Dank Pokémon Go ist Augmented Reality jetzt mainstream

Alle reden plötzlich wieder über Pokémons. Nur hüpfen die japanischen Cartoon-Monster aus den 90ern heute nicht mehr über den Gameboy-Bildschirm, sondern über unsere Straßen, Waldwege und Dorfplätze. „Pokémon Go“ heißt das Augmented Reality-Spiel, das jetzt auch in Deutschland offiziell erhältlich ist. Von Sebastian Heigl

Im September 2015 veröffentlichte der japanische Spielegigant Nintendo ohne Vorankündigung bei Youtube ein Trailervideo. Die Idee: Pokémon über eine Smartphone-App in die Realität zu holen.

Seit letzter Woche ist aus dieser Idee Wirklichkeit geworden. Das Spiel wurde zuerst in den USA, Australien und Neuseeland zum Download freigegeben und brach innerhalb weniger Tage schon sämtliche Rekorde. Laut einer Studie besitzt in Australien schon  jeder fünfte Smatphonebesitzer die App. Wegen der großen Nachfrage waren die Server in den letzten Tagen dauerhaft überlastet. Der Wert der Nintendo-Aktien stieg zwischenzeitlich um 25 Prozent. Und in New York treten sich die Pokémon Go Spieler schon gegenseitig auf die Füße.

Pokémon GO ist ein Augmented Reality-Spiel, bei dem man in der echten Welt Pokémon fangen kann. Navigiert wird man dabei durch eine Übertragung der Google Maps Karte auf den Smartphonebildschirm. Wenn in der Umgebung ein Pokémon auftaucht, tippt man drauf, die Kamera des Handys schaltet sich ein und das Pokémon wird auf dem Display in die reale Umgebung reinkopiert. Dann fängt man das Pokémon mit sogenannten Pokébällen, die man wiederum bei Pokéstops abholen kann. Das sind bestimmte Punkte auf der Karte, zu denen man hinlaufen muss.

Ein kostenloses Spiel zu einem hohen Preis?

Wer sein Smartphone liebt und gerne darauf spielt, hat in Pokémon Go jetzt endlich eine sinnvolle Anwendung für Augmented Reality gefunden. Es gibt allerdings ein paar Gründe warum Pokémon Go vielleicht doch nicht die Spieleerfindung des Jahrzehntes ist:

1. Spaß am Finden oder Angst beim Suchen? 
Auch wenn man es durchaus positiv bewerten kann, dass „zum Spielen rausgehen“ seit letzter Woche eine neue Bedeutung hat und nun auch bleiche Zocker und Smartphonesüchtige mal ein bisschen an die frische Luft kommen. Ein Problem ist, dass manche Pokéstops an recht einsamen Orten liegen. Eine 19-Jährige aus den USA hat beim Suchen eines Pokéomons eine Leiche in einem Fluss gefunden. Und in Missouri haben Kriminelle Pokémon-Spieler an einen Pokéstop gelockt und sie dann ausgeraubt. Die Zeitung „USA Today“ berichtete von bereits zehn bis elf bewaffneten Raubüberfällen. Immerhin: Einige Meldungen von Pokémon-bedingten Verkehrsunfällen scheinen sich als Hoax herausgestellt zu haben. Doch vorsichtshalber kann man ja mal drauf hinweisen:

Ach ja, auch im öffentlichen Nahverkehr gilt: Augen auf!

 

Eine andere sehr ernstzunehmende Gefahr beschreibt der afro-amerikanische Autor Omari Akil in einem vielbeachteten Text: Er spielt Pokémon Go zwar wahnsinnig gerne, aber das Spiel könnte ihn das Leben kosten. Als Schwarzer einfach auf der Straße herumzustreunen würde ihn so verdächtig machen, dass irgendwer die Polizei ruft. Und diese Zusammentreffen, schreibt er, gingen rein statistisch gesehen oftmals nicht gut aus

2. Digitale Transparenz für ein paar Minuten Unterhaltung?

Nutzer verbringen gerade viel Zeit mit Pokémon Go – und das völlig kostenfrei. Der Preis wie immer: man muss eine Digitale Visitenkarte von sich abgeben. Um das Spiel auf seinem Gerät installieren zu können verlangt der Hersteller Zugriff auf mehr persönliche Daten als jede andere App bisher. Abgesehen von der Standortermittlung, die das Spiel grundsätzlich braucht um zu funktionieren, gibt man Nintendo und Google die Erlaubnis: „personenbezogene Informationen nach eigenem Ermessen mit Regierungen, Ermittlungsbehörden und sonstigen staatlichen Stellen oder Privatpersonen zu teilen“. Rein aus „Sicherheitsgründen“, versteht sich. Zudem erklären sich Nutzer einverstanden, dass ihre persönlichen Daten im Falle einer Übernahme oder eines Teilverkaufs von Niantic – der zu Google gehörende Mitentwickler – an die neuen Eigentümer übergehen.

3. Wo ist der Algorithmus für ethische Richtlininen?

Die Pokémon Go App arbeitet mit Geo-Tracking und verwendet das für den Verlauf des Spieles. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn man an einem See steht, findet man zum Beipsiel mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ein Wasserpokémon und  im Wald ein Graspokémon. Im Grunde eine geniale Idee, das Spiel der Umgebung anzupassen. Das macht das Spielgefühl authentischer und man weiß ungefähr wo man suchen muss. Dabei haben die Hersteller nur nicht bedacht, dass es Orte gibt, die als ungeeignet gelten um ein Pokémon damit in Verbindung zu bringen.

Ein Spieler findet  ein Pokémon am Tor der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz. Ein Pokémon, das die Fähigkeit hat einen Giftnebel von sich zu geben. Zufall oder gewollte Schmach? Oder einfach nur eine Lücke in der Programmierung?

4. Pokémon Go ist jetzt schon so mainstream, dass es uncool ist

Sogar die SPD spielt Pokémon Go! Come on!

Immerhin eignet sich die Jagd auf die virtuellen japanischen Fantasiemonster hervorragend dazu, sie in Gesellschaft von echten Vierbeinern zu begehen. Dann haben die auch was davon.

 

 

#failoftheweek: Wenn schon nackt, dann bitte alle

Konzertveranstalter, Besucher und auch Adele hassen sie: In die Luft gereckte Hände mit Smartphones. Apple hat jetzt eine Lösung für das Problem gefunden – und könnte dadurch gleich ganz neue Problem schaffen

von Christian Schiffer giphy (14)

 

 

 

 

 

 

Du kennst das sicherlich auch: Da hast Du 400 Öcken für das Ticket auf Ebay berappen müssen und jetzt steht Du endlich hier, in Berlin, in der O2-Arena, um SIE zu sehen. SIE, die in Tottenham bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, weil der Vater sie verließ, als sie drei Jahre alt war. SIE, die immer gehänselt wurde, weil sie etwas dickerwar, die aber immer an sich geglaubt hat, sich durchgesetzt hat, und jetzt die Welt mit ihrer Stimme verzaubert. SIE, das ist natürlich Adele, die ungekrönte Königin der Powerballade, die ihre Songs selbst schreibt und mit „Someone Like You“, den berührendsten, herzzerreißendsten, schönsten und traurigsten Song überhaupt erschaffen hat. 2011 hat Adele „Someone Like You“ auf den Brit-Awards performt, das Video wurde bis heute 158,473,580 mal angeklickt. Zurecht, denkst Du Dir, denn dieser Clip ist das Schönste was es gibt im Internet, auch wenn die Musik-Hipster vom Zündfunk das nicht einsehen wollen. Am Ende schluchzt Adele darin sogar ein wenig vor Rührung.

So stehst Du da also in der O2-Arena in Berlin, andächtig, fasziniert, Du lässt Dich einlullen von Adeles Engelsstimme. Du willst SIE sehen, SIE, die nach eigener Aussage am liebsten bei Liebeskummer komponiert, was Dich ja nicht im Geringsten wundert. Und dann…

giphy (12)

 

 

 

 

 

 

 

Und dann schiebt irgend so ein Apfelsaftgesicht sein Kacksmartphone in Dein Sichtfeld, zwischen Dir und Adele schwebt jetzt eine Art durchsichtiger Ziegel mit Apfellogo drauf und Adele ist nur noch Pixelbrei. „Warum macht das Apfelsaftgesicht das?“, fragst Du Dich Weil das Apfelsaftgesicht aus Adeles Kunst ein verwackeltes Kackvideo machen will, denkst Du Dir, mit Blechsound, das es dann auf Youtube stellt, wo es bereits 38474 Millionen andere Kackvideos mit Blechsound gibt. Vielleicht ist das Apfelsaftgesicht aber auch nur wie Walter Faber aus Max Frischs Homo faber, kann die Welt also nur durch eine Kamera betrachten, wegen irgendwelcher unverarbeiteten Traumata. Vielleicht ist auch diese Snapchat-Scheiße schuld. Ist aber auch wurst jetzt. Denn letztens hat nämlich Adele genauso so ein Apfelsaftgesicht ganz schön rund gemacht:

Ja, ein Konzert ist eben keine DVD, da hat sie natürlich recht, die Adele. Ein wenig irritiert es Dich zwar schon, dass sie einen Fan vor versammeltem Publikum bloßstellt, aber auch das ist jetzt mal wurst jetzt. Denn für das Problem hat Apple jetzt eine Lösung entwickelt und ein Patent angemeldet. Das Patent hat einen wunderbaren Namen, der ein wenig klingt nach Damien Hirst-Kunstwerk. Es heißt:

„Systems and methods for receiving infrared data with a camera designed to detect images based on visible light“

Technisch basiert „Systems and methods for receiving infrared data with a camera designed to detect images based on visible light“ auf Infrarot-Signalen, die von der Bühne aus einen Block-Befehl an die Zuschauer-iPhones senden. Und das kling erst mal gut, denkst Du Dir. Keine Hightech-Ziegelsteine mehr auf Adele-Konzerten und auch kein Abkleben mehr Deiner Smartphone-Kamera wenn Du mal ins Berghain willst.

giphy (13)

 

 

 

 

 

 

 

Aber dann kommst Du ins Grübeln: Was, wenn nicht Adele, sondern der Staat die Technik nutzt? Damit man nicht mehr die Einsätze von Polizisten filmen kann zum Beispiel? Gerade in den USA ist der Hightech-Ziegelstein eine wichtige Waffe geworden für Bürgerrechtler im Kampf gegen Polizeigewalt.
Es stimmt schon: Dass jeder überall filmen kann, ist oft nervig und manchmal auch ein Alptraum für die Privatsphäre. Aber wenn das schon so ist, dass soll das bitteschön für alle gelten, wenn schon nackt, dann müssen alle nackt sein: Du, ich, Adele, der Staat, die Polizei und natürlich auch Apfelsaftgesicht. Wenn alle nackt sin, dann stört es niemanden mehr, das ist so wie in der Sauna, denkst Du Dir. Und plötzlich hoffst Du, dass Apples neue Technologie niemals zum Einsatz kommen wird. Und dann bist Du wieder hier, in der O2-Arena und singst mit: SOMEONE LIIIKEEE YOUUUUU! UHUHUHUHUUU!

 

4 Dinge, die Mehmet Scholl an der EM nerven

Halbzeit bei der EM: Die Vorrunde ist vorbei, die Engländer raus, die Isländer noch drin. In den Sprecherkabinen macht sich aber so langsam Lagerkoller breit. Wir haben mit Mehmet Scholl gesprochen, was ihn an dieser EM so richtig nervt.

1. Die Haare von Signore:

Mehmet hat früher selbst gegen den heutigen Italien-Trainer Antonio Conte gespielt: „Er hatte mit 26 Jahren weniger Haare als ich heute. Und jetzt steht er da mit einer Matte, die so eigentlich nur der Chirurg hinbekommt“. Und Mehmet selbst: Platte frei für jeden Kopfstoß.

giphy (10)

2. Die Engländer:

„Der englische Fußball wird nicht besser, sondern schlechter. Völlig zu Unrecht wird der noch so hoch bewertet. Es war eine einzige Freude zu sehen, dass die Engländer hilflos gegen die Isländer waren. Umso mehr hat mich dann deren Sieg gefreut“giphy (11)

 3. Die russischen Hools

„In zwei Jahren ist in Russland WM. Und wenn man sich diese Schläger angeschaut hat, dann waren das ja keine Straßenschläger. Sondern eine Elite-Einheit, die rübergekommen ist, um mal den Laden aufzumischen. Das war ein ungutes Gefühl“CurbYourRioting

4. Herbert Grönemeyer

„Um Himmels Willen! Die Nordiren sind ja wenigstens mit Will Grigg on fire. Denen könnte man den Song von Herbert schenken. Und wenn wir schon dabei sind: dann können sie den Herbert auch gleich ganz haben. Und den jungen, den Felix Jaehn, stecken wir zurück ins Internat. Dann sind alle zufrieden.“

 

#failoftheweek: Reich bleibt reich

Erben ist ungerecht und zementiert die Ungleichheit. Die Bundesregierung hätte daran etwas ändern können, hat sich aber dann doch nicht getraut. Und das ärgert Christian Schiffer.

giphy (8)

In den letzten 600 Jahren hat die Florenz eine Menge erlebt: Die Habsburger hatten dort irgendwann das Sagen, dann kurz Napoleon, dann wieder die Habsburger, zwischendrin gab es mal Revolution, Florenz wurde kurz Hauptstadt von Italien, irgendwann hatten die Faschisten das Sagen, später dann Sozialisten und Kommunisten, dann kamen die Touristen, der AC Florenz wurde italienischer Meister, stieg dann irgendwann ab und wieder auf und vor kurzem erst war dort der amtierende italienische Ministerpräsident Matteo Renzi Bürgermeister. Doch eines hat sich in all der Zeit nicht geändert: Die reichsten Familien von Florenz sind die gleichen wie vor 600 Jahren.

Herausgefunden haben das zwei Ökonomen der italienischen Notenbank und ihre Ergebnisse decken sich mit dem was Wissenschaftler 2013 über Oxford erforscht haben: Auch dort sind die Privilegien gleich verteilt – und zwar seit mindestens 1170.

giphy (6)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und in Deutschland?

Da entstammen über die Hälfte aller DAX-Vorstände dem Bürger- und Großbürgertum, nur 29 Prozent der Mittelschicht und 14 Prozent der Arbeiterklasse. Let’s face it: Wohlstand vererbt sich stärker als Größe, Augenfarbe und Kinngrübchen. Wenn es um den Wohlstand geht, sind alle mendelschen Gesetze obsolet, da gibt es kein dominant und rezessiv, da gilt offenbar nur eine Gesetzmäßigkeit: Reich bleibt reich.

Schuld daran ist auch das Erbrecht, denn Erben reproduziert Ungleichheit. Und ungerecht ist es noch dazu: Erben ist schließlich keine Leistung, sondern Zufall. Auch knüppelharte Turbokapitalisten wie Adam Smith, John Stuart Mill oder Thomas Jefferson waren deswegen dafür, Erben zur Kassen zu bitten. Und genau das hatte auch das Bundesverfassungsgericht gefordert, die Richter in Karlsruhe wollten, dass die Politik die zahlreichen Ausnahmen streicht und das Erbrecht reformiert. Und dann? Dann hat die große Koalition lange beraten, hin und her überlegt, mit Lobbyisten gesprochen und einen Gesetzesvorschlag ausgearbeitet. Der wird laut Experten insgesamt 250 Millionen Euro mehr in die Staatskasse spülen. Vererbt werden in Deutschland jedes Jahr aber 250 Milliarden Euro. 250 Milliarden!

"Reiche Eltern für Alle!" steht auf einem Aufkleber, aufgenommen am 31.12.2015 in Berlin. Foto: Wolfram Steinberg/dpa | Verwendung weltweit

„Reiche Eltern für Alle!“ steht auf einem Aufkleber, aufgenommen am 31.12.2015 in Berlin. Foto: Wolfram Steinberg/dpa | Verwendung weltweit

Erb-ärmlich

Es ist ein jämmerliches Reförmchen, dass die Bundesregierung da zusammengestöpselt hat und eigentlich müssten die sozialen Netzwerke heiß laufen vor Empörung. Doch es passiert so gut wie nichts. Eine Erklärung hat der Parteienforscher Wolfgang Merkel parat: „Der Zeit“ sagte er diese Woche, dass sich junge Linke heute nicht mehr für Verteilungspolitik interessieren würden. Das freut die Reichen – nicht nur in Florenz.

giphy (7)