Wut als Lifestyle – Wieso wir Wut reclaimen müssen

Früher war Rage eine Voraussetzung für die Punk und Hip-Hop Szene. Jetzt haben besorgte Bürger verschiedenster Arten die Wut für sich entdeckt und – und scheinbar gepachtet. Maria Fedorova will der Wut eine Image-Verbesserung verpassen.

Prophets of Rage The Debut Album Out Now Link In Bio

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Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich die Band Rage Against The Machine entdeckt habe, auf der CD mit dem Matrix-Soundtrack, zusammen mit anderen 90er Hardcore Bands. Diese wütende Musik war ein perfektes Ventil für meinen Teenager Zorn – und eine starke politische Botschaft zugleich. Wütend auf die Politik sind Rage Against The Machin“ immer noch. Zusammen mit B-Real von Cypress Hill und Chuck D von Public Enemy erklären sie sich sogar zu den „Prophets of Rage“ und haben eine Anti-Trump Protest-Platte veröffentlicht.

Meine Vorfreude war groß, das Ergebnis ist aber ziemlich ernüchternd. Prophets of Rage ist eins der schlechtesten Alben, das ich in der letzten Zeit gehört habe. All ihre Wut hat die Band auf die plumpen, banalen „Whut the fuck“-Botschaften reduziert. Leider. Aber genau damit treffen sie den Nerv der Zeit.

Die blanke Wut liegt jetzt im Trend

Man ist wütend auf die Eliten, auf die Presse, auf Frauen oder Ausländer. Populisten reiten diese Welle, die Wutbürger verschiedenster Arten nach oben gespült hat. Der Wutbürger, das war mal ein Stuttgart 21-Gegner. Jetzt geht er auf die Pediga-Demos, pöbelt und macht in Ostdeutschland die Wahlkampfauftritte der etablierten Parteien zum Spießrutenlauf. Deutsche Wutbürger finden auch im Ausland Brüder im Geiste: PC-Gegner und Hate-Speakers, Brexit-Befürworter, Trumpisten, Nationalisten, christliche Fundamentalisten. Die Liste dieser –Isten ist lang und hier zeigt die Wut ihre hässliche Seite.

Spätestens an dieser Stelle sollte einem klar werden, dass man gelassen, ja besonnen bleiben muss. Laut sein hilft nicht immer, es gibt zu viel Aggression auf dieser Welt und… ach Quatsch, ich bin doch auch wütend. Ziemlich oft sogar.

Aufregung ist ja auch eine Regung

Zum Beispiel jedes Mal wenn ich menschenverachtende Parolen auf Wahlplakaten lese. Oder mir – schon wieder – die neue Rede von Donald Trump auf YouTube reinziehe. Brauche ich also dringende eine Wut-Management-Therapie? Von wegen. Ärger und Zorn sind produktiv für die emanzipatorische Haltung, mal pädagogisch ausgedrückt. Wut hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun, die schon immer eine Triebkraft für die Pop-Kultur war. 70er Punks haben Gitarren zertrümmert und gegen Konservatismus rebelliert. Wut treibt Aktivisten auf die Straße, um die Wall Street zu okkupieren, genauso wie Feministinnen, die für die Frauenrechte kämpfen.

Heute thematisiert die Black Lives Matter Bewegung immer wieder Black Rage, als Reaktion auf die polizeiliche Gewalt. Bernie Sanders spricht über die Wut der amerikanischen Bürger und fordert Wirtschaftsreformen. Und Jeremy Corbyn unterstürzt  die regierungskritische Demo „Day of Rage“, die nach dem Brand im Grenfell Tower organisiert wurde. Damit zeigen auch links-liberale Politiker: Es kommt nicht auf die Wut an – sondern auf die Art, wie man sie ausdrückt.

In diesem Sinne ist es vielleicht doch eine gute Idee das neue Album von Prophets of Rage zu hören. Denn sie zeigen, dass political rage im Jahr 2017 neue Ausdrucksformen braucht, die von dem Wutbürgertum noch nicht entdeckt wurden. Die flachen Anti-Establishment Parolen und das martialische Image sind dagegen ein direkter Weg in die Worst-of Hitparade.

 

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