#failoftheweek: Deutschland, nachsitzen!

Autos und Fußball: Deutschland will gern Klassenbester sein. Bei einem Thema aber sieht es finster aus: Beim Thema Rassismus. “Setzen, 4″, sagt der Anti-Rassismus-Ausschuss der Vereinten Nationen, der heute seinen Bericht veröffentlicht hat. Von Sammy Khamis

horst-seehofer_klein_dpa

Schulnote: 4. In anderen Worten: ausreichend. Das ist die Gerade-Noch-Bestanden-Zensur der Vereinten Nationen für das Schulfach: „Was tut Deutschland gegen Rassismus?“ Mit einer vier kommt die Bundesrepublik aber eigentlich noch ganz gut davon. Denn Pegida oder die zahlreichen Brandanschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte werden gar nicht erst erwähnt. Stattdessen schreiben die Vereinten Nationen in ihrem aktuellen Zeugnis, dass „wir die Politik auffordern gegen Hetze vorzugehen und Toleranz zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den Minderheiten zu fördern“.

Looking at you, Sigmar Gabriel, mit Deiner Pegida-Sprechstunde in Dresden:

„Aber die normalen Bürgerinnen und Bürger, die dahin gehen – die zum Teil berechtigte, manchmal, wie ich finde, auch unberechtigte Sorgen haben – natürlich müssen wir mit denen reden.“ Sigmar Gabriel am 23. Januar 2015

Oder looking at you, Horst “Bierzelt-Redner” Seehofer

„Wir sind nicht das Sozialamt für den Balkan, liebe Freunde!“ Horst Seehofer, 18. Februar 2015

Oder der hier:

„Wogegen wir größte Vorbehalte und Bedenken haben – und da werden wir uns in der Berliner Koalition sträuben bis zur letzten Patrone – dass wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen.“ Horst Seehofer, 9. März 2011

Slogans von rechts außen

Politiker der Mitte übernehmen Slogans von ganz rechts außen, kritisiert die UN, und das ist nur der Anfang der langen Mängelliste, die die Vereinten Nationen der Bundesrepublik ins Zeugnis geschrieben hat. Hier nur die wichtigsten Kritik-Punkte:

  • Nachlässigkeiten in der Aufarbeitung der NSU-Morde
  • Racial Profiling durch Beamte der Bundespolizei
  • Anstieg der Zahl rassistisch motivierter Verbände und Parteien
  • Ghettoisierung und Ethnisierung bestimmter Stadtteile
  • „Geduldete Flüchtlinge“ müssen teils Jahrzehnte in Massenunterkünften wohnen
  • Menschenrechtsverletzungen durch rassistische Übergriffe in Asylbewerberheimen

Deutschland sollte also erst mal nachsitzen – auch wenn die Vereinten Nationen immerhin die Gründung der Islam Konferenz positiv bewertet. Aber im Ernst: Deutschland ist ja eigentlich der Inbegriff des Oberstrebers: In der Wirtschaft, in der EU und im Fußball sowieso. Nur bei einem Thema geben wir gerade den Klassendepp. Und zwar bei Rassismus in Politik und Gesellschaft. Zeit, dass der Oberstreber hier mal aufholt.

 

Zu schön um wahr zu sein: Der Vattenfake

“Vattenfall steigt aus der Braunkohle aus! 100 Prozent Ökostrom!” Das verkündete ein Pressesprecher Freitagmorgen in der Berliner Filiale des Unternehmens. Dahinter steckte aber das Aktivistenkollektiv Peng! Von Valerie Trebeljahr und Moritz Metz

“Vattenfall übernimmt Verantwortung” heißt es im Video. Dazu schöne Bilder von grüner Landschaft, weißen Windrädern und eine passende Alles-wird-gut-Musikuntermalung: Vattenfall verkündet den Ausstieg aus der Braunkohle! “Die Lausitz wird die nachhaltigste Region Deutschlands, der grüne Leuchhturm Europas”. Darüberhinaus will Vattenfall 1.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Das ist zu schön um wahr zu sein. Und das war es auch nicht: Das Image-Video, die Website vattenfall-responsibility.de und die Pressekonferenz im Foyer der Berliner Konzernfiliale heute morgen – alles Fake.

Über eine halbe Stunde erzählte ein falscher Pressesprecher von Vattenfalls grüner Zukunft. So lange bis der echte Konzernsprecher herbei eilte, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Da hatten die Märkische Allgemeine und der RBB aber schon getwittert:

Vattenfall dementierte umgehend:

“Das war doch sicher wieder Jan Böhmermann”, lautete ein Twitter-Kommentar. Aber der steckte diesmal nicht dahinter. Eingefädelt hatte den Coup das Berliner Aktivisten- und Künstlerkollektiv Peng! – sicher keine Gegner von Böhmermann. Im Gegenteil: Aktivist Jean Peters erklärte beim konspirativen Treffen am Vorabend in einem Berliner Hinterhof:

“And stick the finger to RWE and say: You can now solve the problem by yourself.” Jean Peters, Peng!-Kollektiv

Auch wenn sich die Medien schnell korrigierten, ihr Ziel hatten die Aktivisten trotzdem erreicht: Die Debatte um die Zukunft der Braunkohle-Tagebaugebiete in der Lausitz, sie wurde kurzzeitig sogar zum Trending-Topic auf Twitter. Vattenfall musste derweil öffentlich zurückrudern – und wir haben gelernt, dass man Eilmeldungen nicht immer vertrauen kann.

 

 

#failoftheweek: Shut up and take my money!

Bewerbung um einen Shitstorm: Der Disney-Verleih hat sich kurzerhand neue Preise ausgedacht: Vor allem Kleinstadtkinos könne sich den neuen Blockbuster „Avengers: Age of Ultron“ nun nicht mehr leisten. Christian Schiffer wünscht sich einen Superhelden, der Disney ins Digitalzeitalter beamt.

Mauritius-images

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Heute startet „Avengers: Age of Ultron“ in den deutschen Kinos. Vor quietschbunter Kulisse poliert ein Superheldenkonglomerat Bösewichten die Fresse, rettet nebenbei die Welt und macht ziemlich viel kaputt – ein Rezept, das wunderbar funktioniert: Der Vorgänger spielte 1,5 Milliarden Dollar ein, war der erfolgreichste Marvel-Film aller Zeiten – und der erfolgreichste Disney Film aller Zeiten, das war er auch. Allerdings wird man den Blockbuster nicht überall sehen können. Fast 700 Kinos wollen den Film boykottieren, vor allem kleinere Filmtheater. Weil: Disney will bei Kleinstadtkinos nun 53 Prozent der Einnahmen abgreifen, statt wie bisher nur 47 Prozent.

Disney hat offenbar zielgerichtet einen ausgewachsenen Shitstorm geplant. Mit Erfolg. Der bekannte Blogger Schlecky Silberstein schreibt:

„Unsere Suche nach einem guten Direktdownload eines China-Bootlegs werden wir zelebrieren. Wir quetschen uns in unsere alten Kommunionanzüge, setzen die Guy Fawkes-Maske auf und klemmen den Laptop an den Beamer. Dann werden wir die alten Schneider-Boxen so positionieren, dass die 5.1 Dolby-Illusion perfekt ist. Und dann gucken wir den Film schwarz.“

Komm mit mir ins Digitalzeitalter

Was soll man auch machen? Viele werden den Film nicht im Kino schauen, sondern die Tauschbörse ihres Vertrauens anwerfen oder minutenlang Pornobanner wegklicken und sich zum Stream vorarbeiten. Oder sie benutzen einfach den Dienst „Popcorntime“, da gibt es alles – in HD und ohne Werbung.

Manchmal beschleicht einen das Gefühl: Die Content-Industrie setzt alles in Bewegung, um ihre Kunden davon abzuhalten, für ihre Produkte zu bezahlen. Diese Woche beispielweise haben Kunden von Itunes und Amazon Kunden den Hinweis bekommen: Die nächste Folge von „Game of Thrones“ gibt es erst ein paar Wochen später, wegen irgendeinem Lizenzbullshit. Und dann die Ländersperren! Wer beispielweise außerhalb der USA auf das Angebot von HBO zugreifen möchte, der muss erst einmal herumfrickeln und benötigt ein sogenanntes VPN-Tool. Doch auch damit ist jetzt Schluss, HBO hat gerade erklärt: Wer die Ländersperren umgeht, verstößt gegen die Nutzungsbedingungen. Wohlgemerkt: Auch diese Kunden überweisen jeden Monat 15 Dollar an HBO.

Da hilft nur noch: Hulk schüttelt die Content-Industrie mal so richtig durch, Captain America zieht ihr mit dem Schild eins drüber und Thor bearbeitet die Firmen noch ein wenig mit seinem Götterhammer. Vielleicht kommen sie dann endlich mal an – im Digitalzeitalter.

 

#failoftheweek: The Walking Mindestpeicherfrist

Im Frühling 2015 gelang einer Gruppe von Politikern etwas noch nie Dagewesenes: Die Erweckung eines Zombies. Der Zombie war unter dem Namen „Vorratsdatenspeicherung“ bekannt geworden, nun belebte man ihn wieder als „Mindestspeicherfrist“. Ein Kommentar von Christian Schiffer.

Mauritius Images

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Seit Jahren schlurft der Zombie Vorratsdatenspeicherung durch das politische Berlin. Ein paarmal war er schon niedergestreckt worden: Die EU hatte ihm ein paar Kugeln verpasst, das Bundesverfassungsgericht ihm 2010 mit einer Machete sogar den rechten Arm abgehackt, Datenschützer und Bürgerrechtler immer wieder mit Pumpguns draufgehalten. Und das mit gutem Grund: Denn Vorratsdatenspeicherung war eine Gefahr für die Gesellschaft. Dabei war es weniger sein fauliger Atem oder sein unvorteilhaftes Äußeres, das die Zombiejäger an Vorratsdatenspeicherung störte, sondern die Tatsache, dass der Untote sich jeder Zeit auf unbescholtene Bürger stürzen konnte. „Anlasslos“ folgte Vorratsdatenspeicherung roboterhaft den Daten der Einwohner und fraß sie alle tumb in sich hinein: Bestandsdaten, Telefondaten, Verkehrsdaten, Kundendaten, Standortdaten. Die Unschuldsvermutung hatte für Vorratsdatenspeicherung keinerlei Bedeutung, Vorratsdatenspeicherung hatte wie jeder Zombie nämlich vor allem eines: Hunger. Verdammt großen Hunger!

Die wirklich bösen Buben konnten den torfdummen Untoten schon immer elegant ausweichen

Warum also konnte ein solches Monster überhaupt noch frei herumlaufen? Das fragten sich viele und die Antwort war so einfach wie absurd: Weil Politiker den halbverwesten Zombies auf Terroristenjagd schicken wollten. „Mit Vorratsdatenspeicherung hätten wir die NSU-Morde verhindern können“ meinte zum Beispiel der Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Dabei hatten schon längst diverse von Studien und Statistiken das Offensichtliche belegt, nämlich das Vorratsdatenspeicherung keinen Anschlag verhindert hätte und auch sonst völlig ungeeignet war Straftaten aufzuklären. Die wirklich bösen Buben hatten schon immer Mittel und Wege gefunden, dem torfdummen Untoten elegant auszuweichen.

Doch die Politiker hielten fest am Zombie, nahmen in manchmal gar an der modrigen Hand und zeigten sich mit ihm auf Pressekonferenzen, egal wie viel Glibber Vorratsdatenspeicherung aus den Augenhöhlen triefte, egal wie unheilvoll sein kehliges Röcheln klang. Keiner kam auf die Idee, das zu tun, was man schon längst hätte tun müssen: Vorratsdatenspeicherung endlich mal ein paar Kugeln in die degenerierte Matschbirne zu jagen!

Die Mindestspeicherfrist röchelt erleichtert

Stattdessen begannen die Politiker an Vorratsdatenspeicherung herumzuzupfen und versuchten ihm Manieren beizubringen. „Halten Dich fern von Seelsorgern, Rechtsanwälten, Ärzten, Apothekern, Beratungsstellen, Abgeordneten und Journalisten!“ versuchten sie im einzubläuen. „Kaue nicht länger als vier Wochen auf Mobilfunkdaten herum!“ und ganz wichtig: „Du hörst jetzt auf den Namen „Mindestspeicherfrist“. Dann tackerten sie ihm den rechten Arm wieder an und nickten zufrieden: „Sieht doch aus wie neu!“. Mindestpeicherfrist röchelte erleichtert.