#failoftheweek: Bedingungsloses Grundeinkommen

Seit Jahren ist das bedingungslose Grundeinkommen ein Gassenhauer unter Linken, Liberalen und Utopisten, auch immer mehr Manager großer Konzerne können sich mit der Idee anfreunden. In Wahrheit allerdings ist das bedingungslose Grundeinkommen vor allem eines: Ungerecht. Christian Schiffer fordert: Reanimiert Robin Hood!

Ein Erklärbär-Video zum bedingungslosen Grundeinkommen auf Youtube. Es gibt viele Erklärbär-Videos zum bedingungslosen Grundeinkommen auf Youtube:

Nüchtern betrachtet, gibt eigentlich sogar so viele Erklärbär-Videos zum bedingungslosen Grundeinkommen auf Youtube, dass man sich fragen muss, wieso Youtube dafür nicht schon längst einen eigenen Channel eingeführt hat: Sportvideos, Livevideos, Erklärbär-Videos zum bedingungslosen Grundeinkommen, Musikvideos. Gamingvideos, für jeden was dabei.

Bedingungslosen Grundeinkommen – klingt irgendwie gut

Aber gut, das Interesse am bedingungslosen Grundeinkommen scheint eben gewaltig zu sein und klar, es klingt auch ziemlich gut, irgendwie.

„Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ist ein sozialpolitisches Finanztransferkonzept, nach dem jeder Bürger – unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage – eine gesetzlich festgelegte und für jeden gleiche – vom Staat ausgezahlte – finanzielle Zuwendung erhält, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen (Transferleistung).“ Wikipedia

Voll supi: Jeder bekommt – sagen wir mal – einen Tausi im Monat, einfach so, und kann dann machen was er will: Zu Hause bleiben und Töpfern oder FIFA17 zocken oder weiter seinem Knochenjob im Vorstand der Deutschen Bank nachgehen: Jeder bekommt den Tausi, unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage, er ist eben bedingungslos und das das hat eine Menge Vorteile, predigt das Youtube-Erklärbär-Video Nr. 1861:

Sogar Manager sprechen sich fürs Grundeinkommen aus

Linke halten das Grundeinkommen für toll, viele Rechte auch, Utopisten sowieso und nun auch immer mehr Manager großer Dax-KonzerneFinnland will schon bald Geld regnen lassen. In Deutschland hat sich gerade eine neue Partei gegründet – das „Bündnis Grundeinkommen“. Warum auch nicht, könnte man denken, Deutschland ist so ungleich wie selten zuvor, mehr als ein Drittel aller Haushalt haben ein geringeres Einkommen als vor 15 Jahren – und das trotz Wirtschaftsboom.

Ungleichheit ist zum wichtigsten ökonomischen Thema unserer Zeit geworden. Nur: An der Ungleichheit ändert ein bedingungsloses Grundeinkommen rein gar nichts, im Gegenteil: Wer allen das Gleiche dazugeben möchte, der Supermarktkassiererin genauso wie dem Suppenfabrikanten, der schafft Ungleichheit nicht ab, der zementiert sie.

Milliardär und Putzfrau bekommen das gleiche Grundeinkommen

Und genau darauf hat diese Woche Gottseidank endlich mal jemand hingewiesen, nämlich der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der dieses Jahr für die Linke als Bundespräsidentenkandidat ins Rennen geschickt wird.

„Und so führt auch das Grundeinkommen nicht zu mehr sozialer Gerechtigkeit, sondern eher zu weniger. Mit einer Sozialpolitik nach dem Gießkannenprinzip würde der Staat die unterschiedliche finanzielle Leistungsfähigkeit der einzelnen Gesellschaftsmitglieder ignorieren. Wäre es wirklich fair, wenn der Milliardär dieselbe Summe ausgezahlt bekäme wie der Müllwerker? Nein. Gleiches sollte gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden!“ Armutsforscher Christoph Butterwegge im Interview mit Deutschlandradio Kultur

Natürlich: Es gibt unterschiedliche Grundeinkommen-Modelle, aber sie alle sind dann eben auch nur unterschiedlich ungerecht. Oder sie haben dann eben kaum noch etwas mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu tun. Wie das Konzept der „negativen Einkommenssteuer“, eine Idee die auch von Milton Friedmann vorangetrieben wurde, der praktischerweise auch gleich noch den Neoliberalismus miterfunden hat.

Die Linken sollten sich mal wieder an Robin Hood erinnern

Es wird Zeit, diesen Grundkonsens der Grundeinkommensgeilheit zu überwinden, es wird Zeit, dass sich vor allem die Linke und die Sozialdemokratie wieder auf das konzentriert, wofür ihr die Fans zujubeln: Robin Hood spielen. Den Reichen nehmen, den Armen geben, so beseitigt man Ungleichheit. Vielleicht sollte mal jemand ein Erklärbär-Video dazu machen.

 

Amazon vernichtet Arbeitsplätze – und das ist vielleicht gar nicht so schlimm

Amazon schafft die Supermarktkasse ab und damit auch viele Arbeitsplätze. Doch anstatt klebrigen Warenlaufbändern hinterherzutrauern, sollten wir uns lieber überlegen, wie wir Arbeit und Wohlstand neu verteilen.

Amazon Go heißt das neue Shoppingkonzept des Online-Kaufhauses. Die Idee: Man geht in einen Supermarkt, nimmt sich, was man braucht und geht dann wieder. Kein Anstellen an der Kasse, bezahlt wird automatisch per App. Wie das Ganze funktioniert, ist nicht so richtig klar. Amazon versteckt sich hinter ein paar schrecklich innovativ klingenden Buzzwords: Computer Fusion, Deep Learning Algorithm, Sensor Fusion, Blubb. Es soll angeblich dieselbe Technologie zum Einsatz kommen wie in selbstfahrenden Autos. Nur: Was bitte haben selbstfahrende Autos mit einem Griff ins Tiefkühlregal zu tun? Was der Konzern offenbar nicht sagen möchte: Amazon Go wird ermöglicht durch die permanente Hightechüberwachung des Kunden. Das ist schlecht. Sehr schlecht sogar.

Auf der anderen Seite: Man geht in einen Supermarkt, nimmt sich, was man braucht und geht dann wieder! Kein fucking Anstellen an der Kasse! Bezahlt wird automatisch per App!! Kassiererinnen und Kassierer werden das allerdings nicht ganz so geil finden, die verlieren nämlich ihren Job. Und das führt jetzt schon jetzt zu großen Befürchtungen, von einem Horror für den Arbeitsmarkt ist da die Rede und vom „Jobkiller Amazon“.

„Tina, was kosten die Kondome?“

Und natürlich wird nun auch das Bezahlen an der Supermarktkasse zu einem geradezu romantischen Erlebnis verklärt: Wie schön das doch ist, dass man da auch mal bei sich sein kann, ein bisschen Entschleunigung in dieser schnelllebigen Zeit. Der Aufenthalt an der Supermarktkasse, der Wellnessurlaub des kleinen Mannes:

Das ist Bullshit. Der Aufenthalt an der Kasse ist fast immer verschwendete Lebenszeit und oft genug ein Martyrium, gespickt mit nicht funktionierenden Scannern, fehlendem Kleingeld, reißenden Einkaufstüten, durch unsachgemäße Behandlung eingedatschten Joghurtbechern und postapokalyptisch anmutenden Kämpfen um den letzten Warentrenn-Stab. Weg damit.

Und die Kassiererinnen und Kassierer? Sie werden nicht die einzigen sein, die um ihre Jobs bangen müssen: Fernfahrer könnten in Zukunft – nun ja – unter die Räder kommen, aber sogar auch Anwälte und Journalisten. Sie alle könnten irgendwann überflüssig werden – durch schlaue Algorithmen und künstliche Intelligenz.

Und das muss auch nicht so grauenhaft sein, wie es sich anhört. Die Frage ist vielmehr, ob es uns gelingt, den Wohlstand, der mit neuen Technologien erwirtschaftet wird, fair zu verteilen. Ob wir es schaffen, die Rendite, die Maschinen erwirtschaften, so zu verteilen, dass auch die von Computer Fusion, Deep Learning Algorithm, Sensor Fusion und Blubb wegrationalisierte Kassiererin etwas davon hat. Zum Beispiel über ein faires Grundeinkommen, vielleicht aber auch über großzügige Transferleistungen und die radikale Verkürzung von Arbeitszeiten.

Das „Reich der Freiheit“ beginnt, wo die Arbeit aufhört

Karl Marx sprach mal vom „Reich der Freiheit“. Das „Reich der Freiheit“ beginnt dort, wo die Arbeit aufhört, hier können wir schön spätdekadent in der sozialen Hängematte abhängen und entspannt Netflix-Serien bingewatchen. Das klingt doch weit besser, als am Supermarkt an der Kasse zu stehen – oder zu sitzen.

 

#failoftheweek: Neomittelalter

In alten Geschichten wird uns vieles Wunderbare berichtet:
von ruhmreichen Helden, von hartem Streit, von glücklichen Tagen
und Festen, von Schmerz und Klage, vom Kampf tapferer Recken:
Davon könnt auch Ihr jetzt Wunderbares berichten hören.

So geht es los, das „Nibelungenlied“ und die nächsten 3000 Reimpaarverse watet der Leser dann seitenweise durch Blut. Da werden strahlende Ritter hinterrücks mit Speeren durchbohrt, da werden Linddrachen erlegt und Frauen erschlagen die Mörder ihrer Ehemänner, kurz gesagt: Diese mittelalterliche Nibelungenwelt, sie ist eine Scheißwelt. Doch vielleicht müssen wir uns langsam wieder gewöhnen an mittelalterliche Scheißwelten, denn sie ist gerade in vollem Gange, die Vermittelalterlichung unserer Gesellschaft.

In den USA wird mit Mike Pence ein passionierter Kreationist Vize-Präsident, der der mittelalterlichen Vorstellung anhängt, die Evolutionstheorie sei Humbug. Und in Großbritannien wollen sie nun schön neo-mittelalterlich Porno-Videos sperren. Also nicht alle Porno-Videos natürlich, sondern nur solche, die, Zitat: „nicht-konventionellen Sexualpraktiken“ zeigen. Zu den „Nicht konventionellen Sexualpraktiken“ gehören unkeusche Sauereien wie etwa Sadomaso-Zeug, Peitschen, Spanking, Facesitting, Geschlechtsverkehr in der Öffentlichkeit und die weibliche Ejakulation. Gegen das Gesetz hat sich schon Widerstand formiert, unter anderem gab es kürzlich erst wieder Protest-Face-Sit-Ins vor dem englischen Parlament:

Und noch ein Indiz dafür, dass wir an der Schwelle zum Neo-Mittelalter stehen: Diese Woche wurde eine Studie vorgestellt, in der zwei chinesische Forscher beschreiben, wie sie einer künstlichen Intelligenz beigebracht haben, Kriminelle zu erkennen – anhand ihres Aussehens. Die KI konnte Kriminelle von Nicht-Kriminellen mit einer Genauigkeit von 89,5 Prozent unterscheiden und benötigt hat sie dafür nur ein Foto, so wird es zumindest behauptet. Physiognomik nennt man die Idee, aus dem Aussehen Schlüsse auf die seelischen Eigenschaften eines Menschen ziehen zu wollen, und diese Idee ist eigentlich nicht einmal nur mehr mittelalterlich, sondern geradezu antik. Vor allem aber ist es eine gefährliche Idee, eine Idee, die die Nazis benutzt haben, um ihr rassistisches Eugenik-Programm pseudowissenschaftlich zu unterfüttern. Jetzt also beschäftigen sich Maschinen mit Augenabständen und messen, wie lang genau die Linien sind, die von Nase zu den Ecken des Mundes führen. Sicher werden uns hyperintelligente Computer bald auch aus der der Hand lesen können, was zum Neo-Mittelalter natürlich passen würde wie Plattenpanzer auf Paladin.

Ich kann euch nicht bescheiden was seit her geschah
Als dass man Fraun und Ritter immer weinen sah,
Dazu die edeln Knechte, um lieber Freunde Tod.
Hie hat die Mär ein Ende: Das ist der Nibelungen Not.

So endet das Nibelungenlied, alle heulen, alle sind traurig, alle sind tot, das Märchen ist zu Ende. Uns zu bleibt nur zu hoffen, dass auch das Neo-Mittelalter schnell vorbei gehen wird.

 

#failoftheweek: Fakebook

Papst unterstützt Trump – Lügengeschichten wie diese haben den US-Wahlkampf massiv beeinflusst. Denn sie wurden auf Facebook kurz vorder Wahl öfter geteilt als echte Nachrichten. Aber Mark Zuckerberg spielt den Ahnungslosen.

© picture alliance/ZUMA Press

© picture alliance/ZUMA Press

„Bewiesen: Hillary Clinton hat Waffen an ISIS verkauft!“
„FBI-Agent, der gegen Clinton ermittelt hat, wurde ermordet aufgefunden.“
„Paps Franziskus schockt die Welt und spricht sich für Trump als Präsident aus!“

Drei Meldungen, die auf Facebook abgingen wie Schnitzel, drei Meldungen, die aber völliger Bullshit sind. Vor allem die Ente, wonach der Papst plötzlich Fan von Donald Trump sei, wurde auf Facebook vor der US-Wahl geteilt wie kein anderer Artikel, sogar die erotischen Girl-Girl Fotos von Melania Trump hatten dagegen keine Chance. Facebook hat ein Problem mit Fake-Meldungen, mit Fake-Meldungen, die zum Großteil übrigens von Millennials in einer mazedonischen Kleinstadt namens Veles zusammengeklickt werden. Mark Zuckerberg allerdings findet das alle nicht so wild, er schrieb diese Woche in einem Facebook-Post:

„99 Prozent der Inhalte, die die Leute auf Facebook sehen, sind wahr. Nur bei einem ganz kleinen Teil handelt es sich um Falschmeldungen und Hoaxes. Und die Hoaxes beschränken sich nicht auf eine politische Richtung. Insgesamt erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass Falschmeldungen die Wahl in die ein oder andere Richtung beeinflusst haben.“

Falschmeldung: Mark Zuckerberg tot

Diese Sichtweise ist sogar bei Facebook selbst ziemlich umstritten. Zudem hat sich das Problem mit den Falschmeldungen in diesen Tagen weiter verschärft – und betrifft jetzt sogar den Facebook-Chef ganz unmittelbar.

„Mark Zuckerberg stirbt mit 32 Jahren und leugnet weiterhin, dass Facebook ein Problem mit Falschmeldungen hat.“

Mark Zuckerberg will Falschmeldungen verbannen. Das sagte er während er einen Delfin aß.

Facebook muss sich mit Journalismus auseinandersetzen

Mark Zuckerberg wird also gerade selbst zum Gespött und zum Ziel von Falschmeldungen und das wohl auch nicht ganz zu unrecht. Der Facebook-Chef redet die Rolle seines Netzwerks jedes Mal klein, wenn es Probleme gibt, nach wie vor möchte er keine Verantwortung für das übernehmen was auf Facebook passiert. Dabei ist das Netzwerk längst zu einer der wichtigsten Nachrichtenquellen überhaupt geworden, das gilt übrigens auch für Deutschland, wo Bullshit-Meldungen wie „Steuergeld versenkt: Merkel-Regime spendete fünf Millionen US-Dollar für Clinton-Wahlkampf“ auch schon mal ein paar Tausend Likes einsammeln können.

Und die Journalisten müssen Facebook ernster nehmen

Facebook muss sich langsam aber sicher mit Journalismus auseinandersetzen, um Fake-Nachrichten herauszufiltern – und es wäre schön, wenn es dabei einigermaßen transparent zuginge. Was umgekehrt aber auch stimmt: Auch die Journalisten müssen sich mehr mit Facebook auseinandersetzen. Die Zeiten, in denen das, was auf blauen Seiten passiert, als folgenloser „Clicktivism“ abgetan wurde, sind seit Trump endgültig vorbei.