Mansplaining als Meme: Männer, einfach mal den Mund halten

„Schätzchen, du hast davon gar keine Ahnung, lass mich mal…“ Männer erklären Frauen gerne die Welt, oft ungefragt und von oben herab. Seit einiger Zeit hat dieses Gehabe einen Namen: „Mansplaining“. Weil viele Herren aber immer noch nicht kapieren, wo das Problem liegt, geben witzige Videos ihnen Nachhilfe im Einfach-mal-Mundhalten.

Via Nerdcore

Das Phänomen „Mansplaining“ geht auf einen Essay der US-Autorin Rebecca Solnit aus dem Jahr 2008 zurück. Solnit verwendet nicht explizit den Begriff „Mansplaining“, sondern beschreibt ein persönliches Erlebnis: wie sie auf einer Party von einem männlichen Gast unterbrochen und über ein Buch zugetextet wurde – das Solnit wohlgemerkt selbst geschrieben hat, was den Mann aber nicht wesentlich störte.

Kurz nach der Veröffentlichung des Essays tauchte der Begriff „Mansplaining“ dann zum ersten Mal im Netz auf. Seitdem finden sich dort viele Beispiele von Mansplaining aus Serien…

… oder auch aus der Politik. Hillary Clinton wurde schon „mansplained“:

 

http://whatshouldbetchescallme.tumblr.com/post/116401681519/when-your-boss-wont-stop-talking-about-their-love

Und die US-Comedy Serie PARTY OVER HERE hat die perfekte Lösung für passionierte Mansplainer gefunden: eine Mansplaining Hotline!

Stellt sich noch die Frage: Gibt es einen deutschen Begriff für Mainsplainer? Vielleicht Erklärbär? Beispiele für solche Typen gibt es auch bei uns. Ein berühmtes Exemplar haben wir schon fast wieder vergessen: „Er“ sitzt zusammen mit sechs anderen Herren in der „Elefantenrunde“ und erklärt der aktuellen Wahlsiegerin, warum eigentlich „er“ gewonnen hat. „Sie“ sagt minutenlang gar nichts, schließt in den nächsten Wochen einen Koalitionsvertrag und wird zwei Monate später Bundeskanzlerin.

 

#failoftheweek: Die neue deutsche Waffengeilheit

Die Deutschen wollen sich wieder bewaffnen und von diesem Trend profitieren vor allem rechte Internetseiten. Das Ganze bekommt langsam eine beängstigende politische Dimension findet Christian Schiffer.
migrantsnschreck

Für die moderne Frau von heute: Der Migrantenschreck MS55 Lady. Dieses hochwertig verarbeitete Produkt ist absolut handlich und lässt sich mühelos in jeder Handtasche verstauen. Ob Ficki-Ficki-Fachkraft oder Hobbydieb – der MS55 Lady jagt jedem Schurken einen gehörigen Schrecken ein! – Der Onlineshop „Migrantenschreck“

So bewirbt die Seite mit dem zielgruppenaffinen Namen „Migrantenschreck“ die Handfeuerwaffe MS55, die es dort für 299 Euro zu kaufen gibt. Sonst noch so im Angebot: Die AS125,die zärtlich „Antifa-Schreck“, genannt wird und das HD130 Superior Komplettpaket. Hier erhält der Nutzer für lächerliche 749 Euro eine Art Maschinengewehr mit coolem Trommelmagazin, wie man es aus Mafiafilmen kennt. Es spuckt seine Hartplastikgeschosse mit einer beeindruckenden Mündungsenergie von 130 Joule aus dem Lauf. Abgerundet wird das Einkaufserlebnis mit Nachrichtenartikeln etwa über angebliche Vergewaltigungen durch Flüchtlinge. Zu den Artikeln werden dann passende Schießeisen empfohlen, mit denen solchen Situationen in Zukunft robust beizukommen ist. Fürwahr, wir sind eine wehrhafte Demokratie.

Registriert ist die Seite laut Focus.de auf Mario Rönsch, Facebook-Freundeshändler und AfD-Mitglied der ersten Stunde. Und dieser Mario Rönsch soll auch die Strippen ziehen bei der Facebook-Seite Anonymous, die kräftig trommelt für Migrantenschreck. Rönsch hält sich eher im Hintergrund. Im Internet kursiert allerdings ein Video, in dem er der ZDF-Moderatorin Dunja Hayali auf einer Demo ziemlich auf die Pelle rückt:

Die Facebook-Seite Anonymous, früher auch Anonymous-Kollektiv, ist wohl das größte Missverständnis im deutschsprachigen Internet. Fast zwei Millionen Menschen folgen der kruden Querfront-Soße aus Migrantenhetze, Antiamerikanismus, Verschwörungsprosa, Putin-Verehrung und Israelhass und nicht wenige denken, das Ganze sei wirklich ein Angebot des früher so angesagten Hackerkollektivs Anonymous. Längst hat die Facebook-Seite auch eine Dependance im Russischen Facebook VKontakte, auch hier öffnet sich bei jedem Besuch der Seite ein aufdringliches Popup, das Werbung macht für Migrantenschreck.

Mit diesem Meinungsverstärker verschaffst du dir den Respekt, der dir zusteht.. Brachiale Durchschlagskraft. Klare Kaufempfehlung! Dank konsumentenfreundlicher Abwicklung (keine Abfrage bzgl. Altersnachweis oder Waffenbesitzkarte) kann dieser Migrantenschreck auch bald in deinem Nachtkästchen liegen.

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Der Launch von Migrantenschreck fällt in eine Zeit, in der die Waffengeilheit in Deutschland rapide zunimmt. Die Behörden stellen immer mehr Waffenscheine aus, mit der AfD sitzt mittlerweile eine Partei in Landtagen, die ganz offen für ein liberales Waffenrecht eintritt. Waffengesetze gelten manchem AfD-Politiker als „Gängelung des mündigen Bürgers“. Und Beatrix von Storch ist ohnehin der Meinung, Waffenbesitzer würden das Land stabilisieren. Exakt das Gegenteil ist der Fall: Waffenbesitzer stabilisieren gar nichts, außer vielleicht ihr angeknackstes Ego.

Das Buzzword der Neuen Rechten zurzeit ist „Widerstand“. Widerstand gegen das angebliche Flüchtlings-Chaos, Widerstand gegen das verfilze politische Establishment, Widerstand gegen Bims und gegen Bums, Widerstand gegen den Staat und gegen Merkel. In diesem Zusammenhang bekommt die neue deutsche Waffengeilheit eine beängstigende politische Dimension. Und dass die Fake-Anonymous-Seite von diesem Trend auch noch finanziell profitieren könnte, ist vor diesem Hintergrund ein fast unerträglicher Kollateralschaden.

 

#failoftheweek: Das windelweiche Bundesteilhabegesetz

Egal ob Frauenquote oder schnelles Internet: Wenn sich die Politik auf die Wirtschaft verlässt ohne die Daumenschrauben anzuziehen, kommt selten etwas Gutes dabei heraus. Das ist auch jetzt wieder so beim Thema Barrierefreiheit. Unter dem Hashtag #nichtmeingesetz protestierten diese Woche bei Twitter Menschen gehen das neue Teilhabegesetz. Zurecht findet Christian Schiffer.

„Zu lange am Computer sitzen? Ein Löffel. Am Bahngleis warten? Auch ein Löffel. Und am Ende des Tages, wenn man dann hungrig ist, dann hat man dann gerade mal einen Löffel übrig. Der geht dann für das Kochen drauf, aber Energie, um dann noch abzuwaschen, hat man dann nicht mehr“. butyoudontlooksick.com

Christine Miserandino leidet an Lupus, einer Autoimmunerkrankung, die ihr Kraft und Energie raubt. Um einer Freundin zu erklären, was das im Alltag bedeutet, breitete sie  im Jahr 2003 15 Löffel auf ihrem Esstisch aus. Die Geburtsstunde der Löffeltheorie. Und die geht so: Für jede Aktion, die Christine Miserandino bewältigen muss, wird ihr ein Löffel abgezogen. Die Löffel stehen quasi metaphorisch für Ressourcen, mit denen kranke oder behinderte Menschen haushalten müssen. So wie Annette Schwindt, die an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leidet, welche sie stark in ihrer Mobilität einschränkt. Auf ihrem Blog schildert sie ihre Situation so:

„Ich beginne meinen Tag damit, meine Löffel zu zählen und mit den anstehenden Tagesaufgaben abzugleichen. Ich muss jede Aktion danach abwägen, wie viele Löffel sie mich kostet und wie viele sie mir für den Rest des Tages und die Aktionen, die noch ausstehen, übriglässt. Und einen Reservelöffel sollte man immer noch haben, falls was Unvorhergesehenes passiert.“ www.nettesite.com

Mit 15 Löffeln am Tag auszukommen ist ohnehin schon nicht ganz einfach, aber dann kommen auch noch nicht funktionierende Rolltreppen hinzu, defekte Aufzüge und vor allem: Stufen. Pittoreske in Altbauwohnungen, 0815-Stufen, die einem den Zugang zur Lieblingskneipe verwehren, Deppen-Stufen, die ein unüberwindliches Hindernis sind auf dem Weg zum Kinobesuch. Treppen sind der Löffelfresser schlechthin und da helfen auch keine Reservelöffel.

Behörden sollen barrierefrei sein, Kinos aber nicht?

Dagegen könnte man etwas tun, mit Rampen zum Beispiel, mit Schwellen und mit Aufzügen. Und in gewisser Weise wird auch etwas getan: Alle Bundesbehörden sollen bald barrierefrei sein, so schreibt es das neue Bundesteilhabegesetz vor. Das gilt aber nicht für die Privatwirtschaft: Kinos, Arztpraxen, Theatern, Geschäften oder Restaurants werden keine Verpflichtungen auferlegt. Dagegen haben Menschen mit Behinderungen diese Woche protestiert: In der Kohlenstoffwelt, wo sie sich am Reichstagsufer festgekettet haben und auf Twitter unter dem Hashtag #nichtmeinGesetz:

Natürlich: Rampen kosten Geld, Schwellen kosten Geld und Aufzüge, die kosten noch sehr viel mehr Geld und genau deswegen wird der Besuch von Restaurants und Kinos für viele Menschen auch in Zukunft das Risiko eines gewaltigen Löffelverbrauchs beinhalten. Das einzige was helfen würde, wäre Zwang – so wie beispielsweise in Österreich: Dort können Bürger die Privatwirtschaft verklagen, wenn ihnen ein barrierefreier Zugang verwehrt wird. Eine solche Regelung könnte man auch hier einführen, der Staat könnte kleinen Cafés und kuscheligen Hinterhofkinos in Härtefällen finanziell unter die Arme greifen. Am Ende aber wäre Deutschland barrierefreier und viele Menschen könnten endlich mehr anfangen mit ihren 15 Löffeln am Tag.

Links:
Tagesschau 12.5.2016: Reform des Gleichstellungsgesetzes
Aktion Mensch: Mammutprojekt Teilhabegesetz

 

Radiohead: A Moon Shaped Pool – Track by Track

Die neue Radiohead ist da! Nach fünf Jahren Pause meldet sich die Band mit „A Moon Shaped Pool“ zurück. Die Reaktionen sind fast durchgehend: euphorisch! Thomas Mehringer hat das Album angehört und Track by Track besprochen. Teilt Ihr seine Meinung?

Burn The Witch

Der Prolog über eine „low flying panic attack“: Ganz klar Radioheads Statement zur Flüchtlingskrise: Die Angst vor der vermeintlichen Hexe als Metapher für Geflüchtete mit Smartphones. Clever, wenn’s nicht so traurig wäre. Und ausdrücklich: Dieser Song ist einer ihrer besten in der letzten Dekade.

Daydreaming

Jonny, oh, Jonny! Scheint so, als wäre dieser Song nur auf dem Album, damit Regisseur-Fuchs Paul Thomas Anderson mit dem Video zum Song “Danke” sagen kann. Für all die “Nicht-von-dieser-Welt-Scores” (“There Will Be Blood”, „The Master“), die Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood ihm geschenkt hat. Keytrack, wenn auch beileibe nicht der Beste auf dem Album.

Decks Dark

“In your life, there comes a darkness” – Bonnie Prince Billy gefällt das. “We will never, never know” – wir auf den Knien, um uns Dunkelheit, Thom Yorkes Stimme im Ohr, einer dieser Momente.

Desert Island Disk

Fängt lagerfeuerig an, Akustikgitarre, leise Snare, aber man ahnt: Es geht irgendwann um alles – und nichts. “Different types of love are possible”, wie wahr, wie wahr.

Ful Stop

Bisher sehr viele „Pablo Honey“-Momente, wenig Elektronik, vieles was an ihre Anfänge erinnert, angereichert durch Jazz: Krautrock. Bester, intensivster Song bisher – neben “Burn The Witch”.

Glass Eyes

Zum orchestralen Song gewordene Ungewissheit. Rettet Jazz nach HipHop jetzt auch noch Radiohead?

Identikit

“Identikit” existiert schon einige Jahre im Live-Set von Radiohead, jetzt endlich auch als Studioversion mit dem London Contemporary Orchestra Choir, wenn das digitale Booklet nicht lügt. Mäandert ziellos umher, wenn nicht diese verflixt eingängigen Zeilen wären, an denen man seinen Kummer aufhängen kann: “Broken hearts make it rain”. Why does it always rain on me?

The Numbers

Seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, kein so klares Piano mehr in einem Radiohead-Track gehört. Dubstep? Hat’s nie gegeben. Jamie XX? Never heard of her. Britpop? Lives forever.

Present Tense

Diese Nummer gibt den bisherigen zeitlosen Höreindruck den Titel: “Present Tense”. Gegenwart ist gestern, Zeitgeist ade. Kein Wunder, auch wieder ein Song, der schon Jahre rumgeistert wie Thom Yorkes Stimme.

Tinker Tailer Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief

Ein Kinderreim aus dem Jahr 1695, sagt Wikipedia. Muss aber ein wirklich brandneuer Song sein, sagen Ohr und Hirn. Klingt ungewöhnlich zeitgemäß für das Album, erinnert an Thom Yorkes Soloalben. Wäre auch auf “The Eraser” einer der besseren Songs.

True Love Waits

Der Rausschmeißer ist der Song, der leider vermuten lässt, dass Radiohead hier wirklich sehr viel aufgewärmt haben. 20 Jahre ist “True Love Waits” alt, mogelt sich genauso lang schon auch immer wieder in die Live-Zugaben der Band. Mogelpackung hin oder her: Endlich hat dieser Song seine Studioversion – und dieses Album einen fantastischen Closer.

Ach ja, ist Euch das auch schon aufgefallen?