Videos des Jahres 2014

Das Musikvideo ist tot? Schon lange nicht mehr: Die Zündfunk-Redaktion hat zusammengetragen, was 2014 die Bildschirme bewegt hat. Hier die wilde Mischung: Videos aus Bayern und der Welt.

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Chet Faker – Gold

Der Australier Chet Faker heißt bürgerlich – aufgemerkt! – Nicholas James Murphy, hat aber mehr Soul in der Stimme als sein Namensvetter vom LCD Soundsystem. Sein Video zu “Gold” taucht überall in den Video-Bestenlisten auf, wir vermuten stark: nicht wegen dem Reh, vielmehr wegen den drei steilen Rollerskaterinnen. (Was? Da war ein Reh?)

Avey Tare’s Slasher Flicks – Little Fang

Avey Tare ist Mitglied des Animal Collectives – und wer oder was muss in einem Avey Tare-Video aurftauchen? Natürlich, ein Schnurri, ein funky Kätzchen, ein Little Fang, das auf mit einem alten VW-Golf auf einen psychedelischen Trip geht. You’re something special.

FKA Twigs – Video Girl

Der Sound of 2014 kam von FKA Twigs – und wohl auch eines der kontroversesten Videos: Twigs tanzt für/um/auf einem todgeweihten Häftling. Irgendwo zwischen The Prodigy, Dead Man Walking und virtuoser Tanz-Performance. Sophisticated.

Clipping – Work Work

Ganz im Zeichen der Shabazz Palaces sind Clppng ein weiterer Hip-Hop-Act auf dem legendären Sub-Pop-Label. Zum besten Song ihres gleichnamigen Debüts gibt’s ein Video, das vor allem dem männlichen Zuseher eine Maulsperre spendiert.

Pollyester – Change Hands

Munich Disco hat 2015 wieder einen Namen: Pollyester. Da erscheint das neue Polly-Album “City Of O.”, einen Vorgeschmack gibt’s jetzt schon mit einem geschmackssicheren Video, das zusammengeclippt wurde aus dem Kurzfilm “Nachtrag zu Orwell” (BRD 1985). Darin: ein Arsch mit Ohren. Besser wird 2015 nicht.

Metronomy – Love Letters

Was macht eigentlich Michel Gondry so? Für die Jüngeren: Gondry war mit seinen Björk- und Massive-Attack-Videos unser Held Anfang der Nuller Jahre. Nach ein paar Hollywood-Flops macht Gondry endlich wieder, was er perfekt beherrscht: Science-of-sleep-artige Musik-Videos, zum Beispiel für Metronomy.

Jenny Lewis – Just One Of The Guys

Vom Prinzip her sollte man dieses Video eigentlich hassen: ein Pop- und drei Hollywoodstars machen sich zum Horst. Anne Hathaway, Kristen Stewart und Brie Larson sind aber doch so adorable in ihren Männerkostümen, dass man dieses Video gerne öfter hintereinander klicken darf. Ohhhhohhhhhh.

Efdemin – Transducer

Nur zwei Wörter: Ost-Berlin. Okay, vielleicht noch zwei hinterher: Tristesse royale.

Timber Timbre – Beat the Drum Slowly

Bunt und creepy. Der Ausdruck “das Gesicht verlieren” bekommt mit diesem Video von den Kanadiern Timber Timbre eine ganz neue Bedeutung. Ausgedacht hat es sich ein anderer Kanadier und Künstler-Freund der Band, Chan VanGaalen. Canadians unite to beat the drum slowly.

Disclosure – Grab Her

Das britische Brüder-Paar Disclosure lässt einen steigen: Gravity im britischen The Office. Und keiner würde sich wundern, wenn George Clooney noch vorbeischwebt. Obwohl? Doch.

Aloa Input – Clouds So Far

Bald freuen wir uns auf neue Songs UND neue abgespacete Videos. Die Münchner Aloa Input veröffentlichen im März 2015 ihr zweites Album, das Release-Konzert spielen sie bei uns im Münchner Funkhaus. Stay tuned for more Aloa Input.

Jamie XX – Sleep Sound

Jamie XX von The XX ist 2014 nur zwei Mal groß in Erscheinung getreten: mit den Songs “All Under One Roof Raving” und “Sleep Sound” – beides Ausnahme-Bass-Songs, zu letzerem gibt’s auch ein Ausnahme-Video mit dem Motto: Dance like no ones watching. Nächstes Jahr, Jamie, wollen wir wieder mehr als tanzen.

Schlachthofbronx – Lights Off

Munich Disco hatten wir schon, dann steht noch aus: Munich Bass. Die Münchner Schlachthofbronx macht dabei einen auf: Zombies on the Dancefloor. Wohl zu viel Walking Dead geschaut? Egal, die Bronx räumt am Ende sauber auf.

Radio Soulwax Presents – As Heard On Radio Soulwax

Den Schluss macht ein Bastard-Pop-Longplayer von den allseits geschätzten Soulwax. In einer kompletten Stunde wird alles gemixt, was mal ein Cover hatte – dazu steht auch kein Coverbild still.

 

“Das ist wie Hoyerswerda” – Die neuen Anschläge und ihre deutsche Geschichte

Hoyerswerda 1991, Bild: picture-alliance/dpa

In der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember wird in München ein deutsch-türkisches Ehepaar rassistisch beledigt und verprügelt und im Raum Nürnberg brennen drei zukünftige Asylbewerber-Unterkünfte. Deutschland hat in Zeiten von PEGIDA und HoGeSa ein unbeschreibliches Problem mit Rechten. Mal wieder.

von Sammy Khamis

“Wir haben am Dienstag darüber gesprochen, und zwei Tage später ist es in Bayern passiert: Die Anschläge von Mölln und Solingen und die Pogrome von Rostock Lichtenhagen und Hoyerswerda wiederholen sich gerade”, sagt Kutlu Yurtseven am Telefon. Damals standen Hunderte vor Flüchtlingsunterkünften und brüllten rassistische Slogans – es waren Nazis und Rechtsradikale, aber auch damals schon besorgte Bürger.

München, Nürnberg, Hannover heute – damals Mölln, Hoyerswerda, Lichtenhagen

Am Dienstag habe ich mit Kutlu Yurtseven, Rapper der legendären Microphone Mafia und Streetworker, im Zündfunk telefoniert. Es ging eigentlich um PEGIDA, die “Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes.” Als ich Kutlu Freitagmittag erneut anrufe, weiß er sofort, um was es geht: die Übergriffe in Bayern und in Hannover. In Nürnberg brannten noch unbewohnte Unterkünfte für Asylsuchende. Die Message aber ist klar: Wenn die Unterkünfte bezogen werden, brennen sie wieder.

Am Telefon klingt Kutlu ruhig. Er ist nicht überrascht von dem, was in München und Nürnberg passiert ist. Klar, es ist auch die Zeit von PEGIDA. Jeden Montag demonstrieren sie in zahlreichen deutschen Städten gegen die Islamisierung Europas. Auch wenn sie mittlerweile in einem Positionspapier betonen, dass sie nicht gegen Muslime an sich seien: Bei den Aufmärschen sind von besorgten Bürgern über Islamfeinde bis hin zu rechten Hooligans und Rechtsradikalen alle Gruppen des rechts-konservativen bis rechtsextremen Spektrums versammelt.

Und auch Äußerungen des Thüringer Innenministers (verstärkt gegen straffällige Asylbewerber vorzugehen) oder die CSU-Forderung (mittlerweile “Empfehlung”), zu Hause Deutsch zu sprechen, bedienen ausländerfeindliche Klischees. Deutschland rechts außen.

“Und heute frage ich mich, wie nach 22, 23 Jahren die Menschen immer noch nichts gelernt haben.” Diese Menschen sind für Kutlu Politiker, die Verständnis für PEGIDA haben und dadurch den Rechtsruck in Deutschland beschleunigen. Als 1993 die Asylbewerberheime brannten, herrschte eine Stimmung, an die sich der Soziologe Vassilis Tsianos auch als potentiell Betroffener erinnert:

“Ich stand unter Schock. Ich hatte ein offenes Ticket nach Athen und ich hatte auch immer einen gepackten Koffer neben meiner Wohnungstür.” Vassilis Tsianos sei aus dieser Zeit gestärkt herausgekommen. Damals habe er erfahren, was die Zivilgesellschaft an Solidarität leisten kann. Und auch die “Schwarzköpfe” [so nennt Vassilis Menschen mit Migrationshintergrund] haben sich in der Zeit empowered: Mit Kanak Attack ist die Idee eines neuen, migrantischen Deutschlands intellektuell und spielerisch in Angriff genommen worden in Musik, Wissenschaft und Politik. Und auch Rassismus war wieder Thema in Deutschland, vor allem Dank Vassilis Tsianos und den Leuten von Kanak Attack. Bis dahin war Rassismus gleichbedeutend mit Nationalsozialismus. Als ich ihn im Januar 2014 treffe, meint er rückblickend:

“Das Verhältnis von Deutsch, Weiß und Mittelschicht ist heute anders. Migranten findet man heute in jedem Bereich der Gesellschaft. Vom Kriminellen bis zum Bundestag. Das macht vielen sogenannten Biodeutschen Angst. Aber ich muss sagen: Die deutsche Gesellschaft hat aus der Zeit der Pogrome in den 90ern viel gelernt.”

Eigentlich.

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit – fast wie 1993

Wie Kutlu Yurtseven weiß auch Vassilis: Rassismus ist Alltag in Deutschland. Beide haben es erfahren, und beide waren sich sicher, dass offene Fremdenfeindlichkeit in in Deutschland nicht mehr Fuß fassen wird. In den letzten zehn Jahren gab es unzählige rassistische Übergriffe. Aber dann kam Pegida, mit ihrer Fremdenfeindlichkeit im bürgerlichen Gewand; dann kam der Münchner Viktualienmarkt, wo ein Ehepaar sich “Deutsche Hure, machst rum mit einem Türken!” anhören musste, bevor das Paar verdroschen wurde; dann kam Vorra, wo zukünftige Asylunterkünfte angezündet wurden.

Heute heißt Fremdenfeindlichkeit gerne “Angst vor Islamisierung” oder “Deutschland kann nicht das Sozialamt der Welt sein”. Diese Begriffe wabern zwischen der extremen Rechten und dem bürgerlichen Spektrum hin und her. Und sie radikalisieren ganz offensichtlich.

“Zwischen dem Nationalsozialistischen Untergrund und den Pogromen und Brandanschlägen Anfang der 90er liegen 10 bis 15 Jahre”, sagt Kutlu Yurtseven. “In der Zeit konnte sich der NSU entwickeln. Damals waren es vor allem Rechtsradikale, die Anschläge verübten. Heute kommen die Stimmung und die Gedanken in der Mitte an. Wir müssen uns also warm anziehen.”

Kutlu Yurtseven ist sensibilisiert. 2004 hat er auch schon in Köln gewohnt, in der Keup-Straße. Dem Ort, an dem der NSU seine Nagelbombe zündete. Kutlu hat sich, genau wie Vassilis Tsianos, immer wieder überlegt, Deutschland zu verlassen. Die unsäglichen Fragen, woher man kommt, wieso man so gut Deutsch spricht – sie können einem schnell zu viel werden. Aber Kutlu bleibt in Deutschland und versucht aufzuklären – mit Rap, mit Schulunterricht.

Heute rappt Kutlu immer noch: gegen Ausländerhass, gegen Diskriminierung jeder Art. Eigentlich dachte Kutlu, dass Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung spätestens Anfang der 2000er Jahre Vergangenheit sein würden und seine zwei Kinder in einem anderen Deutschland aufwachsen könnten. Dass in Deutschland, drei Jahre nach Bekanntwerden des NSU, Asylbewerberunterkünfte brennen und Menschen zusammengeschlagen werden, weil sie einen Türken geheiratet haben, das hätte er niemals gedacht: “Und wenn du dann denkst, die Leute haben es endlich gecheckt: Sie müssen genauer hingucken. Dann kommen die ganzen Demos, bei denen gesagt wird: Wir sind gar keine Nazis. Aber wenn, wie bei HoGeSa, die Demo mit Deutschland den Deutschen, Ausländer raus beginnt, dann sind die Rechten mit dabei.”

Für Relativierungen haben gerade die Zeugen von Hoyerswerda oder Rostock kein Verständnis. Erst recht nicht, wenn Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier beim CDU Parteitag in Köln abwiegelt: “Weder für noch gegen diese Demonstrationen [der PEGIDA] aufzurufen halte ich für besonders hilfreich.”

Deutschlands Problem mit Rechts, das Verschweigen rassistisch motivierter Gewalttaten seit 1990, das Beharren auf Einzeltäter-Theorien, das alte Spiel aus dem Opfer einen Täter zu machen (beim NSU, oder à la Hätten sie sich mal besser integriert) verdeutlicht, wo in Deutschland rechtes Denken anfängt: in einer sehr fragilen Mitte. Und es verdeutlicht auch, wo es aufhört: in einem gut vernetzten rechtsradikalen Netzwerk.

Nachtrag: Nachdem der Artikel am Freitag 12. Dezember online ging, hat der Autor noch den Penzberger Imam Benjamin Idriz zu seiner Sicht auf die aktuellen Übergriffe befragt.

 

So baust Du einen Shitstorm

Wie startet man einen richtig schönen Shitstorm, eine fette Welle der Empörung? Man nehme: Eine Verschwörungstheorie, Pseudo-Beweise und einen guten Hashtag. Hier eine Shitstorm-Bastelanleitung von Sebastian Strube am Beispiel von #gamergate.

Der Anlass

Nicht zu kompliziert denken! Gut, wenn sich etwas findet, was im Netz immer gut geht. Wie wäre es zum Beispiel mit Sex. Als der Ex-Freund der Indie-Spiele-Entwicklerin Zoe Quinn seine Enttäuschung über das Ende der Beziehung in einem langen Blog-Eintrag mit ziemlich deutlichen Worten zum Ausdruck brachte, war das ein perfekter Aufhänger. In seinem Blog warf der Ex-Freund Zoe Quinn vor, sie hätte mit einem Spielejournalisten geschlafen. Im Gegenzug habe er ihr Spiel gut bewertet. Tatsächlich ist diese Behauptung völlig an den Haaren herbeigezogen. Macht aber nichts, passt gerade gut und ist schön juicy. Eine gute Geschichte, die sich in sozialen Medien perfekt teilt.

Die Verschwörung

Als nächstes muss man beweisen, dass der Einzelfall, von dem die Geschichte ausgeht, in Wirklichkeit gar kein Einzelfall ist. In Wirklichkeit geht es um ein riesiges Problem. Das ist uns bisher zwar allen verborgen geblieben, betrifft uns aber trotzdem alle. Es ist eine Verschwörung – und man muss sie den Menschen erklären. In diesem Fall ist der vermeintliche Fehltritt von Quinn der Anlass dafür, endlich einmal öffentlich zu machen, dass der gesamte Spielejournalismus korrupt ist. Die „unbequeme Wahrheit“ lautet: Alle Spieljournalisten haben sich dazu verschworen, für Geld und Sex alles zu machen, was von ihnen verlangt wird. Dass die ursprüngliche Geschichte schon Bullshit war, das interessiert mittlerweile schon niemanden mehr. Jetzt geht es um mehr – die Quinnspiracy.

Jetzt muss die Verschwörung noch untermauert werden. Natürlich stecken geheime Netzwerke hinter dem Komplott. Damit das jeder merkt, zeichnen wir Diagramme mit vielen Pfeilen, die die Verbindungen zwischen den vermeintlichen Verschwörern zeigen:

Diagramm Verschwörer

Eigentlich ist es ganz normal, dass Leute alle untereinander kennen, die in einer noch relativ kleinen Branche wie Indie-Games arbeiten. Das beweist keine Verschwörung. Aber Wurscht. Gutes „Beweismaterial“ sind natürlich auch geheime Mailinglisten, in denen fiese Pläne ausgeheckt werden.

Breitbart.com, die Seite, auf der die Mailingsliste öffentlich gemacht wurde, ist eine extrem rechte Seite, die ihren ganz eigenen Kulturkrieg gegen Barack Obama, Frauen, die Umweltbewegung und Barbara Streisand führt. Wurscht. Dass es auch in anderen Branchen total normal ist, dass sich Kollegen auch über Firmengrenzen über ihre Arbeit austauschen – wurscht. Wichtig ist nur: Es gibt jetzt einen Haufen „Beweise“, mit der man die Öffentlichkeit bombardieren kann.

Besorg Dir einen guten Hashtag

Twitter ist super für Verschwörungstheorien. Eine richtig gute Verschwörungstheorie erkennt man daran, dass sie sich mit 140 Zeichen verbreiten lässt, in 140 Zeichen aber kaum zu widerlegen ist. Jetzt noch ein guter Hashtag, am besten einer, der auf die eine Verschwörung verweist, die alle kennen und von der sich alle einig sind, dass sie echt war: Watergate. Also her mit #gamergate. Jetzt geht es richtig los. Unter dem Hashtag sammeln sich jetzt alle, die

  • Spielejournalisten scheiße finden + ihre Exfreundin scheiße finden + Emanzipation scheiße finden + social justice warrios scheiße finden + alle Trolle aus dem gesamten Internet + alle, die auch mal diesen super erfolgreichen Hashtag benutzen wollen

So, jetzt ist das Ding riesig, ein richtig schöner Tsunami der Empörung, der durchs Netz rollt. Das Problem: Mittlerweile weiß eigentlich keiner mehr, worum es geht, außerdem haben sich die bösen Mainstreammedien auf das Thema gesetzt und suchen sich die abartigsten tweets und posts als Belege für ihre Berichterstattung heraus. Das ist einerseits gut, weil es noch mehr Aufmerksamkeit bringt. Aber natürlich auch problematisch, weil es den Shitstorm verdammt schlecht aussehen lässt. Jetzt gilt es, eine zweischneidige Strategie zu fahren.

Angekommen in den „Mainstreammedien“

Auf der einen Seite will man seine Anhänger ja nicht verlieren, also baut man seine Verschwörungstheorie aus. Heißt: Nicht nur Spielejournalisten sind korrupt und verlogen. Nein, alle Journalisten sind korrupte Schweine!

Auf der anderen Seite sind die echt durchgeknallten Trolle tatsächlich ein Problem. Todesdrohungen und Vergewaltigungsfantasien lassen sich nicht so leicht wegdiskutieren. Also versucht man die schlimmsten Auswüchse ein wenig einzudämmen. Dabei helfen klare Sprachhinweise und PR-Tipps, mit denen man die Community ein wenig diszipliniert.

Dem Gamergater, dem das noch zu abstrakt ist, kann auch mit konkreten Antworten auf kritische Nachfragen geholfen werden.

Open End

Das ist der Stand, an dem wir uns gerade befinden. Wie es jetzt weitergeht, ist noch nicht ganz klar. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder allen, die

  • Spielejournalisten scheiße finden + ihre Exfreundin scheiße finden + Emanzipation scheiße finden + social justice warrios scheiße finden + alle Trolle aus dem gesamten Internet + alle, die auch mal diesen super erfolgreichen Hashtag benutzen wollen,

wird das Ganze langsam zu anstrengend und irgendwie zu kompliziert und langweilig.  Dann ist der Spuk, wie so viele Empörungswellen im Internet, irgendwann einfach sang- und klanglos vorbei.
Oder: Es entsteht eine echte soziale Bewegung aus #gamergate. Das wäre dann aber auch das allererste Mal.

 

Cops außer Kontrolle: Amerika protestiert gegen Polizeigewalt

Innerhalb von neun Tagen haben zwei Grand Jurys entschieden, weiße Polizisten nicht anzuklagen, obwohl sie für den Tod von schwarzen Männern verantwortlich sind. Selbst ein Videobeweis hat das nicht geändert. Die Fälle Michael Brown und Eric Garner führen zu Protesten, auf den Straßen und im Internet. Ein Text von Matthias Kolb.

Protestors demonstrate during a Day of Rage to mark the police sh

In Ferguson sind Wut und Enttäuschung immer noch präsent. Vor dem 9. August kannte kaum jemand die Kleinstadt am Rande von St. Louis. Dann erschoss der weiße Polizist Darren Wilson den unbewaffneten Teenager Michael Brown am helllichten Tag – dieser hatte Zigarillos gestohlen und lief mitten auf der Straße. Seitdem protestieren im ganzen Land Schwarze und Weiße Amerikaner gegen Polizeigewalt.

Sie sind vor allem entsetzt darüber, dass Michael Browns Leiche viereinhalb Stunden auf der Straße lag und die Polizei seine Mutter daran hinderte, zu ihrem Sohn zu laufen. Seit Wochen finden in vielen US-Städten sogenannte „Die-Ins“ statt: Die Demonstranten legen sich viereinhalb Minuten auf den Boden, strecken Arme und Beine von sich und fordern so „Gerechtigkeit für Mike Brown“.

Als Ende November eine Jury in Missouri entscheidet, den weißen Todesschützen Darren Wilson nicht anzuklagen, kommt es zu Protesten – in Ferguson werden etwa 60 Geschäfte demoliert. Dies ist eine Ausnahme: Sonst sind die Aktionen friedlich. Das Gefühl, von der Polizei schikaniert und wie Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden, ist in Ferguson überall spürbar. Bei einer Bürgerversammlung berichten Mütter von ihren Ängsten davor, dass ihre Söhne Opfer von Polizeigewalt werden.

Die gestrige Entscheidung einer Geschworenen-Jury in New York sorgt für ebenso viel Empörung: Der weiße Polizist, der den sechsfachen Familienvater Eric Garner minutenlang in den Würgegriff nahm, woraufhin dieser starb, wird ebenfalls nicht angeklagt. Garner war Asthmatiker und ihm wurde vorgeworfen, illegal einzelne Zigaretten verkauft zu haben. Anders als im Fall Michael Brown existiert ein Video von dieser Szene:

Das Video ist schrecklich, mehrmals ist Garners Stimme zu hören, die „I can’t breathe“ ruft. Die Aufnahme zeigt klar, dass Garner die Cops nicht angreift – dennoch kommt es nicht zur Anzeige gegen den Beamten Daniel P. Aktivisten wie DeRay McKesson trommeln via Twitter für neue Aktionen – und ihre zehntausenden Follower strömen auf die Straßen.

Wegen der Proteste wird unter anderem der Grand Central Bahnhof in New York geschlossen.

Prominente Afroamerikaner wie der Komiker Chris Rock, der gerade ein kluges Interview über Rassismus gegeben hat, sind entsetzt

An der Seite von Eric Garners Witwe beklagt der Bürgerrechtler Al Sharpton den Rassismus in der US-Gesellschaft und fordert, dass sich auch Polizisten für ihr Handeln verantworten müssen.

Die Boulevardzeitung New York Daily News, die sonst noch mehr drauf haut als die Bild-Zeitung, bringt es in ihrem Titelbild auf den Punkt:

Zu Beginn seiner werktäglichen „Daily Show“ ringt der Satiriker Jon Stewart sichtlich um Fassung. Wie kann es sein, dass trotz des Videos keine Anklage erhoben wird? „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich habe das noch nicht verdaut.“

Auch wenn mit Barack Obama nun ein Afroamerikaner im Weißen Haus sitzt – Jon Stewart zweifelt in seinem Monolog daran, dass die amerikanische Gesellschaft den Rassismus überwunden habe. „Wenn ich das sehe, dann können sich viele Leute fragen, in was für einer Gesellschaft wir leben.“

Viele der jungen Aktivisten in Ferguson und im Rest des Landes wollen weiter protestieren bis sich wirklich etwas ändert. Sie sehen sich als Teil einer neuen Bürgerrechtsbewegung.

Doch die Debatte rund um Ferguson, Eric Garner und das Vorgehen der Polizei offenbart auch die Polarisierung der US-Gesellschaft. Umfragen zufolge sind 48 Prozent der Amerikaner mit der Jury-Entscheidung über Ferguson zufrieden, 45 Prozent halten sie für falsch. Die überwältigende Mehrheit der Schwarzen wünscht sich eine Ermittlung des Justizministeriums – unter weißen Republikanern sind nur 19 Prozent für einen solchen Schritt.

Und gerade die konservativen Medien, von Blogs bis hin zum Kabelsender Fox News, tun wenig dafür, um die Diskussion zu versachlichen.