Wie geht Ironie im Europaparlament?

Günther Oettinger, bisher für die Energie zuständig in der EU, ist wahrscheinlich bald Kommissar für Digitales. In Zukunft muss er sich mit der Cloud und mit IP-Adressen befassen. Auf der anderen Seite von Herrn Oettinger steht Martin Sonneborn, ihn kennt man als Satiriker, ehemaligen Chefredakteur der Titanic und er ist einziger Abgeordneter der Satire-Partei “Die Partei” im EU-Parlament.

Gestern haben die Abgeordneten in Brüssel alle Kommissare in spe befragt – und getestet, ob für ihr Amt geeignet sind. Diese Chance ließ sich Martin Sonneborn nicht entgehen lassen – und wollte von Oettinger wissen, wie er denn zum “Recht auf Vergessen” im Internet steht:

Viele haben darauf gewartet, dass Günther Oettinger sich von Martin Sonneborn provozieren lässt. Der hatte seine Wähler vorher bereits auf Facebook gefragt, was sie schon immer mal von “Oetti” wissen wollten. Dann aber hat es Günther Oettinger selbst geschafft und bewiesen, dass er ganz viel nicht verstanden hat, was in diesem Internet passiert:

Wir können Günther Oettinger nur beipflichten: “Vor Dummheit kann man die Menschen nicht schützen.”

 

Wenn der Bundestag viral geht

von Christian Schiffer

Ukrainische Volksvertreter bei der Arbeit: Es wird geschrien, gezogen und geprügelt – und das nicht nur in Ukraine, sondern auch gerne mal in Japan oder der Slowakei. Parlamentsprügeleien schaffen es immer wieder mal in die Facebook- und Twitter-Timelines:

Und was auch gut geht: Lachanfälle 

Oder historisches Gelalle von betrunkenen Parlamentariern:

Detlev Kleinert war das, von der FDP. Seine Rede aus dem Jahr 1994 wurde bei YouTube 1,5 Millionen Mal angeklickt und ist damit die wohl erfolgreichste Bundestagsrede überhaupt im Internet. Und doch gibt es sie, Reden, die zum Ansehen des Hohen Hauses beitragen und sich trotzdem zum Hit im Netz entwickeln:

Im November 2013 hält Gregor Gysi im Deutschen Bundestag eine 13-minütige Rede zur NSA-Affäre. Die Rede wurde bis heute über eine Million Mal angeklickt und war das drittmeist geteilte Video des Jahres in Deutschland. Noch nie habe er so viele Briefe erhalten, sagt Gysi – und: Der Auftritt hatte eine bleibende Wirkung:

“Man geht doch zum Beispiel in die Politik, um den Zeitgeist zu verändern. Und das ist ja eigentlich auch der Zweck einer Rede, dass man anregen will über das eine oder das andere. Und wenn sich so viele das dann anhören und darüber nachdenken, dann hat man doch schon wieder einen gewissen Erfolg! Die Gesetzesanträge, die ich einbringe, lehnt die Mehrheit immer ab. Aber auf den Zeitgeist kann ich versuchen, Einfluss zu nehmen!”

Einfluss auf den Zeitgeist, das ist schon recht viel in einer Zeit, in der die Opposition kaum etwas zu sagen hat. Die Macht des gesprochenen Wortes hat auch der Altgrüne Christian Ströbele genutzt, auch ihm ist es gelungen eine Rede zu halten, die im Netz herumgereicht wurde, wiederum  zur NSA-Affäre.

Was macht eine Bundestagsrede zum YouTube-Hit?

Das Thema muss stimmen, vielleicht sogar polarisieren, denn für Reden im Parlament gilt genau wie für Webcontent: Humor und Aufreger gehen immer! Vor Kurzen erst wurde Bundestagspräsident Norbert Lammert zum kleinen Internetphänomen. Er hatte im Bundestag gesagt, man solle die Überwachung doch mal mit Fassung tragen, viele haben sich darüber empört. Und der jüngste Bundestagshit kam auch wieder von Gregor Gysi.

Ging gut, weil lustig:

Doch noch etwas gehört dazu, damit eine Parlamentsrede im Netz funktioniert: Authentizität. Man nimmt es Gysi und Ströbele einfach ab, dass die echt sauer sind auf die NSA oder darauf, dass Straßen privatisiert werden sollen. „Sachliche Leidenschaft“, so hat der Soziologe Max Weber einmal die wichtigste Eigenschaft eines Politikers beschrieben. Und genau das strahlen diese Reden aus: Sachliche Leidenschaft. So kann Youtube den Parlamentarismus vielleicht wieder ein bisschen flotter machen: Denn jeder Politiker kann mal schnell nachschauen, wie das so geht: Eine richtig gute Bundestagsrede.

 

Aphex Twin: Track By Track

Aphex Twin: Syro

Track By Track des neuen Albums “Syro” von Aphex Twin

TRACK 1
Ralf Summer: Erstaunlich zugänglich der Einsteiger “Minpops 67″. Wie Aphex Twin in seinen besten Zeiten: verbogene Musik von Gummibändern gespielt.

Michael Bartle: Ralf deutet es an: Zugänglich ist ein Parameter, mit dem man Aphex Twin immer wieder misst. Aber soll er das überhaupt sein? Frage: Was, wenn da nicht Aphex drauf stünde? Würde ich dieses Stück entdecken unter den Millionen anderen, die es durch Spotify und Soundcloud weht? Klares Ja! Hat genau den Grad an Schneeverwehung, den ein Aphex-Track braucht. Am Ende dann: sehr schöne Stimm-Seltsam-Samples.

TRACK 2
Ralf Summer: Und sein “Windowlicker-Funk” geht weiter (das war das verrückte Video von Chris Cunningham mit der Limousine und den Bikini-Fratzen) – dazu die typischen Aphex Twin-”Melodies from Mars”, melancholisch bis ins letzte Bit.

Michael Bartle: Der Schwebezustandsmann. Der Nicht-auf-den-Punkt-kommen-Woller. Der Wegflutscher-Funk. Bin langsam drin in der Aphex Twin Badewanne der Schwerelosigkeit. Sind wir immer noch in Track 2?

TRACK 3
Ralf Summer: Das Erfolgsrezept von Richard D. James aka Aphex Twin ist ja: Seine Musik klingt wie aus der Mitte zwischen Weltall und Erde: die Beats von uns, die Harmonien von ganz weit draußen, vom Thannhäuser-Gate, wie es in Blade Runner hieß. Falls es jemals ein Remake des Sci-Fi-Klassikers geben sollte, müsste Aphex Twin den Soundtrack beisteuern.

Michael Bartle: So, jetzt müssen auch Blade Runner kurz Luft holen. Leichtes Flanieren durch fast verlassene Gegenden. Moroder und Kraftwerk sind hier auch schon vorbei gekommen.

TRACK 4
Michael Bartle: Aphex Twin in der Filter-Blubber. Bin mal kurz weg. Zum ersten Mal Anflug von Langeweile.
Auftritt Lieblings-Kollege 1: “Probier mal, darauf zu tanzen!”
Auftritt Lieblingskollege 2: “Du weißt doch, wie es läuft: Der hat einfach seine alte Festplatte durchwühlt! Die haben auch so komische Titel, die Tracks, ist einfach alter Crap. Und jetzt das Josh-Wink-Lachen drüber, hahahahhahaha!”

Ralf Summer: Vierviertel-Aphex-Acid for the MDMA-Fresse

TRACK 5
Ralf Summer: Nochmal gerader Beat mit Gamesound-Fiepsen, Acid-Pupsen und Unterkiefer-Malmen.

Michael Bartle: Unterkiefer-Malmö! Bin wieder dabei im Stolper-Galopp. Alles sitzt perfekt, jeder einzelne Sound.

TRACK 6: Interlude

TRACK 7
Michael Bartle: Beschwipste Bienen schwirren. Dann ein Beat, der ziemlich viel gepumpt hat, Tempoverschärfung. Kurzes Squarepusher Jazz-Rock Intermezzo. Dann geht’s wieder weiter. Schwindelanfälle auf der Wilden Maus.

Ralf Summer: Darknet-Techno mit Engelszungen. Klingt nach japanische Spieleentwickler-Soundtrack. Helterskelter-Breakbeats-Gebolze.

TRACK 8
Ralf Summer: Nervöser, kalifornischer Flying Lotus/Thundercat-Jazz-Funk für ADHS-Zentren. Behandlung zahlt Krankenkasse.

Michael Bartle: So soll es sein.

TRACK 9
Michael Bartle: Sind wir jetzt weiter als 2001? Als sein letztes Album “Druqs” erschienen ist? Haben wir ihn eingeholt? Oder ist er nun im Jahr 2027? Dieser neunte Track hilft uns nicht weiter.
Ralf Summer: Happy Hardcore Continuum 2.0

TRACK 10
Ralf Summer: Es zappelt weiter. Somit hat die unruhige Seite auf dem Album überhand. Laut erstem Interview ist “Syro” ja das erste von vielen neuen Aphex Twin-Alben, die da kommen – und das „zugänglichste“. Der Titel “Syro” ist ein erfundenes Wort seiner Kinder.

Michael Bartle: Hab nach 58 Minuten und 31 Sekunden grad einen kurzen Overkill und zappel auf der Pausentaste.

TRACK 11
Ralf Summer: Ob es der 11. Track ist, ist nicht ganz sicher – manche Stücke könnten auch drei in einem gewesen sein. Das Schlusslied ist jedenfalls klar zu erkennen: ein Klavier. Langsam gespielt. Keine Beats. Eher Atmo. Kündigt sich damit ein Selected Ambient Works 3 Album an?

FAZIT
Michael Bartle: Gutes Album. Es ist definitv state of the art – aber nicht mehr out of time und ahead of the future.

Ralf Summer: Bis zum Ende des ersten Drittels dachte ich: drittbestes Album, nach den beiden Selected Ambient Works. Am Ende ist es ziemlich uneinheitlich. Er zeigt uns all seine Gesichter. Besser wäre gewesen, zu streuen: ein Ambient-, ein Electro- und ein Noise-Album nacheinander. Aphex war zwar lange weg, klingt aber nicht, als ob er etwas verlernt hätte. Good 2 have U back, Richard!

 

#failoftheweek