#failoftheweek: Facebooks Rockefeller-Prinzip

Facebook will die dritte Welt mit einer Art kostenlosem Mini-Internet zwangsbeglücken. Christian Schiffer sagt: Diese Form von Netzkolonialismus braucht kein Mensch.

Jeder soll das Recht haben auf Vernetzung, nicht nur die Reichen – sagt Facebook-Chef Marc Zuckerberg in einem Promovideo für Free Basics. Was er aber wohl auch meint: Jeder sollte das Recht auf Facebook haben, nicht nur die Reichen! Denn genau darum geht es bei Free Basics. Free Basics soll Facebook das Internet auch den armen Menschen zugänglich machen und zwar umsonst. Aber natürlich nicht das ganze Internet, nein!, sondern ein Mini-Internet aus ca. 100 Seiten, das Facebook selbst zusammenstellt. Das umfasst neben Wikipedia, Wetterdiensten vor allem natürlich – na klar – Facebook selbst. In 37 Ländern gibt es Free Basics mittlerweile nun, doch ausgerechnet in Indien, da wo noch eine Milliarde Menschen kein Facebook Internet haben, ausgerechnet hier, hat die Regierung Free Basics nun untersagt. Und das wiederum hat den Facebook-Verwaltungsrat Marc Andreessen so richtig auf die Palme gebracht:

„Anti-Kolonialismus war für das indische Volk über Jahrzehnte wirtschaftlich katastrophal!“

Denn genau als das hatten Kritiker von Facebooks Initiative bezeichnet: Als eine Art von digitalem Kolonialismus. Marc Zuckerberg selbst hat sich von der Aussage von Marc Adreessen natürlich schnell distanziert. Er findet sie „sehr bestürzend“

facebook_post_zuck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und der Facebook-Verwaltungsrat hat sich mittlerweile natürlich schon entschuldigt.

„Ich bin zu 100 Prozent gegen Kolonialismus!“

Zu spät, der ganze Skandal lässt Facebooks Free-Basics-Initiative in ganz schlechtem Licht dastehen. Denn ein wenig erinnert das, was der Zuckerberg-Konzern dort versucht an das Rockefeller Prinzip.

Der Ölmagnat soll umsonst seine Öllampen unters Volk gebracht haben, um dann später das Öl umso teurer verticken zu können. 150 Jahre später versucht Facebook die Menschheit mit einem Sparinternet zu beglücken, das dann von Facebook kontrolliert wird und zudem eklatant gegen das Prinzip der Netzneutralität verstößt, also gegen das Prinzip, dass alle Daten im Netz gleich behandelt werden sollen.

Viel hat Facebook getan, um Free Basics in Indien durchzudrücken: Ganzseitige Anzeigen, Plakate, Briefkampagnen, am Ende hat alles nichts genutzt. Und das ist gut so: Denn das Internet besteht gottseidank immer noch aus mehr als nur den blauen Seiten. Zudem sagen Kritiker, dass Free Basics in vielen Ländern keineswegs dazu geführt hat, dass mehr Leute Internet haben. Sie sagen, dass stattdessen Menschen, die ohnehin schon mit dem Internet verbunden sind, einfach mehr Facebook benutzen, weil es eben nichts kostet. Es funktioniert also wie geschmiert, Facebook-Rockefeller-Prinzip.

 

#failoftheweek: Ironman, Superman, Ombudsman – das neue Safe Harbor Abkommen

Nach harten Verhandlungen gibt es nun einen Nachfolger zum umstrittenen Safe Harbor-Abkommen. Herausgekommen ist dabei aber nur ein löchriges Datenschutzpräservativ und ein neuer Name, findet Christian Schiffer.

picture-alliance/dpa/Evgeny Biyatov

picture-alliance/dpa/Evgeny Biyatov

Er war ein harter Ritt: Monatelang haben sie verhandelt und gerungen, die Vertreter der EU-Kommission und des US-amerikanischen Handelsministeriums. Sie haben ausgeharrt in kahlen Sitzungsräumen, haben Nacht um Nacht gestritten, bei schal werdendem Mineralwasser und den immer gleichen Schoko-Keksen. Doch sie haben Stehvermögen bewiesen, sich durchgetankt und dann irgendwann haben sie tatsächlich einen

Durchbruch erzielt in diesen dramatischen Verhandlungen zu einer Nachfolgeregelung des umstrittenen Safe Harbor-Abkommens. Die US-amerikanische Handelsministerin Penny Pritzker zeigt lächelnd ihre blitzsauberen Zahnreihen.

Und jetzt endlich: es gibt ein Ergebnis! Das Safe Harbour-Abkommen heißt jetzt nicht mehr Safe Harbor-Abkommen; das Safe Harbor Abkommen heißt jetzt „Privacy Shield“! „Privacy Shield“ klingt natürlich viel cooler, so wegen „Shield“ und „Privacy“ und so. Und wenn man „Privacy Shield“ noch etwas nachklingen lässt und nur oft genug vor sich hinmurmelt, dann klingt „Privacy Shield“ sogar nach Hollywood-Blockbuster, nach Superheldenfilm, nach Ironman, Batman, Antman, Superman und Spiderman. Und vielleicht ist es deswegen kein Zufall, dass die größte Errungenschaft des Abkommens ein Ombuds – nun ja – „man“ sein soll, der im US-Außenministerium sitzt und an den man sich als EU-Bürger wenden kann, wenn man seinen Datenschutz verletzt sieht.

Im Herbst 2015 hatte der österreichische Jura-Student Max Schrems das Save Harbor-Abkommen zu Fall gebracht. Er hatte damals vor dem Europäischen Gerichtshof geklagt, weil Daten einfach so zwischen der EU und den USA hin– und hergeschickt und so möglicherweise von den Geheimdiensten abgeschnorchelt werden können. Safe Harbor war also eher ein Piratennest als ein sicherer Hafen. Daran ändert auch „Privacy Shield“ nichts, das vor allem auf vagen Zusicherungen des US-Geheimdienstkoordinators James Clapper basiert. Bürgerrechtlicher und Datenschützer laufen deswegen Sturm gegen den Deal und Max Schrems überlegt sogar eine neue Klage anzustrengen. Nur die Industrie findet das neue Abkommen ganz prima.

Noch ist die neue Vereinbarung nicht in trockenen Tüchern, noch müssen die Details ausgehandelt werden, noch gibt es also Hoffnung, dass „Privacy Shield“ mehr sein wird als nur ein löchriges Datenschutzpräservativ. Aber wahrscheinlicher ist doch, dass am Ende alles mehr oder weniger so bleibt wie es war. Aber Immerhin: Der neue Namen… der ist rischtisch geil!

 

 

Lobotomie statt Sascha Lobo!

Twitter geht es schlecht! Mehr als 50 Prozent hat die Aktie des Kurznachrichtendiensts im letzten halben Jahr nachgegeben. Twitter-Chef Jack Dorsey (@jack) gibt sich zwar große Mühe, das Ruder rumzureißen, schafft es aber nicht. Aber nicht mehr lange! Zündfunk-Autor Christian Alt hat fünf Pro-Tipps für @jack. Die funktionieren, ganz bestimmt.

Lieber @jack,

wir müssen reden. Gestern hast du vier deiner Top-Manager gefeuert haben vier deiner Top-Manager das Handtuch geworfen. Wie gemein! Unter anderem der Chef des Minivideo-Dienstes Vine.
Aber auch sonst geht es deinem Laden nicht gut. 300 Millionen Nutzer weltweit. Und die Zahlen stagnieren. Es müssen dringend neue Twitterer her. Jetzt überlegst du dir sogar, das 140-Zeichen-Limit zu kippen. Und die Timeline soll nicht mehr chronologisch, sondern nach Wichtigkeit sortiert werden. Zwei Wahnsinnsideen! Denn sein wir mal ehrlich, @jack: Twitter hat ein Coolnessproblem. Du bist zwar der coole Indie-Club, wo angesagte DJs auflegen und noch angesagtere Bands spielen. Aber eins hast du nicht verstanden: Keine Sau interessiert sich für die coolen Clubs. Die Leute hören immer noch DJ Ötzi und nicht DJ Koze.   

Deshalb hier unsere Tipps, wie du deinen Schuppen vom Club, in dem der homemade Gin in Strömen fließt, zur Großraumdisko umbauen kannst. Mit nervigen 16-Jährigen mit schiefem Lidstrich, gruseligen Mittfünfzigern in hautengen Synthetikhemden, jeder Menge Parkplätze und guter Autobahnanbindung. Kurz: Du musst so sein wie Facebook. 

1. Du brauchst die Dummen.

Das deutsche Twitter besteht aus nervigen Alleswissern und sonstiger Web-Prominenz. Die braucht aber keine Sau, die können alle schön zu Ello gehen. Was du brauchst, das sind die Dummen. Lobotomie statt Sascha Lobo! Facebook macht’s dir vor: Aus dem zarten Pflänzchen Pegida ist dank Facebook eine stolze deutsche Eiche geworden. In keinem anderen OECD-Land sind so viele dumme Nutzer in sozialen Netzwerken unterwegs wie in Deutschland. 

Das ist deine Chance, du darfst dich gern austoben: Helene Fischer-Konzerte periscopen! Jedem Twitter-Nutzer das neue U2-Album schenken!! Twitterkurse für jeden Stammtisch!!!

2. Spiele

Weißt du, was Facebook so richtig groß gemacht hat? Farmville. Der Sodomie-Simulator hat all die Leute auf die Plattform gelockt, die man nie dort haben wollte: deine Mutter, deine Tante und natürlich deinen leicht rassistischen Onkel, der dir dauernd Nachrichten aus dem Kopp-Verlag schickt. Diese Leute brauchst du auch, um endlich die 1 Milliarde zu knacken.

3. „Ich widerspreche hiermit den neuen AGB“-Tweets

Änder deine AGB. Alle paar Monate. Einfach mal so. Dann streu Gerüchte, dass man den neuen AGB per Tweet widersprechen kann. Je mehr „Hiermit widerspreche ich den neuen ABG“-Tweets du sammelst, desto mehr dumme Menschen tummeln sich auf deiner Plattform. Glückwunsch!

 
4. Noch mehr Content-Diebe

Ok, @jack. In der Kategorie „geklauter Content“ spielst du schon recht weit oben mit. Aber da geht noch was! Nimm dir doch ein Beispiel an Minusmensch. Der lustige Unterhaltungsbarbar downloadet alle möglichen Inhalte von Youtube, 9Gag und Co., klatscht zwei fette schwarze Balken ins Bild und lädt sie dann auf seiner Seite wieder hoch. Genial. Zahl deinen Freibeutern noch einen ordentlichen Betrag der Werbeeinnahmen und sie rennen dir die Bude ein.

5. Alle deine Schulfreunde von früher.

Was auf Twitter fehlt, sind Leute von früher. Wie schön wäre es, Tina, die damals immer bei dir abgeschrieben hat, auf Twitter zu finden. Die retweeted dann munter die AfD und Bärgida und postet Bilder ihres dicken Babybauchs. Oder Ole, der früher Kaulquappen gesammelt hat und heute Chemtrails fotografiert. Oder Hannah, die andauernd postet, welcher Wochentag ist und wie das Wetter gerade in Freiburg ist. Ach ne, Hannah ist schon auf Twitter.

Also @jack. Du hast es selbst in der Hand. Entweder du geilst dein Netzwerk mit krassen Facebookfeatures so richtig an. Oder du stirbst den langsamen Netzwerktod.

Natürlich gibt’s noch eine dritte Option: Gib Twitter in die Hände der Community. Wir gründen eine Stiftung und kümmern uns um dein Baby. Versprochen.

Küsschen,

dein Zündfunk

 

#failoftheweek: Bullshitwochen im Netz

Egal ob kleine Katzen in Einmachgläsern oder die berühmt-berüchtigten Knochenmarkspende-Kettenmails: Das Internet ist ein wunderbarer Nährboden für Bullshit aller Art. Das zeigt sich nun wieder im Zuge der Silvesternacht von Köln.

Ein Nachrichtenbericht im russischen Fernsehen. Es geht um ein 13-jähriges Mädchen, das in Berlin verschwunden und angeblich von Migranten sexuell missbraucht worden ist. Von stundenlanger quälender „Sex-Gefangenschaft“ ist da die Rede, von bis zu fünf Migranten, die sich an dem Mädchen vergangen hätten und natürlich von der Polizei, die nichts tut – wieder einmal. Gepostet wurde der Bericht unter anderem von der beliebten deutschen Facebook-Seite „Anonymous“. Diese Seite ist hierzulande ein beliebter Umschlagplatz für Bullshit aller Art und hat – das kann man nicht oft genug betonen – nichts mit dem bekannten Hackerkollektiv zu tun. Unter dem Video heißt es:

Wer erfahren möchte welche Kapitalverbrechen der von Angela Merkel heran geschleppte, testosterongesteuerte und hochkriminelle Migranten-Mob mittlerweile in Deutschland verübt, erfährt dies unter anderem im GEZ-freien russischen Fernsehen.

Über 30.000 mal wurde das Video mittlerweile auf Facebook geteilt und das, obwohl es bislang keinerlei Hinweise auf eine Vergewaltigung gibt..

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie das gesellschaftliche Klima in einer ohnehin angespannten Situation durch Falschmeldungen, Gerüchte und Bullshit weiter vergiftet wird. Noch mehr Bullshit übrigens postete ein jungen Mann im Landkreis Traunstein diese Woche auf Facebook:

„-TEILEN-TEILEN-TEILEN- Am 11.01.2016 wurde in einer Traunsteiner Unterführung ein Mädchen vergewaltigt!!! Und zwar von Asylanten/Flüchtlingen!!! Der ganze Wahnsinn spielt sich also mittlerweile vor unserer eigenen Haustüre ab. Die Polizei, unser Freund und Helfer, hält schön den Mund und gibt nichts an die Bevölkerung raus!! Das sage ich nur SCHÄMTS EUCH!!! Diese Information stammt aus einer sicheren Quelle!!!

Die Polizei ermittelte diese „sichere Quelle“, doch die hatte das Ganze von einer anderen „sicheren Quelle“ gehört. Also ermittelte die Polizei auch diese „sichere Quelle“, die das Ganze aber natürlich von einer anderen nun aber wirklich „ganz sicheren“ Quelle erfahren hatte. Zwei Tag lang klapperte die Polizei also sichere Quelle für sichere Quelle ab, nur um am Ende festzustellen, dass es zwar tatsächlich ein Sexualdelikt gegeben hatte, dieser Vorfall aber im Laufe des Stillen Post-Spiels aber immer weiter dramatisiert, ausgeschmückt und mit allerlei Bullshit angereichert worden war. Der Täter war zudem längst festgenommen worden.

Wann immer ein Ereignis die Gesellschaft bewegt, gibt es dazu Gerüchte, Verschwörungstheorien, Falschmeldungen, Hoaxes, der Bullshit wird in solchen Zeiten geradezu containerweise produziert. Am 11. September 2001 sind 4000 Juden nicht zu ihrer Arbeit im World Trade Center erschienen, heißt es dann oder die Pariser Anschläge im November 2015 sind auf einer Playstation geplant worden. Ein beliebtes Ziel für Bullshit-Meldungen ist gerade wieder mal Claudia Roth.

Ein Foto der Grünen-Politikerin mit einem falschen Zitat kursiert seit Tagen durch die sozialen Medien …

Zudem wird ein gefälschtes Schreiben von ihr im Netz verbreitet in dem sie Frauen auffordert, sich im Rahmen der „Willkommenskultur“ mit sexuell ausgehungerten Flüchtlingen einzulassen.

Was für ein Bullshit! Da fällt es schon nicht mehr ins Gewicht, dass seit Wochen Bullshit-Videos durch das Netz gereicht werden, die die Vorfälle der Kölner Silversternacht zeigen sollen, aber in Wirklichkeit ganz wo anders aufgenommen wurde – zu einer ganz anderen Zeit.

Das Problem an Bullshit: Er bleibt hängen und hat er sich einmal festgesetzt bekommt man ihn nicht mehr aus den Köpfen heraus. Gerade in Zeiten wie diesen sind deswegen feinkalibirierte Bullshitdetektoren unerlässlich, denn das einzige was gegen Bullshit am Ende hilft ist ihn gar nicht erst weiterzuverbreiten.