Wie uns Paare auf Instagram in ihren Intimbereich lassen

„Pärchen stinken“ war gestern. Also vorvor-gestern. Es wird nach wie vor geheiratet wie wild und wunderbare Momente für die Ewigkeit produziert, die vielleicht irgendwann in ein Familien-Album kommen – davor kommen sie aber in den meisten Fällen auf das Soziale Netzwerk Instagram. Wo es schon seit längerem eine Spezies gibt, die sich auf das persönliche Glück spezialisiert hat – die Insta-Couples.

Von Verena Fiebiger

Screenshot, Instagram-Account von Jo.naise

Screenshot, Instagram-Account von Jo.naise

Jona weiß es noch ganz genau: „Am 14. April haben wir die 1.000 geknackt nach knapp zwei Monaten und pünktlich zu Ostern haben wir mit einem Bild 400 Follower dazugekriegt und bis Ende Mai hatten wir dann schon die 3.000. Das war ein Bild, da sind wir durch den Park gegangen und hatten auch noch die Ukulele dabei, falls uns was Interessantes einfällt. Wir haben uns auf eine Bank gesetzt und das Bild war glaube ich ein Kuss, im Hintergrund war noch so ein Blütenbusch. Es sah halt gar nicht aus, als würde es regnen. Es war aber eigentlich ein total verregneter Tag.“

Jo.Naise, so heißt der gemeinsame Instagram Account von Jona und Ise – so wie das schon Brangelina gemacht haben – ein Kofferwort aus zwei Vornamen. Seit dem 22. März 2016 sind die beiden Schüler schon ein Paar. Auch dieses Datum hat Jona sofort parat. An ihrem Glück lassen sie jeden teilhaben, der Bock hat – 9.600 Leute haben schon JA gesagt und folgen ihrem Account, auf dem sie regelmäßig mit Jonaise Bildern versorgt werden.

#privateshollywood

Neben Bodyfitness, Fashion, Reise- oder Foodpics steht eben auch Liebe in der Foto-App hoch im Kurs. Zig Pärchen-Accounts verbreiten unter Hashtags wie #couple, #relationship-goals, #boyfriend oder #instalove die frohe Botschaft: Es wird noch geliebt in dieser Welt. Und diese Liebe ist wie alle Bilder auf Instagram hollywoodreif.

Dabei gibt’s wie beim Film verschiedene Genre oder Typen an Liebespaar-Pics:
– Paare, die im Bett essen, gerne Fettiges wie Pizza oder frittierte Hähnchenschenkel, dabei aber irre durchtrainiert aussehen
– Paare, die sich küssen, aber nicht irgendwie: Das Girl hat dabei die Beine um die Hüfte des Boys geschlungen
– Paare vor dem Kamin
– schlafende Paare
– schlafende Paare, die Calvin Klein Unterwäsche tragen
– Paare, die akrobatische Hebefiguren machen

Aus dem Couple-Account von Jo.Naise

Aus dem Couple-Account von Jo.Naise

Auch Jona und Ise haben ihre eigene Paar-Ästhetik – romantisch und verspielt, auf fast allen Bildern küssen sie sich. „Also es ist eigentlich so, dass wir immer versuchen, möglichst Spaß, also irgendwie Freude auszustrahlen und vielleicht auch ein bisschen Leichtigkeit“, sagt Jona. „Und ein bisschen Glück, also das Glück was wir miteinander auch haben, logischerweise und das wenn möglich mit der Natur, weil die ja auch für die Liebe verantwortlich ist, wenn man das jetzt mal ganz kitschig so sagen kann und dass es überall möglich ist, glücklich zu sein.“ Auf die Idee zu Jo.Naise kam eigentlich Jonas jüngere Schwester. Die 13-jährige wollte mit der Spiegelreflexkamera des größeren Bruders professionell fotografieren lernen und schlug vor, einen Couple-Account auf Instagram zu machen.

#couple-goals als Maßstab

Warum sich so viele Leute das „Glück der anderen“ gerne anschauen, das kann sich auch Jona nicht ganz erklären. Viele Follower, erzählt er, sehen in den beiden eine Inspiration und fragen direkt nach Beziehungstipps oder wie man sich beispielsweise bei einem Date verhält. So wie früher die Bravo, geben heute eben Teenies anderen Teenies Liebes-Tipps.

Dr. Catarina Katzer ist Cyberpsychologin und kennt das Phänomen: „Ganz klar ist, dass das was ich im Netz sehe, auch Fotos die ich mir im Netz anschaue, auf Instagram und Co., dass die mich auch emotional und psychisch beeinflussen. Wir kennen das auch unter dem Chamäleon Effekt. Das ist zum einen gut. Happy Fotos, fröhliche Dinge, lustige Dinge können mich also positiv stimmen, es hat aber auch immer etwas mit meiner eigenen aktuellen emotionalen Situation zu tun. Also wenn ich etwa gerade selber Probleme in meiner Beziehung habe oder in einer Trennungsphase stecke und auf einmal auf Instagram nur Fotos von Bekannten oder Freunden finde und sehe, die darstellen wie glücklich sie grade in ihrer Beziehung sind, wie toll sie ihre Liebe leben, wie toll der Sex ist, dann wirkt sich das bei mir genau gegenteilig aus.“

Dr. Catarina Katzer, Cyberpsychologin

Dr. Catarina Katzer, Cyberpsychologin

Neben vermeintlich perfekten Paaren fühlt man sich gerne schnell wie eine verkrachte Existenz – aber auch die Selbstdarstellung als perfektes Paar kann Tücken haben. Das weiß auch Jona: „Man denkt immer so, ja die laden halt ein Bild hoch und schreiben was drunter, aber Bilder machen ist das eine. Du läufst durch die Gegend und du kannst Sachen ausprobieren, du kannst herumexperimentieren – aber das was halt noch alles dazukommt und was man nicht sieht, das ist die Zeit, die Bilder auf den Computer zu kriegen, zu bearbeiten und dann ist das manchmal schon wie Arbeit. Aber es ist auch Arbeit, die auch Spaß macht.“

#beziehung ist Arbeit ist Beziehung

Mit dieser „Arbeit“ bekommen viele Insta-Couples auch Geld. Von der Romantisierung zur Monetarisierung der Liebe? Bei Jona und Ise war das nicht die Intention, auch wenn sie schon Werbeangebote bekommen haben.
Und dann ist da noch die Frage der Intimität – wie wäre es, wenn man seine Follower im Moment des Fotos sehen würde?

„Ich glaube, wenn sie kommen würden, in dem Moment, wo wir uns küssen, dann – natürlich ist es nur ein Kuss. Es ist nix Verwerfliches. Aber es ist das, was auf den Bildern zu sehen ist. Und dann wärs auf jeden Fall erst mal komisch und wenn sie vorher kommen würden, dann wäre ich glaube ich so abgelenkt, dass der Kuss dann gar nicht statt… also ich weiß auch nicht. Es ist auf jeden Fall interessant.“

In der Sozialpsychologie erklärt man sich unsere Offenheit im Netz durch die Trennung von Handlung und Körper, wenn wir uns im virtuellen Raum bewegen. Wir nehmen uns zum Beispiel nur in der Situation am Tisch wahr, wenn wir gerade ein Foto posten und eben nicht auf Instagram umrundet von tausend oder hunderttausend Menschen, die uns anschauen. Das Netz trennt uns scheinbar, obwohl wir uns eigentlich unsichtbare Gäste nach Hause einladen – im Fall von Paarfotos in unseren Intimbereich.
Ob es schlimmer ist, in der Liebe zu scheitern, wenn man sie auf einem Couple-Account öffentlich gemacht hat, lässt sich nicht sagen. Eine Liebe öffentlich leben, kann sie sogar stabilisieren, mein Cyberpsychologin Catarina Katzer. Jona und Ise – zusammen Jo.Naise – wünsche ich auf jeden Fall ein Happy End.

 

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