#failoftheweek: The Walking Mindestpeicherfrist

Im Frühling 2015 gelang einer Gruppe von Politikern etwas noch nie Dagewesenes: Die Erweckung eines Zombies. Der Zombie war unter dem Namen „Vorratsdatenspeicherung“ bekannt geworden, nun belebte man ihn wieder als „Mindestspeicherfrist“. Ein Kommentar von Christian Schiffer.

Mauritius Images

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Seit Jahren schlurft der Zombie Vorratsdatenspeicherung durch das politische Berlin. Ein paarmal war er schon niedergestreckt worden: Die EU hatte ihm ein paar Kugeln verpasst, das Bundesverfassungsgericht ihm 2010 mit einer Machete sogar den rechten Arm abgehackt, Datenschützer und Bürgerrechtler immer wieder mit Pumpguns draufgehalten. Und das mit gutem Grund: Denn Vorratsdatenspeicherung war eine Gefahr für die Gesellschaft. Dabei war es weniger sein fauliger Atem oder sein unvorteilhaftes Äußeres, das die Zombiejäger an Vorratsdatenspeicherung störte, sondern die Tatsache, dass der Untote sich jeder Zeit auf unbescholtene Bürger stürzen konnte. „Anlasslos“ folgte Vorratsdatenspeicherung roboterhaft den Daten der Einwohner und fraß sie alle tumb in sich hinein: Bestandsdaten, Telefondaten, Verkehrsdaten, Kundendaten, Standortdaten. Die Unschuldsvermutung hatte für Vorratsdatenspeicherung keinerlei Bedeutung, Vorratsdatenspeicherung hatte wie jeder Zombie nämlich vor allem eines: Hunger. Verdammt großen Hunger!

Die wirklich bösen Buben konnten den torfdummen Untoten schon immer elegant ausweichen

Warum also konnte ein solches Monster überhaupt noch frei herumlaufen? Das fragten sich viele und die Antwort war so einfach wie absurd: Weil Politiker den halbverwesten Zombies auf Terroristenjagd schicken wollten. „Mit Vorratsdatenspeicherung hätten wir die NSU-Morde verhindern können“ meinte zum Beispiel der Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Dabei hatten schon längst diverse von Studien und Statistiken das Offensichtliche belegt, nämlich das Vorratsdatenspeicherung keinen Anschlag verhindert hätte und auch sonst völlig ungeeignet war Straftaten aufzuklären. Die wirklich bösen Buben hatten schon immer Mittel und Wege gefunden, dem torfdummen Untoten elegant auszuweichen.

Doch die Politiker hielten fest am Zombie, nahmen in manchmal gar an der modrigen Hand und zeigten sich mit ihm auf Pressekonferenzen, egal wie viel Glibber Vorratsdatenspeicherung aus den Augenhöhlen triefte, egal wie unheilvoll sein kehliges Röcheln klang. Keiner kam auf die Idee, das zu tun, was man schon längst hätte tun müssen: Vorratsdatenspeicherung endlich mal ein paar Kugeln in die degenerierte Matschbirne zu jagen!

Die Mindestspeicherfrist röchelt erleichtert

Stattdessen begannen die Politiker an Vorratsdatenspeicherung herumzuzupfen und versuchten ihm Manieren beizubringen. „Halten Dich fern von Seelsorgern, Rechtsanwälten, Ärzten, Apothekern, Beratungsstellen, Abgeordneten und Journalisten!“ versuchten sie im einzubläuen. „Kaue nicht länger als vier Wochen auf Mobilfunkdaten herum!“ und ganz wichtig: „Du hörst jetzt auf den Namen „Mindestspeicherfrist“. Dann tackerten sie ihm den rechten Arm wieder an und nickten zufrieden: „Sieht doch aus wie neu!“. Mindestpeicherfrist röchelte erleichtert.

 

Überwachung als Lebensaufgabe

Zentrale der National Security Agency (NSA)

 

No Jews, no news

Im Süden von Damaskus spielt sich laut UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon derzeit eine “humanitäre Katastrophe von epischem Ausmaß” ab. Im Flüchtlingslager Yarmouk lebten Schätzungen zufolge 18.000 Palästinenser – davon etwa 3.500 Kinder – bis das Lager von IS-Kämpfern überrannt wurde. Wie viele Flüchtlinge jetzt noch am Leben sind, weiß keiner. Aber der Aufschrei und weltweite Solidaritätsadressen bleiben aus. Kommentar von Christian Schiffer

Yarmouk refugee camp in Damascus

Yarmouk ist ein Bezirk südlich von Damaskus, der syrischen Hauptstadt. Früher haben hier 160.000 Palästinenser gelebt, die nach der Gründung des Staates Israel hierher geflüchtet waren. Heute sind es nur noch etwa 18.000. Nicht nur die IS Truppen greifen hier an, auch das Assad-Regime hat in den letzten Jahren Yarmouk bombardiert, unter anderem mit sogenannten “Fassbomben”, Fässer, in die man Sprengmittel und Metalle füllt und dann per Hubschrauber abwirft.

Mittlerweile hat der Islamische Staat das Gebiet zu 90 Prozent erobert, berichtet wird von alptraumhaften Zuständen: Es fehlt an Wasser, Nahrung und Medikamenten. Frauen und Kinder werden vergewaltigt und versklavt. Es heißt, dass Dutzende abgeschnittene Köpfe zur “Abschreckung” an Zäunen befestigt wurden. Alleine in dieser Woche sollen 1.000 Menschen getötet worden sein. Yarmouk ist die Hölle auf Erden, doch die Welt schaut weg, so zumindest empfinden es palästinensische Politiker.

Und tatsächlich: Wo sind sie, die Mahnwachen? Die Appelle an die internationale Gemeinschaft? Die empörten Anklagen von Pro-Palästina Aktivisten? Wo sind sie, die Hashtags, die die Welt aufrütteln und die Menschen da draußen sensibilisieren für das Leid in Yarmouk? Nichts dergleichen passiert. Der Grund scheint einfach: In Yarmouk leiden zwar Palästinenser, aber sie leiden nicht unter Israel. No Jews, no news.

Nichts hört man von den Gruppen, die sonst wie eine Monstranz ihre Palästina-Solidarität vor sich hertragen, obwohl das jetzt verursachte Leid ungleich größer ist als beispielsweise im Gazakrieg 2014. Ken Jebsen postet auf Facebook unbeirrt antizionistische Propaganda, zu Yarmouk kein Wort. Ähnlich sieht es aus bei der Friedensbewegung, bei der Partei “Die Linke”, bei diversen trotzkistischen Gruppen und beim Zentralrat der Muslime. Das Hackerkollektiv Anonymous ruft unterdessen zum Cyberwiderstand auf – nicht gegen den IS natürlich, sondern gegen Israel. Dem jüdischen Staat droht Anonymous mit dem “technischen Holocaust” – was für ein dummes und ekelhaftes Wording.

 

Beim umstrittenen Friedenswinter wiederum erklärt man sich solidarisch, allerdings nur mit ukrainischen Kriegsdienstverweigerern, nicht mit den Menschen in Yarmouk.

Lediglich Evelyn Hecht-Galinski, Publizistin und Grand Dame des deutschen Antizionismus, scheint sich für Yarmouk zu interessieren. Auf Facebook schreibt sie:

Warum ist die Weltgemeinschaft auf dem Auge blind und schweigt dazu, wenn über 1000 vertriebene Palästinenser im Flüchtlingscamp von Yarmuk ermordet wurden?

Ja, warum bloß? Die Antwort hätte sich Frau Hecht-Galinski besser sparen sollen. Sie raunt: Weil der Islamische Staat in Wirklichkeit ein Werk des israelischen Geheimdienstes ist – natürlich!

Yarmouk ist ein weiteres trauriges Symbol für die Gewaltherrschaft des Islamischen Staates und für die humanitären Katastrophen des syrischen Bürgerkrieges. Yarmouk steht aber auch für den moralischen Bankrott der Palästina-Solidarität und für ihre Verlogenheit. “Solidarität ist eine Waffe” lautet ein bekannter Slogan der deutschen Linken. ” – aber nur, wenn es gegen Israel geht” müsste man wohl nach dem Drama von Yarmouk ergänzen.

 

 

99 Problems – now an Arab is one

Ganze acht Jahre hat der Neffe eines ägyptischen Sängers versucht, Jay Z und seinen Produzenten Timbaland vor Gericht zu bringen. Diese Woche hat ein Richter zugestimmt. Es geht um ein Sample und vor allem um etwas Gerechtigkeit.

von Sammy Khamis

Jay Zs big pimpin’ aus dem Jahr 2000 ist ein Smasher. Der Song war Top 20 in den USA. Der Rolling Stone hat big pimpin’ in die Liste der besten 500 Tracks aller Zeiten gewählt. Aber der Song mit der markanten Hook ist in weiten Teilen geklaut und zwar vom ägyptischen Sänger Abdelhalim Hafez.

Abdelhalim Hafez, auch der Frank Sinatra des Nahen Ostens genannt, hat 1957 den Song Khosara Khosara eingesungen. Fast 50 Jahre später hat ihn der Produzenten Papst a.D. Timbaland wiederverwendet (es ein Sample zu nennen wäre verharmlosend) und Jay Z hat dazu gerapt. Seit 2007 versucht ein Neffe des Ägypters Abdelhalim Hafez Jay Z und Timbaland zu verklagen. Diese Woche, nach acht Jahren, hat ein Richter ein Verfahren in Aussicht gestellt. Im Oktober soll die Verhandlung beginnen. Dem Neffen geht es unter anderem darum, das moralisches Ansehen Abdelhalims wieder herzustellen. Denn aus Khosara Khosara wurde mit viel bitches and whores der Song big pimpin’.

“Um ganz ehrlich zu sein: ich liebe den Song big pimpin‘. Jay Z ist ja auch einer meiner absoluten Lieblings-Rapper”, muss Jackson Allers zugeben. Jackson ist eine der zentralen Figuren im Beiruter Musikbuisness und damit auch der ganzen Region. “Aber darum geht es in dem aktuellen Streit gar nicht. Das Gerichtsverfahren gegen Jay Z ist ein erster Schritt zu sagen: wir respektieren arabische Musiker.”

“Keiner interessiert sich für die Künstler hinter den Samples.”

Jackson Allers  ist amerikanischer Libanese und in den USA aufgewachsen. Vor gut neun Jahren kam er nach Beirut zurück. In den USA hat er schon Musik produziert, vor allem HipHop. “In den USA hat man eine Kultur entwickelt. Ein gegenseitiges Wertschätzen. Native Tongues, A Tribe Called Quest, De La Soul oder Black Sheep in den USA haben das vorgemacht.” Es geht darum, alte Musik wieder zu entdecken, bekannt zu machen und zu feiern. Aber das alles ändert sich, wenn Musiker aus einer anderen Kultur Samples ziehen, so Allers: “Es wäre das Mindeste klar zumachen, wo das Zeug herkommt. Gerade als Künstler musst du andere Musik doch wertschätzen. Erst recht wenn du sie so gut findest, dass du einen eigenen Song daraus machst. Im Idealfall solltest du Artikel darüber schreiben, die Geschichte und den Künstler deines Sample bekannt machen. Bei big pimpin’ hat das keiner für nötig gehalten.”

Am aller wenigsten Timbaland. Der Produzent hat  arabische Musik als “offene Goldmine gesehen”, kommentiert Jackson Allers. Timbaland hat der R’n’B Sängerin Aliyah Don’t know what to tell ya und More than a woman zusammen geklaut. Und zwar von den arabischen Sängerinnen Warda und Mayada el Hannawy.

Jackson Allers auf seinem Balkon in Beirut - Credits: Laith Majali

Jackson Allers auf seinem Balkon in Beirut – Credits: Laith Majali

“Die Künstler können hier großartige orientalische Samples für umme abgreifen”, erklärt Jackson Allers die Selbstbedienungsmentalität westlicher Producer. Er sieht im Verfahren gegen Jay Z und Timbaland einen möglichen Präzedenzfall. “Bis jetzt sind sie damit noch weggekommen.Wir hier hoffen, dass die Produzenten nach dem Verfahren zahlen. Immerhin verdienen sie ja kräftig damit.”

Der Nahe Osten als orientalische Musik-Goldmine

Zusammengefasst sind die Probleme: Überheblichkeit westlicher Stars, ein “Verbitchen”  der Songs arabischer SängerInnen ohne deren Zustimmung und dass sich HipHop-Stars mit arabischen Samples ihre Maybachs vergolden. Bei der Debatte um das Sampling arabischer Musik geht es aber  nicht nur darum, dass aus american money bald arab money wird. Sondern es geht darum, zu verstehen, was Musik im Nahen Osten eigentlich ist: Ein höchst geschätztes Kulturgut. Würden Songs von Abdelhamil Hafez oder Fayrouz Bilder sein – sie würden längst in Nationalgalerien hängen. Und das wichtigste: Der Eintritt in dieses Klangmuseum wäre umsonst. Denn Musik im Nahen Osten kostet in der Regel nichts und ist allgemein zugänglich.

Der Kairoer Rapper Mohammed el Deeb bspw sampled arabische Künstler. Er meint zur Sample-Kontroverse: “Well I don’t sell my music, all my music is up for free download so no problems there.”

Jackson Allers in Beirut kennt Mohammed el Deeb, und er findet die Einstellung des jungen MC lobenswert. Deeb macht richtig, was Jay Z falsch macht. “Wenn sie das Zeug einfach kostenlos raushauen würden, wäre das alles kein Problem. Aber Jay Z macht das nicht, er ist einfach ein Hardcore-Kapitalist”, stellt Allers trocken fest. (Der Song big pimpin’ ist in Deutschland nicht verfügbar)

99 Problems – aber Beyonce als Ehefrau

Sollte die Klage gegen Jay Z nun erfolgreich sein, gäbe es eigentlich nur Gewinner: Jay Z werden die paar Dollar nicht fehlen – immerhin hat er eine hart arbeitende Ehefrau. Die arabischen Musiker würden etwas Wertschätzung erfahren. Und die arabische Musikindustrie würde vielleicht endlich wachgerüttelt werden, hofft Jackson Allers, denn “viele junge arabische Künstler wollen alte Klassiker samplen. Aber es gibt dafür kaum Plattenfirmen, die rechtliche Situation ist heikel oder sie müssen sich die Songs in mieser Qualität von YouTube ziehen.” Und bei so einer vielfältigen Musikkultur ist das längst überfällig.