Abbas in Not

Die Entführung der drei israelischen Religionsschüler setzt vor allem einen unter Druck: Mahmud Abbas, den Palästinenserpräsidenten. Gerade wurde der 79jährige noch für die Bildung einer palästinensischen Einheitsregierung gefeiert. Erstmal seit sieben Jahren sollten die moderatere Fatah und die radikale Hamas eigentlich wieder mit einer Stimme sprechen. Doch nun, nach der Entführung, inhaftieren die Israelis täglich Funktionäre der Hamas in der Westbank (Bisher hat sich übrigens noch niemand zur Entführung bekannt. Und es liegen auch keine Beweise vor!). Israelische Truppen dringen massiv auch in die A-Zone ein, also in das Gebiet das von den Palästinensern kontrolliert und verwaltet wird. Der Unmut bei den Palästinensern steigt. Dieses gerade stattfindende Drama könnte dafür sorgen, dass Abbas in jedem Fall zu politischen Opfer des Entführung werden könne. Und er kann wenig dagegen machen: Die Entführung hat er verurteilt, ja und hat auch seit langem wieder am Telefon mit dem israelischen Premierminister gesprochen, aber eine Distanzierung von der Hamas könnte das Zerbrechen der gerade erst gebildeten Regierung bedeuten. Zurück auf null also. Wahlen und Einheit in weiter Ferne. Und die Palästinenser, gebeutelt von schlechter wirtschaftlicher Lage und Hoffnungslosigkeit, würden ihm wohl von der Fahne gehen. Unterstützt er aber die Hamas würde die lebenswichtige finanzielle Unterstützung aus dem Westen wohl gekappt werden. Die Palästinenser hängen aber finanziell am Tropf der USA und der Europäer. Die Wirtschaft würde kollabieren, Gehälter könnten nicht mehr gezahlt werden. Und auch die Israelis, mit denen die Zusammenarbeit in der Westbank eigentlich ganz gut läuft, könnten Abbas fallen lassen. Und vielleicht den sehr populären, in einem israelischen Gefängnis sitzenden Marwan Barghouti ins Spiel bringen. Eine schwierige Lage für den politisch sehr erfahrenen und mit allen Wassern gewaschenen Palästinenserpräsidenten. Seine Taktik: Schweigen und Aussitzen.So ist es ihm schon oft gelungen aus politischen Zwickmühle herauszukommen. Doch das wird für Abu Mazen, so sein Kampfname aus früheren Zeiten, diesmal wohl schwierig.

 

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  1. Abbas in Not – Herr Rosch – seien mir nicht böse, aber mir kommen die Trainen…Eyal, Naftali und Gilad und ihre Familien, das sind diejenigen, die sich im Drama derzeit in Not befinden…Und zum Thema Beweise: Ja stichhaltige Beweise wird man erst haben, wenn es tatsächlich gelingen sollte, die Jungs aus ihrem Kellerloch zu befreien, oder wenn man sie mit durchgeschnittener Kehle irgendwo auffindet, bis dahin müssen wir uns mit einem inzwischen als glaubwürdig eingeschätzten 911-Call eines der Entführungsopfer, dem überschwänglichen Lob der an der Einheitsregierung ja doch irgendwie beteiligten Hamasführer und den Jublelfeierlichkeiten in Gaza als indirekte Beweise begnügen.
    Aber das sind Aspekte denen die deutschen Medien allen voran, die Tagesschau und SPON inzwischen überhaupt keine Aufmerksam mehr schenken. Man empört sich stattdessen über die Ermittlungsarbeit der israelischen Militärs – macht sich ohne jegliche journalistische, kritische Distanz zu wahren Marwan Barguttis Propaganda-Geschwafel von der “Kollektivbestrafung” der Hebroner Bevölkerung zu eigen. Dass es einen Grund für die Ermittlungen gibt, gerät dabei völlig in den Hintergrund.Und bei einer solchen Vorlage braucht man sich nicht zu wundern, wenn dann die Kommentarfunktion meta.tagesschau aus allen Nähten platzt und der antiisraelische Mob sich dort austobt. (Wir wissen ja Bürgerkrieg in Syrien und Irak, Entführung von Schülern in Nigeria etc pp., nichts erregt den Deutschen so wie Juden, die sich wehren)…

    Ob Abbas wirklich in Not ist, oder ob er sich freut, weil die Israelis für ihn die Westbank aufräumen und seine Gegner festnehmen, sei mal dahin gestellt. Mir ist eigentlich ziemlich egal zu welchen Verwerfungen die durch die Entführung ausgelösten Ermittlung führen…Das politische Establishment in den palästinensischen Autonomiegebieten ist, so oder so völlig am Ende….Auch die als Weg zu Frieden und Sicherheit viel gepriesene so genannte “Einheitsregierung” ist doch nach drei Wochen schon am Ende…Hamas und Fatah sind sich nach wie vor spinnefeind, belauern und verdächtigen sich gegenseitig…Was ist die Bilanz nach drei Wochen Einheitsregierung?: Nach außen massiver Streit zwischen Hamas und Fatah, die Aufforderung des Hamas-Sprechers israelische Zivilisten und Soldaten zu entführen –> Eine Entführung; zunehmender Raketenterror im Süden etc. Wenn man das alles zusammen nimmt, müsste die nächste Überschrift in diesem Blog eigentlich lauten:
    “Bekloppte in Ramallah!”

    • @ Joerg
      @ Elia Marello ( “Leben sie Noch?” )

      So sehe ich das auch.
      Und : Die meisten Berichte in der deutschen Presse vor Ort sind ziemlich oberflächlich . Dazu werden immer wieder fast ausschliesslich Bilder von IDF-Soldaten / Militär ect. gezeigt und da Bilder mehr wirken als das gesprochene / geschriebene Wort , gibt dies den vorhandenen antiisraelischen ( und antijüdischen) Ressentiments weiter Futter . Schade oder Schande ( je nach Blickwinkel ) !
      Dies ist einer der Gründe, warum ich diesen Blog lese .

    • “nichts erregt den Deutschen so wie Juden, die sich wehren”

      Wann werden sie endlich begreifen, dass es die jüdischen Zionisten waren, die hier diejenigen sind, die eine unschuldige Bevölkerung seit Jahrzehten unterdrücken, ausbeuten, ermorden, foltern, bestehlen … Sorry, aber diejenigen die sich gegen die europäischen Einwanderer wehren sind die einheimischen Palästinenser. Sie sind die Opfer Europäischen Kolonialismus und rassismus. Bevor die Zionisten, mit ihrem rassistischen Plan, aus dem mehrheitlich muslimischen Palästina einen Judenstaat zu machen, nach Palästina gekommen sind, haben Christen, Juden und Muslime friedlich miteinander gelebt …

      • Free, historisch stimmt leider so gut wie nichts.

        – Keineswegs kam die Aliya nur aus Europa

        – Das friedliche Miteinander ist ein Gerücht und wurde durch eine Regierung von außen erzwungen

        – Die Vernichtung des jüdischen Viertels in Jerusalem, die Schändung der Heiligen Städten des Judentums, der weltweite Terror – alles Schuld der Zionisten?

        O weia.
        Heidelbaer

    • Das Kompliment, dass Sie mir unter “Leben sie noch” unter den Kommentar geschrieben haben, kann ich nur zurückgeben. Vom ersten bis zum letzten Satz kann ich das nur unterschreiben.

      Natürlich ist es leicht, Abbas aufgrund seiner sehr begrenzten Handlungsspielräume als reines Opfer israelischer Macht- und Interessenpolitik darzustellen.

      Aber das ist im Falle dieser Entführungsgeschichte so, als hätte man angesichts der Entführung von Hanns Martin Schleyer getitelt: Linke APO in der Klemme! Ach die Armen!

      Scheinheilig werden nach außen kriminelle Entführungstheorien lanciert und (das ist dann wirklich dreist) darauf hingewiesen, dass die Entführung ja im Bereich israelischer Sicherheitsverantwortung passierte.

      Würde man das beim Wort nehmen, müssten die Israelis also noch mehr Zäune und Checkpoints bauen, oder was?

      Natürlich kann man sich um Abbas Sorgen machen. Er laviert mit einer enormen Chuzpe zwischen lauter Halbwahrheiten: Loyalität zum Westen, Bruderschaft mit der Hamas, Verhandlungsbereitschaft mit Israel, Bewahrer der Heiligen Stätten, Säkularer Reformer, Heimbringer der Flüchtlinge, Staatsgründer Palästinas, Bewährter Freund Russlands – wer, bitte, wundert sich, dass ihm dieser Eiertanz zum Verhängnis wird, wenn in einer Krisensituation gefordert ist, Farbe zu bekennen?

      Mich nicht,
      Heidelbaer

  2. “Abu Mazen, so sein Kampfname aus früheren Zeiten”

    Etwa die als Terrorist(enhelfer)?

    Ansonsten kann ich Joerg nur zustimmen!

  3. Der Staat Israel wurde von der Weltgemeinschaft (UN) vorgeschlagen und wird seit 66 Jahren von der nicht arabischen Welt massiv unterstützt. In Deutschland gilt seine Existenz als Staatsräson.
    Die Westbank wird seit 47 Jahre besetzt. Aus Gründen der Sicherheit sei eine militärische Besetzung notwendig, so der Tenor alle bisherigen israelischen Regierungen. Seit 47 Jahren ist die palästinensische Bevölkerung zunehmenden Unterdrückung ausgesetzt. Bei einer derart langen „militärischen Besetzung“ ist es kein Wunder, dass die Besetzung zu einer verkappten Annexion wird, d.h. Besiedlung mit Juden unter Beibehaltung aller ihrer Rechte als israelische Staatbürger, während den Einheimischen diese Rechte vorenthalten werden. Das ist typischer Siedlerkolonialismus. Kein Wunder das die einheimische Bevölkerung sich dagegen auflehnt und radikale Kräfte immer wieder mit übermäßiger Gewalt reagieren.
    Es ist nachvollziehbar, dass die Entführung von Jugendlichen zu einer Entrüstung der israelischen Bevölkerung führt und die westliche Welt diese Empörung teilt. Aber sie sollten sich auch entrüsten über die Menschen, die sich in dem besetzen Gebiet niederlassen, Familien gründen und damit ihre Kinder großen Gefahren aussetzten, z.B. auch die einer Entführung.
    Die Weltöffentlichkeit ist immer weniger bereit, die israelische Politik der Besetzung der Westbank zu akzeptieren. Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern mit dem Wunsch, dass Israel zurückkehrt zu den Prinzipien, eines liberalen, demokratischen Rechtsstaats, den es bei seiner Gründung versprach einzuhalten.

    • “Wunsch, dass Israel zurückkehrt zu den Prinzipien, eines liberalen, demokratischen Rechtsstaats, den es bei seiner Gründung versprach einzuhalten.”

      Wann soll das gewesen sein? Vor der Staatsgründung haben die Zionisten Massaker an hunderten palästinensischen Zivilisten verübt, sie haben hundertre von Dörfern dem Erdboden gleichgemacht, sie haben hunderttausende vertrieben. Verhält sich so ein Rechtstaat?

    • Was verstehen Sie unter “zunehmende Unterdrückung”? Dass Israel sich aus Gaza zurückzieht, den Sinai zurückgibt, der palästninensichen Seite Autonomie und Selbsverwaltung zugesteht einschließlich regulärer bewaffneter Sicherheitskräfte? Dass Israel Friedensverträge mit Jordanien und Ägypten schließt, dass es über einen palästinensischen Staat verhandelt?

      Dieses “zunehmend” ist nur so eine kleine Floskel, die unser “es wird ja sowieso alles immer schlimmer”-Gefühl bedient. Aber es ist sachlich falsch und irreführend.

      Von der Besatzungsrealität Anno 67 sind wir heute in Westbank und Gaza meilenweit entfernt. Leider geht es den Palästinensern mit dem zunehmenden *Rückzug* der Israelis tatsächlich immer schlechter.

      Trotz Milliarden von Subventionen aus Töpfen der USA, EU, UN und diverser arabischer Hilfeleister bekommt die PNA weder die wirtschaftliche Situation noch die Sicherheitslage in den Griff.

      Freilich ist es leicht, diese Probleme auf die immer noch vorhandene Besatzung zu schieben, und Israel für alles Wehe Palästinas verantwortlich zu machen, und wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann sind es eben die bösen Siedler.

      Dabei stellen gerade die Siedler oft noch einen (sonst kaum noch vorhandenen) intakten Wachstumsfaktor für die Wirtschaft in Palästina dar. Nachdem in Gaza alle Siedlungen geräumt wurden, verfallen dort vorher profitabel wirtschaftende Betriebe.

      Man könnte dort Landwirtschaft, Tourismus, Dienstleistungen usw betreiben, wenn man verzichten würde, regelmäßig Israel zu bombardieren – und stattdessen auf Frieden und offene Grenzen setzen würde.

      Ja, die Besatzung ist Unrecht, sie produziert auch immer neues Unrecht. Es liegt aber auch an den Palästinensern, diese Besatzung nicht mehr als “alternativlos” dastehen zu lassen.

      Solange aber Hass und Gewalt in den Moscheen gepredigt, im Staatsfunk propagiert und in Schulen gelehrt wird, solange die Spielräume der Selbstverwaltung nicht für das Volk sondern zur zur Bereicherung von Clans und Kadern missbraucht werden, solange wird es Terror geben und Israelische Maßnahmen, diesen von ihrer Bevölkerung fernzuhalten.

      Heidelbaer

      • Was verstehen Sie unter “zunehmende Unterdrückung”? Dass Israel sich aus Gaza zurückzieht, den Sinai zurückgibt, der palästninensichen Seite Autonomie und Selbsverwaltung zugesteht einschließlich regulärer bewaffneter Sicherheitskräfte? Dass Israel Friedensverträge mit Jordanien und Ägypten schließt, dass es über einen palästinensischen Staat verhandelt?

        Wie wäre es denn wenn israel endlich das ganze gestohlene land zurückgibt, die vertriebenen entschädigt, diejenigen entscädigt die angehörige verloren haben, die entschädigt die zu unrecht Jahre lang in isrealischen Gefängissen eingesperrt und gefoltert wurden, diejenigen die Israel kollektiv bestraft hat, durch Ausgangssperren, Checkpoints, Hauszerstörungen … Solange israel der unrechtsstaat bleibt der er ist haben die Palästinenser jedes Recht sich gegen diese menschenverachtenden Besatzer zu verteidigen.

        • Free, schreiben Sie Ihre Beiträge eigentlich mit Autocomplete? Sie gehen überhaupt nicht auf die gestellte Frage ein. Meine Frage war: Was an der Härte der israelischen Besatzung nimmt eigentlich zu?

          Es sind diese kleinen Attribute, die ein Gefühl erzeugen, als würde alles immer schlimmer. Schlimmer wird auch einiges, die ökonomische Situation verschlechtert sich, und sollten tatsächlich die Produkte aus Siedlungen großflächig boykottiert werden, sind es die palästinensischen Arbeiter, die als erstes darunter leiden müssen.

          Das ist ja sowieso eine bittere Ironie: Als noch kein Oslo, keine Selbstverwaltung, kein Rückzug aus Gaza war, ging es den Palästinensern wirtschaftlich sehr viel besser.

          Aber von “zunehmender Unterdrückung” zu sprechen kann eigentlich nur meinen, dass die PNA und HAMAS noch schlimmer sind als die israelischen Besatzer. Ich frage mich nur, ob rbohi das wirklich meinte.

          Heidelbaer

  4. Es ist in Abbas’ ebenso wie in Israels Interesse, die Hamas zurückzudrängen. Es klingt auf den ersten Blick gut, dass die israelische Armee gemeinsam mit der PA nun alles daran setzen, das Westjordanland vom Terror der Hamas zu befreien, zu „säubern“(?) – um die drei entführten Yeshiva-Schüler zu finden und wieder nach Hause zu bringen.

    Allein der Glaube fehlt mir.

    Wir können sehen und müssten erkennen, wie tief das israelisch-palästinensische Problem greift. Wie weit ist die Gesinnung der Hamas entfernt von ISIS? – Die Welt wünscht sich, dass Frieden einkehrt, dass Terroristen bekämpft werden und dass etwas gegen ISIS unternommen wird. Die Hamas ist eine anerkannte Terrororganisation, aber Israel steht allein da, wenn es darum geht, gegen sie vorzugehen.

    Es wurden drei Jugendliche entführt, und diese Entführung hat die „Operation Brother’s Keeper“ auf den Plan gebracht. Die Palästinenser sind sich weitgehend einig: „Das ist alles nur eine grosse Inszenierung“, um diese Militäroperation in der West Bank durchführen zu können! – „Hilfe, nein, diese Gottlosen! Niemals!“ schreien die Israelis zurück, und ihre Welt dreht sich nunmehr um nichts anderes als das Leben und die Rückkehr dieser drei jungen Menschen. Jedes Mittel ist recht, um sie wieder nach Hause zu bringen.

    Das gewaltsame Vorgehen der israelischen Armee bei der „Suche“ und die dadurch hervorgerufene Gegenwehr, hat bereits Opfer gefordert. Opfer, die von der anderen Seite keine Beachtung finden. ‚Three boys got lost‘ – Die Medienkampagne für die drei gekidnappten Teens ist äusserst wirkungsvoll.

    Wir, der traditionell pro-palästinensische Westen, schauen hin, schauen genauer hin. Wir sehen zwei Geschichten: Die Geschichte dreier entführter Jugendlicher und die Geschichte einer gross angelegten israelischen Militäroperation in der West Bank.

    Ich bin „pro-Israel“, muss ich an dieser Stelle dazusagen…
    Ich weiss auch, dass die Menschen im Orient grosse Geschichten-Erzähler sind. Die Palästinenser erzählen eine Geschichte auf Arabisch und eine ganz andere auf Englisch, und das Geschichtenerzählen bekommen die Israelis schon mit der Muttermilch. Vor einiger Zeit las ich in einem Artikel, dass das Geschichtenerzählen der Schlüssel überhaupt ist, um die „Jewish exception“ zu erklären. Einstein beispielsweise nahm bekanntes Wissen und erzählte damit eine neue Geschichte. Der jüdische Jahreskreis dreht sich um immer wiederkehrende und immer neu erzählte Geschichten, der Talmud ist voll davon, und diese Geschichten bedingen das Überleben des jüdischen Volkes. Wer dort puritanische (presbyterianische..) Wahrheit finden will, sucht vergebens.

    Wie kann das sein? Und das soll das „auserwählte Volk“ auszeichnen?

    Das ist so, weil dieser Zug überlebensnotwendig ist. Wenn ich gut aufgepasst und die Entwicklungen in den vergangenen Wochen richtig verfolgt habe, so hat sich bereits abgezeichnet, dass in der West Bank etwas geschehen musste, dass ein Eingreifen – aus sicherheitsstrategischen Gründen – notwendig wurde. Hätte Israel in der Weise durchgreifen können, wie wir es nun beobachten, wenn die drei Jugendlichen nicht entführt worden wären? – Wie kann ich eine solche Frage stellen? – Ich stelle sie. Israel hätte diese Militäroperation nicht durchführen können. Vielleicht also hatte dieses oder ein ähnliches Ereignis zuvor geschehen müssen. Vielleicht geht das Entführungsdrama am Ende gut aus für die drei Familien und ihre Kinder.

    Damit aber ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Die stolze Terrorgruppe Hamas wird vor unseren Augen bis auf die Knochen gedemütigt und ihre Kraft gebrochen. Selbstverständlich sinnen diese radikalen Kräfte und mittlerweile wahrscheinlich auch die gemässigteren auf Rache und Vergeltung.

    Die Bevölkerung in Gaza bereitet sich auf einen neuen Krieg mit Israel vor. Es werden wieder vermehrt Raketen aus Gaza nach Israel abgeschossen. Die israelische Armee fliegt Vergeltungsschläge. Noch ist nicht Krieg, und es handelt sich nur um einzelne Schläge, aber vielleicht wird die Eskalation von der einen Seite provoziert und von der anderen zum willkommenen (?) Anlass genommen, um dort mit der begonnenen Entmilitarisierung der Hamas (für eine Zeit) weiterzumachen. Es könnten dabei auch Bodentruppen zum Einsatz kommen.

    Eine weitere Eskalation könnte noch mehr Opfer fordern, nicht nur auf der palästinensischen Seite. Geschichten zum Überleben des Volkes, der Nation und seiner Verheissung, die den Tod Einzelner nicht verhindern können.

    Meine Gedanken sind mit ALLEN Opfern.

    • … Und ich glaube, dass wir gerade Zeugen werden von Israels neuer Selbstbestimmung…

      Alle Friedensverhandlungen sind gescheitert. Eine Zwei-Staaten-Lösung lässt sich nicht umsetzen. Der Status quo liess… sich nicht länger aufrechterhalten.

      Nun wird Israel das Land für sich fordern (“claim it for themselves”) – und die gemässigten Palästinenser, so die Idee… (aber nach dieser Aktion?!), werden mitmachen und lieber Teil eines Staates, in dem sie um ihre Rechte kämpfen können, als aller Rechte entledigt zu werden unter Hamas, Islamic Jihad, ISIS und wie sie alle heissen.

      • Dann wäre Reuven Rivlin gerade zur richtigen Zeit Israel`s Staatspräsident geworden ?

        • @ Lotte

          “Dann wäre Reuven Rivlin gerade zur richtigen Zeit Israel`s Staatspräsident geworden ?”

          Meine positive Einschätzung von vor 4 Tagen (voriges post) wird von der Realität eingeholt. Die Zwei-Staaten-Lösung funktionierte nicht, aber eine Ein-Staaten-Lösung à la Rivlin ist möglicherweise noch weniger umsetzbar und schürt noch mehr Hass.

          “die gemässigten Palästinenser, so die Idee… (aber nach dieser Aktion?!), werden mitmachen und lieber Teil eines Staates, in dem sie um ihre Rechte kämpfen können, als aller Rechte entledigt zu werden unter Hamas, Islamic Jihad, ISIS und wie sie alle heissen.” (ich)

          Das war einmal wieder eine Fehleinschätzung meinerseits. Wahrscheinlich aber suchen die Palästinenser weniger, was sie nun “lieber” wollen. In jedem Fall bleibt es beim Kampf – mit den Islamisten, gegen die Islamisten, gegen die Besatzung. Allein die Formulierung “sie wollen lieber…” mutet westlich an. Sie leben gemäss ihres Auftrags, ihrer Berufung, handeln entsprechend und geben sich nicht süssen Hoffnungen über ein “Lieber-Wollen” hin, das sie wohl eher belächeln würden, wenn danach gefragt.

    • Die militärstrategische Intervention ist sicher für den Moment schmerzhaft, nachdem der Status Quo für lange Zeit hielt. Sie ist jedoch dazu angelegt, Wahrheit aufzudecken, Vorwände zu enttarnen und auf lange Sicht schlimmeres Unheil zu verhindern. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Warten ohne Ende.

      • “Besser ein Ende mit Schrecken…”

        Harmageddon?

        “…als ein Warten ohne Ende.”

        Gäbe es da nicht auch andere Alternativen? Zum Beispiel Ermittlungen durch die Polizei?

        “Die stolze Terrorgruppe Hamas wird vor unseren Augen bis auf die Knochen gedemütigt und ihre Kraft gebrochen.”

        Wenn man die arabische Mentalität kennt, dann weiß man eigentlich, dass durch Demütigung nur die Kraft gebrochen wird, zu einer irgendwie konstruktiven Leistung fähig zu sein. Ein gedemütigter Araber wird sein ganzes Leben daran setzen, die Demütigung “abzuwaschen”. Und da nach jedem Blut-Bad das Gefühl des Gedemütigtseins bleibt / wiederkehrt, kann er in seiner Kultur nur noch dem Hass leben.

        Indem also die jetzt aktuelle Machtposition der Hamas gebrochen wird, wird nur in die nächste Generation der Hasserfüllten investiert. Die zahlen es dann mit Zinsen zurück.

        Wie im Montagsblog sehr schön zu sehen war, haben die alten Einwohner von Hebron die Jungen daran gehindert, Steine zu werfen und damit Gesten des Hasses zu trainieren. Wie lange noch wird unter den gegebenen Umständen die Autorität der Alten über die Wut der Jungen siegen?

        • @ Rainer Unsinn

          “Indem also die jetzt aktuelle Machtposition der Hamas gebrochen wird, wird nur in die nächste Generation der Hasserfüllten investiert. Die zahlen es dann mit Zinsen zurück.”

          Mit diesem Satz und allem anderen, was Sie hier sagen, haben Sie ganz Recht.

          Hätten Sie denn auch einen konstruktiven Vorschlag, wie die israelische Regierung/das Militär mit den jetzigen Hasserfüllten (bereits vor der Razzia) besser umgehen sollten? –

          Wenn es darauf nur eine Antwort gäbe!

          Die habe ich auch nicht, aber ich sehe das Vorgehen der israelischen Armee auch mit grösser werdenden Bedenken.

          Auf der einen Seite bin ich mir sicher, dass es sich nicht um kein kopfloses, rachsüchtiges “clamp down” (Durchgreifen) handelt und dass dieses Vorgehen wohl überlegt und auch sehr viel weniger abhängig ist von der Figur des Regierungschefs als viele annehmen. Auf der anderen Seite bringen solche Massnahmen weder Frieden noch hindern sie den Terror nachhaltig. –
          Und! Die “internationale Gemeinschaft” schaut einmal wieder kopfschüttelnd zu.

          • “bin ich mir sicher, dass es sich nicht um kein kopfloses, rachsüchtiges “clamp down” (Durchgreifen) handelt und dass dieses Vorgehen wohl überlegt”

            War die doppelte Verneinung beabsichtigt oder nicht? Auch nach längerem Überlegen bin ich mir nicht sicher.

            “Wenn es darauf nur eine Antwort gäbe!”

            Die gibt es. Die kurzfristige Variante wäre “Divide et impera.” Solange sich die Terroristen untereinander nicht einigen können, fehlt ihnen die Kraft für Anschläge. Wie wirft man Zankäpfel zwischen einem feindlich gesinnte Gruppen? Ganz einfach: durch negative Konditionierung. Man dankt dem einen Feind für seine Kooperation, wodurch der andere Feind ihn als Verräter ansieht.

            Langfristig muss man sich überlegen, wie man die Kultur verändert. Das ist was für Profis, aber machbar ist es.

          • @Lilly

            Ihre Befürchtungen hinsichtlich der “internationalen Staatengemeinschaft” sind berechtigt, sogar richtig. Europäische, USA- und russische Politiker denken sicherheitspoltisch noch in den Strategien des Kalten Krieges. Die Einen, weil die politischen Apparate nicht in der Lage sind, die richtigen Mittel gegen die terroristische Bedrohung des Islamismus zu finden, die Anderen, weil sie es als Fortführung des Kalten Kriegs der Einen betrachten. Wozu zwei sich anschweigende mächtige Personen in solch einer Situation führen, zeigt die humanitäre Katastrophe in Syrien. In den failed states Syrien und Irak etablieren sich die Roten Khmer des Islamismus, frei nach dem chinesischen Motto:”Der Feind meines Feindes ist mein Freund.” Rohe und sadistische, terroristische Gewalt werden zum politischen Kalkül. Wollte Wladimir Putin dies bei Beginn des Arabischen Frühlings in Syrien nicht verhindern?
            In Anbetracht dieser katastrophalen Neuordnung des Nahen Ostens unter Sunniten und Schiiten ist es Zynismus westlicher Protagonisten den politischen Fokus auf den Neubau von Siedlungen jenseits der Grünen Linie zu legen. Denn genau dies ist der Grund auf palästinensischen Seite, eben nicht einen eigenen Staat anzustreben. Allerdings hat ein israelischer Premierminister schon einmal bewiesen, daß er sich hinter die israelische Grenze zurückzieht. Leider zockt die palästinensische Seite auf Zeit, liegt Israel doch aus ihrer Sicht an der Flanke der sunnitisch/schiitischen Konfliktlinie.

          • @ Salomon

            “In Anbetracht dieser katastrophalen Neuordnung des Nahen Ostens unter Sunniten und Schiiten ist es Zynismus westlicher Protagonisten den politischen Fokus auf den Neubau von Siedlungen jenseits der Grünen Linie zu legen.”

            Ich teile Ihre Ansicht. Der gängige Diskurs über den Siedlungsbau sollte dringend abgelegt werden, so dass auf reale Bedrohungen und Gefahren reagiert werden kann.

            “Leider zockt die palästinensische Seite auf Zeit, liegt Israel doch aus ihrer Sicht an der Flanke der sunnitisch/schiitischen Konfliktlinie.”

            Meinen Sie, dass deren Kalkül so weit reicht?

  5. Freigelassen um zu morden!

    Einer der über 1000 freigelassenen Terroristen im Austausch für Gilad Schalit wurde wegen Mordes am israelischen Polizisten Baruch Mizrahi bereits am 7. Mai festgenommen. Dies wurde aber jetzt erst veröffentlicht.
    Ziad Awad saß 12 Jahre lang im israelischen Gefängnis, weil er Kollaborateure mit Israel getötet hatte. Im Jahre 2011 wurde er im Austausch für Schalit frühzeitig freigelassen.

    Das hat man von einem weiteren Gefangenenaustausch zu erwarten.

    • Bei der Suche nach den drei entführten Teenagern Naftali, Gilad und Eyal wurden nun insgesamt 1800 Gebäude durchsucht. Dabei wurden Terrortunnel, Waffen und Propagandamaterial gefunden und über 360 Terroristen festgenommen. Von den 360 festgenommenen Terroristen wurden über 50 im Austausch für den israelischen Soldaten Gilad Schalit freigelassen.

    • Hierzu war gestern ein mich erschütternder Artikel in der “Frankfurter Rundschau ” über Wafa al-Biss , versuchte Selbstmord-Attentäterin ( ausgerechnet ” unter Mitnahme” der Menschen / und Zivilisten , die sie in einem israelischen Krankenhaus behandelten ) , 2011 ausgetauscht gegen Gilad Shalit.

      Zu diesem Artikel : wüsste ich auch gerne @free`s Meinung .

      • @Lotte

        Wir können ja schon superfroh sein, dass die “Frankfurter Rundschau ” einen solchen Bericht überhaupt veröffentlicht hat.

        “Zu diesem Artikel : wüsste ich auch gerne @free`s Meinung”

        Ich kann mir @free’s Meinung/Reaktion schon denken. Er wird den Inhalt des Artikels ignorieren und Ihnen eine Liste mit den “Verbrechen” der Zionisten liefern. :roll:

        @free
        Interessant ist folgendes: Das palästinensische Amt für statistische Umfragen gab bekannt, dass 60 Prozent der Palästinenser gegen eine Zweistaaten-Lösung sind. 55 Prozent der Palästinenser im sogenannten Westjordanland (Judäa und Samaria) sowie 68 Prozent der Palästinenser, die im Gazastreifen leben, wollen demnach keinen palästinensischen Staat an der Seite Israels.

        Wenn die Befragten keinen palästinensischen Staat an der Seite Israels wollen, was wollen sie dann:
        a: Nach Jordanien gehen?
        b: Israelische Staatsbürger werden?
        c: eine Vernichtung des jüdischen Staates?

        • “@free
          Interessant ist folgendes: Das palästinensische Amt für statistische Umfragen gab bekannt, dass 60 Prozent der Palästinenser gegen eine Zweistaaten-Lösung sind. 55 Prozent der Palästinenser im sogenannten Westjordanland (Judäa und Samaria) sowie 68 Prozent der Palästinenser, die im Gazastreifen leben, wollen demnach keinen palästinensischen Staat an der Seite Israels.

          Wenn die Befragten keinen palästinensischen Staat an der Seite Israels wollen, was wollen sie dann:
          a: Nach Jordanien gehen?
          b: Israelische Staatsbürger werden?
          c: eine Vernichtung des jüdischen Staates?”

          Welcher jüdische Staat? ich kenne keinen Staat auf der Welt in dem nur Juden Staatsbürger sind. Ich glaube die Mehrheit der Palästinenser will gemeinsam mit den Israelis in Palästina leben. In einem demokratischen Rechtsstaat mit gleichen Rechten für alle und nicht in einem Judenstaat in dem alle Nicht-Juden menschen 2.ter Klasse sind. So einen Schwachsinn braucht kein Mensch.

          • @free
            “In einem demokratischen Rechtsstaat mit gleichen Rechten für alle”

            In welchem anderen Staat im Nahen Osten wurde dies bereits umgesetzt?

          • @free

            “Ich glaube die Mehrheit der Palästinenser will gemeinsam mit den Israelis in Palästina leben.”

            Sie glauben es, wissen Sie es auch mit Sicherheit?

          • “In welchem anderen Staat im Nahen Osten wurde dies bereits umgesetzt?”

            Auf jeden Fall nicht im Apartheidstaat Israel.

            “Sie glauben es, wissen Sie es auch mit Sicherheit?”

            Nein, natürlich nicht. Aber was soll die Frage? Verlangen sie jetzt von mir, dass ich millionen von Palästinensern persönlich kenne?

          • @Lustig: Eins scheinen sie immer wieder zu vergessen. Nicht die Palästinenser sind nach PAlästina gekommen, um Juden zu vertreiben. Die Zionisten sind nach Palästina gekommen, um die Nicht-Juden zu vertreiben. Denken sie da immer wieder dran. Und das weiss ich auch mit Sicherheit.

  6. Dass palästinensische Gefangene keinen Prozess bekommen und auch ohne rechtmäßiges Urteil in den Gefängnissen ausharren müssen, sei an dieser Stelle als Information angemerkt, damit das Thema “Gefangenenaustausch” von einer anderen, besseren Sicht aus, wahrgenommen werden kann.

    Wieso erhalten diese Gefangenen keinen Prozess (Untersuchung, Beweisführung ect. pp.)? Gelten denn keine Gesetze (Rechte) für diese Gefangenen, deren Schuld oder Unschuld nicht mal untersucht wird? Hat nicht jeder Mensch ein Recht auf ein faires Verfahren und Urteil?

    In einem Thread ging es um eine palästinensische Mutter, die seit vielen Jahren auf ihren Sohn wartet. Wenn bis jetzt noch kein Gericht seine Schuld oder Unschuld untersucht hat, weder eine Anklage diesbezüglich existiert noch ein Strafverteidiger sich der Sache des jungen Mannes angenommen hat oder annehmen darf, welche Ableitung von Rechtsverständnis wird hier sichtbar? Das ist absolut inakzeptabel.

    Verwaltungshaft wird dieser Zustand genannt. Man verwaltet Menschen in Haft: ohne Anklage, ohne Untersuchung, ohne Verteidigung, ohne Gerichtsurteil.

    • @Thea

      “Man verwaltet Menschen in Haft: ohne Anklage, ohne Untersuchung, ohne Verteidigung, ohne Gerichtsurteil.”

      Ist das in Israel wirklich die gängige Praxis? Ich habe z.B. gelesen, dass Ziad Awad und sein Sohn Izz Eddin Hassan Ziad Awad, der den Mord zusammen mit seinem Vater verübt hat, ein ordentliches Gerichtsverfahren bekommen haben.

      Worauf basiert denn die Berechnung der Gehälter, die an die Familien der Terroristen ausgezahlt werden? Es heißt, die steigen mit der Länge der Haftstrafe. Ist dann hier wirklich eine Verwaltungshaft gemeint?

      Und warum heißt es bei einem Gefangenenaustausch, dass soundso viele Terroristen vorzeitig entlassen wurden. Bei einer Verwaltungshaft ohne Urteil ergibt “vorzeitig” keinen Sinn.

      • Diese Fragen müsse Sie an die betreffende Behörde bzw. Regierung richten. Amnetsy International mahnt diese Form von Inhaftierung – Umgang mit den Inhaftierten -, die ohne Untersuchung und vieles mehr einhergeht, schon lange an.

        Erst die Beweisführung, dann das Urteil. Übrigens gilt das auch auf der sprachlichen Ebene. Nicht von Terroristen sprechen, wenn nicht mal die Beweise und Fakten dargelegt werden. Man kann Menschen auch über die Sprache diskreditieren. Davon sei tunlichst abzuraten. Hier wie andernorts.

        Ein faires Verfahren hat jeder Häftling verdient. Das gehört unabdingbar zu den unveräußerlichen Menschenrechten, zuletzt aber auch, zu einer Zivilisation.

        Eine Diskussion, die sich an konfektionierten Vorurteilen und an Vermutungen bedient, ist nicht nur sinnlos, sondern verwässert und verschleiert Tatsachen, geht an der Wirklichkeit der Menschen vorbei.

      • @Thea @Lily

        Es gibt durchaus Palästinenser die auch einen Prozess und ein Urteil bekommen, viele sind allerdings in “Administrativhaft” die eben ohne Gerichtsbeschluss und Prozess angeordnet werden kann zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung. Diese Administrativhaft gibt es bei uns ja auch, wenn z.B. bekannte Hooligans vor einem Fußballspiel einfach mal einkassiert werden, damit Ruhe ist im und um das Stadion. Allerdings dauert die bei uns eben nur Stunden, nicht Tage, Wochen, Monate.

        Und auch wenn Prozesse stattfinden, muss man noch einmal nachfragen, ob sie denn “ordentlich” oder “außerordentlich” sind. Soweit ich informiert bin, gilt in den besetzten Gebieten Militärgerichtsbarkeit, die eben ihre eigenen Gesetze hat (sicher gilt das zumindest für die Soldaten dort, die sich eben nicht vor einem zivilen Strafgericht verantworten müssen, wenn sie einen Palästinenser erschießen).

        Das alles hat mit der Besatzungssituation zu tun. Und das ist der “Status Quo” der von fast allen hier langsam aber sicher als unhaltbar wahrgenommen wird. Gerade weil wir irgendwie spüren dass sich ein Gewöhungseffekt einstellt, wo jede Veränderung tatsächlich als gefährlichere Alternative angesehen wird, sei es ein eigentständiger Palästinenserstaat, sei es die Einstaatenlösung.

        Gefahren sieht dabei nicht nur Israel. Klar, deren Ängste kennen wir: Ein pal. Staat könnte genauso “failen” wie andere nahöstliche Staaten und ein unkontrollierbares Terrornest werden wie Gaza, Syrien und Irak. Ganz Israel wäre von Raketenterror bedroht, und militärische Maßnahmen international schwerer durchsetzbar und außerdem potentiell verlustreich.

        Eine Einstaatenlösung gefährdet den jüdischen Charakter des Staates. Obwohl israelische Araber mehr Freiheiten und besseren Lebensstandard genießen als der Durchschnitt der arabischen Bevölkerung in Ägypten, Jordanien, Syrien, Libanon usw. ist ihre Loyalität brüchig – wie Äußerungen von Zouabi deutlich machen. Eine demokratische “Abwahl” der jüdisch-israelischen Regierung und die Regierung durch einen arabischen Volkstribun wäre nicht auszuschließen. Erfahrungen aus der Nachbarschaft zeigen aber, dass derart gewählte “Präsidenten” (ob Erdogan, Maliki, Mursi o.ä.) ihr Stimmergebnis als uneingeschränkte Vollmacht verstehen, rücksichtslose Klientelpolitik zu betreiben, zugunsten ihrer Clans, ihrer Ethnie, ihrer Religion, ihrer Stammwählerschaft.

        Zumal mir auch keine arabische Führungsfigur bekannt wäre, die wirklich eine integrative Kraft auch für die jüdischen Israelis ausstrahlen könnte – und vice versa: kein israelischer Politiker scheint mir momentan das Format zu haben, das Vertrauen der Palästinenser gewinnen zu können. Und das gilt nur für diesen Augenblick, eine Lösung muss ja auch langfristig funktionieren: Israel sieht sich als Fluchtburg der Juden für die nächsten paar hundert Jahre, in denen der Antisemitismus im Osten oder Westen oder wo immer wieder hochkochen kann. Das zionistische Projekt soll ja langfristig erhalten bleiben. Ein gemeinsamer Staat, bei dem aber den Juden die letzte Verantwortung allein gehört ist ein Apartheidsstaat.

        Doch auch Abbas hat sehr gute Gründe, die Einstaatenlösung zu fürchten. Gaza hat ihm gezeigt, wie schnell er die Kontrolle verlieren kann, sobald die Israelische Armee ihm nicht mehr den Rücken frei hält. Hier wurde ja gefragt, warum denn nicht die (palästinensiche) Polizei nach den Jugendlichen sucht. Die Antwort ist so einfach wie frustrierend zugleich: sie kann es nicht.

        Trotz enormer Hilfeleistungen an Ausrüstung und Ausbildung für die Sicherheitskräfte der PNA sind diese gegenüber der Hamas ungefähr genauso effektiv wie die ebenfalls vom Westen ausgebildete und ausgestattete irakische Armee gegenüber ISIL: gar nicht.

        Man hat es in Gaza gesehen: sie haben (wie sich die Bilder gleichen) die Waffen weggeworfen, die Uniformen ausgezogen und sind gerannt, desertiert oder gleich übergelaufen. Sie haben (von wenigen clan-verbundenen Spezialeinheiten mal abgesehen) keine wirkliche Loyalität zu ihrer Führung. Sie sind absolut nicht bereit für etwas wie die PNA oder jemanden wie Abbas wirklich real physisch zu sterben (und wer will es ihnen verdenken!).

        Abbas kann sich auf seine eigenen Leute nicht verlassen. Er kann ihnen so etwas wichtiges wie die Suche nach den entführten Jugendlichen nicht anvertrauen, und wäre er wirklich Präsident eine souveränen Palästina, und alle israelischen Soldaten weg, alle Siedler weg – dann wäre seine Wirtschaft kollabiert (wer sagt eigentlich, dass ein Boykott von Waren aus Siedlungen den Palästinensern nützte? – das sind ihre einzigen subentions-unabhängigen Jobs!), die Arbeitslosigkeit gigantisch und seine Tage gezählt. Und nicht einmal er möchte für so etwas wie Palästina sterben.

        Eine Einstaatenlösung will er freilich auch nicht. Sie ist sein Albtraum. Es kann für ihn nicht gut ausgehen. Die ganze Korruption, die sein Regiment zusammenhält, würde offenbar werden, wenn es in Palästina so etwas wie unabhängige Presse und Justiz gäbe.

        Jahre, jahrzehntelang wurden die Israelis, die Juden als Feinde, als Besatzer, Landdiebe und Schmarotzer am arabischen Volk diffamiert. Nun soll es den Palästinensern ausgerechnet in deren Staat gut gehen? Wer braucht dann noch so verdiente Widerstandskämpfer wie Abu Mazen?

        Nur wenn das Projekt scheitert und man Warlords für den Bürgerkrieg braucht, aber Syrien zeigt: Das kann ISIL besser. Hamas und Islamischer Djihad auch. Und wenn es funktioniert braucht ihn erst recht keiner, denn zivil und demokratisch regieren können andere auch besser.

        Also wollen beide, Netanjahu und Abbas, die Beibehaltung des Status Quo. Alle Friedensgespräche und Bemühungen sind reines Zeitspiel um EU und USA hinzuhalten, damit weiter Subventionen fließen. Hier und da ein taktisches Foul bei dem sich dann einer der beiden schwer getroffen am Boden wälzt, um dem Zuschauer klar zu machen, mit welchem heroischen Einsatz dieser Kampf geführt wird. Hier und da eine Schwalbe um zu zeigen wie unfair der Gegner spielt, und dass es ja so unmöglich sei, ein Tor zu schießen.

        Das Unentschieden ist aber vorher abgemacht. Gijon liegt heute irgendwo zwischen Ramallah und Gaza.

        Heidelbaer

        PS. Weil der Artikel doch lang geworden ist, veröffentliche ich ihn mit kleinen Änderungen auch auf meinem philippika Blog

        • @ Heidelbaer

          Ich glaube, Sie wollten sich an @Lustig und @Thea wenden.

          Ein sehr schön geschriebener Beitrag, der alles erklärt. (Ich hatte ihn zuvor schon auf Ihrem Blog gelesen. ;-))

          Die Frage ist nur, wann sich die Situation ändern wird. Was ist zu erwarten, wenn Abbas einmal nicht mehr Palästinenserpräsident sein wird und Netanjahu nicht mehr der PM? Irgendein Ereignis wird irgendwann dazu führen, dass sich der Status quo nicht mehr aufrecht erhalten lassen können wird. – Und was kommt dann? – Andere, die die “Friedensverhandlungs-Tradition” fortführen werden? – Eine neue Intifada? – Oder vielleicht doch der gemeinsame Kampf gegen ISIS, die von Jordanien her einfallen?? –
          Irgendwann kommt es zum “Elfmeterschiessen”…

        • @Heidelbaer

          Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort (auch wenn ich nicht Lily bin), die wieder einmal zeigt, wie komplex dieser Konflikt ist und wie sehr man auf Hintergrundinformationen angewiesen ist, um die Vorgänge einigermaßen zu verstehen.

          “Alle Friedensgespräche und Bemühungen sind reines Zeitspiel um EU und USA hinzuhalten, damit weiter Subventionen fließen.”

          Wie lange werden Ihrer Einschätzung nach die EU und die USA dieses Spielchen mitmachen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es nicht längst durchschaut haben. Beinhaltet die Hin­hal­te­tak­tik auf israelischer Seite nicht auch das Motiv, die Obamazeit irgendwie durchzuhalten? Ist die Hoffnung, dass ein neuer republikanischer Präsident Israel wirklich unterstützt, berechtigt?

          • @Lily@Lustig
            Erstmal sorry für die Verwechslung!

            Ihre beiden Einwände beziehen sich darauf, was passiert, wenn die beiden “Maurer” Abbas und Netanjahu abtreten – respektive die Europäischen oder Amerikanischen Regierungen und Unterstützer des Status Quo ihr Personal oder ihre Position wechseln.

            Tatsächlich ist das auch eine Frage, die mich wirklich interessiert – und es ist nicht leicht vorauszusehen. Einiges ist denkbar:

            Das strukturelle Patt sorgt dafür, dass auch nachfolgende Generationen sich die Zähne ausbeißen, bzw. früher oder später dazu kommen den Status Quo zu akzeptieren (vielleicht zähneknirschend, aber doch). Viele Argumente gelten ja unabhängig von den beteiligten Personen. Und nichts hält bekanntlich so gut, wie ein Provisorium. Bis auf weiteres halte ich diese Lösung noch für die wahrscheinlichste

            Palästina verliert die Geduld. Die PNA hält sich nur auf tönernen Füßen. Abbas überlebt nur mit der Unterstützung Israels und des Westens. Sollte sich eine antiwestliche Splittergruppe (ob schia-iranisch oder sunni-ISILisch) von Syrien oder Jordanien aus auf den Weg machen, diesen ehrlosen Kollaborateur der Zionisten in die Djehenna zu schicken, hätten sie gerade in den Flüchtlingslagern einen großen Pool an erfahrenen Kämpfern, die ihnen sofort ihr Leben weihen würden. Israel könnte dann nur mit einer Wiedererrichtung der Besatzung seine Sicherheit herstellen, womöglich mit sehr fiesen Kämpfen gerade in und um die Lager, Verlusten, Flüchtlingen usw.

            Allerdings glaube ich kaum, dass der Westen Israel in den Arm fallen würde, trotz wahrscheinlich gruseliger Bilder, aber Russland, Iran, Qatar und andere könnten auf die eine oder andere Weise mitspielen. Mit verheerenden Konsequenzen für die palästinensiche Zivilbevölkerung. Momentan sieht es aber nicht danach aus. So richtig Bock auf ISIL hat da keiner, mit Iran ist seit dem syrischen Bürgerkrieg gerade Funktstille, und ein islamistisches Experiment ala Hamas haben sie schon durch, mit so mäßigem Erfolg, dass den Islamisten so die richtig guten Argumente fehlen dürften. Der sunnitisch/schiitische Bruderkrieg bindet außerdem gerade Geld und Kräfte, aber sobald da einer gewinnt (egal wer) steht danach Israel ganz oben auf der “die machen wir auch noch fertig” Liste.

            Israel verliert die Geduld. Das kann im Sinne von Bennet passieren, dass man den Beschuss, den Terror, die Kidnappings, die Propaganda, die Hasspredigten einfach leid ist und sagt: Nur eine komplette Reinstallation eines Besatzungsregimes, womöglich auch eines klar jüdisch definierten Gesamtstaates samt Annexion ist eine Lösung. Halte ich für unwahrscheinlich, wegen der Erfahrungen im Libanonkrieg: man kriegt international dafür ordentlich auf die Mütze, und Sicherheit kriegt man damit auch nicht wirklich hergestellt.

            Oder mehr Richtung Lapid: Rückzug, Siedlungen aufgeben (vielleicht nicht alle, aber viele) Zaun um Palästina und Ruhe im Karton. Die Erfahrungen von Gaza sind da aber auch nicht sehr ermutigend. Insofern auch unwahrscheinlich. Einstaatenlösung unter Preisgabe des zionistischen Ideals (Rivlin?): vielleicht in Generationen später, aber nicht in den nächsten Jahren.

            Die USA oder der Westen verlietren die Geduld: Das könnte Israel oder die PNA zum Handeln zwingen, aber dann müssten USA/Westen wissen was sie wollen. Das wissen sie aber nicht. Nicht mal das immer als monolithischer Block wahrgenommene amerikanische Judentum. Da gibtes Hasbarah-Fundis, die einfach alle Palästinenser nach Jordanien “transferieren” wollen und ein großes Eretz Jisrael erträumen und linksliberale Kritiker wie Leon Wieseltier, die ein jüdisches Israel nur lieben können, wenn es sich auch fair und menschlich aufführt und nicht als Besatzungsmacht.

            Aber es wird im Westen die Neokoloniale Frage gestellt werden müssen: Können wir den Nahen Osten sich selber überlassen? Oder genauer: den anderen “Spielern” des postmodernen “Age of Empires VI”? Die totale Rücksichtslosigkeit mit der z.B. Russland agiert, die Gewissenlosigkeit der Ölmonarchien oder Irans, wenn es um religiöse Politik geht – der setzt der Westen derzeit zu wenig entgegen.

            Obwohl die Menschen überwiegen gerne in westlich organisierten Ländern leben wollten, werden sie propagandistisch auf den Westen als Erzfeind eingeschworen. Und je mehr er sich zurückzieht, desto mehr gewinnen diese Bewegungen an Einfluss und Macht.

            Mehr Präsenz wird aber sehr teuer, man gerät dann ins Kreuzfeuer, und ist nicht mal sicher, dass man am Ende Erfolg hat. Will man aber ISIL ausschalten, ohne Iran zum totalen Sieger zu machen, muss man es selber machen, und braucht die Türkei und Israel als Verbündete. Wenn es zu einer kompletten Reorganisation des Nahen Osten kommt, und Sykes Picot zu Grabe getragen wird, könnte es auch ein palästinensiches Jordanien geben, eine Einstaatenlösung auf der anderen Seite.

            Wüsste es auch gern
            Heidelbaer

        • “Ein gemeinsamer Staat, bei dem aber den Juden die letzte Verantwortung allein gehört ist ein Apartheidsstaat.”

          Ist es nicht jetzt schon ein gemeinsamer Staat in dem die letzte Verantwortung allein den Juden gehört?

          “Eine demokratische “Abwahl” der jüdisch-israelischen Regierung und die Regierung durch einen arabischen Volkstribun wäre nicht auszuschließen. Erfahrungen aus der Nachbarschaft zeigen aber, dass derart gewählte “Präsidenten” (ob Erdogan, Maliki, Mursi o.ä.) ihr Stimmergebnis als uneingeschränkte Vollmacht verstehen, rücksichtslose Klientelpolitik zu betreiben, zugunsten ihrer Clans, ihrer Ethnie, ihrer Religion, ihrer Stammwählerschaft.”

          Kommen sie, als hätten die israelischen Machthaber nicht auch schon immer eine rücksichtslose Klientelpolitik betrieben.

        • Der Inhalt des Kommentars bezog sich ausschließlich auf die Verwaltungshaft und die damit verbundenen Bedingungen der Inhaftierung. Nur auf diese Form der Inhaftierung bezieht sich der Kommentar bzw. Kritik.

          Danke für Ihre Antwort.

          Thea

          • …zumal die Rechtsgrundlage für diese Administrativhaft offenbar noch aus der kolonialen Besatzung durch die Briten stammt. Das zeigt erstens: Besatzung ist irgendwie überall gleich – und zweitens ist das den Israelis mittlerweile auch peinlich und sie arbeiten an einem eigenen Gesetz.

            Heidelbaer