Patriotische Juden schießen aufeinander, davon erzählt Avi Primor

 

Jakob Augstein – der Holzschnitzer

Eines, lieber User, ist gewiß: Wenn ich mich das nächste Mal für längere Zeit ausklinken und e r h o l e n  will, d.h. nichts über Israel, Juden, Muslime, Antisemiten oder Anti-Islamisten hören will, werde ich nicht mehr nach Deutschland reisen, sondern nach Mikronesien oder mich einer Expedition zur Erforschung der Aborigines in Australien anschließen… Da ich aber nun doch wieder und noch in Deutschland bin, schlägt “es” (“Hamazav” wie das auf Hebräisch heißt, wörtlich: die Sache, aber im übertragenen Sinn: Der Nahostkonflikt) mal wieder zu. In den deutschen Feuilletons gibt es seit Tagen – nach der bekloppten Grass-Debatte – wieder mal ein Thema zu “Hamazav” (was in Deutschland aber eher dann im übertragenen Sinn heißen muß: Der Antisemitismus): Jakob Augstein ist ein Antisemit – Ist Jakob Augstein ein Antisemit?!  Weiterlesen

 

Wir haben Europa verloren – müssen wir Deutschland verlassen?

Zwei Reaktionen machen mich in diesen Tagen nachdenklich. Da ist zum einen der Satz “Wir haben Europa verloren”, den ein israelischer Diplomat geäußert hat, natürlich anonym, um zu erklären, wie es kommen konnte, daß fast kein EU-Mitglied mit “Nein” in der UN gegen den Antrag der Palästinenser gestimmt hat.

Und: da sind Anrufe einiger jüdischer Bekannte aus Deutschland, die mich ernsthaft fragen, ob man nun auswandern  müsse, weil doch Deutschland statt mit “Nein”, wie zunächst angekündigt, doch mit einer Enthaltung reagierte, was eigentlich einem “Ja” gleichkomme.

Beides sind hysterische Reaktionen. Beide zeigen, daß sie die Lage völlig verkennen, beide zeigen aber auch, wie sehr noch immer der Holocaust als Parameter für alles, was im Jahr 2012 geschieht, häufig auf jüdischer Seite gesehen wird. In Zeiten der Diaspora, als es noch keinen jüdischen Staat gab, wurde Politik von der jüdischen Minderheit weltweit subsummiert auf die Frage: “Ist das nun gut für die Juden oder schlecht?” – Und diese Frage war berechtigt, hatte man doch über Jahrhunderte keinerlei Einfluß auf die Politik der Länder, in denen man lebte. Man war Spielball der christlichen Mehrheit. Und wenn diese entschied, den Juden mal wieder das Leben zur Hölle zu machen, dann geschah dies.  Also konnte, ja mußte jede politische Entwicklung im jeweiligen Land, in dem man lebte – und nicht nur dort – unter diesem Aspekt gesehen werden: Werden wir jetzt gleich  wieder verfolgt? Geteert, gefedert, abgeschlachtet, vergast?

Das Trauma sitzt tief, so tief, daß immer noch viele Juden nicht begriffen haben, daß sie längst Akteure im politischen Geschehen geworden sind. Zumindest für den jüdischen Staat gilt das. Israel ist ein Akteur, hat – bis zu einem gewissen Grad – die Möglichkeit unabhängig zu entscheiden, was es tut oder nicht. Und muß mit den Konsequenzen leben.

In diesem Fall heißt das: Man verliert die Unterstützung der Europäer. Zumindest wenn es um die Frage geht, ob man einen palästinensischen Staat akzeptiert oder nicht.  Weiterlesen

 

Wann, bitte, beginnt der Krieg – Urlaubsimpressionen in Deutschland

Richard C. Schneider“Nächste Woche Donnerstag, um 17.35 h” – so lautet meine Standardantwort, die ich mittlerweile hier in Deutschland gebe. Kaum zu fassen, aber wahr: Ich mache mal kurz Urlaub. Urlaub ist für mich eigentlich ein unerträglicher Zustand, denn was heißt schon Urlaub? Am Strand liegen? Am Meer? In der Sonne faulenzen? Nun – ich lebe in einer Stadt mit Strand und Meer und viel Sonne. Und es gibt tatsächlich einige Kollegen daheim im Sender, die meinen, daß wir vom ARD Studio Tel Aviv ja eh nichts zu tun hätten und den lieben langen Tag am Strand, am Meer, na, Sie wissen schon…

Also – nun bin ich im Urlaub und: Ich hasse es! Denn ich arbeite nun mal gerne, aber bitte, es “muss ” ja mal sein. Aber das kann ich Ihnen sagen: Urlaub ist extrem anstrengend, vor allem, wenn man Korrespondent in Tel Aviv ist. Denn ob im Gym oder bei Freunden, im Sender (ja, da gehe ich trotz Urlaub auch hin, um mir noch ein bißchen mehr Arbeit für “danach” zu organisieren), oder beim Friseur oder beim Zahnarzt – jeder, aber auch wirklich jeder fragt mich: “Wann beginnt denn nun der Krieg gegen den Iran?”

Es stimmt schon: Ich lebe im Land der Propheten – aber hey, woher soll ich das denn wissen?? Obwohl wir Journalisten ja gute Kontakte zu diversen Organisationen und Institutionen pflegen –  glauben die Leute denn wirklich, daß mir der Mossad oder das Militär oder gar Barak und Bibi im vertrauten Gespräch (natürlich am Strand, am Meer…  na, Sie wissen schon… siehe oben!) sagen: “Schneider, nächste Woche Donnerstag um 17.35 geht’s los gegen Teheran.” —-

Also wirklich… schön wär’s, dann hätte ich ja einen “Scoop”, wie wir Journalisten sowas nennen. Aber Pustekuchen, nix da. Also, Klartext: Ich weiß nicht, wann der nächste Krieg beginnt. Ich habe -  ja! -  ein paar Zusatzinformationen, die andere vielleicht nicht haben, aber das hilft mir für die exakte Datumsangabe auch nur bedingt, respektive: gar nicht.

Aber noch viel schlimmer: Nachdem mir diese Frage gestellt wurde und ich dann alle Leute enttäuschen muß, weil ich eben nicht genau sagen kann, wann’s losgeht: Da beginnt doch ein jeder, aber wirklich jeder hier in Deutschland mir zu erklären, wie das denn nun so sei mit dem Nahostkonflikt. Ja, kein Witz! Die Leute beginnen mir zu erkären, wer Schuld ist und wer Recht hat, wie “da unten” alles aussieht, und wer wofür wie was und überhaupt steht. Und dann kommt sicher irgendwann auch noch das Thema der “jüdischen Lobby” in den USA auf’s Tapet und sicher auch noch ein wenig der Aspekt, daß eigentlich das mit dem islamistischen Terrorismus sofort aufhören würde, wenn Israel…….

Und dann geht es los: Mit den Stereotypen und Klischees, mit Weltverschwörungstheorien und Antiamerikanismus, mit Friedensbewegtheit und Endzeitsehnsucht und vielem weiteren, was der Mensch so erfindet, um sich in dieser immer komplexeren, bedrohlicheren Welt scheinbar “auszukennen” und für sich einen Kosmos zu erschaffen, der ihm das psychische und emotionale Überleben in diesem Chaos ermöglicht.

Und dann denke ich mir schon jetzt, nach nur einer Woche hier: Puh…. Urlaub ist entsetzlich anstrengend, ich will zurück in meinen Job, zurück in den Nahen Osten – da ist es doch wirklich ruhiger und gemütlicher und weniger anstrengend und so wunderbar unübersichtlich, daß ich mir dann immer wieder freudig denke: “Hey, ich bin hier mitten im richtigen Leben!”

Ach übrigens, für all die, die mich jetzt total ernst nehmen: Das da oben sollte ein kleiner satirischer Einwurf (mit einem wahren Kern) sein – nur damit wir uns hier nicht mißverstehen :-)

Bis zum nächsten Post!