Wie das illegale Kopieren in der Mode zum Hype wurde

Die Logos von Fast Food Ketten oder Paketdiensten haben sich zuletzt zu High Fashion Symbolen gemausert. Ist das einfach nur ein Fall von „so albern, dass es schon wieder gut ist“? Maria Fedorova glaubt, dass mehr dahinter steckt.

Screenshot Balenciaga/Instagram

Bernie Sanders ist ein Politiker mit vielen großartigen Eigenschaften, besonders modeaffin war er aber nie. Umso größer ist seine Verwirrung, als er zur Muse des französischen Modelabels Balenciaga wird. Für die aktuelle Herbst-Kollektion hat sich die Firma sein Wahlkampflogo genommen und einfach den eigenen Namen darunter gepackt. Auf blauem Grund über zwei roten Wellen steht in weißer Schrift statt Bernie Balenciaga. Die Klamotten gehen weg wie warme Semmeln und Bernie Sanders lacht sich kaputt.

Bootleg, also das illegale Kopieren oder Faken von Copyright Produkten, gibt es in der Mode schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Doch in den letzten Jahren ist das Bootleg zu einem coolen Trend mit vielen Ausprägungen avanciert. Designer eignen sich typische Unternehmensfarben und Logos an und verpassen ihnen ein frisches High-Fashion-Makeover. Oft trifft es Firmen, die erstens nichts davon wissen und zweitens rein gar nichts mit Mode zu tun haben. Das Label Moschino hat vor ein paar Jahren eine Kollektion rausgebracht, die wie eine schicke Version der McDonald’s Uniform aussah. Die Skater-Marke Palace klaut das PayPal Logo und macht daraus die Pally Pal-Pullis. Und ja, natürlich das DHL T-Shirt muss man erwähnen, die Kreation von einem Künstlerkollektiv Vetement.

Das grellgelbe Stück Baumvolle mit dem Paketdienst-Logo ist eins der begehrtesten und meist gegoogelten Modeprodukte der vergangenen Jahre. Das 295,-€-Shirt verkauft sich so gut, dass das Label 2018 auch Jacken und Caps  auf den Markt bringt. Der totale DHL Look, bitte her damit!

Screenshot Vetements/Instagram

Screenshot Vetements/Instagram

Gut geklaut ist also schon halb ausverkauft. Copyrights werden in die Tonne getreten, zusammen mit der Eleganz. Hoch im Kurs steht die Arbeiterklasse-Ästhetik. Kleidung, die wie eine Postboten-Uniform aussieht, scheint die nächste Stufe von Normcore zu sein.

Alltägliche Dinge im neuen Kontext – siehe Warhol

Der Bootleg-Trend ist aber auch ein Verstoß gegen die Regeln der Industrie und kann mehr als nur albern und hip sein. Weil es so unpassend, so unperfekt ist. Es macht Spaß zu sehen, wie die alltäglichen Dinge in einen neuen Kontext gesetzt werden. Die jungen Kreativen machen mit Mode eigentlich das gleiche, was Andy Warhol zu seiner Zeit mit Kunst gemacht hat. Ok, der Vergleich ist schon krass, aber sehr naheliegend: Das McDonald’s Zeichen ist nun mal die Campbell Suppendose 4.0. Vielleicht nicht so revolutionär wie Warhol, aber man kann trotzdem unendlich viel reininterpretieren.

dpa/Rolf Vennenbernd

dpa/Rolf Vennenbernd

Zum Beispiel wenn man sich die Frage stellt, wieso etwas, was noch gestern unästhetisch und öde erschien, heute so nonchalant und stilbewusst getragen werden kann. Vielleicht ist es subtiles Empowerment – also: zu sehen wie die Symbole des Kapitalismus modisch umgewandelt oder gar verspottet werden. Wenn man der Konzernwerbung nicht entkommen kann, macht man sie sich zu Eigen und druckt sie dann aufs T-Shirt.

Oder ist es eben das grausige Gegenteil? Ist es cool und hip geworden, sich mit den Konzernen zu identifizieren? Vielleicht ist das PayPal oder DHL Logo ein Ersatz für das Peace-Zeichen, ein Symbol der globalisierten und modernen Welt, wo man naiv daran glaubt, dass das Silicon Valley die beste aller Welten erschaffen wird?

 

Warum Glitzer keine Vagina schöner machen muss

Überall Glitzer. Auf Festivals in den Gesichtern, als Glitzertattoos auf dem Körper und – so oft genutzt, dass sogar davor gewarnt werden muss – in Form von Kapseln auch in Körperöffnungen. Muss denn wirklich alles harmlos und pseudospaßig vor sich hin strahlen? Ist das eine Folge der Einhornisierung? Auf jeden Fall ist es: Unsinn. 

Glitzerkapseln, Screenshot von www.prettywomaninc.com

Glitzerkapseln, Screenshot von www.prettywomaninc.com

Glitter ist eine der besten Erfindungen der Menschheit. Das ist soweit meine Überzeugung. Glitter kann sehr vieles schöner machen. Glitzergummistiefel zum Beispiel. Klasse Sache. Es regnet, Gummistiefel halten die Füße trocken – und in bunt auch die Laune auf einem erträglichen Level. Oder Glitzernagellack: Raufgeschmiert – und wann immer ich Langeweile hab, starre ich drauf, belustige mich am Funkeln und denke nach, über Adorno. Oder so. Ist ja egal. Ist hübsch.

Glitzer mich nicht zu

Das sind aber alles Formen, die wir Glitzer-Experten als „festen Glitzer“ bezeichnen. Denn chemische Kenner wissen: Er ist dort. Nirgendwo sonst. Es ist nicht der Glitzer, den sich lebensfrohe Menschen auf Festivals ins Gesicht schmieren oder, noch besser, durch die U-Bahn streuen, weil Party ist da, wo du sie machst.

Dieser lose Glitzer ist nachweislich schlecht. Schlecht für die Umwelt, weil Mikroplastik und schlecht für alle, die ihn nicht mehr loswerden. Nach einer atomaren Apokalypse würde Glitter immer noch auf den Kakerlaken haften. Blöderweise tritt eben genau dieser lose Glitzer einen Siegeszug an. Mit Fanfaren. Denn er ist ja so praktisch überall einsetzbar. Auch in der Vagina. Ganz recht.

#Toeachherown

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Mittlerweile müssen Ärzte warnen, dass es gesundheitlich nicht unbedenklich ist, sich Kapseln in Körperöffnungen zu schieben, damit die Kapsel sich im Unterleib dann auflösen und Glitzer freisetzen kann. Aus optischen Gründen. Soll nämlich gut aussehen, wenn zwischen den Beinen Glitter läuft oder dem Penis eine Glitzer-Glasur verpasst wird. Diese Kapsel kann jeder ganz regulär kaufen, natürlich, im Internet. Dort werden die Vagina-Glitter-Kapseln auch „Passion Dust“ genannt – Leidenschafts-Staub, was so bescheuert klingt, wie es ist, sich das in den Körper zu stopfen und irgendwie auch an den Namen einer sehr billigen Designerdroge erinnert.

Glitzer ist kein Metamorphosen hervorrufendes Allheilmittel

Abgesehen davon, dass ich diese Laken nicht waschen möchte, kann man an dieser Stelle ja mal fragen, welchen Vorteil ein glitzernder Penis nun hat. Egal wo man Glitzer schließlich drauf schmiert: Es wird nichts grundsätzliches an den Dingen ändern. Sie bleiben, wie sie sind – nur halt glitzernd. Wir können das gerne unter Beweis stellen, sobald sich eine Person findet, die Björn Höcke mal so richtig ordentlich mit Glitzer einseift.

Es wird immer noch Björn Höcke sein. Und aus seinem Mund wird verbal noch immer nichts funkeln. Natürlich können gesellschaftlich als unschön geltende Dinge mit Glitzer toll konterkariert werden. Hannah Altman, eine amerikanische Künstlerin, hat junge Frauen bildlich in Szene gesetzt, in Situationen, in denen sonst Körperflüssigkeiten entweichen würden – kotzend überm Klo, Menstruationsblut in weißer Unterhose – und hat die Körperflüssigkeiten jeweils mit Glitzer ersetzt. und so krampfhaft verschönt und dadurch hinterfragt, was wir eklig finden und wieso. Das ist schlau.

Der Glitzer, der uns ständig umgibt, ist es aber nicht. Das mag untergehen, aber der Glitzer, den die Einhornisierung von Produkten begleitet – rosa Einhörner auf Einhorn-Brotaufstrich, auf Einhorn-Fruchtsekt-Flaschen, auf Einhorn-Handy-Schutzhüllen – der übertüncht nur. Eine Schande für die Einhörner, die ursprünglich mal ein Symbol für die Queer Community waren. Und nicht als Überdeckung sondern als Herausheben des Andersseins, des Echten und Wahrhaftigen und des Eigentlichen. Glitzer, der dazu da ist, Dinge schönzufärben, die nicht schön sein müssen oder es schlicht nicht sind, ist komplett unsinnig. Manche Dinge sind nun mal so, wie sie sind. Das gilt für das Leben, Penisse und ja, auch für Björn Höcke.

 

Wie uns Paare auf Instagram in ihren Intimbereich lassen

„Pärchen stinken“ war gestern. Also vorvor-gestern. Es wird nach wie vor geheiratet wie wild und wunderbare Momente für die Ewigkeit produziert, die vielleicht irgendwann in ein Familien-Album kommen – davor kommen sie aber in den meisten Fällen auf das Soziale Netzwerk Instagram. Wo es schon seit längerem eine Spezies gibt, die sich auf das persönliche Glück spezialisiert hat – die Insta-Couples.

Von Verena Fiebiger

Screenshot, Instagram-Account von Jo.naise

Screenshot, Instagram-Account von Jo.naise

Jona weiß es noch ganz genau: „Am 14. April haben wir die 1.000 geknackt nach knapp zwei Monaten und pünktlich zu Ostern haben wir mit einem Bild 400 Follower dazugekriegt und bis Ende Mai hatten wir dann schon die 3.000. Das war ein Bild, da sind wir durch den Park gegangen und hatten auch noch die Ukulele dabei, falls uns was Interessantes einfällt. Wir haben uns auf eine Bank gesetzt und das Bild war glaube ich ein Kuss, im Hintergrund war noch so ein Blütenbusch. Es sah halt gar nicht aus, als würde es regnen. Es war aber eigentlich ein total verregneter Tag.“

Jo.Naise, so heißt der gemeinsame Instagram Account von Jona und Ise – so wie das schon Brangelina gemacht haben – ein Kofferwort aus zwei Vornamen. Seit dem 22. März 2016 sind die beiden Schüler schon ein Paar. Auch dieses Datum hat Jona sofort parat. An ihrem Glück lassen sie jeden teilhaben, der Bock hat – 9.600 Leute haben schon JA gesagt und folgen ihrem Account, auf dem sie regelmäßig mit Jonaise Bildern versorgt werden.

#privateshollywood

Neben Bodyfitness, Fashion, Reise- oder Foodpics steht eben auch Liebe in der Foto-App hoch im Kurs. Zig Pärchen-Accounts verbreiten unter Hashtags wie #couple, #relationship-goals, #boyfriend oder #instalove die frohe Botschaft: Es wird noch geliebt in dieser Welt. Und diese Liebe ist wie alle Bilder auf Instagram hollywoodreif.

Dabei gibt’s wie beim Film verschiedene Genre oder Typen an Liebespaar-Pics:
– Paare, die im Bett essen, gerne Fettiges wie Pizza oder frittierte Hähnchenschenkel, dabei aber irre durchtrainiert aussehen
– Paare, die sich küssen, aber nicht irgendwie: Das Girl hat dabei die Beine um die Hüfte des Boys geschlungen
– Paare vor dem Kamin
– schlafende Paare
– schlafende Paare, die Calvin Klein Unterwäsche tragen
– Paare, die akrobatische Hebefiguren machen

Aus dem Couple-Account von Jo.Naise

Aus dem Couple-Account von Jo.Naise

Auch Jona und Ise haben ihre eigene Paar-Ästhetik – romantisch und verspielt, auf fast allen Bildern küssen sie sich. „Also es ist eigentlich so, dass wir immer versuchen, möglichst Spaß, also irgendwie Freude auszustrahlen und vielleicht auch ein bisschen Leichtigkeit“, sagt Jona. „Und ein bisschen Glück, also das Glück was wir miteinander auch haben, logischerweise und das wenn möglich mit der Natur, weil die ja auch für die Liebe verantwortlich ist, wenn man das jetzt mal ganz kitschig so sagen kann und dass es überall möglich ist, glücklich zu sein.“ Auf die Idee zu Jo.Naise kam eigentlich Jonas jüngere Schwester. Die 13-jährige wollte mit der Spiegelreflexkamera des größeren Bruders professionell fotografieren lernen und schlug vor, einen Couple-Account auf Instagram zu machen.

#couple-goals als Maßstab

Warum sich so viele Leute das „Glück der anderen“ gerne anschauen, das kann sich auch Jona nicht ganz erklären. Viele Follower, erzählt er, sehen in den beiden eine Inspiration und fragen direkt nach Beziehungstipps oder wie man sich beispielsweise bei einem Date verhält. So wie früher die Bravo, geben heute eben Teenies anderen Teenies Liebes-Tipps.

Dr. Catarina Katzer ist Cyberpsychologin und kennt das Phänomen: „Ganz klar ist, dass das was ich im Netz sehe, auch Fotos die ich mir im Netz anschaue, auf Instagram und Co., dass die mich auch emotional und psychisch beeinflussen. Wir kennen das auch unter dem Chamäleon Effekt. Das ist zum einen gut. Happy Fotos, fröhliche Dinge, lustige Dinge können mich also positiv stimmen, es hat aber auch immer etwas mit meiner eigenen aktuellen emotionalen Situation zu tun. Also wenn ich etwa gerade selber Probleme in meiner Beziehung habe oder in einer Trennungsphase stecke und auf einmal auf Instagram nur Fotos von Bekannten oder Freunden finde und sehe, die darstellen wie glücklich sie grade in ihrer Beziehung sind, wie toll sie ihre Liebe leben, wie toll der Sex ist, dann wirkt sich das bei mir genau gegenteilig aus.“

Dr. Catarina Katzer, Cyberpsychologin

Dr. Catarina Katzer, Cyberpsychologin

Neben vermeintlich perfekten Paaren fühlt man sich gerne schnell wie eine verkrachte Existenz – aber auch die Selbstdarstellung als perfektes Paar kann Tücken haben. Das weiß auch Jona: „Man denkt immer so, ja die laden halt ein Bild hoch und schreiben was drunter, aber Bilder machen ist das eine. Du läufst durch die Gegend und du kannst Sachen ausprobieren, du kannst herumexperimentieren – aber das was halt noch alles dazukommt und was man nicht sieht, das ist die Zeit, die Bilder auf den Computer zu kriegen, zu bearbeiten und dann ist das manchmal schon wie Arbeit. Aber es ist auch Arbeit, die auch Spaß macht.“

#beziehung ist Arbeit ist Beziehung

Mit dieser „Arbeit“ bekommen viele Insta-Couples auch Geld. Von der Romantisierung zur Monetarisierung der Liebe? Bei Jona und Ise war das nicht die Intention, auch wenn sie schon Werbeangebote bekommen haben.
Und dann ist da noch die Frage der Intimität – wie wäre es, wenn man seine Follower im Moment des Fotos sehen würde?

„Ich glaube, wenn sie kommen würden, in dem Moment, wo wir uns küssen, dann – natürlich ist es nur ein Kuss. Es ist nix Verwerfliches. Aber es ist das, was auf den Bildern zu sehen ist. Und dann wärs auf jeden Fall erst mal komisch und wenn sie vorher kommen würden, dann wäre ich glaube ich so abgelenkt, dass der Kuss dann gar nicht statt… also ich weiß auch nicht. Es ist auf jeden Fall interessant.“

In der Sozialpsychologie erklärt man sich unsere Offenheit im Netz durch die Trennung von Handlung und Körper, wenn wir uns im virtuellen Raum bewegen. Wir nehmen uns zum Beispiel nur in der Situation am Tisch wahr, wenn wir gerade ein Foto posten und eben nicht auf Instagram umrundet von tausend oder hunderttausend Menschen, die uns anschauen. Das Netz trennt uns scheinbar, obwohl wir uns eigentlich unsichtbare Gäste nach Hause einladen – im Fall von Paarfotos in unseren Intimbereich.
Ob es schlimmer ist, in der Liebe zu scheitern, wenn man sie auf einem Couple-Account öffentlich gemacht hat, lässt sich nicht sagen. Eine Liebe öffentlich leben, kann sie sogar stabilisieren, mein Cyberpsychologin Catarina Katzer. Jona und Ise – zusammen Jo.Naise – wünsche ich auf jeden Fall ein Happy End.

 

Wie der Hashtag #ThermiLindner den FDP-Vorsitzenden zum Thermomix-Vertreter macht

Man kann das Internet nur lieben, denn aus Nichts macht es für gewöhnlich ziemlich schnell eine Menge. In diesem Fall hat es Christian Lindner von der FDP getroffen. Das Netz macht in unzähligen Memes aus dem Politiker den besten Thermomix-Vertreter Deutschlands.

Es fing an bei Anne Will letzten Sonntag. Christian Lindner von der FDP diskutiert mit Thomas Oppermann (SPD), Volker Kauder (CDU) und Alice Weidel (AfD) über die Alternativlosigkeit der Wiederwahl von Angela Merkel. Er macht eine Geste in dieser Sendung, die unter dem Hashtag #ThermiLindner auf Twitter landet.

Ab dann ist klar: Niemand, wirklich niemand verkauft besser Thermomix als der Vorsitzende der FDP. Warum? Hier seine besten Verkaufsargumente:

Und er weiß auch mit Rezepten zu überzeugen. Hier eine Auswahl der besten Rezepttipps:

Unbenommen: DAS Meme des eher langweiligen Wahlkampfs bisher. Danke, ThermiLindner!