#failoftheweek: WHO will Gamer zu Suchtkranken erklären

Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation WHO, sollen Millionen Computerspieler zu Suchtkranken erklärt werden. Stufe 38-Hexenmeister Christian Schiffer findet: Das ist eine echte Schnapsidee.

2005 im Online-Rollenspiel „World of Warcraft“: Dreizehn Mitglieder der Allianz-Gilde „Pals for Life“, genauer: acht Menschen, drei Nachtelfen, ein Zwerg und ein Gnom, stehen in der Oberen Schwarzfelsspitze vor einer Höhle und bereiten sich auf den bevorstehenden Kampf mit unzähligen Drachenwelpen vor. Präzise erläutert der Stufe 60-Menschenkrieger Jamaal Umstehenden seinen Plan: Jeder Gegner soll einzeln bekämpft werden, wenn sich alle an die ausgetüftelten Vorgaben halten, dann haben sie eine realistische Chance heil aus der Sache herauszukommen, und das, obwohl die Überlebenschancen bei diesem Raid laut einschlägiger Wikis bekanntlich gerade einmal bei 32.3333 Prozent liegt!

Doch dann – während die Streiter noch penibel ihre Ausrüstung überprüfen und genauestens die Reihenfolge von Kontrollzaubern festlegen – rennt ein Stufe 60-Mensch in die Höhle hinein, einfach so, und brüllt dabei seinen Namen: Leeroy Jeniks. Vogelwild und chaotisch läuft die Gruppe dem übermütigen Paladin hinterher und nach wenigen Sekunden ist dann auch schon alles vorbei: Die 13 hochstufigen „World of Warcraft“-Helden liegen tot im Staub.

Bis heute haben 46 Millionen Menschen den Clip angeklickt, der dieses ergreifende Drama dokumentiert. Leeroy-Jenikins ist zum Mem geworden, wurde in mit einer eigenen Frage in der Quizshow „Jeopardy“ bedacht und natürlich mit einer eigenen Karte im „World of Warcraft“-Sammelkartenspiel. Aber vor allem ist Leeroy Jenkins zum Säulenheiligen all derjenigen aufgestiegen, die in „World of Warcraft“ mehr sehen wollen als nur ein Computerspiel, in dem es lediglich darum geht die nächste Stufe zu erreichen und möglichst effizient zu spielen.

Komm, nur noch 13 Wildschweine umhauen

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Denn genau dafür ist „World of Warcraft“ leider bekannt: Das Spiel motiviert den Spieler ständig dazu weiter zu machen, immer gibt es etwas zu erreichen: „Komm, nur noch 13 Wildschweine umhauen und Du bekommst einen Bonus! Komm, nur noch diese eine kleine Quest und der Stufenaufstieg ist schon so gut wie geschafft! Komm, nur noch diese eine Stufe und Du bekommst diesen ultrageilen, Wahnsinnszauberspruch, mit dem das Umhauen von Wildscheinen noch leichter geht…!“

Stichwort „Gamification“

Spiele wie World of Warcraft halten einem immer eine Karotte vor die Nase, für jeden Schmarrn wird man hier belohnt, immer gibt es irgendeinen windigen Grund, weiterzuspielen. Längst hat auch die Wirtschaft diese Mechanismen für sich entdeckt, Stichwort „Gamification“.

So wird es genannt, wenn besonders fleißige Angestellte im Unternehmen Erfahrungspunkte sammeln dürfen oder smarte Zahnbürsten Abzeichen vergeben, wenn man bei der Zahnreinigung besonders gründlich war.

Doch genau dieselben Mechanismen, die abgefeiert werden, wenn es darum geht, aus Menschen noch mehr Leistung heraus zu kitzeln, stehen plötzlich in der Kritik, wenn sie Menschen dazu motivieren, in ihrer Freizeit noch ein virtuelles Wildschein mehr umzuhauen. Spiele wie „World of Warcraft“ wurden deswegen in der Vergangenheit schon mal als „Heroin aus der Steckdose“ bezeichnet, sie würden junge Menschen in die Abhängigkeit treiben, hieß es.

Neu eingeführt: Krankheitsbild „Online-Spielesucht“

Und diese Sichtweise hat offenbar einflussreiche Anhänger, denn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die American Psychological Association (APA) wollen das Krankheitsbild „Online-Spielesucht“ offiziell einführen. Das könnte weitereichende Folgen haben: Warnhinweise auf Computerspielverpackungen, so wie bei Zigaretten zum Beispiel, aber auch Verbote oder Einschränkungen. Und nicht zu vergessen: Neue, lukrative Betätigungsfelder für Ärzte.

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert wird über Mediensucht diskutiert, damals waren es die Romane, von denen vor allem Frauen nicht mehr loskamen – Heroin aus der Druckerpresse sozusagen. Heute weiß man, dass diejenigen, die zu viel am Computer zocken, oft ganz andere Probleme haben und dann versuchen, diese Probleme durch exzessives Computerspielen zu kompensieren. Dass aber die allermeisten Computerspieler nicht das geringste Problem haben mit ihrem Spielekonsum.

Was man nicht kennt, das ist gefährlich

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Trotzdem sollen nun Millionen von Spielern zu Kranken erklärt werden, um danach vielleicht auch irgendwann all diejenigen ins Visier zu nehmen, die zu viel auf Facebook abhängen oder zu oft auf ihr Smartphone lugen. Denn was man nicht kennt, das ist seltsam und gefährlich und bringt die Jugend auf die schiefe Bahn. Seit Jahrzehnten hängt diese Schallplatte und jetzt wird die immer gleiche Leier schon wieder angestimmt. Dabei weiß jeder, der schon einmal „World of Warcraft“ gespielt hat: Das Umhauen von Wildschweinen wird auch irgendwann langweilig und dann hört man halt auf. Einfach so.

 

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