Leserzuschrift der Woche – Ernährung für das Paradies

Koscheres RestaurantEssen und Religion – gerade nach den Feiertagen ist das eine fast selbstverständliche Verbindung. Unser Leser Leander hat sich Gedanken zu Essen und Glaube gemacht. Was ist koscher, was haram? Ist Fruitarismus eine Ersatzreligion? Lest hier seine Ideen zum Thema.

Lammstelzen trocken tupfen und würzen, Öl in einem Bräter erhitzen, Stelzen darin goldbraun anbraten. Brühe und Thymianstiele zugeben, Orangenmarmelade einrühren. Im Ofen eineinhalb Stunden schmoren. Als ich das köstlich duftende Fleisch endlich aus dem Ofen heben konnte, war ich mir sicher: Dies sollte nicht mein letztes „Abendmahl“ gewesen sein! Doch ähnlich gut – ein mit Kräutern gebratenes Lamm aller Wahrscheinlichkeit nach – könnte das „letztes Abendmahl“ Jesu Christi gemundet haben; seit jener Stunde genießt das Lamm eine ganz besondere Bedeutung für das Christentum. Bereits in einer der zentralen Bibelszenen wird also deutlich, welch große Bedeutung dem Essen in der christlichen Religion zugeschrieben wird. Und wo gegessen wird, wird auch getrunken. Mein Franziskaner Weißbier trägt das christliche Mönchstum schon auf dem Etikett zur Schau. Doch was in der einen Religion erlaubt ist, gilt in der anderen als verboten. In der islamischen Welt etwa wird dem Alkohol – meist als haram tabuisiert – in der Regel abgeschworen.

Nun zum Höhepunkt meiner Mahlzeit, dem Dessert. Hier lockt mich die Fast-Food-Süßigkeit schließlich weg vom Kochbuch. Wäre ich Jude, müsste ich auf meine göttliche Nachspeise schlichtweg verzichten; Gummibärchen mit Gelatine, die aus Schweineknochen stammen könnte – gar nicht koscher.

Meist verspeist der Mensch seine Nahrung nicht in roher Form, Essen wird  zubereitet, Gerichte präpariert. Doch warum wird ausgewählt, wird reglementiert, was gegessen wird und was nicht gegessen werden darf ? Laut Andreas Grünschloß, Professor für Theologie an der Universität Göttingen, hängt das von Religion und Kultur beeinflusste Verhalten mit bestimmten „Argumentationsebenen und Selektionsräumen“ zusammen.

Mit den Kategorien „rein oder unrein“ wird schon früh der ästhetische Standpunkt zum Entscheidungskriterium. „Und alles Gewimmel, das auf der Erde wimmelt, ist ein Greuel; es soll nicht gegessen werden. […] Machet euch selbst nicht zum Greuel durch irgend ein kriechendes Gewürm, und verunreiniget euch nicht durch sie, so dass ihr dadurch unrein werdet“ (3. Mose 11, 42).

Entscheidend ist die Vorstellung, dass ästhetisch Hässliches eine kontaminierende, krankheitserregende Wirkung auf den menschlichen Körper haben könnte. Hunde, und Katzen verzehren? Das entschiedene Nein, das man auf diese Frage in unseren Breiten erhalten wird, hängt logischerweise mit unserer Nähe zu den jeweiligen Tieren zusammen; Haustiere werden als Nahrungsquelle ausgegrenzt und tabuisiert.

Besonders in der Weihnachtszeit, die in enger Verbindung steht mit dem „Anfressen“ des ach so verhassten „Winterspecks“, scheint der Begriff der Völlerei vielleicht nicht ganz am falschen Platz. Todsünde hin oder her, das nachfolgende Fasten, das man sich stets zu Neujahr auferlegt, sollte ja alles wieder wettmachen. Orgiastische Formen des Essverhaltens auf der einen Seite, asketische – wie das Osterfasten – auf der anderen, beide spielen in der rituell-religiösen Metaphorik eine wichtige Rolle.

„Der Verzehr von Getränken, Nahrungsmitteln und Genussmitteln kann selbst in eine rituelle Aktivität promoviert und transformiert werden“, schreibt Grünschloß in seinem Buch „Religion und Ernährung“.

Zu guter Letzt lässt sich noch ein kurzer Blick in die christliche Kirche selbst wagen: Die Hostie, die Einverleibung des Leibes Christi während der Eucharistie, der Messwein als Jesu Blut machen deutlich, auf welch tiefe Weise Ernährung und Religion miteinander verwoben sind.

Doch stehen auch wir diesen religiösen Riten noch nahe?

Riten scheinen, aber auch in einer säkularen Welt keineswegs überflüssig geworden zu sein. Wie sonst ließe sich die Konjunktur der Ernährungsberater, Wellness-Coachs und Fitnesstrainer erklären, der allgegenwärtige Körperkult? Wo früher die Religion den Kult des Essens veränderte, scheint nun die Ernährung per se an die Stelle der Religion zu treten.

Vegetarier, Veganer, Frutarier, klingt das nicht eh schon alles – ja ist das nicht schon der moderne Glaube, in dem man sich und seine Persönlichkeit verwirklicht fühlt? Geht es dem modernen Menschen schlecht, flüchtet er nicht zur Beichte zum Pfarrer, um sich von seinen Sünden zu erleichtern. Er konsultiert vielmehr den Fitnessberater – denn „der bringt dich schon wieder auf Kurs.“ Kalorien, Kohlehydrate und Fette dominieren die Auswahl unserer Gerichte. Wären Jesus und seine Jünger damals doch nur auf unserem heutigen Stand gewesen, hätte es statt dem Lamm wohl eher einen extra fettarmen Magerquark zum Abendmahl gegeben, zur Feier ausnahmsweise mit etwas Honig und Banane.