#failoftheweek: Warum der Wahl-O-Mat nervt

Kurz vor der Bundestagswahl ist er da: Der Wahl-O-Mat. Und mit ihm kommen seine Geschwister, der Steuer-O-Mat, Sozial-O-Mat, Agrar-O-Mat und der Digital-O-Mat. Mindestens. Mittlerweile will uns eine ganze Armada von digitalen Wahlhelfern sagen, wo wir unser Kreuz machen sollen. Das nervt, findet Christian Schiffer.

„Wir wählen CDU!“ – das sang 1972 der Schlager-Moderator Dieter Thomas Heck. Und warum wählen wir alle CDU? Na, weil, nun … äh weil , die SPD hat halt so viele Minister ausgetauscht! Und außerdem, dem Dieter Thomas Heck, dem vertrauen wir, der kennt sie ja so gut, die deutsche Seele. Deswegen: CDU, CDU, was denn sonst CDU!
„Wir wählen CDU“, zackfeddich: Wahlentscheidung. So einfach ist das heute natürlich nicht mehr und zwar nicht nur, wenn man CDU-Wähler ist.

Die moderne Gesellschaft kennt zwar Superfood, Bananentupperdosen und Zehenschuhe, aber klassische Milieus kennt sie nicht mehr. Deswegen ist das komplizierter geworden, mit dem Wählen.

Gut eigentlich, dass es heute nicht nur Dieter-Thomas Heck gibt, sondern auch das Internet und damit eine ganze Armada an digitalen Wahlhelfern, die nur darauf warten, einem die richtige Partei ans Herz zu legen. Neben dem All-Time-Classic Wahl-O-Mat gibt es auch den Wahl-Swiper, das Wahl Navi, den Bundeswahl-Kompass, den Digital-Check und weil das Internet keine Obergrenze kennt, kommen noch eine Reihe von speziellen Wahl-O-Maten dazu, etwa den Steuer-O-Mat, den Sozial-O-Mat, den Agrar-O-Mat und den Digital-O-Mat. Schade eigentlich, dass es noch keinen Wahl-O-Mat-O-Mat gibt, der einem hilft, den richtigen Wahl-O-Maten zu finden

All diese Dienste haben so ihre Probleme und es sind die gleichen, die der Wahl-O-Mat eigentlich schon immer hatte: Die Auswahl der Thesen erscheint willkürlich und Themen, die viele Menschen bewegen, etwa das Verhältnis zu Russland, kommen kaum vor und am Ende wundert man sich darüber, was da so für ein Ergebnis herauskommt. Thomas Gottschalk wird die MLPD empfohlen, knapp gefolgt von der FDP und wer sich auch nur ein wenig sozial gibt, der soll sich gleich mal an die Linkspartei ranschmeißen und klar, wenn man ein bisschen für bio und regional ist, trinkt man auch schon mit Esoterikern und der NPD aus demselben Stiefel. Platz ist bei der Auswertung immer nur für acht Parteien und eine überzeugende Erklärung für diese seltsame Bevormundung bleibt der Betreiber des Wahl-O-Maten, die Bundeszentrale für politische Bildung, schuldig.

 

Die Schwächen des Systems sind bekannt, deswegen gibt es jetzt auch Deinwal.de. Hier bekommt man nicht angezeigt, was die Parteien großmäulig vor der Wahl versprechen, sondern was sie im Bundestag beschlossen, bekämpft oder verhindert haben. Klingt gut, hat aber auch seine Tücken, denn die Arbeit der Abgeordneten besteht aus mehr als nur Abstimmungen und manchmal muss man eben auch schmerzhafte Kompromisse eingehen.

Das ist das Grundproblem dieser ganzen digitaler Wahlhelfer: Politik mutiert hier zur Excel-Tabelle, Inhalte werden in DIN-Formen gepresst und aus der Parteienlandschaft wird eine ordentlich parzellierte, sauber umzäunte Kleingartenanlage. Dieter Thomas Heck gefällt das bestimmt.

 

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