manchmal suspekt und manchmal scheint etwas durch den Nebel.

          Das Einzige , was ich weiss, ist, das nur die Liebe dem Leben Sinn gibt.
          Die Liebe zu Gott und dem Nächsten und mir selbst.
          Das ist das Einzige für mich alternativlose.
          Alles andere ist verhandelbar.

          Alles gute für Sie

    • Eine Kleiderordnung – plus konformes Verhalten – gibt es aber auch in bestimmten Kreisen (Tradition) innerhalb des Judentums. Kopftuch, Perücke, kahlgeschorenes Haupt, der Gang in die Mikwe, das alles wird oft von den Frauen erwartet. Der Gruppendruck ist sicher nicht minder groß, wer schließt sich gerne aus der eigenen Gruppe aus? Und hier wird erstmal nicht nach Sinn und Zweck gefragt, sondern als etwas Gegebenes und Einzulösendes erwartet. Ausscheren aus den Normen, zieht ein Absondern bzw. einen Ausschluss womöglich mit sich. Ist es gut, ist es hilfreich…. ? Islam wie Judentum sind sich hier sehr ähnlich, wie in anderen Bereichen ebenfalls.

  11. Im Hinblick auf übereifernde, besserwisserische, fanatische Konvertiten – also mit zweifelhaften Motiven für den Übertritt zum Judentum -, kann ich Herrn Schneider in seiner persönlichen Beschreibung/Beobachtung beipflichten So oder so ähnlich verhält es sich mit all jenen Konvertiten, die sich an einem bestimmten Punkt radikalisieren, dabei ein fanatisches Bewußtsein erlangen und deren Perspektive auf die Welt, einem Tunnelblick gleicht. Der Andere ist jeweils der Feind. Es gibt nur Schwarz und Weiß. Vor allem aber sind sie von ihrer Meinung und Weltbild derart überzeugt, da passt kein Blatt Papier dazwischen. Irrtümer, Zweifel oder Lernen ect., Fehlanzeige. Gabriel Marcel hat das in seinen Schriften eindringlich beschrieben, die sich dieses fanatisierte Bewußtsein zeigt und auswirkt.

  12. Als ich den Titel las, dachte ich eigentlich sofort an Deutschen, die zum Islam konvertieren.Und ich dachte, ops…, das wird Interessant…

    Aber dann ging es dann doch nicht darum, sondern um Judentum, und letztendlich um eine “merkwürdige” Verarbeitug mancher Vergangenheit.

    In der Tat ein Beitrag zum Nachdenken.
    Gleichwohl aber auch, ein Thema oder ein “Fakt/Zustand” der sogut wie keine (politische?) Relevanz hat.

    Ganz anders aber – in meine Augen – die (immer mehr werdenden?) Deutsche (nur?) “200%ig” Islam-Konvertiten, die warum auch immer “die palästinensische Sache” zur eigen machen, oft ohne Rücksicht auf Verluste, und dafür mit alle möglichen politischen und demokratischen Mitteln kämpfen.

    Aber vielleicht ist das alles ja nur eine Frage der Perspektive.
    Dennoch, eine Sache sind paar (gemessen an der Prozentual) “200%ig ‘Juden’ ” in der Kessnet oder in der israelischen Bevölkerung, eine ganz andere ein “paar” (die Prozentual nicht vergessen) “200%ig ‘Moslems’ ” in der UN, EU und respektiven Bevölkerung und demokratischen/politischen/wirtschaftlichen Moglichkeiten/Gegebenheiten.

  13. Es geht auch umgekehrt und bei anderen Völkern, Religionen und Ideologien auch , ich könnte Dutzende von Beispielen samt Biografien angeben , nennen tue ich nur ein Paar.
    Tómas de Torquemada , Dominikaner und Großinquisitor verantwortlich für das Töten Foltern und Verbrennen vieler Häretikern in erster Linie zum Christentum konvertierte Juden , war jüdischer Abstammung.
    Eine Rabbiner konvertierten zum Christentum ,Hetzten gegen Juden und veranlassten Pogrome.
    Lazar Kaganowitsch Moissejewitsch sohn jüdischer Eltern eifrige Kommunist und Freund Stalins war mitverantwortlich für die die Hungersnot von 1932 bis 1933 in der Ukraine bekannt als die Holodomor . Er leitete persönlich die Beschlagnahme von Getreide , 5 Millionen Menschen verhungerten. Von 1935 bis 1937 arbeitete Kaganowitsch als Narkom (Minister) für die Eisenbahn. Schon vor dem Beginn der Großen Säuberungen , organisierte er die Verhaftungen von Tausenden von Eisenbahn Administratoren und Managern als angebliche “Saboteure”.
    Aus der Neuzeit kann man unter anderem Richard Anderson Falk ,
    Gideon Levi, Schlomo Sand , J- Street , Richard Joseph Goldstone, Thomas Loren Friedman,
    Roger Cohen und viele viele andere.
    All diese Leute waren und sind invertierte die mit großem Eifer , ihre menschenverachtende Ideologien verfolgen, völlig in sich selbstverliebt in ihren Elfenbeintürme lebend.
    Das Phänomen findet also überall statt. Übrigens 2 Gründerväter der Aryan Brotherhood eine nazi white supremacist prison gang sind jüdischer Abstammung Tyler Bingham and Thomas Silverstein.
    Auch die Nazis arbeiteten später für die Amerikaner und leisteten gute Dienste.
    Viele sowjetische Spione, die für den Westen arbeiteten wie Oleg Antonovich Gordievsky waren antikommunistischer als Ronald Reagan. Und das obwohl das Sowjetsystem ihnen große Privilegien und Posten gewährte.
    Die Tochter Stalins lebte später in den USA und diffamierte ihren Vater.
    In Deutschland gibt es die Antifa Bewegung , die mit den “Bomber-Harris, do it again!” Plakate.
    Ich heiße alle Deutsche Konvertiten, die sich den zionistischen Überlebenskampf angeschlossen haben , herzlich willkommen.
    Die sind Millionenfach mehr wert all die Haaretzgeschädigten.
    Die Geschichte wird richten wer die (Zitat R.C.Schneider : Sie sind arme Schweine, diese Konvertiten) Helden und wer die Übeltäter waren.

  14. Ich finde es auch manchmal recht unheimlich, wie besessen manche Menschen von einer Ideologie / Religion sind zu der sie neu dazustossen.

    Meistens schleppen diese Menschen einen Haufen Ballast mit sich rum, merken das aber ggf. nur unterbewusst. So haben beispielsweise viele ehemalige Soldaten der Wehrmacht oder SS zu Hause ihre eigenen Traumata mit Schweigen oder Gewalt gegen die Kinder “verarbeitet”. Diese Art der “Erziehung” legt sich wie Blei auf die Kinder, die dann später im Erwachsenenalter mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben und nicht wissen warum. Gleiches gilt auch ebenso für die Kinder der Opfer.

    Hier hilft wie immer: Offen drüber reden, miteinander, untereinander und ggf. mit Psychologen. Ich empfehle als Einstieg für Interessierte das Buch “Das innere Kind” von John Bradshaw. Hier geht es zwar ganz allgemein um in der Kindheit verursachte Probleme die später aufploppen, aber das “Prinzip” ist in allen Fällen ähnlich.

    Habe einzelne Freundinnen und Freunde wo das so eindeutig ist, wie sich etwas von Generation zu Generation überträgt (nicht jetzt nur wegen Krieg) …aber einige versuchen diesen Faden zu trennen und kämpfen darum diesen Ballast aus der Vergangenheit von sich zu werfen. Ist ein harter, sehr schmerzhafter Kampf, der viel Offenheit und Ehrlichkeit (zu sich und anderen) abverlangt, aber er ist es offensichtlich wert.

    Ich kann mich Herrn Schneider (teilweise) anschliessen: Mir tun diese Konvertiten auch etwas leid. Allerdings sollte man dann doch irgendwann sehen, dass man selber auch Schaden anrichtet.

  15. @ benno

    Über Sinn und Wert von Ritualen 1/2

    1. Religiöses jüdisches Leben ist durch Gesetze und Rituale (Tradition) geregelt.

    Sie betreffen im Wesentlichen den Tageslauf, die Woche und den Jahreslauf.
    Sie betreffen Männer und Frauen in nicht derselben Weise.
    Sie betreffen den Lebenszyklus des Individuums.
    Sie betreffen die Beziehung des Einzelnen zu Gott, zu sich selbst, ggfs. zum Ehepartner, der Familie im engeren Sinn, der völkischen Glaubensfamilie im weiteren Sinn bis hin zur Beziehung zum Nächsten und der mitmenschlichen Umwelt überhaupt.

    2. Neben den Zehn Geboten gibt es weitere Gesetze.

    Ich nennen drei Beispiele:

    K o s c h e r k e i t 🙂 :

    Es gibt Speiseregeln, die eingehalten werden müssen. Manches davon ist sinnvoll und nachvollziehbar. Der Sinn anderer dieser Regeln entzieht sich unserem Verständnis, und es bleibt: Wir halten sie ein, weil Gott es so will. Weitere Erklärungen sind unnötig.

    EINE Begründung für die Speiseregeln besteht darin, dass das Leid der Tiere dadurch minimiert werden soll. Ein vegetarischer (noch besser: vegan) Lebensstil kann somit als ein Ideal von Koscherkeit angesehen werden.

    Bedeutet das, dass ein jüdischer Koscher-Esser vom Tellerchen seines veganen Freundes essen darf? – Nein, das darf er nicht. – Warum darf er das nicht? – Er darf es nicht, weil die Motivation des Veganers zur veganen Ernährung vielleicht seine Gesundheit oder die Liebe zu den Tieren sein mag, aber die Motivation des koscheren Juden ist sein BUND mit Gott. Der verbietet es ihm vom Tellerchen seines liebenden Freundes zu essen.

    So will es die rabbinische Erziehung zu liebesfähigen Individuen…

    N i d d a (Familienreinheit):

    Entsprechend dieser Regeln gilt die Frau während ihrer Menstruation und während sieben weiterer Tage als unrein. In dieser Zeit dürfen Mann und Frau einander nicht kennen. Um die Einhaltung dieser Regel zu erleichtern, haben orthodoxe Ehepaare getrennte Betten.

    In dieser Regel kann man einen doppelten Sinn erkennen. Der erste liegt zweifellos darin, dass das Zusammensein von Mann und Frau auf die fruchtbaren Tage im Zyklus der Frau beschränkt wird. Die Regel optimiert die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung der Frau. Aus heutiger Sicht sieht es aus, als mache diese Regel die Frauen vor allem zu guten Gebärmaschinen bzw. den Mann zum optimalen Befruchter. Historisch aber hatte diese Regel in der Tat Sinn, da es dabei um das Überleben des Volkes geht.

    Der andere Aspekt dieser Regel liegt darin, dass diese Zeit körperlicher Enthaltung das geistig-emotionale Band zwischen Mann und Frau stärkt: Der Mann wird genötigt, sich in der verbalen Kommunikation mit seiner Frau zu üben.

    „Natürliche Verhütung“ wie vielfach von Christen praktiziert läuft dieser Regel völlig zuwider und wird daher im traditionellen Judentum nicht praktiziert. Chemische Empfängnisverhütung, die nur die Frau auf sich nehmen kann, ist jedoch (so weit ich weiss) zulässig.

    Die Nidda verliert damit ihre zentrale Bedeutung, und dennoch werden sich orthodoxe Juden weiterhin an diese Regel halten.

    N e g h i a:

    Verboten ist der körperliche Kontakt zwischen Männern und Frauen, die nicht zum eigenen engen Familienkreis gehören. Das heisst, eine Frau darf beispielsweise nur ihrem Vater, Ehemann und ihren Söhnen die Hand geben. Sie darf sich auch von einem Arzt berühren lassen, aber von niemandem ausserhalb dieses Kreises. Es gibt keine stürmischen Umarmungen mit alten Schulfreunden, Küsschen auf die Wange oder ähnliches. Für den Mann gilt umgekehrt das gleiche.

    Mit dieser Regel sollen körperliche Versuchungen kontrolliert werden…

    Und wie ist das mit homosexuell empfindenden Menschen?! – Neghia hat nur einen Sinn in einer Welt, in der Männer und Frauen jeweils nur empfinden, was das Gesetz vorschreibt. Oder lässt sich das Problem einfacher lösen, indem der Rabbi dem Mann, der Frau in seiner Erziehung zu liebesfähigen Individuen vorschreibt, wie sie zu empfinden haben?

    3. Regeln und Rituale hingegen, die den Tag, die Woche und das Jahr

    regeln, halte ich grundsätzlich für sinnvoll und schön. Sie haben Recht damit, dass die Einübung einer Disziplin (zum Beispiel das Gebet der Männer betreffend) Religiosität fördern und trainieren kann. Das Gleiche gilt für die Woche, die im Shabbat zur Ruhe kommt, wobei der Sinn des Sabbat über den der Einübung einer Disziplin hinausgeht, indem wir darin über Dialogsuchende hinaus zu Schöpfungs-Partnern Gottes werden und immer wieder an sein Schöpfungswerk und unsere Lebensaufgabe erinnert werden.

    Auch die Rituale der anderen Feste des Jahres tragen einen tiefen Sinn und sind sehr bedeutungsvoll. Sie stellen eine Verbindung zur Vergangenheit her, sind lebendige Geschichte und vor allem für die Kinder sehr anschaulich und identitätsstiftend. Sie bekräftigen die Zugehörigkeit zu einem Volk mit einer gemeinsamen Geschichte und den Bund, den Gott mit diesem Volk geschlossen hat. Sie heben historisches Wissen auf die Ebene erlebter Realität.

    Ich finde an diesen Ritualen nichts Unangenehmes.

    4. Für problematisch halte ich dagegen viele der Regeln, die jüdische „life cycle events“ betreffen. Vieles läuft dabei heute klar der Förderung der Liebesfähigkeit des Einzelnen zuwider. Ich führe das nun nicht weiter aus.

  16. @ benno

    Über Sinn und Wert von Ritualen 2/2

    5. „Der Guru, von dem Sie schreiben, hat nichts von einem väterlichen oder mütterlichen Führer, er ist der VERführer, der glaubt die Wahrheit zu wissen, er hat keine Demut und nicht die Einsicht, dass Gott unendlich grösser ist als er selbst und deshalb gebärdet er sich wie Gott und verfügt über das Leben seiner Jünger und sein eigenes.
    Genau das würde der väterliche/ mütterliche Priester ( Rabbi) niemals tun. Seine/ Ihre Strenge ist liebevoll und gütig »

    Ich möchte beinahe antworten : Träumen Sie ruhig weiter !

    Denn viele Rabbiner treten ohne die von Ihnen erwartete Demut auf und ohne die Einsicht, dass Gott unendlich grösser sei als sie selbst. Ihr Gebaren ist vielmehr päpstlicher als das vergangener Päpste, heuchlerischer, pharisäerhafter, korrupter als… – . Sie unterscheiden zwischen richtig-gläubigen Juden und falsch-gläubigen Juden. Reformer sind schlimmer als die Nationen, die es nicht besser wissen können; man muss sich von ihnen fernhalten. Die Rechtgläubigkeit dieser Rabbiner hängt ganz an Äusserlichkeiten (Halachah!). Anders praktizierende Brüder und Schwestern im Glauben werden ausgeschlossen. Der Gott dieser Rabbiner ist so starr wie ihre Gesetze. Und diese Rabbiner sind es, die bestimmen, wer vor Gott ein Jude ist und wer nicht.

    Vor ein paar Tagen habe ich dem brillianten Vortrag eines Rabbiners zugehört. Er ist u.a. sehr aktiv im interreligiösen Dialog und hatte echte Worte des Friedens. Seine Rede war weder seicht noch durchsetzt von leeren Phrasen, sondern authentisch und von Gottes Geist getragen. Es war wunderbar, ihm zuzuhören.

    Die Eltern dieses Rabbiners hatten den Holocaust irgendwo versteckt überlebt. Ich habe ihn auf youtube gesucht. Vor zwei oder drei Jahren hatte man ihn zu einem Vortrag in die Cathedrale Notre Dame de Paris eingeladen. Dort wurde er ausgebuht, konnte mit seiner Ansprache nicht beginnen. Die Polizei musste einige der Anwesenden abführen. Ein ebenfalls geladener Philosoph und er mussten in einen Nebenraum umziehen, von wo aus ihre Diskussion anschliessend geführt wurde, bis sich die Lage im Kirchenschiff wieder beruhigt hatte. Er benötigte einen Moment, um sich zu sammeln, sprach auch dort sehr gut. Am Ende konnten die Anwesenden Fragen stellen, und eine Dame entschuldigte sich im Namen der Anwesenden für den Tumult zu Beginn. Rabbiner Krygier müsse *verstehen*, dass die Menschen etwas aufgebracht seien. Es sei Fastenzeit, und man bereite sich auf Ostern vor… [N.B. Zu verstehen sollte sein, dass ein Vertreter derjenigen, die Jesus ans Kreuz genagelt hatten und die ihn noch immer nicht als Messias anerkennen, nun einmal nicht mit offenen Armen empfangen werden könne.]

    Dieser mutig auftretende Rabbiner, der Antisemitismus von allen Seiten kennt, ist ein Massorti. Er gehört dem konservativen Judentum an. Die orthodoxen Rabbiner erkennen ihn nicht an. Er darf in Israel leben. Religiös wird er in Israel jedoch nicht als Jude anerkannt. Von ihm durchgeführte Konversionen werden nicht anerkannt. Er darf nicht in Israel heiraten und bekommt in Israel kein jüdisches Begräbnis.

    *** Juden, die Juden so behandeln, kann ich nicht abnehmen, dass es ihnen am Herzen liegt, mit ihren Geboten Menschen zu liebesfähigen Individuen erziehen zu wollen. ***

    • @ Lily,

      Danke für die umfangreichen Informationen.
      Vieles wusste ich nicht.
      Offensichtlich ist das Thema weitaus komplexer, als es zunächst den Anschein hat.
      Im Moment kann ich nur erwidern, dass ich(fast) völlig mit Ihnen übereinstimme. Das ist kein billiges Einverständnis, um mich vor irgendwelchen Auseinandersetzungen zu drücken.
      Es ist tatsächlich so, dass ich ihre Argumentation nicht nur nachvollziehen kann, sondern in allen wichtigen Punkten ebenso denke, von Spitzfindigkeiten bei einzelnen Formulierungen mal abgesehen.
      Die Geschichte mit dem Rabbi Krygier ist erschütternd.
      Als Katholik finde ich es äusserst beschämend, wie die Leute sich verhalten haben.
      Aber das ist eine Sorte, die mich ohnehin nicht als Katholik anerkennen würde. Diese Juden = Jesusmörder – Geschichte gehört zum Düstersten und Unsäglichsten in der Geschichte des Christentums.
      Danke für die Beispiele aus der jüdischen religiösen Gesetzgebung. Ich habe gemerkt, dass es mir an Wissen mangelt, und ehe ich Ihnen antworte nur um des Antworten willens, vertiefe ich mich erstmal in die Materie.
      Ihre Kommentare sind lehrreich und bereichernd, immer wieder.

      • @benno

        „Es ist tatsächlich so, dass ich ihre Argumentation nicht nur nachvollziehen kann, sondern in allen wichtigen Punkten ebenso denke,…“

        Das überrascht mich nicht. Wissen Sie, ich staune darüber, dass mit meiner Näherung ans Judentum auch meine kritische „innere“ Auseinandersetzung intensiver wird – im Gegensatz zur Kritik des unbeteiligten, aussenstehenden Beobachters. Damit meine ich kein Pauschalurteil, sondern die Betrachtung von einzelnen Aspekten, Regeln und Interpretationen im Detail. Ich fühle mich betroffen und reagiere dabei auch emotional, und ich stelle fest, dass sich meine Kritik ziemlich christlich, auf jeden Fall „reformiert“ anhört. Ich sehe immer wieder Jesus und die Pharisäer vor mir. Meine Auseinandersetzung, genauso wie die liberalerer Strömungen des Judentums heute mit der Orthodoxie hat viel mit der damaligen Debatte gemein.

        „… von Spitzfindigkeiten bei einzelnen Formulierungen mal abgesehen.“

        Ihre Wahrnehmung ist treffend.

        „Die Geschichte mit dem Rabbi Krygier ist erschütternd.
        Als Katholik finde ich es äusserst beschämend, wie die Leute sich verhalten haben.“

        Die Geschichte ist gleich doppelt erschütternd. Zum einen zeigt sie, dass der Volksglaube an die Jesusmörder-Mär noch nicht aus den Köpfen vieler verschwunden ist und auf der anderen Seite, dass Rabbi Krygier einer von sehr vielen ist (knapp 4000 Rabbiner in den USA allein!), denen man aufgrund eines anderen Verständnisses der Halacha (des jüdischen Religionsgesetzes) ihre religiöse jüdische Identität abspricht. Hitler hätte seinen Spass daran.
        Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren.

        NB: Ich lese gerade ein Buch, das mich einigermassen aufwühlt: „Beyond the Ashes“ von Rabbi Yonassan Gershom. Er stellt darin eine sehr ungewöhnliche Idee vor. Er glaubt, anhand von vielen Fallbeispielen aufzeigen zu können, dass die Seelen vor allem der vielen im Holocaust aus dem Leben gerissenen Kinder vor allem in der Baby-Boom-Generation reinkarniert sind, nicht immer in jüdische Familien/Umfeld.
        Diese Vorstellung würde Hitler nun aus der Haut fahren lassen.

        Ich halte dieses Szenario für möglich, ja, sogar für wahrscheinlich, auch wenn es für unser Opfer-Täter-schwarz-weiss-Denken sowie für die „Auserwählung“ eine unbequeme Wahrheit wäre.

        • @ Lily

          Da ist eine lange Antwort von mir nicht “gesendet” worden und in den nächsten Tagen habe ich keine Zeit.
          Mit Rabbi Gershom werde ich mich beschäftigen,
          obwohl ich grundsätzliche Probleme mit der Idee der Reinkarnation habe.
          Vesuche nächste Woche noch mal eine Antwort.

  17. Und somit wollen Sie uns sagen, dass die europäischen “Weltverbesserer” nach deren Übertritt, z.B. auch auf “die Seite der Muslime” der eigentliche Treibstoff für anhaltende Problematiken sind?
    Ich selbst stehe-Screwtape hin oder her-“überzeugter Religionsausübung” kritisch gegenüber; Konvertiten sind es aber vielleicht nicht immer, Verführte oft wenn jemand-vielleicht sogar ohne familiären Hintergrund-in einen Krieg zieht, der nicht der seine ist. Religion als Form gesellschaftlicher Organisation sollte nie ein Mittel der Politik sein. Was aber macht denn den “appeal” einer solche Konstellation aus, dass sich Leute-um nachher deutlich radikaler werden, als sie es vorher jemals geworden wären (die Ihnen bekannten Beispiele haben sie ja farbig beschrieben; @RCS: Fundamental-Glaube sieht vielleicht in keiner Religion anders aus, oder wie sehen Sie das?)-in einen “echteren” Zusammenhang versetzen wollen, als es ihnen vielleicht gut tut?
    Die Antwort ist vielleicht, dass sich der Mensch aussuchen möchte, woran er leidet. Vielleicht sollte man Leuten einfach das Leiden auf zu schädliche Weise verbieten…?

  18. Ich werde jetzt nicht alle Kommentare durchlesen, um zu sehen, ob das hier schon geschrieben wurde, trotzdem ist es mir wichtig dies zu bemerken. Es mag zwar nicht so viel mit dem Thema “Konvertiten” zu tun haben, aber der Satz “Doch für die Kinder der Überlebenden ist die Identifikation kein Problem” stimmt absolut nicht! Nicht umsonst gibt es jahrelange Forschung (z.B. Zahava Solomon von der Tel Aviv University) zum Thema transgenerational effects of traumatic experiences bzgl des Holocausts. Viele Kinder und Enkel haben enorm mit der Tatsache zu kämpfen, dass ihre Vorfahren im Holocaust umgekommen sind, insbesondere, wenn das Thema zuhause Tabu war. Die 3. Generation ist oft die erste, die sich mit dem Thema auseinandersetzt, die Kinder von Überlebenden haben sich oft nicht getraut zu fragen. Dazu kommt das Problem vieler Überlebender selbst, die sich fragen, warum sie überlebt haben und andere nicht. Die Identifikation ist also überhaupt nicht unproblematisch.
    Der Rest des Artikels ist interessant und bestimt auch einiges Wahres dran.