Andrea Nahles darf auch mal Fresse sagen – denn es gefährdet rein gar nix

Mittlerweile bedauert Andrea Nahles ihren „In die Fresse“-Spruch. Doch Christian Schiffer findet: Die Demokratie braucht Humor – auch wenn er mal derb daherkommt.

Natürlich hätte Andrea Nahles das auch anders sagen können. Sie hätte zum Beispiel irgendeine Standardformulierung aus dem  Handbuch für frischgebackene Oppositionsführer heraussuchen können. „Ab morgen werden wir die Koalitionsharmonie hinter uns lassen und im Bundestag die harte Sachauseinandersetzung suchen“. Zum Beispiel. Oder auch: „Ab morgen werden wir unsere programmatischen Unterschiede vermehrt im Zuge der uns als Opposition im Rahmen der parlamentarischen Geschäftsordnung zur Verfügung stehenden Möglichkeiten herauszuarbeiten versuchen.“ Aber Andreas Nahles sagte einfach nur „Ab morgen kriegen sie in die Fresse!“ und dann lachte Andrea Nahles dabei, um auch wirklich jedem klar zu  machen: Hey, das hier … das ist jetzt … das ist Ironie! Zwinker! Zwinker!! Dass das Ganze als Witz gemeint war, machte die SPD-Frau auch am nächsten Tag nochmal deutlich:

Andrea Nahles hatte den Satz also schon kurz vorher gesagt, in der letzten Kabinettsitzung nämlich, da fanden das die Unions-Kollegen alle lustig, keiner hatte Angst von der Nahles Andrea am nächsten Morgen mit einem rechten Haken und einem sauber ausgeführten Back-Suplex aus dem Bett geklingelt zu werden. Aber das mit der Ironie, das ist eben so eine Sache. Im Radio funktioniert sie nicht, wird Hörfunk-Noobs immer eingebläut und auch vor Journalisten kann so ein nicht ernstgemeintes Sätzchen schon mal nach hinten los gehen. #Fressegate war schnell geboren, die Süddeutsche befand, Andrea Nahles spiele mit der demokratischen Kultur und manch einer wollte keinen Unterscheid mehr erkennen zwischen der Frotzelei der SPD-Frau und Alexander Gaulands aufpeitschendem Jagdaufruf am Wahlabend.

Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Gag und Geifer, der Kontext ist entscheidend, nicht die Tatsache, dass Frau Nahles ein etwas böseres Wort gesagt hat. Ein paar Kraftausdrücke kann die demokratische Kultur schließlich schon ab, Joschka Fischer nannte den Bundestagspräsidenten Arschloch, einer der Vorgänger im Amt des SPD-Fraktionsvorsitzenden, Herbert Wehner, bezeichnete den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe als „Herr Übelkrähe“ und Jürgen Todenhöfer als „Hodentöter“. Und Franz-Joseph Strauß? Nunja…

Heute gibt es oft eine regelrechte Sehnsucht nach solchen Polit-Charakterköpfen, die auch mal einen rauslassen. Auf der anderen Seite soll sich die demokratische Kultur aber bitteschön weiterhin anfühlen nach Bussibär-Land. Beides geht aber nicht und am Ende schadet auch eines ganz bestimmt der politischen Kultur, nämlich: Langweile.

 

Wut als Lifestyle – Wieso wir Wut reclaimen müssen

Früher war Rage eine Voraussetzung für die Punk und Hip-Hop Szene. Jetzt haben besorgte Bürger verschiedenster Arten die Wut für sich entdeckt und – und scheinbar gepachtet. Maria Fedorova will der Wut eine Image-Verbesserung verpassen.

Prophets of Rage The Debut Album Out Now Link In Bio

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Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich die Band Rage Against The Machine entdeckt habe, auf der CD mit dem Matrix-Soundtrack, zusammen mit anderen 90er Hardcore Bands. Diese wütende Musik war ein perfektes Ventil für meinen Teenager Zorn – und eine starke politische Botschaft zugleich. Wütend auf die Politik sind Rage Against The Machin“ immer noch. Zusammen mit B-Real von Cypress Hill und Chuck D von Public Enemy erklären sie sich sogar zu den „Prophets of Rage“ und haben eine Anti-Trump Protest-Platte veröffentlicht.

Meine Vorfreude war groß, das Ergebnis ist aber ziemlich ernüchternd. Prophets of Rage ist eins der schlechtesten Alben, das ich in der letzten Zeit gehört habe. All ihre Wut hat die Band auf die plumpen, banalen „Whut the fuck“-Botschaften reduziert. Leider. Aber genau damit treffen sie den Nerv der Zeit.

Die blanke Wut liegt jetzt im Trend

Man ist wütend auf die Eliten, auf die Presse, auf Frauen oder Ausländer. Populisten reiten diese Welle, die Wutbürger verschiedenster Arten nach oben gespült hat. Der Wutbürger, das war mal ein Stuttgart 21-Gegner. Jetzt geht er auf die Pediga-Demos, pöbelt und macht in Ostdeutschland die Wahlkampfauftritte der etablierten Parteien zum Spießrutenlauf. Deutsche Wutbürger finden auch im Ausland Brüder im Geiste: PC-Gegner und Hate-Speakers, Brexit-Befürworter, Trumpisten, Nationalisten, christliche Fundamentalisten. Die Liste dieser –Isten ist lang und hier zeigt die Wut ihre hässliche Seite.

Spätestens an dieser Stelle sollte einem klar werden, dass man gelassen, ja besonnen bleiben muss. Laut sein hilft nicht immer, es gibt zu viel Aggression auf dieser Welt und… ach Quatsch, ich bin doch auch wütend. Ziemlich oft sogar.

Aufregung ist ja auch eine Regung

Zum Beispiel jedes Mal wenn ich menschenverachtende Parolen auf Wahlplakaten lese. Oder mir – schon wieder – die neue Rede von Donald Trump auf YouTube reinziehe. Brauche ich also dringende eine Wut-Management-Therapie? Von wegen. Ärger und Zorn sind produktiv für die emanzipatorische Haltung, mal pädagogisch ausgedrückt. Wut hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun, die schon immer eine Triebkraft für die Pop-Kultur war. 70er Punks haben Gitarren zertrümmert und gegen Konservatismus rebelliert. Wut treibt Aktivisten auf die Straße, um die Wall Street zu okkupieren, genauso wie Feministinnen, die für die Frauenrechte kämpfen.

Heute thematisiert die Black Lives Matter Bewegung immer wieder Black Rage, als Reaktion auf die polizeiliche Gewalt. Bernie Sanders spricht über die Wut der amerikanischen Bürger und fordert Wirtschaftsreformen. Und Jeremy Corbyn unterstürzt  die regierungskritische Demo „Day of Rage“, die nach dem Brand im Grenfell Tower organisiert wurde. Damit zeigen auch links-liberale Politiker: Es kommt nicht auf die Wut an – sondern auf die Art, wie man sie ausdrückt.

In diesem Sinne ist es vielleicht doch eine gute Idee das neue Album von Prophets of Rage zu hören. Denn sie zeigen, dass political rage im Jahr 2017 neue Ausdrucksformen braucht, die von dem Wutbürgertum noch nicht entdeckt wurden. Die flachen Anti-Establishment Parolen und das martialische Image sind dagegen ein direkter Weg in die Worst-of Hitparade.

 

#failoftheweek: Warum Trump & Co. unbedingt „souverän“ sein wollen

Für den US-Präsidenten Donald Trump gibt es immer noch Premieren. Diese Woche hat er zum ersten Mal vor den Vereinten Nationen in New York gesprochen – und Nordkorea mit völliger Zerstörung gedroht, sollte Kim Jong-un sein Atomprogramm nicht einstellen. Soweit so plakativ. Unserem Autor Christian Schiffer ist in dieser Rede aber noch etwas anderes aufgefallen.

NEW YORK, USA - SEPTEMBER 21: US President Donald Trump is seen during his meeting with Turkish President Recep Tayyip Erdogan (not seen), at Lotte Hotel in New York, United States on September 21, 2017. World leaders gathered in New York for the 72nd Session of the UN General Assembly. Volkan Furuncu / Anadolu Agency |

„Rocketman“, Raketenmann, so nannte der amtierende US-Präsident den nordkoreanischen Machtinhaber Kim Jong-un in seiner Rede vor der UN. Da war er also wieder, Bizarro-Trump, bei dem Weltpolitik eben manchmal klingt wie ein Elton John-Song. Ansonsten ging es in seiner Rede noch um Venezuela, Iran und America First und immer wieder fiel dabei ein ganz bestimmter Begriff.

Hätte man bei Trumps Rede jedes Mal einen Schnaps getrunken, sobald die Worte „souverän“ oder „Souveränität“ zu hören waren, wäre man nach wenigen Minuten bewusstlos unter dem Tisch gelegen. Ganze 21 mal sprach Trump sie aus, immer wieder ging es um die Souveränität der Nationalstaaten. Zum Vergleich: Das Wort „Frieden“ fiel in der Rede nur 15-mal, „Freiheit“ nur neun Mal, „Demokratie“ mickrige vier Mal. Sogar politische Gassenhauer wie „Terror“ beziehungsweise „Terroristen“ kamen in der Rede weit seltener vor als „Souveränität“ – ein Wort übrigens, das Barack Obama 2009 in seiner Rede vor der UN gerade einmal ein einziges Mal in den Mund nahm.

Souveränität – in Abgrenzung wovon?

„Souveränität“ ist neben „Widerstand“ vermutlich gerade das wichtigste Buzzwort von Rechten und Verschwörungstheoretikern – und zwar nicht nur in den USA: Hierzulande behaupten beispielsweise Xavier Naidoo und die sogenannten Reichsbürger, dass Deutschland kein souveränes Land sei. Ahnliches steht in einer Email aus dem Jahr 2013, die der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel zugeschrieben wird.

Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der Partei Alternative für Deutschland (AfD) für die Bundestagswahl, äußert sich am 18.09.2017 bei einer Pressekonferenz in Berlin zu den Themen Zuwanderung und Kriminalität. Foto: Kay Nietfeld/dpa | Verwendung weltweit

Alice Weidel. Ja, wir wundern uns auch.

Und dann gibt es natürlich auch noch „Compact“, das selbsternannte Magazin für Souveränität, das im November eine „Konferenz für Souveränität“ veranstaltet. Es ist bereits das sechste Treffen dieser Art. Wer die Souveränität Deutschlands einschränkt, ist hierzulande dann auch immer schnell klar: Die USA, die Siegermächte, die Alliierten oder andere finstere Mächte, die Deutschland einfach nicht frei sein lassen wollen. Was für eine krude Vorstellung. Vor allem in einer Zeit, in der Deutschland wohl so viel Einfluss auf Europa und die Welt hat, wie wohl selten zuvor.

Was bedeutet Souveränität eigentlich – und wenn ja, wie viele?

Doch um krude Vorstellungen zu begründen, dazu eignet sich ein Wörtchen wie „Souveränität“ ganz hervorragend. Denn Souveränität, das hört sich so schön nach einem Pro-Seminar der Politikwissenschaft an, nach Hobbes, Bodin und nach Rousseau. Dabei heißt Souveränität im Kern lediglich, dass ein Staat über sich selbst bestimmen kann.

Natürlich, in der Praxis wird das Souveränitätsprinzip auf vielfache Art unterlaufen. Es gibt internationale Institutionen, internationale Gerichtshöfe, bilaterale Abkommen, grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Das kann man als Fortschritt sehen, Trump und die ganzen Souveränitätsfetischisten sehen darin aber eine Gefahr. Dabei ist doch das Kreisen um sich selbst, das Zurückziehen auf die eigene Scholle und nationale Kraftmeierei am Ende doch vor allem eines: Ziemlich unsouverän.

 

Wie das illegale Kopieren in der Mode zum Hype wurde

Die Logos von Fast Food Ketten oder Paketdiensten haben sich zuletzt zu High Fashion Symbolen gemausert. Ist das einfach nur ein Fall von „so albern, dass es schon wieder gut ist“? Maria Fedorova glaubt, dass mehr dahinter steckt.

Screenshot Balenciaga/Instagram

Bernie Sanders ist ein Politiker mit vielen großartigen Eigenschaften, besonders modeaffin war er aber nie. Umso größer ist seine Verwirrung, als er zur Muse des französischen Modelabels Balenciaga wird. Für die aktuelle Herbst-Kollektion hat sich die Firma sein Wahlkampflogo genommen und einfach den eigenen Namen darunter gepackt. Auf blauem Grund über zwei roten Wellen steht in weißer Schrift statt Bernie Balenciaga. Die Klamotten gehen weg wie warme Semmeln und Bernie Sanders lacht sich kaputt.

Bootleg, also das illegale Kopieren oder Faken von Copyright Produkten, gibt es in der Mode schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Doch in den letzten Jahren ist das Bootleg zu einem coolen Trend mit vielen Ausprägungen avanciert. Designer eignen sich typische Unternehmensfarben und Logos an und verpassen ihnen ein frisches High-Fashion-Makeover. Oft trifft es Firmen, die erstens nichts davon wissen und zweitens rein gar nichts mit Mode zu tun haben. Das Label Moschino hat vor ein paar Jahren eine Kollektion rausgebracht, die wie eine schicke Version der McDonald’s Uniform aussah. Die Skater-Marke Palace klaut das PayPal Logo und macht daraus die Pally Pal-Pullis. Und ja, natürlich das DHL T-Shirt muss man erwähnen, die Kreation von einem Künstlerkollektiv Vetement.

Das grellgelbe Stück Baumvolle mit dem Paketdienst-Logo ist eins der begehrtesten und meist gegoogelten Modeprodukte der vergangenen Jahre. Das 295,-€-Shirt verkauft sich so gut, dass das Label 2018 auch Jacken und Caps  auf den Markt bringt. Der totale DHL Look, bitte her damit!

Screenshot Vetements/Instagram

Screenshot Vetements/Instagram

Gut geklaut ist also schon halb ausverkauft. Copyrights werden in die Tonne getreten, zusammen mit der Eleganz. Hoch im Kurs steht die Arbeiterklasse-Ästhetik. Kleidung, die wie eine Postboten-Uniform aussieht, scheint die nächste Stufe von Normcore zu sein.

Alltägliche Dinge im neuen Kontext – siehe Warhol

Der Bootleg-Trend ist aber auch ein Verstoß gegen die Regeln der Industrie und kann mehr als nur albern und hip sein. Weil es so unpassend, so unperfekt ist. Es macht Spaß zu sehen, wie die alltäglichen Dinge in einen neuen Kontext gesetzt werden. Die jungen Kreativen machen mit Mode eigentlich das gleiche, was Andy Warhol zu seiner Zeit mit Kunst gemacht hat. Ok, der Vergleich ist schon krass, aber sehr naheliegend: Das McDonald’s Zeichen ist nun mal die Campbell Suppendose 4.0. Vielleicht nicht so revolutionär wie Warhol, aber man kann trotzdem unendlich viel reininterpretieren.

dpa/Rolf Vennenbernd

dpa/Rolf Vennenbernd

Zum Beispiel wenn man sich die Frage stellt, wieso etwas, was noch gestern unästhetisch und öde erschien, heute so nonchalant und stilbewusst getragen werden kann. Vielleicht ist es subtiles Empowerment – also: zu sehen wie die Symbole des Kapitalismus modisch umgewandelt oder gar verspottet werden. Wenn man der Konzernwerbung nicht entkommen kann, macht man sie sich zu Eigen und druckt sie dann aufs T-Shirt.

Oder ist es eben das grausige Gegenteil? Ist es cool und hip geworden, sich mit den Konzernen zu identifizieren? Vielleicht ist das PayPal oder DHL Logo ein Ersatz für das Peace-Zeichen, ein Symbol der globalisierten und modernen Welt, wo man naiv daran glaubt, dass das Silicon Valley die beste aller Welten erschaffen wird?