#failoftheweek: Bayerns neues Gefährder-Gesetz

Bayern hat ein Gesetz verabschiedet, das an den Film „Minority-Report“ erinnert: Personen, die verdächtigt werden, irgendwann einmal eine Straftat zu begehen, können bald präventiv in Gewahrsam genommen werden – theoretisch sogar für Jahre. Dystopien gehören aber ins Kino und nicht in die Politik, findet Christian Schiffer.

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2002 kam der Science Fiction-Film „Minority Report“ ins Kino, Regie führte Steven Spielberg. Tom Cruise spielt hier einen Polizisten, der bei PreCrime arbeitet, eine Einheit der Washingtoner Polizei, die Morde verhindern soll – und zwar bevor sie überhaupt passieren. Die zukünftigen Täter werden in „Minority Report“ verhaftet und dann ohne Prozess lebenslänglich „verwahrt“, präventiv sozusagen. Der Film spielt im Jahr 2054, doch in Bayern kann die Zukunft wieder einmal nicht früh genug losgehen und so hat man nun ein Gesetz zur „Überwachung gefährlicher Personen“ beschlossen:

„Vielmehr wollen wir für Bayern mit der neuen Gefahrenkategorie der drohenden Gefahr einen vernünftigen rechtlichen Rahmen schaffen, um in bestimmten Fällen bereits im Vorfeld wirksam reagieren und schon Vorbereitungshandlungen effektiver abwenden zu können. Die effizienteste Abwehr von Gefahren ist doch diese gar nicht erst entstehen zu lassen.“ Joachim Herrmann, Bayerischer Innenminister

„Minority Report“ in Bayern

Bislang war es so, dass „Gefährder“ – also Menschen, die noch gar keine Tat begangen haben – höchstens zwei Wochen in Vorbeugehaft genommen werden durften. Diese Grenze fällt nun weg und die Maßnahme muss lediglich alle drei Monate von einem Richter überprüft werden.

Zur Erinnerung: Eigentlich bestraft eine Strafe eine Straftat und eigentlich darf eine Strafe nicht damit begründet werden, dass jemand vielleicht irgendwann mal eine Straftat begehen könnte. In Ländern wie etwas Erdogans Türkei, in „Minority Report“ und bald schon in Bayern ist das anders: Hier können Bürger theoretisch auf Jahre weggesperrt werden auf Grundlage von Mutmaßungen und Spekulationen.

„Wegsperren vor Überwachen“

Das ist die Losung, die Innenminister Hermann ausgegeben hat. Denn klar: Bislang wurden sogenannte Gefährder eben überwacht, was mal gut geklappt hat und mal weniger gut. Im Fall von Anis Amri, dem Attentäter vom Breitscheidplatz, hat das weniger gut geklappt: Ein BKA-Mitarbeiter gab an, Anis Amri beschattet zu haben, dabei war die Überwachung längst eingestellt, ganz so, als sei die Überwachung eines Terrorverdächtigen ein Uni-Seminar, wo man sich mal kurz in die Anwesenheitsliste einträgt, um bei der nächstbesten Gelegenheit den Raum zu verlassen und in der Mensa abzuhängen.

Eine Beschattung von Verdächtigen ist aufwändig, anstrengend und teuer und bindet eine ganze Menge Personal. Aber so ist er eben manchmal, der Rechtstaat: Aufwändig und anstrengend. Nun ist es andersrum: Das präventive Wegsperren von Bürgern kostet weniger, bindet aber eine ganze Menge Rechtsstaat.

Dystopien dienen der Abschreckung, liebe Politiker!

Man kann es nicht oft genug sagen, liebe Politiker: Dystopien wie „1984“, „Schöne neue Welt“ oder eben „Minority Report“ waren mal zur Abschreckung gedacht! Zur Abschreckung! Man wollte damit zeigen, wie die Zukunft bitteschön nicht auszusehen hat. Wozu diese Dystopien nicht gedacht waren: Als Ideengeber, als Inspiration, als Blaupause zum Umbau der digitalen Gesellschaft. Denn in „Minority Report“ stellt sich das ganze System als sehr fehlerhaft heraus, auch Unschuldige werden wegsperrt und so wird zum Schluss PreCrime eingestellt. Diese Art Happy End wünscht man sich auch für Bayern.

 

#failoftheweek: Wie O2 seine Service-Probleme auf die Kunden ablädt

O2 hat eine simple Lösung für alle Service-Probleme gefunden: Kunden sollen am besten nicht mehr bei der Kunden-Hotline anrufen. Christian Schiffer denkt sich: Hallo?! Ein Fall für den #failoftheweek.

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Chilliger Elektro-Sound, der einen förmlich einlullt in einen wuscheligen, weichen Klangteppich. Milchglas-Musik, die einem sagen will: Reg Dich nicht auf, Deine Probleme verschwinden angesichts der Weite des Universums, der Erhabenheit alles kosmischen und der Schönheit der Schöpfung! Im Netz wird längst darüber spekuliert, wer das Genie hinter diesem akustischen Wärme-Pflaster sein könnte, das die schier unlösbare  Aufgabe auf sich genommen hat, eine Musik zu komponieren, für eine der zermürbendsten Situationen, denen sich der Mensch überhaupt aussetzen kann. Für eine Situation, die toughe Kunden mit berechtigten Anliegen nach und nach zu Mimöschen verarbeitet, sodass die alles mit sich machen lassen und für die Lösung einfacher Probleme plötzlich erhebliche Mengen an Zeit und Nerven in Kauf nehmen. Wer also könnte sie geschaffen haben, die Warteschleifenmusik für die O2-Hotline?

Im Netz finden sich Berichte über die Martyrien der Servicehölle

Das musikalische Mastermind hinter der O2-Warteschleifenmusik heißt Jamen Brooks, zumindest wird das im Netz vermutet. Über Jamen Brooks gibt es nur wenig Infos und das ist schade, denn wenn man O2-Kunde ist, dann verbringt man einen erheblichen Teil seines Lebens damit, seinem Blubber-Elektro zu lauschen. Im Netz gibt es unzählige Berichte über die Erfahrungen mit der O2-Hotline, es sind erschütternde Dokumente der Verzweiflung und Hilflosigkeit, von stundenlangem Warten ist dort die Rede, geschildert werden nie enden wollende Martyrien in der Servicehölle des Telekommunikationskonzerns. Vor allem seit der Fusion von O2 mit E-Plus zum größten deutschen Mobilfunkanbieter geht kaum noch jemand hin, wenn man bei O2 anruft, sogar die Bundesnetzagentur hat schon Maßnahmen gegen O2 erwogen.

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Die Lösung: einfach nicht mehr anrufen?!

Die werden jetzt nicht mehr notwendig sein, denn O2 hat diese Woche eine pragmatische Lösung bekanntgegeben, die alle Service-Probleme ein für alle Mal beheben soll: Einfach nicht mehr anrufen.

Wer neun Monate nicht bei der O2-Hotline anruft, bekommt 1,8 Gigabyte kostenloses Datenvolumen. Das Ganze ist bislang nur ein Test und O2 betont, dass es vor allem darum gehe, die Kunden für die – Zitat: „Möglichkeiten unseres digitalen Self-Services aufmerksam zu machen“. Und außerdem könne man ja immer noch die Kundenhotline anrufen, wenn man das wolle. Nur: Wer will das schon? Jamen Brooks Wellness-Elektro hin oder her.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass O2 seine Service-Probleme beim Kunden abladen möchte. Probleme, die vermutlich eher damit zu tun haben, dass O2 zu wenig Service-Mitarbeiter eingestellt hat. Insider berichten davon, dass die Call-Center chronisch unterbesetzt sind.

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Dabei müssen Call Center-Agenten eh schon malochen wie Dortmunder Brauereipferde und das einzige, was vermutlich noch frustrierender ist, als bei der O2-Hotline anzurufen, ist es, bei der O2-Hotline arbeiten und sich mit frustrierten Kunden herumschlagen zu müssen. Also liebes O2: Stell doch mal ein paar Leute mehr ein, sodass man wieder gerne bei Euch anruft. Dann könnte man auch endlich etwas entspannter den schwerelosen Klängen von Jamen Brooks lauschen.

 

#failoftheweek: Bibi, Caro Daur und das Problem mit dem Influencer Marketing

Das Manager Magazin hat das Instagram-Sternchen Caro Daur interviewt – und die wollte eine Menge Fragen nicht beantworten. Es gibt schlimmeres. Aber der Hype um die Influencer ist trotzdem nicht gesund, findet Christian Schiffer in seinem #failoftheweek. 

Sie ist eine Art Staubsaugervertreterin des Digitalzeitalters und eine der umstrittensten Figuren, die das Internet in Deutschland jemals hervorgebracht hat: Bianca Heinecke, alias Bibi, bekannt aus dem Youtube-Channel „Bibis Beauty Palace“. Fast 4,5 Millionen Abonnenten hat sich die 24-Jähige über die Jahre erarbeitet, vor allem indem sie dort Teenagern Produkte anpreist.

Über 100.000 Euro soll Frau Heinecke auf diese Art verdienen, im Monat wohlgemerkt. Gleichzeitig hält sie den Rekord für das am schlechtesten bewertete Video eines deutschen Youtube-Kanals, denn im Mai hat Bibi ihre erste Sigle herausgebracht. „How It Is“ wurde über 2 Millionen mal mit einem Daumen-Runter gewürdigt.

Trotzdem ist Bianca Heinecke eine der begehrtesten Influencer im Land. Influencer, so nennt man Leute, die viele Anhänger in den sozialen Medien haben. YouTube-Stars wie wie Dagi Bee, Die Lochis, Gronkh, und LeFloid sind Influencer – oder Instagram-Berühmtheiten wie Caro Daur.

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1,1 Millionen Menschen folgen der 22-jährigen BWL-Studentin, deren BFF Lena Meyer-Landruth ist, die selbst übrigens stolze 1,6 Millionen Follower vorweisen kann. Instagram-Influencer Caro Daur macht auf Instagram das, was Instagram-Influencer halt so machen: Abhängen auf Partys, shoppen, Handtaschen in die Kamera halten, shoppen, Party, Pool, shoppen, Essen, shoppen, Oberteil in die Kamera halten, Wellness, Party, shoppen, shoppen, shoppen, Sonnenbrille in die Kamera halten, Party, shoppen, Pool, Essen, Essen fotografieren. So hätte es auch einfach weiter gehen können. Doch leider hat sich Caro Daur diese Woche dazu hinreißen lassen, dem Manager Magazin ein Interview zu geben.

Darin erfährt man, dass Caro Daur letztens einen eigenen Lippenstift kreieren durfte, dass sie oft damit beschäftigt ist, die „Logistik der Musterteile zu koordinieren“, dass sie sich als normales Mädchen sieht, dass Influencer zu sein eine Menge Arbeit mit sich bringt und dass der „Content“ ihre Persönlichkeit ist und – eh klar – Authentizität ganz wichtig ist. Für Aufregung sorgte, dass Caro Daur eine Menge Fragen nicht beantworten wollte und das Manager-Magazin genau diese Fragen veröffentlichte:

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Arbeitest Du auch unentgeltlich?

Wie viele Deiner Posts sind bezahlt?

Was bekommst Du für einen Post?

Influencer unterliegen der Kennzeichnungspflicht ebenso wie Blogger. Hältst Du dich daran?

Was passiert jetzt mit der Abmahnung des Verbands des sozialen Wettbewerbs, die Du erhalten hast, weil Du ein Produkt getaggt, aber das nicht als Werbung deklariert hattest?

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Groß war die Empörung darüber, dass Caro Daur diese Fragen nicht beantworten wollte. Groß war dann aber natürlich auch die Empörung darüber, dass sich Leute darüber empören, dass Caro Daur die Fragen nicht beantworten wollte.

Die Kritik sei wohlfeil: Schleichwerbung sei nichts Neues, anders als Bibi würde Daur ihre Produkte nicht Teenagern andrehen und außerdem tue sie schließlich etwas für die eine Million Euro, die sie mutmaßlich für ihre Influencer-Existenz im Jahr kassiert. Das stimmt vermutlich alles, aber das ist eben die Krux an der Authentizität, die natürlich keine ist: Caro Daurs-Instagram-Feed sieht halt eher aus nach Raffaelo-Party, als nach hartem Malochertum. Das kann einem egal sein, genauso wie einem hohe Manager, Model – oder Fußballergehälter egal sein können, aber es wird immer Menschen geben, die das aufregt – und das wiederum kann einem auch egal sein.

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Der Streit hat allerdings auch etwas Gutes: Es wird endlich über das Influencertum an sich diskutiert und über die Frage, ob dieser ganze Hype um die Influencer wirklich so gesund ist. Schon länger tummeln sich zwielichtige Firmen in dem Business, die Likes und Follower verkaufen und natürlich ist die Schleichwerbung bei YouTube und Instagram ein Problem, das auch nicht deswegen kleiner wird, weil es Schleichwerbung schon immer gab. Gerade erst hat Instagram neue Regeln für Influencer angekündigt:

Werbende Beiträge müssen in Zukunft klar gekennzeichnet sein. Ein überfälliger Schritt, denn so wird Werbung auf Instagram ehrlicher oder, um im Influencer-Sprech zu bleiben: Authentischer.

 

#failoftheweek: Warum wir um unser Steuergeld gebracht werden – und es uns egal ist

Fast 32 Milliarden Euro sind dem Staat durch Steuertricksereien entgangen. Ein Skandal über den sich niemand so recht aufregen will. Sollte man aber, findet Christian Schiffer.

„There isn´t a magic money tree“, das antwortete Theresa May im Wahlkampf einer Krankenschwester, die sich darüber beklagt hatte, seit acht Jahren keine Lohnerhöhung mehr bekommen zu haben. Klar, Geld wächst halt nicht auf Bäumen, da hat die Tory-Politikerin schon irgendwie recht, also zumindest dann, wenn man botanisch an die Sache herangeht.

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Simpel-Bilder sind das, um den Leuten da draußen einzutrichtern: Sorry, aber für Bildung, Soziales, Umweltschutz, Gehaltserhöhungen für Krankenschwestern und all den anderen exotischen spätrömisch-dekadenten Klimbim, ist leider kein Geld da. Und weil kein Geld da ist, gibt man dann Geld aus, zum Beispiel dafür, penibel jedes Flüchtlingshandy zu checken, um zu verhindern, dass am Ende Wirtschaftsflüchtlinge das Geld verprassen, das wir ja eigentlich gar nicht haben.

Dabei hätten wir doch eigentlich so viel mehr Geld! Dabei könnte die schwäbische Hausfrau sich eigentlich mal einen Abend frei nehmen und mit Elke aus dem Controlling und Jutta aus der Sachbearbeitung so richtig einen draufmachen! Jede von ihnen könnte ziemlich genau 1.609.195.402 Hugos trinken und es bliebe sogar genügend Geld übrig, um sich dann noch etwas beschwipst dieses neue Whitney Houston Biopic anzuschauen – und zwar mehrmals!

Wenn, ja wenn, es diesen größten Steuerbetrug aller Zeiten nicht gegeben hätte, dessen gewaltiges Ausmaß diese Woche erst bekannt geworden ist. Über 31 Milliarden sind dem Staat entgangen – unter anderem durch sogenannte „Cum-Ex-“ und „Cum-Cum-Geschäfte“, was sich sehr nach Porno anhört und auch tatsächlich auch eine ziemliche Sauerei ist. Die Sendung Panorama erklärt ein Cum-Cum-Geschäft auf ihrer Internetseite so:

„Bei Cum-Cum-Geschäften hilft eine inländische Bank einem ausländischen Investor dabei, eine Steuerrückzahlung zu ergattern, auf die dieser keinen Anspruch hat. Der Gewinn wird aufgeteilt.“

Steuererstattungen ergattern, auf die man keinen Anspruch hat, das ist doch eigentlich genauso wie Geld von magischen Geldbäumen pflücken, obwohl es doch gar keine magische Geldbäume gibt -sofern man botanisch an die Sache herangeht.

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Hinter dem Skandal steckt wohl eine kleine Gruppe von Londoner Investmentbankern – womit wir wieder in Großbritannien wären. Im Wahlkampf wurde Theresa May mal gefragt, was das Böseste war, das sie jemals gemacht hat. Ihre Antwort: Sie sei früher mit ihren Freunden durch ein Weizenfeld gelaufen. Einfach so. Ohne zu fragen. Die Bauern, denen das Feld gehört hat, fanden das bestimmt nicht so gut.

Da wünscht man sich doch, Theresa May hätte mal ihren ganzen Mut zusammengenommen und mal wirklich etwas ganz und gar Niederträchtiges getan und zum Beispiel in einem unbeobachteten Moment einen Fuffi von einem magischen Geldbaum heruntergepflückt. Denn um gute Politik zu machen braucht man manchmal auch etwas Phantasie.

Sendung: Zündfunk-Magazin, 09.06.2017, 19.05 Uhr