#failoftheweek: Facebooks Frauennippel-Phobie

Facebook & Co. leiden unter ein einer akuten Phobie vor der weiblichen Brust. Wie absurd das ist, zeigt gerade ein Video, das im Internet viral geht. Es wird endlich Zeit für eine sexuelle Facebook-Revolution, findet Christian Schiffer.

Es sind große, wabbelige und doch auch formschöne Brüste, die die Organisation MACMA in ihrem Youtube-Video zeigt. Brüste, die sich so richtig schön mit einer Hand umschließen lassen, mit Nippeln, die nicht zu groß sind, aber auch nicht zu klein. Brüste, die sogar der Schwerkraft ein wenig trotzen und geradezu anmutig auf und abwippen. Brüste, weich und warm und voll und zart und rund… und – zumindest aus der Sicht eines heterosexuellen Mannes – auch ziemlich abtörnend, weil recht behaart. Denn die Brüste gehören Henry und mit Hilfe von Henrys beachtlichem Vorbau zeigt das Video, wie man Brüste richtig abtastet um Brustkrebs zu erkennen.

Was für ein großartiger Hack

Der Brustkrebsselbsthilfegruppe ist damit ein viraler Hit gelungen und das auch völlig zu Recht: Was für ein großartiger Hack, um auf die prüden Moralvorstellungen von Facebook & Co. hinzuweisen! Denn dort heißt es:

„Wir entfernen Fotos von Personen, auf denen Genitalien oder vollständig entblößte Pobacken zu sehen sind. Außerdem beschränken wir Bilder mit weiblichen Brüsten, wenn darauf Brustwarzen zu sehen sind.“ aus: Facebook-Gemeinschaftsstandards

Brustwarzen sind also Tabu, sofern es sich um weibliche Brustwarzen handelt und so müssen eben Henrys haarige Hupen herhalten, um Frauen über Brustkrebs aufzuklären. Diese absurde Regelung beschäftigt das Netz schon seit Jahren. Immer wieder gab es Protest dagegen: Mal wurden Aufkleber in Form männlicher Nippel verteilt, die sich Frauen auf ihre Nippel kleben konnten, damit ihre Frauennippel aussahen wie Männernippel, also eigentlich genau so wie vorher, aber eben Facebook-konform. Ein anderes Mal protestierte die Tochter von Demi Moore und Bruce Willis barbusig unter dem Hashtag #freethenippel gegen Instagrams Frauennippel-Phobie. Und dann gab es vor einiger Zeit auch noch die Aktion #nippelstatthetze: In der Fotokampagne wurde eine Frau oben ohne abgebildet, darunter ein Mann mit einem Plakat „Kauft nicht bei Kanaken“ und darüber der Satz: „Eine dieser Personen verstößt gegen die Regeln von Facebook“.

Zeit für eine sexuelle Facebook-Revolution!

Foto: dpa. Drei Anhängerinnen der amerikanischen Frauen-Befreiungsbewegung haben sich während einer Anti-BH-Demonstration am 5. August 1969 in Chicago von ihren Büstenhaltern befreit.

Anti-BH-Demonstration am 5. August 1969 in Chicago. Foto: dpa

 

Es ist absurd: Das Internet ist voll von primären und sekundären Geschlechtsorganen, doch bei Facebook und Co. geht es so prüde zu wie in einem Hirtenbrief. Nichts gegen Henrys Superbrüste, aber das muss sich ändern. Freiheit auch für Frauennippel! Es wird Zeit für eine sexuelle Facebook-Revolution!

 

Limonaden-Veräppelung: Corden, Kimmel und Colbert parodieren Beyoncé

Seit Samstag steht die Netzwelt Kopf: Beyoncé hat überraschend ihr neues Album auf den Markt geworfen: als einstündigen Film. Der Hashtag #Lemonade hat über vier Millionen Tweets hervorgebracht – in weniger als zwei Tagen. Nun reagiert die Late Night-Front.

Beyoncé mit Baseballschläger, Autos zertrümmernd. Gelbes Kleid. Beyoncé im brennenden Haus. Rotes Kleid. Beyoncé in der Tiefgarage. Pelzmantel. „Lemonade – The Visual Album“ ist bildgewaltig, mystisch, sichtlich teuer – und schwankt im Endergebnis zwischen großer Kunst und Parfümwerbung.

Das frühere Destiny‘s Child erzählt in dem einstündigen Film „Lemonade – The Visual Album“, der am Wochenende bei HBO zu sehen war, eine alte Geschichte: Mann hintergeht Frau. Frau ist am Ende. Frau sinnt auf Rache. Twitter schäumt über: Hat Jay-Z seine Frau nun betrogen, wird sie sich trennen? Warum aber veröffentlicht sie dann exklusiv – inzwischen ist das Album auch auf anderen Kanälen zu hören – auf seinem Musikdienst Tidal?

Genug Stoff für Kimmel und Co. „Lemonade“ zu parodieren. Der britische Comedian James Corden, hierzulande vor allem für seine Carpool-Karaoke mit Adele bekannt, setzte dabei am Montagabend darauf, die Ehekrise in eine Comedykrise umzumünzen und sich selbst ins gelbe Dress zu zwängen.

US-Late Night-Talker Jimmy Kimmel erklärt die (vermeintliche) Ehekrise von Beyoncé und Jay-Z anhand von Emojis.

Und der Letterman-Nachfolger Stephen Colbert mansplains „Lemonade“.

Ein paar Fragen bleiben offen:

– Ist es lustig, wenn sich weiße, mittelalte Männer über eine schwarze Künstlerin lustig machen, die sich von „Crazy in Love“ zu einer Künstlerin mit Message – Stichwort Feminismus, Stichwort Black – entwickelt hat?
– Ist Beyoncé überhaupt Feministin? Oder nur Kapitalistin?
– Gehen wir Frau Beyoncé Knowles-Carter und ihren Heerscharen von Beratern auf den Leim, indem wir uns von der Opulenz von „Lemonade“ beeindrucken lassen?

Aber: Zu hoch sollte man die Sache gar nicht hängen – das Lustigste zum Thema Beyoncé hat eh Saturday Night Live gemacht: The Day Beyoncé Turned Black: In dem gefakten Filmtrailer verbreitet sich die schockierende Nachricht, dass Beyoncé gar keine Weiße ist – wer hätte das gedacht.

Saturday Night Live: The Day Beyoncé Turned Black

 

#failoftheweek: „Ein Notebook nimmt weniger Platz weg“

Es gibt Badetabs für Frauen, Grillsoße für Frauen und Playmobilfiguren für Frauen. Jetzt gibt es auch ein Internetmagazin für Frauen. „smartWoman“ heißt es und Christian Schiffer – ein Freund der Frauen – hat es gelesen und ist entsetzt.

Im Editorial von smartWoman macht Holger Lehmann ganz große Versprechungen:

„In smartWoman bekommen Sie alles reich bebildert und in einfacher Sprache erklärt. (…) Nach der Lektüre sind Sie bereit, Ihre Lieben per Smartphone, E-Mail oder Videotelefonie zu kontaktieren, im Internet zu surfen oder einzukaufen.“

Holger Lehmann ist etwa 50, hat einen etwas festeren Körperbau und ist seines Zeichens Projektleiter von smartWoman, einem Frauenmagazin rund ums Internet, das viermal im Jahr erscheinen soll. Und smartWoman ist dann auch genauso wie man sich ein Magazin vorstellt, das von den Herman-Lehmanns dieser Welt erfunden wurde: Anbiedernd, bräsig, paternalistisch und durchzogen von dieser „Isch zeig Dir mal wie dad geht, Schätzgen“-Attitüde. Auf 100 Seiten erfährt die smartWoman ein bisschen was über die Vorteile, die so ein Smartphone hat:

„Schnell lässt sich eine Adresse auf der Karte checken und der Weg dorthin anzeigen.“

Aber auch die Nachteile dieser modernen Hightech-Alleskönnern werden nicht unter den Computertisch gekehrt:

„Wegen der großen Displays sind die smarten Phones gefährdet wenn sie herunterfallen.“

smartWoman beantwortet alles, was man sich nie zu fragen getraut hat. Etwa warum Notebeooks total praktisch sind:

 „Ein Notebook nimmt viel weniger Platz weg.“

Aber auch hier: Holger Lehmann und sein Team weisen auch schonungslos auf mögliche Probleme und Komplikationen hin:

„Es gibt große Unterschiede, was das Gewicht eines Notebooks angeht.“

Wenn man das so liest, dann kommt man recht schnell auf den Gedanken, dass die smartWoman-Redaktion offenbar der Meinung ist, dass die smartWoman gar nicht mal so smart ist, sondern mehr so topfköpfig. Und dass sie eine ausgeprägten Leidenschaft für Fitnessscheiß und Reinigungszeug hat:

„Touchscreens und  Notebook-Bildschirm sind empfindlich und brauchen daher besondere Pflege. Scharfe Putzmittel sollten sie vermeiden.“

Zwischen Tipps & Tricks vom Stromsparfuchs, Kreuzworträtsel, Stock-Fotos auf denen Blondinen begeistert ihren Laptop anlächeln, AEG Werbung und einem Vorbericht zur Rentnermesser „Die 66“ („Hier erwartet Sie wieder ein Feuerwerk der guten Laune“), findet sich noch eine Kolumne, in der sich eine Autorin über das nervige Pingping von Whatsapp auslässt, App-, Reise- und Einkaufstipps und der Rat, sich echt mal dieses brandneue Video „Hello“ von Adele anzusehen, das gibt es auf diesem Youtube. Dann gibt es noch einen umfassenden Artikel rund um das Thema Rentenbesteuerung, der sich detailliert mit dem Alterseinkünftegesetz aus dem Jahr 2005 auseinandersetzt und der damit verbundenen… ach egal.

Um es kurz zu machen: smartWoman ist nicht unbedingt eine Bereicherung des hiesigen Zeitschriftenmarktes. Aber bei aller Häme, gibt es eine Frage, die man sich stellen muss: Was hat das Internet, was haben die Tekkies, die Nerds, die IT-Firmen, Volkshochschulen, Sascha Lobo und wir alle in den letzten Jahren falsch gemacht, dass ein Verlag meint, es würde Bedarf geben an einem Magazin wie smartWoman? Was ist falsch gelaufen, dass es da draußen immer noch Menschen gibt, denen ein Magazin erklären muss, wie man eine Datei abspeichert?

„Am einfachsten geht das, wenn Sie sie mit der Maus markieren und mit gedrückter Maustaste in den Ordner ziehen.“

Wer über smartWoman lästert, der darf gleichzeitig nicht schweigen über die manchmal immer noch oft unnötig umständliche Bedienung vieler Geräte und auch nicht darüber, dass es eben de facto wirklich so etwas gibt wie eine digitale Spaltung. Ohne es zu wollen ist smartWoman deswegen eigentlich ein Plädoyer dafür, dass man dringend mehr tun sollte, um diesen Graben wieder etwas zuzuschütten – damit solche Magazine in Zukunft überflüssig sind.

 

#freesargnagel: Nach Post gegen Identitäre wird Wiener Autorin auf Facebook geblockt

Die Wiener Künstlerin und Schriftstellerin Stefanie Sargnagel ist bekannt für ihren schamlosen und schlauen Humor, den sie am liebsten in ihren Facebookpostings auslebt. Jetzt wurde sie wegen eines satirischen Posts über eine Identitäre-Aktivistin von Facebook gesperrt. 

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Der satirische Post, der laut Sargnagel, zu ihrer dreitätigen Facebooksperre führte, beschäftigte sich mit Sargnagels „Lieblingsidentitären“ Alina Wychera, die sich in den sozialen Medien öffentlich als Aktivistin der Identitären bezeichnet, einer Gruppe, die permanent gegen Überfremdung und gegen den Islam agitiert – teilweise auch mit Gewalt.

Was Sargnagel hier satirisch überspitzt zum Ausdruck bringt, ist die Gesinnung von Identitären wie Alina Wychera. Vergangene Woche erst stürmten die Rechtsaußen den Audimax der Wiener Uni, wo gerade das Jelinek-Stück „Die Schutzbefohlenen“ aufgeführt wurde. Unter den Schauspielern waren auch Flüchtlinge. Die Aktivisten warfen Flugblätter ins Publikum mit der Aufschrift „Multikulti tötet“, es gab Verletzte. Alina Wychera war offenbar selbst dabei – für sie ein Kinderspiel, für das sie sich auf Twitter rühmt.

In Österreich rekrutieren sich die Identitären stark aus den Burschenschaften, die dort nach wie vor stark verwurzelt sind. Aus diesem Pool schöpfe auch die FPÖ ihren Nachwuchs, erklärt der FM4-Journalist Rainer Springenschmied im Zündfunkinterview. Die Ideologie der Identitären speise sich aus der Anti-Islam-Bewegung und Verschwörungstheorien:

„Was gerade passiert, die Fluchtbewegungen vor Kriegen, das ist in deren Ideologie nur ein Ausbund dieser großen Verschwörung, dass aus welchem Grund auch immer die europäische gegen eine arabische Bevölkerung ausgetauscht werden soll.“

Laut Springenschmied treten die Identitären in letzter Zeit verstärkt auf. Sie setzen mit ihren Aktionen – siehe Stürmung des Jelinek-Stücks – vor allem auf die Produktion von Bildern und versuchen so in die Medien zu kommen. Ihre Strategien übernehmen sie von der Linken und der Umweltschutzbewegung, die sie in ihrem rassistischen Sinn umdeuten, z.B. indem sie auf Dächer klettern und Transparente enthüllen.

„Man merkt in letzter Zeit, dass diese Taktik, Bilder zu produzieren, eigentlich nur ablenkt von einer Gewalt, die darunter liegt und die auch zum Ausbruch kommt. Leute haben schon Morddrohungen bekommen. Und auch bei der Jelinek-Aktion gab es acht Verletzte.“

Stefanie Sargnagel meldet sich seit ihrer unfreiwilligen Facebook-Pause über Twitter zu Wort.

Im Zündfunkinterview erklärt Sargnagel, dass sie mit ihren Tweets und Posts die ganze Identitäre Bewegung angreifen will. Wychera hätte sich aber angeboten, weil sie eine der zentralen Figuren der Bewegung und charakterlich einfach sehr schräg sei.

„Das sind alles privilegierte Bürgerkids, die durchaus geisteswissenschaftliche Dinge studieren.“

Dass sie Wychera jetzt offenbar ihre zeitweise Sperrung von Facebook zu verdanken hat, kommentiert sie so:

„Vor ein paar Tagen hat Alina noch Kunstblut über Flüchtlingskinder verspritzt, die gerade ein Theaterstück aufführen wollten. Also da muss man dann schon auch ein bisschen Witze aushalten.“