Retten Meme die Welt?

Ice Bucket Challenge Massenveranstaltung in Thailand / Bild: picture-alliance/dpa

Ice Bucket Challenge Massenveranstaltung in Thailand / Bild: picture-alliance/dpa

In den letzten Wochen platzen unsere Facebook-Timelines förmlich vor Videos, in denen sich Prominente einen Eimer Eiswasser über den Kopf gegossen haben. Die Ice-Bucket-Challenge ist für das Jahr 2014 das, was die hässlichen Livestrong-Armbänder für das Jahr 2004 waren. Seit letzter Woche machen auch deutsche Prominente mit. Und wie das eben so ist: Sobald ein Trend in Deutschland ankommt, ist er fast schon wieder uncool. Wir fragen uns: Retten Meme die Welt?
Von Christian Alt

Rezept für ein erfolgreiches Internet-Mem: 1. Die Resteverwertung

Wenn wir eins aus der Biologie gelernt haben, dann: Mutation ist der Schlüssel der Evolution. Man nimmt also Teile eines alten Memes, klopft ein bisschen den Staub ab und schon hat man die Teile für ein neues Mem. Die Macher der „ALS Ice Bucket Challenge“ haben sich von den Facebook- und Youtube-Challenges ‚inspirieren‘ lassen, die im Frühjahr durch die sozialen Netzwerke gegangen sind: Bier-Nominierung und Fire Challenge. Die Kandidaten durften damals vor laufender Kamera einen Liter Bier auf Ex trinken – oder ihren entblößten Oberkörper anzünden. Die Ice Bucket Challenge ist wesentlich harmloser. So harmlos, dass inzwischen auch eher solide deutsche „Celebrities“ die Challenge annehmen.
Helene Fischer, die Boys und die Eiswürfel:

Und Mehmet Scholl is a dabei:

Rezept für ein erfolgreiches Internet-Mem: 2. Die Teilbarkeit

Jedes Mem braucht noch Backpulver, damit es durch die Decke geht. Je schneller man in der Vorschau sieht, worum es geht, desto mehr Leute klicken auf „Teilen“. Und was gibt es besseres als Bilder halbnackter Prominenter in der Timeline? Wir schauen Reality TV und Dschungel Camp – und sind süchtig nach Videos unserer Lieblingsstars aus ihrem „echten“ Leben. Die Ice Bucket Challenge passt zum Zeitgeist wie Arsch auf Eimer. Das Spannende ist, dass die Ice Bucket-Videos gleich aus zwei Gründen geteilt werden: Denn eigentlich zeichnen sich Meme dadurch aus, dass jeder sein eigenes Mem beisteuern kann. Die Ice Bucket Challenge ist ein Sonderfall: Man muss von anderen „gechallenged“ werden, um sich endlich, endlich selbst einen Eimer Eiswasser über den Kopf schütten zu dürfen. Die Stars nominieren sich also gegenseitig und wir als Zuschauer können nur liken und teilen. Je weiter unten man in der Promi-Nahrungskette steht, desto später wird man gechallenged. Es tut mir sehr leid, Herr Diekmann.

Rezept für ein erfolgreiches Internet-Mem: 3. Die Dekoration

Es wäre doch jammerschade, wenn jeder Kuchen gleich aussähe. Deshalb ist Dekoration ein Muss. US-Comedian Conan O’Brien versucht es selbstironisch:

Dave Grohl von den Foo Fighters macht aus der Wasserschlacht einen recht aufwendigen Kurzfilm:

Das Mem mutiert

Hauptsache, es ist nicht langweilig. Mit jedem witzigen Video steigt der Druck für die restlichen Promis. Schließlich ist man doch Entertainment-Profi und muss dem Publikum, das gierig auf die nächste Challenge wartet, was bieten. Und genau an dieser Stelle mutiert das Mem: Während die ersten Videos noch darauf hingewiesen haben, dass es hier nicht um Selbstdarstellung geht, sondern darum, etwas gegen ALS zu tun, verzichten die neusten Videos auf den eigentlichen Anlass für die Wasserspiele. Zwar verwenden Stars wie Justin Bieber oder Britney Spears noch das Wort „ALS Ice Bucket Challenge“, aber bei ihnen könnte ALS auch bedeuten: „Americas Loveliest Sweetheart“.

Inzwischen hat auch Wolverine Hugh Jackman die Challenge angenommen. Und er schleppt gleich noch den Cast seines neuen Films mit: Etwa einhundert Schauspieler und Crewmitglieder schütten sich daraufhin einen Wassereimer über den Kopf, während im Hintergrund ein Feuerwerk angezündet wird. ALS wird nicht einmal erwähnt. Auf dieser Mutationsstufe des Mems geht die Botschaft verloren und es wird zum bloßen Trend. Wie Twerking, Planking oder Owling.

Aber auch das Gegenteil von Jackmans Umgang mit der Challenge hat einen üblen Beigeschmack – so schüttet sich Charlie Sheen keinen Eimer mit Eiswasser über den Kopf, sondern 10.000 Dollar in bar, die will er der ALS Stiftung spenden. Und er fordert andere Stars auf, es ihm gleichzutun. Eine eigentlich noble Geste, aber schrecklich ranschmeißerisch.

Der Preis für ein erfolgreiches Charity-Mem

Was die Ice Bucket Challenge deutlich gezeigt hat: Meme können tatsächlich die Welt etwas besser machen. Vor wenigen Wochen war ALS kaum Thema, die ALS Foundation hat in wenigen Tagen so viel eingenommen wie im gesamten vergangenen Jahr. Und wenn Prominente das Mem dafür nutzen sich selbst oder ihr Produkt zu vermarkten, ist genau das der Preis, den man für ein erfolgreiches Charity-Mem bezahlen muss. Vor zehn Jahren haben wir hässliche Livestrong-Armbänder getragen, um damit irgendwie was gegen Krebs zu tun. Wie das genau funktioniert hat war im Grunde egal. Auch damals war das Fashion Statement wichtiger als die Sache, die dahintersteht. Und das ist nicht schlimm: Wenn man nur das Dazugehörigkeitsgefühl des Menschen richtig triggern kann, lässt sich damit wesentlich mehr erreichen als mit rational argumentierten Spendenaufrufen.

Schön ist es, wenn die Videos den Zuschauer nicht nur unterhalten, sondern selbst zum Handeln auffordern, so wie Benedict Cumberbatch es macht. Denn man kann als Einzelner mehr beitragen als nur einen Like:

 

 

Verkorkster Zeitgeist

 

#fail of the week

 

Grand Theft Nichts

Spiele wie etwa der Landwirtschaftssimulator sind in Deutschland regelrechte Verkaufsschlager. Da ist es nur logisch, dass es Spieleprogrammierer nicht dabei belassen haben, nur landwirtschaftliche Großmaschinen, Bagger und Müllwägen zu simulieren. Zum Portfolio gehört mittlerweile auch der Spezialtransport-Simulator 2013, Rettungswagen-Simulator 2014, Schiff-Simulator 2012 – die Binnenschifffahrtedition, der Werft-Simulator 2013, der Zirkus-Simulator 2013 und der Nahverkehrs-Manager 2012. Die Zahl dahinter ist wichtig, denn sie suggeriert Seriosität und Realismus, man schielt auf den Papa, der sich bei Mediamarkt Office 2013 kauft und dann gleich noch den Schwebebahn-Simulator 2013 mit dazu nimmt. Nach getaner Arbeit kann er so noch ein bisschen Spaß haben, ohne dabei gleich total auszuflippen. Doch mit der Seriosität ist es jetzt vorbei.

Eigentlich möchte der schwedische Programmierer Armin Ibrisagic im April diesen Jahres nur eine kleine Grafikdemo ins Netz stellen. Als Spielcharakter wählte er spaßeshalber eine Ziege. Diese Ziege randaliert nun durch eine Kleinstadt, schleift mit ihrer klebrigen Zunge Autos durch die Gegend, verwüstet Häuser und sprengt Tankstellen in die Luft. „Goat Simulator“ nennt er das Ganze, obwohl es hier alles andere als realistisch zugeht. Dann lädt er den Clip bei Youtube hoch und natürlich kommt dann alles, wie es eigentlich kommen muss: Die Welt hat offenbar auf nichts sehnlicher gewartet als auf einen Ziegensimulator, über sechs Millionen mal wird der Clip angeklickt.

Es folgen: der Socken-Simulator, der Stein-Simulator und der Grass-Simulator

Fans aus aller Welt beknien den Programmierer anschließend aus der kleinen Grafikdemo doch bitte ein richtiges Spiel zu machen, und tatsächlich steht der Goat-Simulator wenig später in den Läden und hilft einem neuen Computerspielgenre zum Durchbruch: Dem des Spaß-Simulators.

Auf Kickstarter haben seitdem der Bären-Simulator, der Hai-Simulator und natürlich auch ein Katzen-Simulator um Bares gebeten. In Entwicklung oder gar schon fertig, sind zudem der Socken-Simulator, der Stein-Simulator 2014 und der Grass-Simulator 2014. Vorläufiger Höhepunkt: der Nothing-Simulator 2015. Der Programmierer Edward Bowden sagt über die Features des nihilistischen Spiels:

“Eigentlich gibt es keine Features. Gut, wenn man das Spiel startet gibt es ein Menü und man kann die Auflösung und die Fenstergröße einstellen. Aber danach bleibt der Bildschirm schwarz. In der ursprünglichen Version gab es noch einen Mauszeiger, aber das hat irgendwie nicht zum Spielerlebnis gepasst. Also haben wir den wieder entfernt.” Edward Bowen, Programmierer

70 Dollar will Edward Bowden auf Kickstarter für seinen Nothing-Simulator einsammeln, doch er bekommt nur 40. Trotzdem gelingt es ihm innerhalb von 45 Minuten das wohl langweiligste Spiel der Computerspielgeschichte zu programmieren, langweiliger noch als der Black Screen-Simulator 2014, der kurz danach erscheint. Und ja: natürlich ist das alles ein einziger Witz. Und doch steckt mehr dahinter, sagt Edward Bowen.

“Diese Witz-Simulatoren bauen Leute wie ich. Prinzipiell mögen wir Simulationsspiele. Aber meistens enttäuschen sie uns, weil sie so unglaublich schlecht sind. Irgendwann haben wir uns gedacht: „Ach, lass uns das veraschen!“ Hass war also eine Hauptmotivation.” Edward Bowen, Programmierer

Billig produziert und hastig zusammengeschustert – trotzdem erfolgreich

Im Holzfäller-Simulator 2013 bounced der Baumstamm nach dem Fällen wie ein Flummi durch die Gegend. Die Randalierer, die man im Polizei-Simulator 2013 verfolgen muss, bleiben minutenlang an Ecken hängen. Im Rettungswagen Simulator 2014 wird man schnell zu einem Ballonabsturz gerufen, doch wehe der Krankenwagen verhakt sich beim Verlassen des Fuhrparks mit einen sinnlos herumstehenden Rollstuhl, dann kommt man niemals beim Unfallort an. Simulationsspiele sind in der Regel billig produziert und hastig zusammengeschustert. Der Abschlepp-Simulator 2015 kommt auf Durchschnittswertungen von etwa 30 von 100 Punkten, der Gabelstapler-Simulator 2009 bringt es auf etwa zwölf Punkte und der Flughafen-Feuerwehr-Simulator 2013 auf gerade einmal vier. Kurz gesagt: Es ist ein Desaster.

Edward Bowden jedoch hofft, dass sein Nothing-Simulator 2015 dazu beiträgt, dass es irgendwann einmal besser wird.

“Ich glaube, dass die Entwickler von ernste Simulatoren unsere Witz-Simulatoren anschauen und sich denken: Die beleidigen unsere Spiele! Dabei wollen wir ihnen nur sagen: Wir lieben Eure Spiele! Wir mögen Simulatoren! Aber strengt Euch bitte ein bisschen mehr an. Vielleicht kommt dann am Ende ja doch ein Spiel dabei raus, das wir wirklich mögen.” Edward Bowen, Programmierer