“Soul Gentleman des Reggae“ – zum Tod von John Holt

John Holt war einer der ganz Großen im Reggae. Am Wochenende ist der Jamaikaner mit 67 Jahren in einem Londoner Krankenhaus verstorben. Noe Noack blickt zurück auf den Erfinder eines eigenen Reggae Sub-Genres – des Lovers Rock. 

Rechte: Charm (Bellaphone)

Rechte: Charm (Bellaphone)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit “The Tide Is High” gelang John Holt ein Welthit. Er hatte die Ballade für sein Gesangstrio The Paragons geschrieben. Mit der Rocksteady-Gruppe war John Holt in der zweiten Hälfte der 60er mit vielen Hits in den jamaikanischen Charts vertreten. Aber erst die gelungene Version von Blondie machte “The Tide Is High” 1980 weltberühmt.

Schon mit zehn, zwölf Jahren fiel John Holt in der Kirche, im Schulchor und später bei Talentwettbewerben in Kinsgston mit seiner samtweichen Stimme auf. Er hing Tag und Nacht am Radio und lauschte seinen Soul-Idolen aus den USA. 1963, mit 16 Jahren, durfte er seine erste Single aufnehmen: “I cry a tear”. Ab 1964 schrieb er mit den Paragons Musikgeschichte. 1970 begann er seine erfolgreiche Solo-Karriere. “Stick by me” war 1972 die meistverkaufte Single in Jamaika. Zum Glück blieb sich John Holt musikalisch immer treu. Seine große Stärke waren die romantischen Balladen.

Selbst in der Hochphase des Roots-Reggae und der Rasta-Songs, die durch Bob Marley und Co. die Vorstellung von Reggae weltweit prägten, blieb John Holt bei souligen Liebesliedern und hatte damit Erfolg. Schon in den frühen 70ern baute sich John Holt ein zweites Standbein in London auf und prägte das romantische Reggae-Genre “Lovers Rock”, das dort entstand und auch von The Clash in einem Song gewürdigt wurde.

Neben unzähligen eigenen Reggaehits wie “Ali Baba” und “Stealing Stealing”  landete John Holt seinen größten Erfolg mit dem Covern von Pop-Hits. Auf seinem Album “1000 Volts of Holt” coverte er unter anderem “Help me make it through the night” von Kris Kristofferson und knackte damit die Top 10 der UK Charts. Seit den späten 70ern schaffte John Holt den Spagat zwischen herzzerreißendem Lovers Rock, tiefem, nicht seichtem Pop-Reggae und sogar Dancehall. Ob in großen Londoner Konzertsälen mit Orchester oder auf kleinen Club-Bühnen, mit seiner einmaligen Stimme überzeugte er jedes Publikum. Sogar bei der  jungen Dancehall- und Jungle-Massive durften seine Hits nicht fehlen. Sein “Police And Helicopter” von 1983 wuchs sich zur weltweiten “Ganjahymne” aus.

 

Die Schülerzeitung des Terrors

Die Tweets des “Islamischen Staats” (IS) verbreiten schnelle Siegesmeldungen, die grausamen Videos verstören Gegner und verzücken Anhänger. Der nachdenkliche Gotteskrieger aber erwartet mehr geistige Nahrung. Die liefert Dabiq, das offizielle Online-Magazin des IS. Ganz ohne Schockbilder kommt aber auch das Zentralorgan des Terrors nicht aus.

Dabiq

Von Sammy Khamis

Der “Islamische Staat” (IS) vereint sicher die brutalsten Terroristen unserer Zeit, aber auch Grafikdesigner und Filmemacher. Sie arbeiten seit diesem Sommer für Dabiq, das Web-Magazin des IS. Es kommt daher im Stil einer gut gemachten Schülerzeitung. Man kann es kaufen im Iraq und in Syrien, der Rest der Welt darf es in mehreren Sprachen herunterladen. Die Macher vereinen Hochglanzfotos mit solider Grafik und aktuellen Themen für den Terrorstaat. Das Inhaltsverzeichnis klingt wie ein Kollegstufenkurs in Terrorismus: Es gibt eine Art Waffenquartett mitsamt historischer Einordnung; es wird erklärt, wieso man Jesiden misshandeln, versklaven und verkaufen darf und im “Sozialkundeteil” berichtet das Dabiq-Magazin, welche Kranken- und Waisenhäuser der “Islamische Staat” gebaut hat und was er sonst noch für Wohltaten verteilt. Am Ende jeder Ausgabe steht “In den Worten der Feinde”, eine Presseschau, die erklärt, was der Rest der Welt vom “Islamischen Staat” hält.

Das Dabiq Magazin soll einen “Einblick in den Islamischen Staat” (“insight into the Islamic State”) geben. Unterm Strich steht die Message: Wir gewinnen jede Schlacht und erobern auch noch Rom.

“Wir erobern auch noch Rom.”

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Auch die vierte Ausgabe des Dabiq-Magazins kommt vom Al Hayat Media Centre, der mehr oder minder offiziellen Pressestelle des “Islamischen Staates”.

Die Grafiker des Magazins haben für die neueste Ausgabe die Flagge des IS auf den  Obelisken des Petersplatzes in Rom montiert. Auf ihr steht: “Es gibt keinen Gott, außer Gott und Mohammed ist sein Prophet.” Der Satz ist das Glaubensbekenntnis der Muslime, die Fahne aber ist in Deutschland verboten.

Dieses Verbot zeigt, wie hilflos deutsche Behörden im Umgang mit dem “Islamischen Staat” sind. Die PR-Abteilung des IS weiß genau um die Angst in Europa. So wird als Vorwort eine Rede des offiziellen Regierungssprechers des IS abgedruckt:

“we will conquer your Rome, break your crosses and enslave your women, by permission of Allah, the Exalted. This is His promise to us; He is glorified and He does not fail in His promise. If we do not reach that time, then our children and grandchildren will reach it, and they will sell your sons as slaves at the slave market.” (Dabiq 4, S.8)

Das Magazin verfolgt die bekannte Strategie des IS: Feinde abschrecken und Sympathisanten endgültig überzeugen. Das alles passiert weniger brutal als in den Enthauptungsvideos, und doch ist das Magazin so voll mit Snuff-Bildern, dass wir in diesem Beitrag keinen Link zum Magazin einbinden.

Zwischen Snuff und Waisenhaus – die IS Propaganda

Leicht zu lesen sind weder die englischen noch die deutschen Ausgaben von Dabiq. An jede Erwähnung des Propheten Mohammeds schließt eine arabische Transkription Sallallahu alahi we salam an. Das heißt: Möge der Segen und Frieden Gottes mit ihm [Mohammed] sein. In jedem zweiten Satz findet sich so eine Transkription. Das alles macht – neben dem inhaltlich schwer zu verdauenden Text – das Lesen noch holpriger.

Dabei wirken die arabischen Transkriptionen wie eine klassische Peer-Sprache in Jugendmagazinen. Auch das Waffenquartett mit stilvoll inszenierten Panzern und Raketenwerfern, die IS-Truppen von der irakischen Armee erbeutet haben, sind nur eine moderne Bildkulisse für ein sprachlich wirres Update einer Überlieferung aus dem Leben Mohammeds, in dem es um das Erbeuten von Waffen geht.

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Inhaltlich sind es die bekannten Phrasen, die das Al Hayat Media Centre auch auf Twitter oder per Video ins Internet schüttet. Auf ihre einfachen Rekrutierungs-Videos für den “heiligen Krieg” in Syrien und Irak verzichten die Macher des Magazins. Sie wissen genau, welche Inhalte sie wie transportieren wollen.

Der “Islamische Staat” hat für jedes soziale Netzwerk seine eigenen, jeweils passenden Formate: Die Botschaften an die “Ungläubigen” und Feinde funktionieren über schockierende Videos. Per Twitter bekommt der IS schnelle Rückmeldungen, zum Beispiel direkte Reaktionen auf Luftangriffe. Zwar haben YouTube und Twitter die Accounts von Al Hayat schnell und immer wieder gesperrt. Das ist für Al Hayat aber kein Problem. Sympathisanten teilen die Inhalte des Centres – zum Teil auch über eine App, die automatisch twittert. Die Unterstützer des IS setzen auf die bekannte Taktik von Viagra-Verkäufern: Sie twittern gerne trendende Mainstream-Hashtags, um ihre Bilder oder Nachrichten zu verbreiten. Oft sind es Stills etwa von Enthauptungsvideos. Während der WM gab es unzählige Tweets zur Gründung des Kalifats unter dem Hashtag #Worldcup.

Versklavung und Enthauptung – nicht schocken, sondern rechtfertigen
Besonders deutlich wird die Stoßrichtung des Magazins im Essay “Before the Hour – The Revival of Slavery”. Eine vierseitige Geschichte legitimiert die Versklavung von jesidischen Frauen. Man habe “Studenten des Islamischen Staates” damit beauftragt, Gutachten über die Jesiden anzustellen. Das Ergebnis: ihre Versklavung sei legitim. Immerhin – den Verweis kann sich das Dabiq Magazin in kaum einem Artikel verkneifen:  selbst die Christen hätten die Religionsgruppe der Jesiden verfolgt und als Teufelsanbeter gebrandmarkt. Es ist das erste Mal, dass der “Islamische Staat” öffentlich zugibt, Sklaverei zu betreiben. Dass dies im Dabiq Magazin passiert, ist nur schlüssig: Hier ist der Platz, um die Taten des IS geschichtlich und rechtlich hinzulegitimieren.

Dabiq ist eine Mischung aus Spiegel (Information) und Bravo (Peer-Sprache). Mit dem Unterschied, dass der “Islamische Staat” seine Medienpräsenz auf allen Kanälen bestens koordiniert und ein Angebot schafft, das so umfassend ist wie das Gebiet, das der IS mittlerweile kontrolliert. Und: Durch die professionelle Medienarbeit geht der IS einen Schritt weiter in Richtung Staat. Neben Waffen, Kalifen und Strafzetteln gibt es eine offizielle Propagandamaschine. Die ist so verblendet wie professionell. Deswegen könnte noch vor Jahresende die neue Ausgabe von Dabiq erscheinen. Vielleicht macht diese Ausgabe dann mit der Einnahme Kobanes auf.

 

#failoftheweek: Assange wird zur Modemarke

Was macht eigentlich Julian Assange? Der sitzt immer noch in der ecuadorianischen Botschaft in London fest, angeblich wohnt er dort mit einem halben Dutzend Handys und Laptops, einmal die Woche boxt er mit einem ehemaligen Elitesoldaten. Really?

Da rutscht Julian Assange nun auf einem Barhocker hin und her und erzählt, wie sehr ihn die Wut antreibt. Julian Assange Ende September auf einer Konferenz in Massachusetts. Moment, der Julian Assange? Der weißblonde Australier, der ja eigentlich auf 20 Quadratmetern in der ecuadorianischen Botschaft in London lebt? Seine Stimme klang damals irgendwie metallisch, der Teint war sogar noch bleicher als sonst. Und dann wollte der Moderator auch noch High-Five mit ihm machen, was gründlich misslang:

High Fives misslingen ja öfters, schuld daran ist meist schlechtes Timing. Hier allerdings lag es aber vielmehr daran, dass Julian Assange zwar da war, aber irgendwie auch nicht. Man hatte ihn zugeschaltet, und zwar als Hologramm, der Moderator schlug mit seiner Hand also immer durch Julian Assange durch.

T-Shirts mit Wikileaks-Logo

Die Hologrammtechnik wird normalerweise dazu benutzt, um tote Musikstars als 3D-Zombies wieder auf die Bühne zu bringen. Hier dient sie dazu, Julian Assange auf eine Konferenz zu projizieren, denn er selbst sitzt ja in der Botschaft von Ecuador fest, seit über zwei Jahren schon. Von dort aus leitet er immer noch Wikileaks, die Whistleblower-Organisation, die zwar aktiver ist, als man gemeinhin denkt, aber eben doch weit weniger Staub aufwirbelt als noch vor ein paar Jahren. Diese Woche sorgte Wikileaks jedoch wieder für Gesprächsstoff, der Grund dafür waren keine geleakten Geheimdokumente. Im Auftrag von Wikileaks und Julian Assange meldete sich die Rechteverwertungsfirma Bavaria Sonor bei Getdigital.de, einem Vertrieb für allerlei Nerd-Kram, darunter auch T-Shirts mit dem Wikileaks-Logo.

Zitat: “Unter folgenden Link bieten Sie nicht-lizensierte Waren beziehungsweise Logos unter der Nutzung des Wikileaks-Logos und / oder des Bildes beziehungsweise Konterfeis von Julian Assange an. Wir müssen Sie bitten ihr Angebot umgehend zu entfernen und von einem weiteren unbefugten Gebrauch des urheberrechtlich geschützten Materials abzusehen.”

“Die erste Phase der Vermarktung zielt auf die Produktwelt einer politisch interessierten, internet-affinen und modebewussten Zielgruppe”

Julian Assange lässt also Lizenzgebühren eintreiben und das ist nicht gerade das, was man von der ehemaligen Hacker-Ikone erwartet würde. Bizarr: Getdigital hat bislang den ganzen Gewinn aus dem Verkauf der Wikileaks-T-Shirts an die Wau-Holland-Stiftung gespendet. Die verwaltet in Deutschland die Spenden für Wikileaks. Der Hintergrund der Unterlassungsforderung ist wohl, dass Julian Assange jetzt in Mode machen will, angeblich hat er schon ein paar T-Shirts designet. Assange-T-Shirts und das Wikileaks-Logo? Daran könnte man doch gut verdienen! In einer Pressemittelung der Bavaria Sonor heißt es:

“Die erste Phase der Vermarktung zielt auf die Produktwelt einer politisch interessierten, internet-affinen und modebewussten Zielgruppe: Handyschalen, Hoodies, T-Shirts, Jacken, Sonnenbrillen, Uhren, Schreibwaren, Messenger Bags etc. Hier wird Bavaria Sonor sowohl etablierte Unternehmen ansprechen als auch kleinere Szene-Labels. Der Styleguide ist umfassend, enthält aber auch eine klare Abgrenzung zu radikalen Botschaften, die über das Kernanliegen von WikiLeaks, der Verteidigung universeller Bürgerrechte, hinausgehen.”

Bald auch T-Shirts mit Assange-Konterfrei?

Bald auch T-Shirts mit Assange-Konterfrei?

Das klingt nach Ausverkauf, danach, dass Assange nur noch die Vermarktung der eigenen Person im Sinn hat. Die Verwertungsgesellschaft hat sich mittlerweile entschuldigt und betont, dass die Einnahmen aus dem Lizenzgeschäft Wikileaks zu Gute kommen würden. Ein Geschmäckle bleibt trotzdem: Wikileaks und Julian Assange könnten bald das sein was Che Guevara, Mumia Abu-Jamal, die Tibet Fahne oder das Pali-Tuch schon heute sind: Ein kommerziell erfolgreiches Protest-Accessoire – ohne besondere Tiefe. Eine Art Protest-Hologramm wenn man so will.

 

Wie geht Ironie im Europaparlament?

Günther Oettinger, bisher für die Energie zuständig in der EU, ist wahrscheinlich bald Kommissar für Digitales. In Zukunft muss er sich mit der Cloud und mit IP-Adressen befassen. Auf der anderen Seite von Herrn Oettinger steht Martin Sonneborn, ihn kennt man als Satiriker, ehemaligen Chefredakteur der Titanic und er ist einziger Abgeordneter der Satire-Partei “Die Partei” im EU-Parlament.

Gestern haben die Abgeordneten in Brüssel alle Kommissare in spe befragt – und getestet, ob für ihr Amt geeignet sind. Diese Chance ließ sich Martin Sonneborn nicht entgehen lassen – und wollte von Oettinger wissen, wie er denn zum “Recht auf Vergessen” im Internet steht:

Viele haben darauf gewartet, dass Günther Oettinger sich von Martin Sonneborn provozieren lässt. Der hatte seine Wähler vorher bereits auf Facebook gefragt, was sie schon immer mal von “Oetti” wissen wollten. Dann aber hat es Günther Oettinger selbst geschafft und bewiesen, dass er ganz viel nicht verstanden hat, was in diesem Internet passiert:

Wir können Günther Oettinger nur beipflichten: “Vor Dummheit kann man die Menschen nicht schützen.”