#failoftheweek: Wenn das Finanzamt ins Berghain geht

Was im Berliner Technoclub “Berghain” passiert, gilt nun also als Hochkultur. Das ist schön, zeigt aber auch, wie bekloppt das Kulturverständnis deutscher Behörden ist.

“We are in Berlin. And we’ve set ourselves a goal: We’re gonna figure out how to get into the Bergain!” Youtube-Channel IamEveryBobby

Ja, wie kommt man nur rein in dieses Berghain? Wie kommt nur vor vorbei an Sven Marquardt, dem voll krassen Türsteher? Es heißt, es sei wohl hilfreich irgendetwas total Beschissenes anzuhaben oder gleich im Pyjama zu kommen. Weiterhin heißt es, es mache durchaus Sinn, den Technoschuppen um acht Uhr in der Früh aufzusuchen und auf die Frage: „Wo kommst Du her?“ ein verschlafenes „Aus dem Bett“ zu murmeln. Auf jeden Fall: Zu frisch aussehen ist scheiße, zu wenig frisch aussehen ist scheiße, zu sehr nach München aussehen ist sehr scheiße, zu große Gruppen sind scheiße, reine Männergruppen sind scheiße, eigentlich sind Gruppen generell scheiße, zu viel Augenkontakt ist scheiße und zu wenig Augenkontakt ist auch scheiße.

Und auch wenn man alles beherzigt kann es trotzdem passieren, dass man scheitert, auf den „Walk of Shame“ geschickt wird und dann halt in einen der anderen 283.636 272 Elektroschuppen in Berlin gehen muss. Wer es doch rein schafft, kann die Darkrooms im berühmtesten Club der Republik besichtigen und wird nach ein paar Stunden, manchmal Tagen, wieder ausgespuckt:

Die mit dem Wort „intransparent“ noch freundlich umschriebene Türpolitik, hätte das Berghain viel Geld kosten könne, denn die Tatsache, dass man für das Berghain keine Eintrittskarte kaufen kann, wie etwa für Opernvorführungen, mit der man dann sicher hineinkommt, war eines von vielen Argumenten des Finanzamtes zu sagen: Das was im Berghain stattfindet sind keine – Zitat – „musikalische Darbietungen von  künstlerischer Bedeutung“! Und nur was von künstlerischer Bedeutung ist, kommt schließlich in den Genuss des ermäßigten Steuersatzes von sieben Prozent – statt der üblichen 19 Prozent.

Auch die anderen Argumente des Finanzamtes hörten sich exakt genauso an, wie sich Finanzamt-Argumente eben so anhören. Neben der Sache mit den fehlenden Eintrittskarten führte die Behörde noch an, dass die Gäste dem Künstler nicht zugewandt seien (also zumindest nicht die GANZE Zeit), es gäbe keine Bühne (also zumindest keine ECHTE Bühne) und die Musik habe keinen Anfang und kein Ende (also zumindest keinen ECHTEN Anfang und kein ECHTES Ende) und es werde auch nicht applaudiert (also zumindest nicht nach JEDEM Stück). Und dann würde dort ja auch noch Rauschgift konsumiert! Das Fazit des Finanzamtes fiel dann auch richtig schön Deutsch aus: Im Berghain da „herrsche die Unterhaltung, nicht die Kultur“.

Ernst und unernst und wie man sich fühlt

Es ging vor Gericht, diese Woche gewann das Berghain den Prozess. Das ist gut so, aber irgendwie auch nicht, denn die Regelung gilt nur für das Berghain, der Richter bezeichnet das Urteil explizit als „Einzelfall-Entscheidung“. Nur im Berghain herrscht also fortan Kultur, in den anderen 283.636 272 Elektroschuppen in Berlin, da herrscht nach wie vor die Unterhaltung und wo die Unterhaltung herrscht, da muss man auch mehr Geld an den Staat abdrücken.

Mal ehrlich: Was für eine bekloppte Regelung! Eine Regelung, die immer noch durchdrungen ist von alten deutschen Denken in „E“ und „U“, in „ernste“ Unterhaltung“ und irgendwie „unernste Unterhaltung“. Und eine Regelung, die auch die Elektrophobie in anderen Bereichen konsequent fortführt, auf Bücher aus totem Holz etwa müssen nur sieben Prozent Mehrwertsteuer abgeführt werden, auf E-Books 19 Prozent. So etwas versteht kein Mensch, im Vergleich dazu ist sogar die Türpolitik des Berghains echt nachvollziehbar.

 

#failoftheweek: Ein dummes Gesetz, jetzt noch dümmer!

Es ist eines der dümmsten Gesetze der letzten Jahre. Und genau dieses Gesetz soll vielleicht bald in ganz Europa gelten. Es heißt „Leistungsschutzrecht“ und tarnt sich mit seinem sperrigen Namen. Nicht mit uns!   

So nannte Sascha Lobo das Leistungsschutzrecht vor drei Jahren: „Das dümmste Gesetz Deutschlands“. Und nicht nur der Erklärbär-Iro war gegen die Regelung. Die Ablehnung reichte von der Jungen Union, über den Bundesverband der Deutschen Industrie, bis hin zum Chaos Computer Club und der Partei „Die Linke“. Gekommen ist es trotzdem.

Mit dem Leistungsschutzrecht wollten die Verlage Geld von Internetunternehmen bekommen wie GMX, Web.de, kleinen Newsaggregatoren wie Rivva.de, aber vor allem natürlich von Google. Schließlich sind bei Google News kleine Teasertexte zu sehen, die auf Artikel hinweisen. Das Gesetz kam und Google bot den Verlagen an, sie aus Google News zu entfernen, doch das war den Verlagen auch nicht recht. Am Ende musste Google nichts bezahlen, ganze 714.540 Euro wurden in den letzten drei Jahren über das Leistungsschutzrecht eingenommen. Alleine für Rechtsstreitigkeiten rund um das neue Gesetz haben die 3,3 Millionen Euro ausgegeben.

„Wir hätten den Internetleuten zuhören sollen“

Man kann sagen: Selten in der deutschen Rechtsgeschichte hat ein Gesetz die ohnehin schon absurd niedrigen Erwartungen nochmal so krass unterboten wie in diesem Fall. Naheliegend wäre nun wohl, dass jemand aus der Regierung sagt: „Okay, wir haben uns da in etwas verrannt, wir hätten den Internetleuten zuhören sollen, nicht dem Springer Konzern. Das Gesetz ist wirklich panne, lasst es uns lieber wieder wegmachen.“ Passieren soll nun aber das genaue Gegenteil.

Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft möchte nun das Leistungsschutzrecht auf die ganz EU ausweiten. Statt einem Jahr soll es zwanzig Jahre gelten, statt nur Newsaggregatoren soll es auch soziale Netzwerke wie Facebook und YouTube betreffen, denn auch da gibt es kleine Textfetzen, etwa wenn man einen Artikel teilt. Das Gesetz will sogar noch weitergehen und auch Überschriften umfassen, aber nur, wenn diese „auf einer intellektuellen Leistung“ basieren.

Aha. Blogger, die einen Artikel verlinken, aber auch Startups hätten dann noch weniger Rechtssicherheit und die Gerichte noch mehr zu tun. Und als wäre das alles nicht schon bescheuert genug, entschied sich der EU-Kommissar diese Woche dann auch noch zu twittern:

Ja, Facebook bietet längst Feeds an. Aber iPhones? Und Tablets? Die bieten vor allem Touchscreens an. Es sind genau solche Quatschaussagen, die das Netz auf die Barrikaden treibt – und das ist zwingend notwendig. Denn was Günther Ottinger vorhat, lässt sich auch so zusammenfassen: Er möchte ein ohnehin schon dummes Gesetz noch sehr, sehr viel dümmer machen. Und das europaweit.

 

#failoftheweek: Mehr Maschine, mehr Murks

Menschen machen Fehler, sind unzuverlässig und ungerecht. Ganz anders ein Algorithmus und deswegen durfte ein solcher Algorithmus diese Woche die Trending Topics bei Facebook verwalten. Keine gute Idee.

Drei Leute auf einem Raumschiff, die recht unzusammenhängendes Zeug faseln und komische Namen haben, sie heißen H, H2 und C. Und dann beginnt H (oder H2?) zu würgen und spuckt einen Augapfel aus, einfach so, völlig aus dem Nichts und dann geht es einfach weiter. Die Handlung des Kurzfilms „Sunspring“ ist totaler Hirnfasching, aber das Drehbuch stammt ja auch von Benjamin und Benjamin ist kein Mensch, sondern eine Maschine, eine künstliche Intelligenz. „Sunspring“ ist der erste Film, der auf einem Algorithmus basiert, der gefüttert wurde mit anderen Drehbüchern etwa von „Armageddon“, „Star Trek“ und „X-Men“.

Bis Algorithmen vernünftige Drehbücher schreiben, wird es also noch etwas dauern, in anderen Bereichen verlassen wir uns aber schon auf sie. Algorithmen gelten als unbestechlich, neutral, sie lassen sich nicht von ihren Emotionen leiten, halten sich sklavisch an das, was ihnen ein Mensch vorher eingetrichtert hat. Kein Wunder also, dass Facebook vor kurzem die Menschen in seiner Nachrichtenredaktion entlassen und durch einen Algorithmus ersetzt hat. Warum? Nun ja, die Menschen waren für die Trending Topics zuständig und hatten dort ein wenig herummanipuliert. Sie hatten konservative Blogs zum Beispiel weniger berücksichtigt und stattdessen den Eindruck erweckt, als seien feinsinnige Artikel der New York Times gerade total angesagt bei Facebook. Mit dem Algorithmus sollte nun endlich wieder Gerechtigkeit einkehren in der Facebook-Welt! Endlich sollte das unbestechliche Auge einer Maschine entscheiden! Endlich sollten die Trending Topics genau das abbilden, was im Facebook-Kosmos WIRKLICH relevant ist! Und die Maschine begann mit ihrer Arbeit…

Ganz oben standen nun diese Woche weder die New York Times noch ein konservativer Blog, ganz oben stand nun der Hashtag #McChicken und der Hashtag #McChicken führte zu einem Video, das zeigt, wie ein großer Menschen-Penis Liebe macht mit, nunja, einem Brötchen mit ganz viel Remoulade (auch wenn das Video zensiert ist, hier nur mit Vorsicht klicken). Im Netz ist das Video natürlich ein Renner:

Neben dem verstörenden Fastfood-Porno schaffte es auch mehrere Falschmeldungen in die Top 10, beispielsweise hievte der Algorithmus einen Beitrag über die angebliche Entlassung der Fox-Moderatorin Megyn Kelly in die Trending Topics. Der Facebook-Algorithmus ist tatsächlich in gewisser Weise neutral, er reproduziert das, was auf Facebook angesagt ist und wenn bei Facebook eben gerade eine Falschmeldung und ein Video mit Semmel-Sex angesagt ist, dann ist das halt so.

Am Montag erst hat Facebook-Chef Marc Zuckerberg betont: Facebook ist kein Medienkonzern, Facebook ist eine Plattform und damit nicht verantwortlich für die Inhalte, die auf Facebook zu sehen sind. Ein bisschen einfach macht es sich Herr Zuckerberg damit aber schon, denn immerhin entscheidet das Netzwerk darüber, welche Inhalte wir sehen und welche nicht, ganz so wie eine Redaktion entscheidet, welche Nachrichten es in die Zeitung schaffen und welche nicht. Im Fall der Trending Topics gibt es sogar noch ein paar Menschen, die den Algorithmus überwachen sollen, aber die sind vielleicht zu beschäftigt oder verlassen sich zu sehr auf die Technik, sodass ihnen die Fake-Nachrichten und die Sache mit dem Freudenbrötchen durchgerutscht ist. Das Beispiel der Trending Topics zeigt, dass Menschen eben unzuverlässig sind und manchmal sogar unfair, aber wahrscheinlich können sie im Zweifelsfall immer noch besser Bullshit von Nicht-Bullshit zu unterscheiden, als Maschinen. Zumindest manchmal.

 

#failoftheweek: Warum man die Reichsbürgerbewegung nicht belächeln sollte

Vor zwei Jahren, da trat Xavier Naidoo vor den sogenannten „Reichsbürgern“ auf, wie er sagte, „um die Liebe zu repräsentieren“. Unter anderem sein Faible für die diese Gruppierungen kostete ihn dann später die ESC-Kandidatur. Viele haben das damals kritisiert, weil Reichsbürger häufig immer noch als harmlose Spinner abgetan werden. Gestern nun gab es in Sachsen-Anhalt eine Schießerei, bei der ein Reichsbürger schwer verletzt wurde. Ganz so harmlos ist diese Bewegung dann wohl doch nicht.

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Irgendwo in Sachsen-Anhalt, drei Einsatzwagen der Polizei halten vor einem Anwesen, für den aufgekratzten Grundstückseigentümer allerdings sind die Beamten keine Beamten, sondern Marionetten der sogenannten „BRD GmbH“: Kriminelle, die beim Marken- und Patentamt nur die Wortmarke „Polizei“ angemeldet haben und jetzt hier aufmucken.

Genau so bizarr geht es dann weiter in dem Youtube-Clip, der im März durchs Netz kursierte: Die Polizisten werden als „Hafensänger“ bezeichnet und als „Nasenbären mit Masken auf dem Kopf“, sie sollen runter vom Grundstück und zwar dalli! Wobei … was heißt da Grundstück! Hier geht es um sehr viel mehr… (wir haben mal vorgespult.)

Der, der da im Video zu hören ist, heißt Adrian Ursache, 41 Jahre alt und selbsternannter Chef des Ministaates Ur. Ursache war 1998 Mister Germany, 1997 wurde er zum schönsten Mann Ostdeutschlands gewählt und ist aktuell mit mit einer ehemaligen Mrs. Germany verheiratet.

Die 19jährige Michalina Koscielniak aus Delmenhorst ist 14.1.1998 in Berlin zur neuen "Miss Germany" gewählt worden. Der 23jährige Adrian Ursache aus Berlin wurde zum "Mister Germany" gekürt. Insgesamt nahmen 23 junge Frauen und Männer am Finale dieses Wettbewerbs teil. Die beiden Sieger der Berliner Endausscheidung sollen Deutschland nun bei der Wahl zur "Queen of the World" und bei der "Mister Europa"-Wahl vertreten. Die Wahl fand einen Tag nach einer ähnlichen Veranstaltung in Trier statt, bei der am Abend zuvor eine andere junge Frau ebenfalls zur "Miss Germany" gekürt worden war. Grund der Doppelung: der Titel ist nicht geschützt. | Verwendung weltweit

Die 19jährige Michalina Koscielniak aus Delmenhorst ist 14.1.1998 in Berlin zur neuen „Miss Germany“ gewählt worden. Der 23jährige Adrian Ursache aus Berlin wurde zum „Mister Germany“ gekürt. Insgesamt nahmen 23 junge Frauen und Männer am Finale dieses Wettbewerbs teil.

Viele wären damit zufrieden, aber Adrian Ursache möchte mehr: Er möchte die DDR Volkskammer wiederbeleben und die Souveränität Deutschlands wiederherstellen. Der ehemalige Schönheitskönig gehört zur Reichsbürgerbewegung, einer Bewegung, die immer noch gerne belächelt wird und glaubt, das Deutsche Reich bestehe fort, während die BRD hingegen gar kein Staat sei, sondern mehr so eine Firma, eine GmbH, die von den üblichen Verdächtigen kontrolliert wird, also von Amerika und den Juden. Reichsbürger gründen gerne eigene Mini-Länder, in denen das Deutsche Reich weiterleben darf, geben manchmal sogar eigene Ausweisdokumente heraus und liefern sich Scharmützel mit den Behörden. An jenem Tag im März gelingt es Adrian Ursache tatsächlich die feindlichen Invasoren zu vertreiben. Die mächtigste Waffe des Ministaates Ur: Ein gut achtminütiger, durch Nichts zu stoppender Monolog…

Durch dieses Video wird Ursache zum Helden der Reichsbürgerszene. Doch der Triumph ist nur von kurzer Dauer, denn die feindlichen Invasoren kommen wieder. Am Mittwoch verhindert Ursache mit Dutzenden von Anhängern noch eine Zwangsvollstreckung, doch am nächsten Tag macht die BRD GmbH ernst. Es fliegen Pflastersteine, zwei SEK Beamte werden gebissen, es kommt zu einer Schießerei, Adrian Ursache liegt nun schwer verletzt im Krankenhaus.

„Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“ – Berthold Brecht

Auch Reichsbürger zitieren gerne den kommunistischen Schriftsteller, sie glauben sich gegen eine Besatzung verteidigen zu müssen und steigern sich in diese Vorstellungen hinein bis zum Wahn. Vor kurzem erst kursierte der traurig-skurrile Fall einer achtköpfigen Familie in den Medien, die vor der „BRD-Diktatur“ nach Russland geflogen war, um dort Asyl zu beantragen – erfolglos. Mittlerweile aber kommt zum Wahn auch eine ordentliche Portion Aggressivität: Im Dezember drohte ein Reichsbürger, mit Kalaschnikows und Panzerfäusten das Kanzleramt anzugreifen. Behördenmitarbeiter, Gerichtsvollzieher und Richter werden immer häufiger von Reichsbürgern bedroht.

Als Xavier Naidoo vor zwei Jahren bei den Reichsbürgern auftrat, da wurde das von vielen als irgendwie sonderbare, aber doch eher harmlose politische Extravaganz abgetan. Spätestens der Fall Adrian Ursache zeigt: Diese Bewegung ist vieles, aber bestimmt nicht harmlos.