Amazon vernichtet Arbeitsplätze – und das ist vielleicht gar nicht so schlimm

Amazon schafft die Supermarktkasse ab und damit auch viele Arbeitsplätze. Doch anstatt klebrigen Warenlaufbändern hinterherzutrauern, sollten wir uns lieber überlegen, wie wir Arbeit und Wohlstand neu verteilen.

Amazon Go heißt das neue Shoppingkonzept des Online-Kaufhauses. Die Idee: Man geht in einen Supermarkt, nimmt sich, was man braucht und geht dann wieder. Kein Anstellen an der Kasse, bezahlt wird automatisch per App. Wie das Ganze funktioniert, ist nicht so richtig klar. Amazon versteckt sich hinter ein paar schrecklich innovativ klingenden Buzzwords: Computer Fusion, Deep Learning Algorithm, Sensor Fusion, Blubb. Es soll angeblich dieselbe Technologie zum Einsatz kommen wie in selbstfahrenden Autos. Nur: Was bitte haben selbstfahrende Autos mit einem Griff ins Tiefkühlregal zu tun? Was der Konzern offenbar nicht sagen möchte: Amazon Go wird ermöglicht durch die permanente Hightechüberwachung des Kunden. Das ist schlecht. Sehr schlecht sogar.

Auf der anderen Seite: Man geht in einen Supermarkt, nimmt sich, was man braucht und geht dann wieder! Kein fucking Anstellen an der Kasse! Bezahlt wird automatisch per App!! Kassiererinnen und Kassierer werden das allerdings nicht ganz so geil finden, die verlieren nämlich ihren Job. Und das führt jetzt schon jetzt zu großen Befürchtungen, von einem Horror für den Arbeitsmarkt ist da die Rede und vom „Jobkiller Amazon“.

„Tina, was kosten die Kondome?“

Und natürlich wird nun auch das Bezahlen an der Supermarktkasse zu einem geradezu romantischen Erlebnis verklärt: Wie schön das doch ist, dass man da auch mal bei sich sein kann, ein bisschen Entschleunigung in dieser schnelllebigen Zeit. Der Aufenthalt an der Supermarktkasse, der Wellnessurlaub des kleinen Mannes:

Das ist Bullshit. Der Aufenthalt an der Kasse ist fast immer verschwendete Lebenszeit und oft genug ein Martyrium, gespickt mit nicht funktionierenden Scannern, fehlendem Kleingeld, reißenden Einkaufstüten, durch unsachgemäße Behandlung eingedatschten Joghurtbechern und postapokalyptisch anmutenden Kämpfen um den letzten Warentrenn-Stab. Weg damit.

Und die Kassiererinnen und Kassierer? Sie werden nicht die einzigen sein, die um ihre Jobs bangen müssen: Fernfahrer könnten in Zukunft – nun ja – unter die Räder kommen, aber sogar auch Anwälte und Journalisten. Sie alle könnten irgendwann überflüssig werden – durch schlaue Algorithmen und künstliche Intelligenz.

Und das muss auch nicht so grauenhaft sein, wie es sich anhört. Die Frage ist vielmehr, ob es uns gelingt, den Wohlstand, der mit neuen Technologien erwirtschaftet wird, fair zu verteilen. Ob wir es schaffen, die Rendite, die Maschinen erwirtschaften, so zu verteilen, dass auch die von Computer Fusion, Deep Learning Algorithm, Sensor Fusion und Blubb wegrationalisierte Kassiererin etwas davon hat. Zum Beispiel über ein faires Grundeinkommen, vielleicht aber auch über großzügige Transferleistungen und die radikale Verkürzung von Arbeitszeiten.

Das „Reich der Freiheit“ beginnt, wo die Arbeit aufhört

Karl Marx sprach mal vom „Reich der Freiheit“. Das „Reich der Freiheit“ beginnt dort, wo die Arbeit aufhört, hier können wir schön spätdekadent in der sozialen Hängematte abhängen und entspannt Netflix-Serien bingewatchen. Das klingt doch weit besser, als am Supermarkt an der Kasse zu stehen – oder zu sitzen.

 

#failoftheweek: Neomittelalter

In alten Geschichten wird uns vieles Wunderbare berichtet:
von ruhmreichen Helden, von hartem Streit, von glücklichen Tagen
und Festen, von Schmerz und Klage, vom Kampf tapferer Recken:
Davon könnt auch Ihr jetzt Wunderbares berichten hören.

So geht es los, das „Nibelungenlied“ und die nächsten 3000 Reimpaarverse watet der Leser dann seitenweise durch Blut. Da werden strahlende Ritter hinterrücks mit Speeren durchbohrt, da werden Linddrachen erlegt und Frauen erschlagen die Mörder ihrer Ehemänner, kurz gesagt: Diese mittelalterliche Nibelungenwelt, sie ist eine Scheißwelt. Doch vielleicht müssen wir uns langsam wieder gewöhnen an mittelalterliche Scheißwelten, denn sie ist gerade in vollem Gange, die Vermittelalterlichung unserer Gesellschaft.

In den USA wird mit Mike Pence ein passionierter Kreationist Vize-Präsident, der der mittelalterlichen Vorstellung anhängt, die Evolutionstheorie sei Humbug. Und in Großbritannien wollen sie nun schön neo-mittelalterlich Porno-Videos sperren. Also nicht alle Porno-Videos natürlich, sondern nur solche, die, Zitat: „nicht-konventionellen Sexualpraktiken“ zeigen. Zu den „Nicht konventionellen Sexualpraktiken“ gehören unkeusche Sauereien wie etwa Sadomaso-Zeug, Peitschen, Spanking, Facesitting, Geschlechtsverkehr in der Öffentlichkeit und die weibliche Ejakulation. Gegen das Gesetz hat sich schon Widerstand formiert, unter anderem gab es kürzlich erst wieder Protest-Face-Sit-Ins vor dem englischen Parlament:

Und noch ein Indiz dafür, dass wir an der Schwelle zum Neo-Mittelalter stehen: Diese Woche wurde eine Studie vorgestellt, in der zwei chinesische Forscher beschreiben, wie sie einer künstlichen Intelligenz beigebracht haben, Kriminelle zu erkennen – anhand ihres Aussehens. Die KI konnte Kriminelle von Nicht-Kriminellen mit einer Genauigkeit von 89,5 Prozent unterscheiden und benötigt hat sie dafür nur ein Foto, so wird es zumindest behauptet. Physiognomik nennt man die Idee, aus dem Aussehen Schlüsse auf die seelischen Eigenschaften eines Menschen ziehen zu wollen, und diese Idee ist eigentlich nicht einmal nur mehr mittelalterlich, sondern geradezu antik. Vor allem aber ist es eine gefährliche Idee, eine Idee, die die Nazis benutzt haben, um ihr rassistisches Eugenik-Programm pseudowissenschaftlich zu unterfüttern. Jetzt also beschäftigen sich Maschinen mit Augenabständen und messen, wie lang genau die Linien sind, die von Nase zu den Ecken des Mundes führen. Sicher werden uns hyperintelligente Computer bald auch aus der der Hand lesen können, was zum Neo-Mittelalter natürlich passen würde wie Plattenpanzer auf Paladin.

Ich kann euch nicht bescheiden was seit her geschah
Als dass man Fraun und Ritter immer weinen sah,
Dazu die edeln Knechte, um lieber Freunde Tod.
Hie hat die Mär ein Ende: Das ist der Nibelungen Not.

So endet das Nibelungenlied, alle heulen, alle sind traurig, alle sind tot, das Märchen ist zu Ende. Uns zu bleibt nur zu hoffen, dass auch das Neo-Mittelalter schnell vorbei gehen wird.

 

#failoftheweek: Fakebook

Papst unterstützt Trump – Lügengeschichten wie diese haben den US-Wahlkampf massiv beeinflusst. Denn sie wurden auf Facebook kurz vorder Wahl öfter geteilt als echte Nachrichten. Aber Mark Zuckerberg spielt den Ahnungslosen.

© picture alliance/ZUMA Press

© picture alliance/ZUMA Press

„Bewiesen: Hillary Clinton hat Waffen an ISIS verkauft!“
„FBI-Agent, der gegen Clinton ermittelt hat, wurde ermordet aufgefunden.“
„Paps Franziskus schockt die Welt und spricht sich für Trump als Präsident aus!“

Drei Meldungen, die auf Facebook abgingen wie Schnitzel, drei Meldungen, die aber völliger Bullshit sind. Vor allem die Ente, wonach der Papst plötzlich Fan von Donald Trump sei, wurde auf Facebook vor der US-Wahl geteilt wie kein anderer Artikel, sogar die erotischen Girl-Girl Fotos von Melania Trump hatten dagegen keine Chance. Facebook hat ein Problem mit Fake-Meldungen, mit Fake-Meldungen, die zum Großteil übrigens von Millennials in einer mazedonischen Kleinstadt namens Veles zusammengeklickt werden. Mark Zuckerberg allerdings findet das alle nicht so wild, er schrieb diese Woche in einem Facebook-Post:

„99 Prozent der Inhalte, die die Leute auf Facebook sehen, sind wahr. Nur bei einem ganz kleinen Teil handelt es sich um Falschmeldungen und Hoaxes. Und die Hoaxes beschränken sich nicht auf eine politische Richtung. Insgesamt erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass Falschmeldungen die Wahl in die ein oder andere Richtung beeinflusst haben.“

Falschmeldung: Mark Zuckerberg tot

Diese Sichtweise ist sogar bei Facebook selbst ziemlich umstritten. Zudem hat sich das Problem mit den Falschmeldungen in diesen Tagen weiter verschärft – und betrifft jetzt sogar den Facebook-Chef ganz unmittelbar.

„Mark Zuckerberg stirbt mit 32 Jahren und leugnet weiterhin, dass Facebook ein Problem mit Falschmeldungen hat.“

Mark Zuckerberg will Falschmeldungen verbannen. Das sagte er während er einen Delfin aß.

Facebook muss sich mit Journalismus auseinandersetzen

Mark Zuckerberg wird also gerade selbst zum Gespött und zum Ziel von Falschmeldungen und das wohl auch nicht ganz zu unrecht. Der Facebook-Chef redet die Rolle seines Netzwerks jedes Mal klein, wenn es Probleme gibt, nach wie vor möchte er keine Verantwortung für das übernehmen was auf Facebook passiert. Dabei ist das Netzwerk längst zu einer der wichtigsten Nachrichtenquellen überhaupt geworden, das gilt übrigens auch für Deutschland, wo Bullshit-Meldungen wie „Steuergeld versenkt: Merkel-Regime spendete fünf Millionen US-Dollar für Clinton-Wahlkampf“ auch schon mal ein paar Tausend Likes einsammeln können.

Und die Journalisten müssen Facebook ernster nehmen

Facebook muss sich langsam aber sicher mit Journalismus auseinandersetzen, um Fake-Nachrichten herauszufiltern – und es wäre schön, wenn es dabei einigermaßen transparent zuginge. Was umgekehrt aber auch stimmt: Auch die Journalisten müssen sich mehr mit Facebook auseinandersetzen. Die Zeiten, in denen das, was auf blauen Seiten passiert, als folgenloser „Clicktivism“ abgetan wurde, sind seit Trump endgültig vorbei.

 

#failoftheweek: It’s the economy, stupid!

Der neue US-Präsident heißt Donald Trump, die liberale Linke steht unter Schock. Wie konnte das passieren? Und wie schafft man es in Zukunft  gegen rechte Demagogen Wahlen zu gewinnen? Christian Schiffer findet, es hilft nur eines: Raus aus der linken Filterblase!

linke-filter-blase

Es lohnt sich, das Ganze noch einmal auf sich zu nehmen. Es lohnt sich, noch einmal Donald Trump-Videos aus dem Wahlkampf zu schauen. Ja, auch die mit extra viel Bombast und Pathos, ja, auch die mit den populistischen Catchphrases, ja, auch die, die mit elegischer Orchestermusik unterlegt sind und natürlich auch die, die so richtig weh tun, weil sie aus einem Lehrbuch für Demagogen zu stammen scheinen. Und okay, vielleicht sogar die, die Donald Trump in seiner ganzen formvollendeten Trumpigkeit zeigen.

Es lohnt sich deswegen, weil man verstehen muss, wie Trump diese Wahl gewonnen hat – und vor allem, wie er den Rust Belt gewinnen konnte, die Region also, die traditionell zu den Demokraten tendiert, die Region, in der die amerikanischen Malocher leben.

Die Arbeiter haben Trump zum Sieg verholfen, sie könnten im nächsten Jahr auch Marine Le Pen zum Sieg verhelfen und die AfD gilt manchen sowieso schon als neue Arbeiterpartei. Abstiegsängste, soziale Probleme und Frust, damit lässt es sich als Populist schon mal ganz gut arbeiten und dann kommt natürlich auch ein latenter Rassismus dazu, den es in der Arbeiterschicht eben auch gibt. Ein paar Jahrzehnte Neoliberalismus hinterlassen Spuren: Das Gefühl, in permanenter ökonomischer Konkurrenz zu stehen, bringt nicht gerade das Beste im Menschen hervor. Trump hat den Arbeitern eine bessere Zukunft versprochen, er hat ihnen das Gefühl gegeben, wieder jemand zu sein und er hat die richtigen Feindbilder bedient: Einwanderer, Wallstreet, Establishment.

Raus aus der linken Filterblase!

giphy-21Hillary Clinton konnte dem wenig entgegensetzen und wahrscheinlich war es auch keine besonders gute Idee, am Ende Wahlkampf in Texas zu machen, anstatt Flyer vor Walzwerken in Pittsburgh zu verteilen. Aber natürlich liegt das Problem tiefer: Die Linke hat sich in den letzten Jahren immer weiter von der Arbeiterschicht entfernt, beachtliche Teile der Linken leben in einer postmaterialistischen Filterblase, in der mehr über Mikroaggressionen diskutiert wird, als über Makroökonomie.

(via Giphy)

„It‘s the economy, stupid!“

Mit diesem Motto hat Bill Clinton 1992 die Wahl gewonnen und diesen Satz sollte sich auch die Linke zu Herzen nehmen, wenn sie gegen Rechtspopulisten eine Chance haben will. Das bedeutet: Weniger nachdenken über Klassismus, dafür mehr über Klassen, weniger nachdenken über Identitäten, dafür mehr über Interessen und weniger nachdenken über Gina-Lisa, dafür mehr über Gewerkschaften. Nein, das heißt nicht, dass der Kampf gegen Rassismus, Antisemitsmus, Sexismus, Ableismus, Antiziganismus, Lookismus und all die anderen -Ismen deswegen unwichtig wird. All das ist bestimmt kein „Gedöns“, wie es Gerhard Schröder einmal abfällig formuliert hat. Aber eine Linke, die in Zukunft gewinnen möchte, sollte sich im Klaren darüber sein, dass man Fortschritte auf diesen Gebieten erheblich schwerer erreicht, wenn man von rechtspopulistischen Parteien oder Präsidenten regiert wird.