Aphex Twin: Track By Track

Aphex Twin: Syro

Track By Track des neuen Albums “Syro” von Aphex Twin

TRACK 1
Ralf Summer: Erstaunlich zugänglich der Einsteiger “Minpops 67″. Wie Aphex Twin in seinen besten Zeiten: verbogene Musik von Gummibändern gespielt.

Michael Bartle: Ralf deutet es an: Zugänglich ist ein Parameter, mit dem man Aphex Twin immer wieder misst. Aber soll er das überhaupt sein? Frage: Was, wenn da nicht Aphex drauf stünde? Würde ich dieses Stück entdecken unter den Millionen anderen, die es durch Spotify und Soundcloud weht? Klares Ja! Hat genau den Grad an Schneeverwehung, den ein Aphex-Track braucht. Am Ende dann: sehr schöne Stimm-Seltsam-Samples.

TRACK 2
Ralf Summer: Und sein “Windowlicker-Funk” geht weiter (das war das verrückte Video von Chris Cunningham mit der Limousine und den Bikini-Fratzen) – dazu die typischen Aphex Twin-”Melodies from Mars”, melancholisch bis ins letzte Bit.

Michael Bartle: Der Schwebezustandsmann. Der Nicht-auf-den-Punkt-kommen-Woller. Der Wegflutscher-Funk. Bin langsam drin in der Aphex Twin Badewanne der Schwerelosigkeit. Sind wir immer noch in Track 2?

TRACK 3
Ralf Summer: Das Erfolgsrezept von Richard D. James aka Aphex Twin ist ja: Seine Musik klingt wie aus der Mitte zwischen Weltall und Erde: die Beats von uns, die Harmonien von ganz weit draußen, vom Thannhäuser-Gate, wie es in Blade Runner hieß. Falls es jemals ein Remake des Sci-Fi-Klassikers geben sollte, müsste Aphex Twin den Soundtrack beisteuern.

Michael Bartle: So, jetzt müssen auch Blade Runner kurz Luft holen. Leichtes Flanieren durch fast verlassene Gegenden. Moroder und Kraftwerk sind hier auch schon vorbei gekommen.

TRACK 4
Michael Bartle: Aphex Twin in der Filter-Blubber. Bin mal kurz weg. Zum ersten Mal Anflug von Langeweile.
Auftritt Lieblings-Kollege 1: “Probier mal, darauf zu tanzen!”
Auftritt Lieblingskollege 2: “Du weißt doch, wie es läuft: Der hat einfach seine alte Festplatte durchwühlt! Die haben auch so komische Titel, die Tracks, ist einfach alter Crap. Und jetzt das Josh-Wink-Lachen drüber, hahahahhahaha!”

Ralf Summer: Vierviertel-Aphex-Acid for the MDMA-Fresse

TRACK 5
Ralf Summer: Nochmal gerader Beat mit Gamesound-Fiepsen, Acid-Pupsen und Unterkiefer-Malmen.

Michael Bartle: Unterkiefer-Malmö! Bin wieder dabei im Stolper-Galopp. Alles sitzt perfekt, jeder einzelne Sound.

TRACK 6: Interlude

TRACK 7
Michael Bartle: Beschwipste Bienen schwirren. Dann ein Beat, der ziemlich viel gepumpt hat, Tempoverschärfung. Kurzes Squarepusher Jazz-Rock Intermezzo. Dann geht’s wieder weiter. Schwindelanfälle auf der Wilden Maus.

Ralf Summer: Darknet-Techno mit Engelszungen. Klingt nach japanische Spieleentwickler-Soundtrack. Helterskelter-Breakbeats-Gebolze.

TRACK 8
Ralf Summer: Nervöser, kalifornischer Flying Lotus/Thundercat-Jazz-Funk für ADHS-Zentren. Behandlung zahlt Krankenkasse.

Michael Bartle: So soll es sein.

TRACK 9
Michael Bartle: Sind wir jetzt weiter als 2001? Als sein letztes Album “Druqs” erschienen ist? Haben wir ihn eingeholt? Oder ist er nun im Jahr 2027? Dieser neunte Track hilft uns nicht weiter.
Ralf Summer: Happy Hardcore Continuum 2.0

TRACK 10
Ralf Summer: Es zappelt weiter. Somit hat die unruhige Seite auf dem Album überhand. Laut erstem Interview ist “Syro” ja das erste von vielen neuen Aphex Twin-Alben, die da kommen – und das „zugänglichste“. Der Titel “Syro” ist ein erfundenes Wort seiner Kinder.

Michael Bartle: Hab nach 58 Minuten und 31 Sekunden grad einen kurzen Overkill und zappel auf der Pausentaste.

TRACK 11
Ralf Summer: Ob es der 11. Track ist, ist nicht ganz sicher – manche Stücke könnten auch drei in einem gewesen sein. Das Schlusslied ist jedenfalls klar zu erkennen: ein Klavier. Langsam gespielt. Keine Beats. Eher Atmo. Kündigt sich damit ein Selected Ambient Works 3 Album an?

FAZIT
Michael Bartle: Gutes Album. Es ist definitv state of the art – aber nicht mehr out of time und ahead of the future.

Ralf Summer: Bis zum Ende des ersten Drittels dachte ich: drittbestes Album, nach den beiden Selected Ambient Works. Am Ende ist es ziemlich uneinheitlich. Er zeigt uns all seine Gesichter. Besser wäre gewesen, zu streuen: ein Ambient-, ein Electro- und ein Noise-Album nacheinander. Aphex war zwar lange weg, klingt aber nicht, als ob er etwas verlernt hätte. Good 2 have U back, Richard!

 

#failoftheweek

 

Im Hungerstreik für Cannabis

 

Retten Meme die Welt?

Ice Bucket Challenge Massenveranstaltung in Thailand / Bild: picture-alliance/dpa

Ice Bucket Challenge Massenveranstaltung in Thailand / Bild: picture-alliance/dpa

In den letzten Wochen platzen unsere Facebook-Timelines förmlich vor Videos, in denen sich Prominente einen Eimer Eiswasser über den Kopf gegossen haben. Die Ice-Bucket-Challenge ist für das Jahr 2014 das, was die hässlichen Livestrong-Armbänder für das Jahr 2004 waren. Seit letzter Woche machen auch deutsche Prominente mit. Und wie das eben so ist: Sobald ein Trend in Deutschland ankommt, ist er fast schon wieder uncool. Wir fragen uns: Retten Meme die Welt?
Von Christian Alt

Rezept für ein erfolgreiches Internet-Mem: 1. Die Resteverwertung

Wenn wir eins aus der Biologie gelernt haben, dann: Mutation ist der Schlüssel der Evolution. Man nimmt also Teile eines alten Memes, klopft ein bisschen den Staub ab und schon hat man die Teile für ein neues Mem. Die Macher der „ALS Ice Bucket Challenge“ haben sich von den Facebook- und Youtube-Challenges ‚inspirieren‘ lassen, die im Frühjahr durch die sozialen Netzwerke gegangen sind: Bier-Nominierung und Fire Challenge. Die Kandidaten durften damals vor laufender Kamera einen Liter Bier auf Ex trinken – oder ihren entblößten Oberkörper anzünden. Die Ice Bucket Challenge ist wesentlich harmloser. So harmlos, dass inzwischen auch eher solide deutsche „Celebrities“ die Challenge annehmen.
Helene Fischer, die Boys und die Eiswürfel:

Und Mehmet Scholl is a dabei:

Rezept für ein erfolgreiches Internet-Mem: 2. Die Teilbarkeit

Jedes Mem braucht noch Backpulver, damit es durch die Decke geht. Je schneller man in der Vorschau sieht, worum es geht, desto mehr Leute klicken auf „Teilen“. Und was gibt es besseres als Bilder halbnackter Prominenter in der Timeline? Wir schauen Reality TV und Dschungel Camp – und sind süchtig nach Videos unserer Lieblingsstars aus ihrem „echten“ Leben. Die Ice Bucket Challenge passt zum Zeitgeist wie Arsch auf Eimer. Das Spannende ist, dass die Ice Bucket-Videos gleich aus zwei Gründen geteilt werden: Denn eigentlich zeichnen sich Meme dadurch aus, dass jeder sein eigenes Mem beisteuern kann. Die Ice Bucket Challenge ist ein Sonderfall: Man muss von anderen „gechallenged“ werden, um sich endlich, endlich selbst einen Eimer Eiswasser über den Kopf schütten zu dürfen. Die Stars nominieren sich also gegenseitig und wir als Zuschauer können nur liken und teilen. Je weiter unten man in der Promi-Nahrungskette steht, desto später wird man gechallenged. Es tut mir sehr leid, Herr Diekmann.

Rezept für ein erfolgreiches Internet-Mem: 3. Die Dekoration

Es wäre doch jammerschade, wenn jeder Kuchen gleich aussähe. Deshalb ist Dekoration ein Muss. US-Comedian Conan O’Brien versucht es selbstironisch:

Dave Grohl von den Foo Fighters macht aus der Wasserschlacht einen recht aufwendigen Kurzfilm:

Das Mem mutiert

Hauptsache, es ist nicht langweilig. Mit jedem witzigen Video steigt der Druck für die restlichen Promis. Schließlich ist man doch Entertainment-Profi und muss dem Publikum, das gierig auf die nächste Challenge wartet, was bieten. Und genau an dieser Stelle mutiert das Mem: Während die ersten Videos noch darauf hingewiesen haben, dass es hier nicht um Selbstdarstellung geht, sondern darum, etwas gegen ALS zu tun, verzichten die neusten Videos auf den eigentlichen Anlass für die Wasserspiele. Zwar verwenden Stars wie Justin Bieber oder Britney Spears noch das Wort „ALS Ice Bucket Challenge“, aber bei ihnen könnte ALS auch bedeuten: „Americas Loveliest Sweetheart“.

Inzwischen hat auch Wolverine Hugh Jackman die Challenge angenommen. Und er schleppt gleich noch den Cast seines neuen Films mit: Etwa einhundert Schauspieler und Crewmitglieder schütten sich daraufhin einen Wassereimer über den Kopf, während im Hintergrund ein Feuerwerk angezündet wird. ALS wird nicht einmal erwähnt. Auf dieser Mutationsstufe des Mems geht die Botschaft verloren und es wird zum bloßen Trend. Wie Twerking, Planking oder Owling.

Aber auch das Gegenteil von Jackmans Umgang mit der Challenge hat einen üblen Beigeschmack – so schüttet sich Charlie Sheen keinen Eimer mit Eiswasser über den Kopf, sondern 10.000 Dollar in bar, die will er der ALS Stiftung spenden. Und er fordert andere Stars auf, es ihm gleichzutun. Eine eigentlich noble Geste, aber schrecklich ranschmeißerisch.

Der Preis für ein erfolgreiches Charity-Mem

Was die Ice Bucket Challenge deutlich gezeigt hat: Meme können tatsächlich die Welt etwas besser machen. Vor wenigen Wochen war ALS kaum Thema, die ALS Foundation hat in wenigen Tagen so viel eingenommen wie im gesamten vergangenen Jahr. Und wenn Prominente das Mem dafür nutzen sich selbst oder ihr Produkt zu vermarkten, ist genau das der Preis, den man für ein erfolgreiches Charity-Mem bezahlen muss. Vor zehn Jahren haben wir hässliche Livestrong-Armbänder getragen, um damit irgendwie was gegen Krebs zu tun. Wie das genau funktioniert hat war im Grunde egal. Auch damals war das Fashion Statement wichtiger als die Sache, die dahintersteht. Und das ist nicht schlimm: Wenn man nur das Dazugehörigkeitsgefühl des Menschen richtig triggern kann, lässt sich damit wesentlich mehr erreichen als mit rational argumentierten Spendenaufrufen.

Schön ist es, wenn die Videos den Zuschauer nicht nur unterhalten, sondern selbst zum Handeln auffordern, so wie Benedict Cumberbatch es macht. Denn man kann als Einzelner mehr beitragen als nur einen Like: