“Nächste Woche Donnerstag, um 17.35 h” – so lautet meine Standardantwort, die ich mittlerweile hier in Deutschland gebe. Kaum zu fassen, aber wahr: Ich mache mal kurz Urlaub. Urlaub ist für mich eigentlich ein unerträglicher Zustand, denn was heißt schon Urlaub? Am Strand liegen? Am Meer? In der Sonne faulenzen? Nun – ich lebe in einer Stadt mit Strand und Meer und viel Sonne. Und es gibt tatsächlich einige Kollegen daheim im Sender, die meinen, daß wir vom ARD Studio Tel Aviv ja eh nichts zu tun hätten und den lieben langen Tag am Strand, am Meer, na, Sie wissen schon…
Also – nun bin ich im Urlaub und: Ich hasse es! Denn ich arbeite nun mal gerne, aber bitte, es “muss ” ja mal sein. Aber das kann ich Ihnen sagen: Urlaub ist extrem anstrengend, vor allem, wenn man Korrespondent in Tel Aviv ist. Denn ob im Gym oder bei Freunden, im Sender (ja, da gehe ich trotz Urlaub auch hin, um mir noch ein bißchen mehr Arbeit für “danach” zu organisieren), oder beim Friseur oder beim Zahnarzt – jeder, aber auch wirklich jeder fragt mich: “Wann beginnt denn nun der Krieg gegen den Iran?”
Es stimmt schon: Ich lebe im Land der Propheten – aber hey, woher soll ich das denn wissen?? Obwohl wir Journalisten ja gute Kontakte zu diversen Organisationen und Institutionen pflegen –  glauben die Leute denn wirklich, daß mir der Mossad oder das Militär oder gar Barak und Bibi im vertrauten Gespräch (natürlich am Strand, am Meer… na, Sie wissen schon… siehe oben!) sagen: “Schneider, nächste Woche Donnerstag um 17.35 geht’s los gegen Teheran.” —-
Also wirklich… schön wär’s, dann hätte ich ja einen “Scoop”, wie wir Journalisten sowas nennen. Aber Pustekuchen, nix da. Also, Klartext: Ich weiß nicht, wann der nächste Krieg beginnt. Ich habe - ja! - ein paar Zusatzinformationen, die andere vielleicht nicht haben, aber das hilft mir für die exakte Datumsangabe auch nur bedingt, respektive: gar nicht.
Aber noch viel schlimmer: Nachdem mir diese Frage gestellt wurde und ich dann alle Leute enttäuschen muß, weil ich eben nicht genau sagen kann, wann’s losgeht: Da beginnt doch ein jeder, aber wirklich jeder hier in Deutschland mir zu erklären, wie das denn nun so sei mit dem Nahostkonflikt. Ja, kein Witz! Die Leute beginnen mir zu erkären, wer Schuld ist und wer Recht hat, wie “da unten” alles aussieht, und wer wofür wie was und überhaupt steht. Und dann kommt sicher irgendwann auch noch das Thema der “jüdischen Lobby” in den USA auf’s Tapet und sicher auch noch ein wenig der Aspekt, daß eigentlich das mit dem islamistischen Terrorismus sofort aufhören würde, wenn Israel…….
Und dann geht es los: Mit den Stereotypen und Klischees, mit Weltverschwörungstheorien und Antiamerikanismus, mit Friedensbewegtheit und Endzeitsehnsucht und vielem weiteren, was der Mensch so erfindet, um sich in dieser immer komplexeren, bedrohlicheren Welt scheinbar “auszukennen” und für sich einen Kosmos zu erschaffen, der ihm das psychische und emotionale Überleben in diesem Chaos ermöglicht.
Und dann denke ich mir schon jetzt, nach nur einer Woche hier: Puh…. Urlaub ist entsetzlich anstrengend, ich will zurück in meinen Job, zurück in den Nahen Osten – da ist es doch wirklich ruhiger und gemütlicher und weniger anstrengend und so wunderbar unübersichtlich, daß ich mir dann immer wieder freudig denke: “Hey, ich bin hier mitten im richtigen Leben!”
Ach übrigens, für all die, die mich jetzt total ernst nehmen: Das da oben sollte ein kleiner satirischer Einwurf (mit einem wahren Kern) sein – nur damit wir uns hier nicht mißverstehen
Bis zum nächsten Post!