Grand Theft Nichts

Spiele wie etwa der Landwirtschaftssimulator sind in Deutschland regelrechte Verkaufsschlager. Da ist es nur logisch, dass es Spieleprogrammierer nicht dabei belassen haben, nur landwirtschaftliche Großmaschinen, Bagger und Müllwägen zu simulieren. Zum Portfolio gehört mittlerweile auch der Spezialtransport-Simulator 2013, Rettungswagen-Simulator 2014, Schiff-Simulator 2012 – die Binnenschifffahrtedition, der Werft-Simulator 2013, der Zirkus-Simulator 2013 und der Nahverkehrs-Manager 2012. Die Zahl dahinter ist wichtig, denn sie suggeriert Seriosität und Realismus, man schielt auf den Papa, der sich bei Mediamarkt Office 2013 kauft und dann gleich noch den Schwebebahn-Simulator 2013 mit dazu nimmt. Nach getaner Arbeit kann er so noch ein bisschen Spaß haben, ohne dabei gleich total auszuflippen. Doch mit der Seriosität ist es jetzt vorbei.

Eigentlich möchte der schwedische Programmierer Armin Ibrisagic im April diesen Jahres nur eine kleine Grafikdemo ins Netz stellen. Als Spielcharakter wählte er spaßeshalber eine Ziege. Diese Ziege randaliert nun durch eine Kleinstadt, schleift mit ihrer klebrigen Zunge Autos durch die Gegend, verwüstet Häuser und sprengt Tankstellen in die Luft. „Goat Simulator“ nennt er das Ganze, obwohl es hier alles andere als realistisch zugeht. Dann lädt er den Clip bei Youtube hoch und natürlich kommt dann alles, wie es eigentlich kommen muss: Die Welt hat offenbar auf nichts sehnlicher gewartet als auf einen Ziegensimulator, über sechs Millionen mal wird der Clip angeklickt.

Es folgen: der Socken-Simulator, der Stein-Simulator und der Grass-Simulator

Fans aus aller Welt beknien den Programmierer anschließend aus der kleinen Grafikdemo doch bitte ein richtiges Spiel zu machen, und tatsächlich steht der Goat-Simulator wenig später in den Läden und hilft einem neuen Computerspielgenre zum Durchbruch: Dem des Spaß-Simulators.

Auf Kickstarter haben seitdem der Bären-Simulator, der Hai-Simulator und natürlich auch ein Katzen-Simulator um Bares gebeten. In Entwicklung oder gar schon fertig, sind zudem der Socken-Simulator, der Stein-Simulator 2014 und der Grass-Simulator 2014. Vorläufiger Höhepunkt: der Nothing-Simulator 2015. Der Programmierer Edward Bowden sagt über die Features des nihilistischen Spiels:

“Eigentlich gibt es keine Features. Gut, wenn man das Spiel startet gibt es ein Menü und man kann die Auflösung und die Fenstergröße einstellen. Aber danach bleibt der Bildschirm schwarz. In der ursprünglichen Version gab es noch einen Mauszeiger, aber das hat irgendwie nicht zum Spielerlebnis gepasst. Also haben wir den wieder entfernt.” Edward Bowen, Programmierer

70 Dollar will Edward Bowden auf Kickstarter für seinen Nothing-Simulator einsammeln, doch er bekommt nur 40. Trotzdem gelingt es ihm innerhalb von 45 Minuten das wohl langweiligste Spiel der Computerspielgeschichte zu programmieren, langweiliger noch als der Black Screen-Simulator 2014, der kurz danach erscheint. Und ja: natürlich ist das alles ein einziger Witz. Und doch steckt mehr dahinter, sagt Edward Bowen.

“Diese Witz-Simulatoren bauen Leute wie ich. Prinzipiell mögen wir Simulationsspiele. Aber meistens enttäuschen sie uns, weil sie so unglaublich schlecht sind. Irgendwann haben wir uns gedacht: „Ach, lass uns das veraschen!“ Hass war also eine Hauptmotivation.” Edward Bowen, Programmierer

Billig produziert und hastig zusammengeschustert – trotzdem erfolgreich

Im Holzfäller-Simulator 2013 bounced der Baumstamm nach dem Fällen wie ein Flummi durch die Gegend. Die Randalierer, die man im Polizei-Simulator 2013 verfolgen muss, bleiben minutenlang an Ecken hängen. Im Rettungswagen Simulator 2014 wird man schnell zu einem Ballonabsturz gerufen, doch wehe der Krankenwagen verhakt sich beim Verlassen des Fuhrparks mit einen sinnlos herumstehenden Rollstuhl, dann kommt man niemals beim Unfallort an. Simulationsspiele sind in der Regel billig produziert und hastig zusammengeschustert. Der Abschlepp-Simulator 2015 kommt auf Durchschnittswertungen von etwa 30 von 100 Punkten, der Gabelstapler-Simulator 2009 bringt es auf etwa zwölf Punkte und der Flughafen-Feuerwehr-Simulator 2013 auf gerade einmal vier. Kurz gesagt: Es ist ein Desaster.

Edward Bowden jedoch hofft, dass sein Nothing-Simulator 2015 dazu beiträgt, dass es irgendwann einmal besser wird.

“Ich glaube, dass die Entwickler von ernste Simulatoren unsere Witz-Simulatoren anschauen und sich denken: Die beleidigen unsere Spiele! Dabei wollen wir ihnen nur sagen: Wir lieben Eure Spiele! Wir mögen Simulatoren! Aber strengt Euch bitte ein bisschen mehr an. Vielleicht kommt dann am Ende ja doch ein Spiel dabei raus, das wir wirklich mögen.” Edward Bowen, Programmierer

 

Das Phänomen Esports

10,8 Millionen Dollar. 90 % davon durch die Crowd finanziert. So hoch war das Preisgeld beim vierten International-Turnier, das am Montag in Seattle zu Ende ging. Nur wurde weder Fußball, noch Tennis oder Unterwasser-Polo gespielt, sondern „Dota 2“. Das ist ein Videospiel des amerikanischen Herstellers Valve, das man am besten als Mischung aus Fußball und Stein-Schere-Papier (Alternativ: Schach) beschreiben könnte. Das professionelle Computerspielen, der Esport also, wird erwachsen. Christian Alt hat sich angesehen, in welche Richtung sich der Esport entwickelt. 

Der Fußball hat den DFB, Handball den DHB und Tennis den DTB. Was alle diese Organisationen vereint? Sie sind als gemeinnützige Vereine eingetragen. Bei den Esports folgt man hingegen oft dem Geschäftsmodell amerikanischer Ligen. Branchenprimus für Europa ist die “Electronic Sports League” – kurz: ESL. Für nahezu jedes Spiel, das man gegen andere spielen kann, führt die ESL eine Bestenliste. Michael Bister, so etwas wie der Wolfgang Niersbach des deutschen Esport, nennt die Gründe für die unterschiedliche Struktur.

„Beim normalen Sport, beim klassischen Sport, gibt es halt in jedem Dorf in jeder Stadt Vereine. Beim Esport ist es so, dass wir keine klassischen Vereine benötigen, denn wenn ich halt mit jemandem spielen möchte, der in Berlin sitzt und ich sitze in Köln, kann ich das über das Internet machen.“ Michael Bister

Dieses Grenzen übergreifende Spielen führt auch dazu, dass es Weltmeisterschaften, wie man sie aus dem Fußball kennt, nicht gibt.

„Beim ENC, dem Nations Cup, da wird eine Auswahl wie beim DFB zusammengestellt, aus verschiedenen Teilnehmern, aus verschiendenen Spielern, die dann gegeneinander spielen. Es ist aber so, dass er Esport an sich ein internationales Gebiet ist. Das heißt: Viele Teams sind aus verschiedenen Ländern zusammengestellt worden. Es gibt eigentlich keine Landesgrenzen.“ Michael Bister

Spieler, die Millionen verdienen, große Verbände und Fans auf der ganzen Welt. Was fehlt noch, damit der Esport endgültig mit anderen Sportarten gleichzieht? Richtig: Wettskandale und Doping.

Ist der Spieler gedopt oder der Computer?

Die International Esports Foundation, neben der ESL ein weiterer Organisator von Wettkämpfen, hat im vergangenen Jahr Anti-Doping-Regeln aufgestellt. Ihr geliebtes Red Bull dürfen die Gamer weiterhin trinken, alle anderen Aufputschmittel sind verboten. Mit steigenden Preisgeldern steigt eben auch der Anreiz, sich durch Betrug einen Vorteil zu verschaffen. Das Körper-Doping ist bei Esportlern zwar noch nicht so ausgeprägt, das Doping der eigenen PCs hingegen schon. Zum Beispiel durch sogenannte Aimbots: Kleine Programme machen aus jedem Schuss in einem Ego-Shooter einen Treffer. Man weiß aber nie: Ist ein Spieler jetzt besonders gut ist oder sitzt er nur vor einem gedopten Computer?

Spieler beschweren sich auf Youtube dann über die fiesen Betrügereien. Aber manchmal beschränkt sich der Betrug nicht nur auf das Spiel selbst.

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Im März dieses Jahres kam durch einen tragischen Selbstmordversuch ein Wettskandal ans Licht. Der südkoreanische Profispieler „Promise“ sprang aus dem zwölften Stock eines Hochhauses, weil sein Team-Manager seine Karriere zerstört hatte. Der Manager war stark verschuldet und zwang sein Team zu verlieren, um durch Wettgewinne die Schulden wieder loszuwerden. Promise hat den Sturz vom Hochhaus schwerverletzt überlebt, aber die Fangemeinde ist immer noch verstört. Esports sind in Südkorea so groß wie hier Fußball. Die jungen Spieler haben aber nur wenige Jahre, in denen sie professionell spielen können. Spätestens ab Mitte 20 ist Schluss. Dann rollt von hinten eine Welle neuer Spieler mit schnelleren Reflexen heran, die alte Garde muss abtreten. Die Esports mögen dem professionellen Fußball zwar jetzt schon sehr ähnlich sein, aber: Eine Legende wie Miroslav Klose werden sie wohl nie hervorbringen.

 

Israel under Attack, Gaza under Attack

 

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