Verletzt in Gaza

In Kairo war Gaza-Geberkonferenz. Zusagen über 4,3 Milliarden Euro für den Wiederaufbau nach dem Krieg in diesem Sommer sind zusammenkommen.

In Gaza geht das Beiseiteschieben von Trümmern nur langsam voran. Das kann man auf den Straßen sehen. Was man nicht auf Anhieb sieht, sind die vielen Verletzten dieses Kriegs. Deshalb hier Passagen eines Gesprächs mit dem palästinensischen Arzt Ghassan Abu Sitta, das am 5. August in Gaza-Stadt entstanden ist, also noch vor Inkrafttreten der aktuellen Waffenruhe.

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Abu Sitta ist plastischer Chirurg und lebt in Beirut. Für knapp zwei Wochen hat er während des Gaza-Kriegs im Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt gearbeitet, im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation – wie schon in den beiden vorangegangenen Gaza-Kriegen. Erfahrung mit Kriegsverletzungen hat Abu Sitta, denn er behandelt in der libanesischen Hauptstadt immer wieder Verletzte aus dem Irak oder aus Syrien.

Zu dem Zeitpunkt Anfang August hat Ghassan jeden Tag fünf oder sechs Kriegsopfer operiert. Klar war für ihn: 80 Prozent von ihnen werden den Rest ihres Lebens mit Behinderungen leben müssen.    

Mit welcher Art von Verletzungen werden die Patienten zu Ihnen ins Krankenhaus gebracht?

Es sind vor allem Verletzungen durch die Druckwellen und die Splitter von Bombenexplosionen. Und Verbrennungen. Was mich schockiert, ist der hohe Anteil von Kindern. Und die große Zahl von Fällen, in denen verletzte Kinder ihre gesamte Familie verloren haben. Niemand wird sie aus dem Krankenhaus nach Hause holen, wenn es ihnen besser geht.

Warum trifft es Kinder so besonders häufig?

Bei einer Explosion gibt es zuerst eine Druckwelle, dann kommen die Splitter und die Feuerwalze. Kinder nehmen dabei viel eher Schaden als Erwachsene, weil ihre Körper einen größeren Wasseranteil haben und weil ihr Kopf im Vergleich zum Rest des Körpers größer ist. Selbst wenn sie nicht von Splittern getroffen werden: Die Druckwelle führt bei Kindern eher zu Verletzungen oder sie sterben durch eine starke Erschütterung des Gehirns. Die Kinder sind äußerlich oft unverletzt, aber du kannst nichts mehr tun.

Im Krieg 2008/09 hat sie israelische Armee Phosphor-Bomben eingesetzt, eine geächtete Kriegswaffe. Gibt es Hinweise darauf, dass es diesmal genauso war?

Phosphor ist auch in diesem Krieg eingesetzt worden, allerdings in begrenztem Umfang. Neu sind diese Bunker-brechenden Bomben. Im Krieg 2008/09 gab es nur zwei Fälle, in denen ganze Großfamilien in ihren Häusern ausgelöscht wurden. Diesmal sind es 60 Familien, in denen es keine Überlebenden gibt. Und das liegt an den eingesetzten Bomben.

Ärzte in Gaza berichten immer wieder von Verletzungen, die sie in keinem der vorangegangenen Kriege gesehen haben.

Schon seit dem Libanon-Krieg von 1982 und der Belagerung von Beirut wissen wir, dass die israelische Rüstungsindustrie diese Kriege nutzt, um neue Waffensysteme auszuprobieren. 1982 war es die Vakuum-Bombe, die ist dann auch bei der Irak-Invasion wieder eingesetzt worden. 2008 ist DIME*-Munition in einigen Fällen eingesetzt worden. Und jetzt glauben wir, dass diese Munition sehr viel häufiger verwendet wurde. Wir kennen die Verletzungsmuster, hervorgerufen durch extrem heißes, gasförmiges Metall: Wolfram. Wenn die Granate explodiert, dann verbreitet sich dieses Gas in alle Richtungen. Den Menschen in nächster Nähe durchtrennt es vor allem die Beine.

*DIME: Dense Inert Metal Explosive

Von 10.000 Verletzten sprechen die Vereinten Nationen in Gaza. Wer kann sich langfristig um diese Menschen kümmern?

Ich habe einen acht Jahre alten Jungen operiert, der hat beide Augen verloren und die Hälfte seines Gesichts. So eine schwere Verletzung hat für eine Familie in Gaza enorme soziale und wirtschaftliche Folgen. Das sind Konsequenzen, die eine ganze Generation zu tragen hat. Ein junger Mann mit 20 Jahren, beide Beine amputiert, der ist in Gaza für den Rest seines Lebens voll und ganz auf seine Familie angewiesen. Ein acht Jahre altes Kind, ohne Augenlicht und womöglich auch noch ohne Eltern … ich habe einfach keine Ahnung, wer sich um diese Kinder kümmern soll. Wir können es einfach nicht sagen.

Sie sind Palästinenser mit dem Blick von außen: Wie geht das weiter im Gaza-Streifen?

Die Menschen in Gaza standen ja diesmal so geschlossen hinter dem palästinensischen Widerstand, weil sie weitere acht Jahre der Abriegelung nicht ertragen. Es ist einfach undenkbar, dass noch eine Generation keinerlei Aussicht auf ein lebenswertes Leben haben soll, unter den Bedingungen der Abriegelung. Ich habe im Krankenhaus 14-Jährige, die nur das Gewicht eines acht- oder neun-Jährigen haben. Das sind die Folgen der Abriegelung, chronische Mangelernährung. Die Menschen in Gaza haben genug, die können so nicht weitermachen. Jeder, der selbst in friedlichen Zeiten eine Operation braucht, muss Monate auf ein Visum warten. Jeder unter 60 wird ja in Ägypten wie ein Schwerverbrecher behandelt. Und von einer Ausreise nach Israel träumen die meisten ja nicht einmal. Da hast du ein todkrankes Kind, aber die israelischen Behörden halten dich für ein Sicherheitsrisiko. Dann stirbt dein Kind einfach. Die Menschen in Gaza werden so nicht mehr weiterleben. Es wird einen weiteren Krieg geben, und zwar sehr bald, wenn die Blockade des Gazastreifens nicht aufgehoben wird.

 

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  1. “Schon seit dem Libanon-Krieg von 1982 und der Belagerung von Beirut wissen wir, dass die israelische Rüstungsindustrie diese Kriege nutzt, um neue Waffensysteme auszuprobieren”

    ich verstehe solche saetze nur im kontext einer verschwoerung. solche aussagen sollen doch nur niedrige beweggruende den israelis unterstellen. es geht denen nur um morden oder profit. absolutes quatsch, denn armee setzt rein gar nichts ein, was davor im freien feld nicht getestet wurden. wie stellt sich dieser arzt das eigentlich vor? “hier wir haben paar neue bomben, wirfst sie ab und mal sehen was passiert.”

    ” Ich habe im Krankenhaus 14-Jährige, die nur das Gewicht eines acht- oder neun-Jährigen haben. Das sind die Folgen der Abriegelung, chronische Mangelernährung.”

    luege. gaza bekommt mehr als genug nahrung. erzaehlt hier keine maerchen.

    “Es wird einen weiteren Krieg geben, und zwar sehr bald, wenn die Blockade des Gazastreifens nicht aufgehoben wird.”

    kein problem, solange die hamas verspricht alle verletzten zu versorgen. wieso es die blockade gibt, weisst heute jeder. jeder weisst auch, was von palaestinensern erwartet wird um die blockade vollstaendig aufzuheben. aber wer will schon den wunsch aufgeben, israel zu vernichten.

    • @ariel: Ein Volk von der Aussenwelt abzuriegeln ist menschenverachtend. Ein Volk in ihrer Not einfach nicht zu beachten, nicht auf ihre Nöte einzugehen ist menschenverachtend. Menschen zu vertreiben und zu enteignen, ihnen das Recht verweigert in ihre Heimat zurückzukehren, das ist menschenverachtend. Menschliche Energien in der Rüstungsindustrie aufzubringen nur um ein anderes Volk kontrollieren und enteignen zu können ist menschenverachtend. Was wird denn von Palästinensern erwartet? Dass sie sich in Ehrfurcht ihrer Knechtschaft ergeben statt Freiheit einzufordern?

    • israelis zu ermorden und die ausloeschung israels anzustreben, sind keine menschenrechte.

  2. Diese Zeilen sind bedrückend, jedoch Realität. Was wendet das Schicksal der Menschen in Gaza? Die Ächtung von Phosphorbomben, warum gilt sie nicht im Krieg zwischen Israel und Palästina? Warum darf Israel immer noch – ohne Proteste und Interventionen – Phosphorbomben abschießen, die doch meistens die Zivilbevölkerung trifft.

    Im neuen Thread von Herrn Schneider, denn ich sehr schätze, spricht er von einem inflationären Gebrauch von Begriffen, wie im Fall des Begriffes Genozid. Doch, auch wenn oft viel zu schnell und unbedacht dieser Begriff verwendet wird, in Gaza trifft dies leider zu. Wahre Worte sind (oft) nicht schön.

    • “Die Ächtung von Phosphorbomben, warum gilt sie nicht im Krieg zwischen Israel und Palästina? Warum darf Israel immer noch – ohne Proteste und Interventionen – Phosphorbomben abschießen, die doch meistens die Zivilbevölkerung trifft.”

      und das ist der grund, wieso solche interviews nicht besser sind, als gestellte oder manipulierte fotos. die leute nehmen luegen oder annahmen als die reine wahrheit.

      liebe thea – israel hat keine phosphorbomben gegen palaestinenser in diesem krieg eingesetzt.

      “Doch, auch wenn oft viel zu schnell und unbedacht dieser Begriff verwendet wird, in Gaza trifft dies leider zu. Wahre Worte sind (oft) nicht schön.”

    • Es gab keinen Genozid in Gaza. Bei ca. 4000 beschossenen Zielen wurden ca. 2000 Personen getötet. Haben die Israelis also (mindestens) jedes zweite Mal nicht getroffen bei ihrem Versuch so viele Menschen zu töten wie möglich?

  3. Jeder Krieg ist grausam. Dass es dort, wo Menschen als lebende Schutzschilder benutzt werden, (UNO-Schulen und -Kindergärten sowie Moscheen als Waffenlager, Sportplätze als Lager und Abschussrampen, Krankenhäuser als Konferenz-Räume, dass da, wo Beton v.a. für Terror-Tunnel zur Entführung von Juden und Bunker für den Schutz der Nomenklatura, nicht aber der Zivilbevölkerung benutzt wird, dass es hier besonders viele Opfer gibt und dass Kinder immer die verletzlichsten unter den Opfern sind, das zeigt sich hier ganz besonders deutlich.

    Erinnert sich jemand an die Zeit vor ungefähr 10 Jahren, als Israel sich nach der Räumung von Gaza mit der Räumung weiterer Gebiete beschäftigte, was die Reaktion des sog. „Widerstands“ im Gaza-Streifen (also der Terroristen der Hamas und ihrer Splittergruppen) war? Wie Moslems Moslems ermordeten, wie die Infrastruktur Gazas zerstört wurde, wie die Menschenfeinde sich an die Macht putschten, die statt Frieden die Zerstörung Israels und ein Palästina vom Fluss bis zum Meer anstreben?

    Heute sehen wir das traurige Resultat, Herr Wagner lässt es den Arzt Dr. Ghassan Abu Sitta sehr gut beschreiben: Fast 10 Jahre Besetzung durch die terroristischen Islamisten, hier die Terrororganisation Hamas, ist genug – befreit Gaza von den Menschenfeinden! Damit Frieden eine Chance erhält, für ALLE Menschen, auch die geplagten Kinder in Sderot und die Holocaust-überlebenden Alten, die es in die Bunker nicht mehr schaffen!

  4. Was viele nicht wissen die Palästinenser werden seit 1948 permanent durch Israel unterdrückt, vertrieben und getötet…. die Hamas gibt es übrigens erst seit 1986…. besonders krank es gibt sogar ein Feiertag in Israel wo das damalige töten und Vertreibung der Paälestinser 1948 gefeiert wird… und das angeblich nur ide Hamas Menschen als Schutzschilder nimmt ist nicht ganz richtig es wurde bewiesen das Israelische Soldaten Palästinser auch als Schutzschild missbrauchten und das z.b. eine Armeeeinrichtung der Israelis neben einem Einkaufszentrum in Tel Aviv steht…. gibt noch ein Haufen Sachen die Israel belastet aber das würde zu viel Zeit beanspruchen

    • @ Talip: Ja es gibt zig Beweisfotos, dass israelische Soldaten palästinensische Kinder als menschliche Schutzschilde missbrauchen.

      @Ariel: “israelis zu ermorden und die ausloeschung israels anzustreben, sind keine menschenrechte.”

      Der Staat Israel ist es doch, der versucht die Palästinenser auszulöschen und die auslöschung Palästinas ist nicht nur angestrebt sondern voll im Gange. Israel stiehlt sich immer mehr und mehr palästinensisches Land, aber das ist völlig OK für sie. Die einwanderer und unterdrücker dürfen auslöschen und morden wie sie wollen. Die einheimischen Palästinenser dürfen sich aber auf garkeinsten Fall gegen die Unterdrücker und Besatzer verteidigen. Was für eine kranke Logik …

    • Ein Auto in eine Gruppe ganz normaler Leute zu fahren die auf die Bahn warten ist für Sie vermutlich Verteidigung?

    • Nein, sicherlich nicht, aber was ist mit Fußballspielende Kinder erschießen, oder wegbomben, eine Spezialität der IDF …

    • @Free

      Aber Sie wissen schon, dass Fußballspielende Kinder vor allem von Hammas-Raketen “weggebombt” werden.
      Natürlich nur wenn die Kinder gerade nicht von der Hamas für den Tunnelbau “gebraucht” werden…

      Aber das wissen Sie sicher schon alles…

    • Gefeiert wird die Staatsgründung. Dass der neue Staat am nächsten Tag durch seine Nachbarn angegriffen wurde ist wohl wahr, aber eben auch dass es die arabischen Staaten waren die Israel angriffen, nicht umgekehrt. Und wenn Israel permanent Araber vertreibt, warum sind trotzdem 20% der Staatsbürger Araber?

    • “Dass der neue Staat am nächsten Tag durch seine Nachbarn angegriffen wurde ist wohl wahr, aber eben auch dass es die arabischen Staaten waren die Israel angriffen, nicht umgekehrt.”

      Aber sie wissen schon, dass die Zionisten schon vor Kriegserklärung der umliegenden arabischen Staaten tausende von Palästinenser massakriert und hunderttausende vertrieben haben? Informieren sie sich doch mal über die Massaker von jüdischen terrororganisationen alleine 1947. Den Krieg haben die Zionisten begonnen nicht die Araber … !

    • Das Argument war dass in Israel “das damalige töten und Vertreibung der Paälestinser 1948 gefeiert wird”. Es wird die Staatsgründung gefeiert. Niemand feiert Tod und Vertreibung.

      Niemand leugnet dass es palestinensische Flüchtlinge aus dieser Zeit gibt. Ebenso sollte niemand leugnen dass es jüdische Flüchtlinge aus dieser Zeit gibt. Wir können jetzt ewig darüber diskutieren wer warum wohin ging, dazu hab ich aber keine Lust, das war auch nicht der Punkt.

    • @Free
      “alleine 1947. Den Krieg haben die Zionisten begonnen nicht die Araber … !”

      War denn nicht der Großmufti von Jerusalem, dass schon 1933 seine “dienste” an Hitler angeboten hat und wenig später dann zusammen mit der “arbeitete”?

      Waren denn nicht die Araber, die schon 1920 anfingen die Juden zu massakrieren? 1929 usw.?

      Aber das wissen Sie ja auch…

  5. @Christian Wagner: Jetzt habe ich schon länger darauf gewartet, Weiteres über Gaza-Waisen zu hören (was nicht passierte). Können Sie einschätzen, ob der Gaza-Streifen womöglich langfristig ‘nur noch’ von Militanten und Alten bewohnt werden könnte? Danke vorab! User Fränd.