Sag zum Abschied leise Sayonara

10 Konzerte, fünf Städte, neun Sinfonien, vier Solisten, ein Orchester, ein Chor und ein Chefdirigent. Etwa 20-tausend begeisterte Zuhörer in zwei Ländern lassen sie zurück, wenn sie jetzt wieder nach München reisen. Im Koffer: Ton- und Bildaufnahmen, aus denen in den kommenden sechs Monaten eine DVD-Box des Beethoven-Zyklus entstehen wird.

Doch keine Sorge: in zwei Jahren sind sie wieder da! Noch stehen die Konzertorte nicht fest, aber: Asien 2014 ist so gut wie ausgemacht, neben Japan wird das Orchester wohl auch noch andere Länder im fernen Osten bereisen. Bis dahin heißt es: Servus, Pfüah-Gott und auf Wiederseh’n, die Musi ist jetzt leider aus.
Und, nicht vergessen: Alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt.

Wussten Sie schon…

…dass im Flieger nicht nur die Musikerinnen und Musiker des Symphonieorchesters und die Chormitglieder sitzen, sondern eine ganze Ladung Equipment mit nach München reist? Dieses ist in 70 Reisekisten verpackt. Die Kisten brauchen 44,99 Quadratmeter Fläche im Flugzeugrumpf, füllen dort Kubikmeter aus, wiegen 8-einhalb Tonnen. Auf den Zollpapieren sind 924 Einzelpositionen angegeben. Das ganze ist zweimillionensiebenhundertfünfundsechzigtausend-
neunhundertvierunddreißigkommaneununddreißig Euro wert.

Mariss, Mariss, Mariss

Dass Beethovens Neunte in der Geistesverfassung der Japaner eine besondere Stellung einnimmt, das hat man durchaus schon des Öfteren gehört. Es ist bald 100 Jahre her, dass deutsche Kriegsgefangene im japanischen Lager Bando die neunte Sinfonie spielten – und damit die japanischen Soldaten so in Bann zogen, dass am Ende des ersten Weltkriegs der Samen für die Klassikbegeisterung der Japaner gesäht war (das genaue Datum war der 1. Juni 1918).
Heutzutage ist das Spielen der letzten Beethoven-Sinfonie ein japanisches Endjahres-Ritual. Und wenn ein europäisches Orchester das Opus 125 mit nach Japan bringt – umso besser.

Der Jubel und der Applaus, der sich gestern Abend über die Musikerinnen und Musiker, die vier Solisten, die Choristen und über Maestro Jansons ergoss, der war schon fast eine Naturgewalt. Mehr als zehn Minuten dauerte es, bis sich das Tokioter Publikum ausgeklatscht hatte. Manche Musiker waren schon beim Umkleiden, als Jansons nochmal aufs Podium musste – ähnlichen Dauerapplaus kann man vielleicht noch beim einen oder anderen Parteitag erleben. Der Unterschied: bei Beethoven und den BR-Musikern klatschen die Leute im Saal freiwillig, und nicht, weil sie müssen.
Diese Menschen stehen auch nicht etwa real-sozialistisch für die Zuteilung von sogenannter Bückware in einem ost-deutschen Konsum-Markt an. Auch das machen sie freiwillig.

Nach den Konzerten warten jeden Abend mehrere Dutzend Fans geduldig darauf, dass sie einen kurzen Blick auf jemanden aus dem Orchester erhaschen können. Dafür harren sie dann auch mal eine Stunde oder länger vor der Bühnentür aus – denn die Musikerinnen und Musiker müssen nach den Konzerten immer noch für weitere Aufnahmen auf der Bühne bleiben.

Und jetzt bitte: recht freundlich

Solohornist Eric Terwilliger federt locker in den Knien – was hier so aussieht wie Skigymnastik, ist in Wirklichkeit eine künstlerische Betätigung. Starfotographin Herlinde Koelbl hat sich ein neues Projekt ausgedacht – und dafür lichtet sie alle Mitglieder des Orchesters ab. Genauer gesagt, ihr Hände – und ihre Ohren. Weil Gehör und Hände fürs Musikmachen die wichtigsten Körperteile sind, wie sie sagt.

Vor, nach und zwischen den Konzerten nimmt sich Herlinde Koelbl etwa eine halbe Stunde Zeit, um die Künstler und ihre Instrumente genau und detailliert fotographisch festzuhalten.
Edit: Natürlich dauert eine Fotosession pro Musiker eine halbe Stunde – nicht insgesamt.

Alle Sänger sind schon da

Und zwar wirklich alle. Vorgestern sind sie angekommen, und heute schon stehen sie auf unserer kleinen Showbühne mitten in Tokio: die Sängerinnen und Sänger des Chors des Bayerischen Rundfunks.
Am Morgen haben Chor, Orchester und Solisten Beethovens Neunte geprobt, in nicht einmal zwei Stunden dann “das Musik-Ereignis des Jahres”, wie es Konzertmeister Radoslaw Sculz ausgedrückt hat.

Als Solisten sind dabei: Christiane Karg, Sopran, Mihoko Fujimura, Mezzo-Sopran, der Tenor Michael Schade und Bariton Michael Volle.

Oh Gott, sie sind wieder da

Bitte jetzt ganz tapfer sein – diese furchtbaren Dinger, die den gesamten Erdball für ein paar Wochen in den 90er Jahren in Atem hielten: sie sind immer noch da. Offenbar waren sie gar niemals ganz verschwunden, sondern hatten sich irgendwo versteckt gehalten, um ihre Welteroberungspläne nocheinmal zu überdenken.

Seien Sie wachsam! Das Tamagotchi mag harmlos wirken, kann aber gefährlich sein für Sie und Ihre Lieben. Bleiben Sie auf der Hut. Ich werde mich jetzt im Hotelzimmer verbarrikadieren – wenn Sie nix mehr von mir hören sollten, dann: wissen Sie, dass ich mich mit einem infiziert habe. Warten Sie, grad klopft es an der Tür – huch, nein, oh Goooottttt, wie nieeeedlich, ……..’#weruf´sdf-.-sdfij#(%%$&

Einsatz in Tokio-Hattan

Die Straßen von Tokio sind ein gefährliches Pflaster. O.k., gepflastert ist hier nix, die Japaner verwenden natürlich Teer (und nicht nur in den an jeder Ecke zu findenden Zigarettenautomaten). Fremder, kommst Du nach Tokio, dann halte Ausschau – Du bist hier nicht sicher. Überall lauert Gefahr, von hinten fallen sie Dich an. Lautlos brechen sie aus der Nacht, und ehe Du sie bemerkt hast, sind sie auch schon wieder verschwunden. Du aber hast etwas verloren: dein Sicherheitsgefühl. Der Schrecken hat viele Gesichter – klar, oft sind es jugendliche Täter, aber auch harmlos wirkende Mütter gehören zu der Armee der Finsternis und des velocipedalen Terrors. Am allerhinterhältigsten aber sind die älteren Herrschaften. Sie haben sich meist gar nicht mehr unter Kontrolle und finden die Bremse nicht:

Tokios Rowdy-Radler fahren, wo und wie sie wollen, aber vor allem fahren sie da, wo Du gerade gehst. Und egal, ob sie nun rasend schnell unterwegs sind oder mit Schrittgeschwindigkeit dahinzockeln – alle haben sie das Talent, dem ahnungs- und arglosen Fußgänger gehörig in den Rücken zu fallen und ihn nachhaltig zu erschrecken.

Meisterhaftes

Die Generalproben des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in der Suntory-Hall finden ja größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Manchmal sitzen Journalisten in den ansonsten leeren Reihen, oft auch Freunde und Studenten der Musiker aus Tokio. Einer hört aber immer zu:

BR-Tonmeister Wilhelm Meister hat alles im, nun ja, Blick kann man nicht sagen, im: Gehör, ja, das ist es. Das Ergebnis seiner Arbeit (“In Takt 35 auf Schlag vier waren die Bratschen etwas leise”) kann das deutsche Publikum dann an den Weihnachtsfeiertagen hören, wenn die Tokioter Aufnahmen auf BR-Klassik laufen. Und, so Gott (i.e. Chefdirigent Mariss Jansons) will: auch als CD-Box. Und natürlich auf DVD. Und so wollen wir den Meister ehren: Vielen Dank, Meister-San.

Beethoven – Extra Dry

Bevor in Tokio die Suntory-Hall eröffnet wurde, gab es Bunka Kaikan (nein, es geht hier nicht um irgendwelche italienischen Politiker und ihre Freizeitaktivitäten). Die Bunka Kaikan-Halle ist soetwas wie eine Mischung aus Opernhaus, Stadttheater und Mehrzweckhalle – und reisende Opernkompagnien gastieren hier immer noch regelmäßig, wenn sie auf Japan-Tournee sind. Auf der Hinterbühne von Bunka Kaikan haben sich unzählige Künstler und die dazugehörigen Opernensembles verewigt.

Auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat hier gestern Abend Station gemacht – denn ein lieber Kollege der Musikerinnen und Musiker hat gestern in der Suntory-Hall dirigiert.

Daniel Harding und Konzertmeister Anton Barachovsky Backstage am Dienstag Abend. Weil Harding am Mittwoch die Suntory-Hall gebucht hatte, musste das Symphonieorchester kurzzeitig umziehen.

Und während Daniel Harding gestern abend den unfassbar schönen Sound in Japans bestem Konzertsaal genießen durfte, saßen die Musikerinnen und Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks sozusagen auf dem Trockenen.

Um es einmal so auszudrücken. Der Klang in der Suntory-Hall ist wie ein warmer, duftender Regenguss, der einen umspült und mit Wärme bedeckt, einem über die Haare streicht und dann sanft entschwindet. Der Klang in der voll besetzten Bunka Kaikan ist da ein wenig direkter. Man könnte ihn vielleicht mit einer kräftigen, präzise gesetzten Kopfnuss vergleichen. Egal,auf jeden Fall klingt dieser Konzertsaal extrem trocken, ja schon fast “brut”. Für Theaterleute dürfte es wohl kaum eine bessere Akustik geben, für Orchestermusiker ist dieser ultradirekte Sound aber eine Herausforderung. Deswegen gab es am gestrigen Abend fürs Tokioter Publikum eben Beethoven Extra Trocken.

….ein kleines Lied….

Es ist ein bisschen wie am Münchner Marienplatz. An der Suntory-Hall versammelt sich immer Mittags um 12 Uhr eine ganze Menge Menschen, um der Musik zu lauschen. Doch während am Rathaus in München ein Glockenspiel die Leute erfreut, spielt am Konzerthaus im Tokioter Regierungsviertel eine mechanische Orgel.


Übrigens: Die Stücke, die die Orgel spielt, wechseln jeden Monat. Und: die Musikbox ist auch immer dann zu hören, wenn die Konzerthalle für Abendaufführungen ihre Tore öffnet.